TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 48 - 63

Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Klaus Bachmann, Warschau

Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten des heutigen Polen im Spiegel der Geschichtsschreibung und der öffentlichen Meinung

Im folgenden will ich versuchen, die sowohl in der deutschen, als auch in der polnischen Öffentlichkeit kursierenden Ansichten, Meinungen und Urteile mit dem Stand der historischen und politologischen Forschung zu vergleichen. Ich will also der Frage nachgehen, was interessierte Durchschnittsbürger, Politiker und Publizisten denken und inwieweit sich das mit den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung deckt. Als Quellen für den Stand des öffentlichen Bewußtseins dienen Zeitungsartikel, Leserbriefe, Äußerungen von Politikern und öffentliche Diskussionen zum Thema Vertreibung in Polen und Deutschland. Dem gegenübergestellt werden einerseits historische Forschungen aus Polen und Deutschland, wobei besonders Darstellungen aus den letzten fünf Jahren Berücksichtigung finden. Für die moralische und politische Bewertung von Fakten, die weder von deutschen, noch von polnischen Historikern angezweifelt werden, so gelten als Beurteilungsmaßstab Kriterien, die in beiden Ländern anerkannt sind. Dazu gehören insbesondere die Ablehnung der Kollektivschuldthese und Kriterien, wie sie von deutscher und polnischer Seite bei anderen als den hier behandelten historischen Ereignissen angewandt werden, besonders bei der Beurteilung des Krieges in Jugoslawien. Eine solche Analyse liefert auch eine Antwort auf die Frage, wo die deutschen und polnischen Expertenstandpunkte zum Thema Vertreibung auseinandergehen. Ausdrücklich verzichtet wird auf eine Auseinandersetzung mit der rechtlichen Problematik, insbesondere mit der Frage, inwieweit Maßnahmen der deutschen Besatzungsmacht, der sowjetischen Behörden in der Endphase des Krieges und danach, polnische Maßnahmen von 1944-1948 völkerrechtlich legal waren und welche juristischen Folgen die Kapitulation Deutschlands und die Potsdamer Konferenz für die Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen hatte. Untersucht werden soll der Stand der Debatte zum Thema Vertreibung anhand der folgenden in der Öffentlichkeit verbreiteten Fragestellungen:

  1. Die Frage nach der Verantwortung für Umsiedlung/ Vertreibung;
  2. Die Frage nach der Art und Weise ihrer Durchführung

Einleitung

Im Sommer dieses Jahres kehrte der deutsche Adlige und konservative Politiker Philipp von Bismarck offiziell auf das Gut des früheren Reichskanzlers Otto von Bismarck zurück. Er hatte eine Stiftung gegründet, mit deren Hilfe er das Gut Kültz, heute Kulice, in Pommern restaurierte und zu einem Begegnungszentrum ausbaute - mit Zustimmung der Behörden in Warschau und Stettin, also völlig legal. Philipp von Bismarcks Vorhaben war, sieht man von seiner Verwandtschaft mit dem Eisernen Kanzler einmal ab, nach polnischen Maßstäben politisch absolut korrekt: Er selbst hatte zu den Verschwörern des 20. Juli gehört, war zwar Vorsitzender der Pommerschen Landsmannschaft, hatte sich jedoch als einer der ersten Vertriebenenpolitiker für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als endgültige polnische Westgrenze eingesetzt. Philipp von Bismarcks Rückkehr wurde in der polnischen Presse überwiegend positiv bewertet. Eine drastische Ausnahme bildete das Organ der Bauernpartei, der "Zielony Sztandar", der dem Ereignis gleich eine ganze Serie widmete, verfaßt von deren Stettiner Korrespondenten Piotr Goch. In dessen Texten tauchte nahezu alles auf, was in der polnischen Öffentlichkeit z.T. seit Jahrzehnten zum Thema "Vertreibung der Deutschen" kursiert. Deshalb sei Goch hier ausführlich zitiert. Ausgangspunkt des Textes ist ein Gespräch, das Goch mit Bismarck geführt hatte und in dessen Verlauf Bismarck - er dementierte dies später - die Vertreibung der Deutschen als Verbrechen bezeichnet haben soll, dem insgesamt 400.000 Menschen zum Opfer gefallen seien. Goch beginnt seine Antwort darauf mit einem Zitat aus Christian von Krockows Buch "Die Stunde der Frauen" (das 1990 ins polnische übersetzt wurde), in dem beschrieben wird, wie von Krockows Schwester Libussa auf sehr bürokratische und höfliche Weise aus Stolp (Slupsk) von polnischen Beamten ausgesiedelt wurde. "Kennen Sie", richtete er seine Fragen rhetorisch an Bismarck, "auch nur einen Fall einer solchen Behandlung von Polen durch Deutsche bei den Aussiedlungen? Haben wir Euch an den Vertreibungswegen Konzentrationslager errichtet ? Haben wir da deutsche Kinder hineingejagt ? Das ist kein martyriologisches Pathos, sondern die Frage nach schweren Verbrechen." Weiter heißt es im Text: "Kann man, ohne gegen den elementarsten Anstand zu verstoßen, in einem Atemzug von den Leiden und Verbrechen der Polen und Deutschen vor einem halben Jahrhundert sprechen? Finden Sie in der Geschichte der Zivilisation größere Verbrechen als die, welche die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges begangen haben? Man darf nicht vergessen, daß die Entscheidung über die "Vertreibung" nicht im polnischen Parlament, nicht in polnischen Kanzelarien sondern auf der Konferenz der vier Mächte in Potsdam gefällt wurde. Hätten wir die vielleicht sabotieren sollen?" (1) Ich lasse hier die Tatsache beiseite, daß Goch an anderen Textstellen eine deutsche Kollektivschuld impliziert, etwa indem er Bismarck für die nationalsozialistischen Verbrechen in Verantwortung nimmt. Davon abgesehen enthält dieses kurze Zitat aber nahezu alle Elemente, die in Leserbriefen und Debatten zum Thema von Seiten der polnischen Öffentlichkeit normalerweise angeführt werden. Das beginnt meist sogar mit der Feststellung, von einer Vertreibung könne keine Rede sein, allenfalls von Umsiedlung. Polens Außenminister Bartoszewski sprach im Bundestag davon, die polnische Sprache kenne dieses Wort nicht.

Zur Terminologie - Vertreibung oder Umsiedlung?

Piotr Madajczyk schlägt vor, für jede Art von erzwungener Bevölkerungsbewegung den Ausdruck Transfer zu wählen, da die Ausdrücke Umsiedlung, Deportation und Vertreibung zu emotional belastet seien, um sie als wissenschaftliche Termini gebrauchen zu können. Der Begriff Vertreibung sei demnach nur zur moralischen Beurteilung nutzbar: Jeder Transfer aus der Heimat sei eine Vertreibung aus derselben, Vertreibung, das bedeute in erster Linie die Unterbrechung der inneren, geistigen Verbindung mit der Heimat. Die Bezeichnung 'Vertreibung' ist dagegen unannehmbar als Bezeichnung für historische Erscheinungen. Sie gehört in die Zeit der deutsch-polnischen Konfrontation, zum kalten Krieg, ähnlich wie die Bezeichnung 'tausend Jahre Polen an Oder und Ostsee'. Madajczyk schlägt stattdessen vor, die Bezeichnung "Transfer" zu unterteilen in: Aussiedlungen, die nur von einem Staat in einen anderen, ohne die Zustimmung des zweiten, vorgenommen werden (das würde so z. B. für die Aussiedlungen Deutscher vor dem Potsdamer Abkommen gelten); Umsiedlungen - bei der beide Staaten zustimmen (zu denen Madajczyk die Umsiedlungen Deutscher nach dem Potsdamer Abkommen rechnet, ohne allerdings zu erklären, ob die Zustimmung der anderen Seite in diesem Fall die der westlichen Allierten ist, oder ob auch er von einer Kontinuität des deutschen Reiches ausgeht); Evakuierung und Flucht, die freiwillig stattfinden und vorübergehend sind (die Ereignisse vom Winter 1944). Madajczyks Klassifikation bietet dabei keine Möglichkeit, den Transfer der polnischen Ukrainer im Rahmen der "Aktion Weichsel" zu definieren, die ebenfalls ihre Heimat verloren, ohne in ein anderes Land umgesiedelt worden zu sein. Sein Begriffssystem steht darüberhinaus im Widerspruch zu bereits eingebürgerten Begriffen wie Deportation, die für den Transfer von Polen nach Sibirien z. B. 1940 benutzt werden. Außerdem läßt es keine Unterscheidung der Intensität von Zwangsmaßnahmen zu. (2)

Madajczyk kann sich dabei auf Krystyna Kersten berufen. Doch gibt es in der polnischen Debatte darüber keinen Konsens. Katarzyna Kolodziejczyk spricht sich für die Verwendung des Ausdrucks Vertreibung auch in der polnischen Terminologie aus, da die Vertreibung sich von anderen erzwungenen Transfers unterschieden habe: Deutsche seien nur als Deutsche ausgesiedelt worden, ohne Unterschied, weil jeder Deutsche in den bis dahin besetzten Ländern als Verbrecher gegolten habe. Darüberhinaus diene die Verwendung des Begriffs als Mahnung sowohl für Deutsche - weil er zeige, wie Gewalt auf ihre Verursacher zurückschlagen könne, als auch für die "vertreibenden" Völker - weil er mahne, daß aus Opfern auch Täter werden können. (3)

Im weiteren werde ich auf Madajczyks Oberbegriff Transfer zurückgreifen und seine Unterteilung übernehmen. Dabei wird auch das Wort Vertreibung vorkommen, allerdings im Sinne eines ungeordneten, gewaltsamen Transfers, wie er sowohl vor der Potsdamer Konferenz hinsichtlich der Deutschen als auch im Zeitraum 1943-44 in Bezug auf die polnische Bevölkerung Wolhyniens stattgefunden hat. Auch ein Teil der Aussiedlungen von Polen z.B. aus dem Warthegau, der außerhalb der behördlichen Umsiedlungsaktionen stattfand, gehört dazu. Deportation soll dabei der erzwungene Transfer innerhalb eines faktischen Staatsgebiets sein.

In der deutschen Debatte ist meist entweder von Vertreibung in Bezug auf den ganzen, von Madajczyk Transfer genannten Prozess oder von Flucht und Vertreibung die Rede. Dahinter steht eine andere Definition: Das Entscheidende für die Definition ist nicht die Zustimmung eines anderen Staates, sondern die Endgültigkeit des Heimatverlustes. In der Definition, wie sie von deutschen Vertriebenenaktivisten benutzt wird, sind Aussiedler der fünfziger Jahre ebenso Vertriebene wie Deutsche, die vor der Potsdamer Konferenz über die Grenze gejagt wurden - einfach deshalb, weil sie in ihre Heimat nicht zurückkehren durften. In dieser Bedeutung, so betont etwa Herbert Hupka immer wieder, dauere die Vertreibung solange an, bis Polen (bzw. andere "Vertreiberstaaten") den Vertriebenen wieder ihr Heimatrecht eingeräumt hätten. Außerhalb der Vertriebenenorganisationen existiert darüberhinaus nur noch die juristische Terminologie, die zwischen Vertriebenen, Aussiedlern, Spätaussiedlern und Übersiedlern unterscheidet, die für historische Untersuchungen aber unbrauchbar ist.

Alle diese Begriffssysteme setzen natürlich die Kenntnis der tatsächlichen Ereignisse zumindest in minimalem Umfang voraus. Nun kann man den Begriff "Vertreibung" allerdings auch deshalb ablehnen, weil man der Ansicht ist, eine solche Vertreibung habe es tatsächlich gar nicht gegeben. Deutsche seien nur aufgrund der Potsdamer Konferenz und interalliierter Abmachungen geordnet und human ausgesiedelt worden, Gewaltanwendung sei dabei die Ausnahme gewesen. Der ganze "Transfer" sei dabei völkerrechtlich legal und über Polen hinweg organisiert gewesen. Dieses Bild bemühte sich die kommunistische Propaganda der Nachkriegszeit im Bewußtsein der Bevölkerung zu verankern. Wissenschaftlich fundiert wurde es unter anderem durch das Quellenwerk von Tadeusz Walichniowski und Piotr Lippoczy, in dem zahllose Dokumente von Zugführern und Konvojenten aufgeführt werden, in denen diese sich für die korrekte Behandlung durch die polnischen Behörden bei der Aussiedlung bedanken. (4) Erst durch Archivfunde aus den letzten Jahren wissen wir, daß solche Erklärungen zwar echt sind, aber damals erzwungen wurden, da die Züge mit den Aussiedlern sonst nicht freigegeben worden wären. (5) Davon wissen allerdings nur Spezialisten. Wie sehr in der polnischen Bevölkerung die Legende von der humanen Aussiedlung aufgrund der Potsdamer Beschlüsse ohne polnisches Zutun verbreitet ist, zeigt nicht nur der eingangs zitierte Artikel von Piotr Goch sowie zahlreiche Artikel in Provinzzeitungen, sondern auch die Mehrzahl der Leserbriefe an Maria Podlasek-Ziegler nach ihrem Artikel in der Wochenzeitung Polityka. In diesen Leserbriefen werden die von ihr aufgeführten Tatsachen schlicht geleugnet. (6) In der Polityka veröffentlichte Zitate aus der umfangreichen Vertreibungsdokumentation des Vertriebenenministeriums von 1954 quittierte ein Leser mit folgenden Worten: Ich bin voller Achtung für die moralische Empfindlichkeit, die die Autorin in ihrem Artikel ausgedrückt hat. Aber auf welcher Grundlage nimmt sie die Behauptungen der deutschen Wehrmachtsbanditen für bare Münze? (7)

Nun kann man gegenüber der erwähnten Dokumentation, die nur anonyme, sich ausschließlich auf den Zeitraum der Vertreibung beziehende Aussagen beinhaltet, tatsächlich Vorbehalte hegen. Diese werden sich aber unter Historikern kaum auf die grundlegende Faktenlage erstrecken. Dennoch ist es eine Tatsache, daß die genannte Dokumentation unter polnischen Historikern bis vor kurzem noch gänzlich unbekannt war und in wissenschaftlichen Arbeiten (z. B. Doktor- und Magisterarbeiten) so gut wie nie vorkam. In Ausschnitten popularisiert wurde sie erst durch das Buch von Maria Podlasek-Ziegler. (8) Eine Folge der in den letzten Jahrzehnten ausgebliebenen deutsch-polnischen Diskussion über diese Fragen ist die Tatsache, daß insbesondere die brutale Vertreibung der Vor-Potsdamer-Zeit aus den Grenzgebieten im Bewußtsein der deutschen Vertriebenen eine herausragende Rolle spielt, während sie in Polen außerhalb eines engen Historikerkreises gänzlich unbekannt ist. Dies gilt in noch größerem Umfang für andere drastische Vorkommnisse während der Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung.

Konzentrationslager für Deutsche - gab es so etwas ?

In Polen hat John Sacks Buch "Auge um Auge", das Anfang dieses Jahres in Gleiwitz erschien, einerseits viel weniger Aufregung ausgelöst als in Deutschland, war allerdings andererseits innerhalb weniger Tage in Oberschlesien ausverkauft. In der Wochenzeitung Polityka referierte Stanislaw Rosnowski Sacks Buch und kam zu dem Schluß, daß es zwar zu einer Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen herangezogen werden könne, aber nicht müsse: "Antisemitische Pornographie" (Arno Lustiger) sei es jedenfalls nicht, wenn auch Sacks wissenschaftliche Grundlagen mehr als zu wünschen übrig ließen. (9) Sack zitiert in seinem Buch eine Oberschlesierin mit der Behauptung, "aber nach dem Krieg war da noch ein anderer Holocaust". Sack selbst distanziert sich zwar von diesem Vergleich und erklärt, die Verfolgung der Deutschen durch polnische Juden nach dem Krieg sei mit dem Holocaust nicht vergleichbar, doch in seinem Buch erweckt er mehr als einmal den Eindruck, als gehe es ihm gerade darum, beides auf eine Stufe zu heben. (10) In der Debatte in Oberschlesien taucht dieses Problem immer häufiger in Gestalt von Formulierungen auf, die den Eindruck nahelegen, als sei Sack dies gelungen: Von Konzentrationslagern für Deutsche ist da ebenso die Rede wie von den "Vernichtungslagern Schwientochlowitz und Lamsdorf". (11) Bereits lange vor dieser Debatte hatte auch die Nationalzeitung versucht, eine Hölle von Auschwitz für Deutsche nach dem Krieg zu konstruieren. Offiziell hießen die angeblich über 1000 Lager für auszusiedelnde Deutsche nach 1944 Arbeitslager, Durchgangslager und Gefängnisse. Aufgrund der umfangreichen Quellenlage, der großen Zahl an Lagern und der noch geringen Auswertung des polnischen Archivmaterials kann hier noch keine Systematisierung dieser Erscheinung versucht werden. Es soll nur der Frage nachgegangen werden, inwieweit die bekanntesten, und bisher wenigstens in Grundzügen erforschten Lager Lambinowice (Lamsdorf), Swietochlowice (Schwientochlowitz) und Potulice (Potulitz) mit Konzentrationslagern oder gar Vernichtungslagern verglichen werden können.

Daß auf dem Gelände des Lagers Auschwitz 1 noch vor der Kapitulation Deutschlands, aber natürlich nach der Befreiung des Lagers deutsche Kriegsgefangene von sowjetischen Militärbehörden interniert worden sind, wurde in einer Fußnote der "Zeszyty Oswiecimskie" [Hefte von Auschwitz] schon 1974 mitgeteilt. (12) Einer dieser Kriegsgefangenen war der deutsche Sanitätssoldat Ernst Dittmar, dessen Nachkommen dem Archiv des Museums sein Kriegstagebuch vermachten, das dieser in den letzten Kriegstagen, im Januar 1945 noch begonnen hatte. (13) Dittmar kam bei Chrudim im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren in sowjetische Kriegsgefangenschaft und war bereits schwer krank, als er am 28. Juli 1945 notierte: "Ins Lager Auschwitz, soll 80 000 Menschen fassen, 12 km, warmes Essen, Brot, Krautsuppe." Dittmar arbeitete noch einige Tage in der IG Farben, die zuvor Zwangsarbeiter aus dem Vernichtungslager Auschwitz beschäftigt hatte, bevor er vom Hunger geschwächt am 17. Juli an Ruhr starb. Die Ironie seines Schicksals wurde ihm nie bewußt, bis zu seinem Tod erfuhr er nicht, was in dem Lager vor seiner Ankunft geschehen war.

Als Lager für deutsche Kriegsgefangene und, so berichtet Dittmar, für "Ungarn, Österreicher, Sudetendeutsche, Tschechen, Rumänen und Polen(!)", existierte Auschwitz nur bis zum 23. Juni 1947. In dieser Zeit, so Andrzej Strzelecki, hätten sich dort auch Volksdeutsche aus Schlesien aufgehalten. Bis 1946 starben dort nach seinen Forschungen 140 Häftlinge. Diese Tatsache blieb auch deutschnationalen und rechtsradikalen Kreisen in Deutschland nicht verborgen, was die Nationalzeitung 1990 dazu veranlaßte, dem Vergleich zwischen dem Vernichtungslager Auschwitz und dem Kriegsgefangenenlager die Titelseite zu widmen. Hauptargument war, viele der Kriegsgefangenen von Auschwitz seien später in sowjetische Lager verschickt worden, aus denen sie nie zurückkamen. Ein gewagter Vergleich, denn der einzige Hinweis darauf, daß in Auschwitz nach 1945 noch gemordet und gefoltert wurde, ist eine Vermutung eines Zeitzeugen in der offiziellen Dokumentation "Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße", die 1954 vom Ministerium für Vertriebene herausgegeben wurde. (14) Im Tagebuch des Volksschullehrers Ernst Dittmar sucht man vergebens nach Hinweisen auf Mord und Folter, im Gegenteil: Dittmar berichtet von Arztbesuchen und besserer Ernährung nach der Ankunft im Lager. Insbesondere das ehemalige Außenlager Neu-Dachs, in Polen bekannter unter der Bezeichnung Jaworzno, diente noch bis weit in die Nachkriegszeit als Arbeitslager für polnische politische (antisowjetische) Häftlinge und nach der "Aktion Weichsel" auch für ukrainische Zivilgefangene, die der Kollaboration mit Einheiten der Ukrainischen Aufstandsarmee verdächtigt wurden. Sie wurden auch gefoltert, unter anderem mit Strom. Von den etwa 3.800 Gefangenen starben etwa 150. In der ukrainischen Publizistik finden sich zum Teil auch Bezeichnungen wie "Todeslager" für Jaworzno. (15)

Die Weiterverwendung von Auschwitz-Birkenau erst durch die Sowjets, dann, im Fall der Außenlager, durch polnische kommunistische Behörden deutet bereits auf eine Tendenz hin, die sich im Fall anderer ehemaliger Lager und Gefängnisse bestätigt. Aus Mangel an entsprechenden Gebäuden griffen die polnischen Behörden bei der Errichtung von Durchgangslagern meist auf nationalsozialistische Einrichtungen zurück. Das Lager "Zgoda" (Eintracht), in dem der von John Sack beschriebene Shlomo Morel sein Unwesen trieb, war eine Außenstelle von Auschwitz gewesen; das Lager Lamsdorf ein Kriegsgefangenenlager für britische und sowjetische Kriegsgefangene, später dann auch für internierte Aufständische aus Warschau; Potulice ein deutsches Arbeitslager, bevor es in ein Lager für auszusiedelnde Deutsche verwandelt wurde. Noch eine weitere Tendenz bestätigt sich: Überall saßen bei weitem nicht nur Deutsche oder deutschorientierte Schlesier ein, sondern häufig auch Polen, die aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen inhaftiert worden waren. Wirtschaftliche Gründe, das heißt ganz banal, daß von interessierter Seite ein Auge auf ihr Vermögen geworfen worden war. Misztal zitiert eine solche Petition von 700 in Auschwitz internierten Polen an den schlesischen Wojewoden Aleksander Zawadzki. Von 7.135 Gefangenen hätten sich bei der nachfolgenden Inspektion des Lagers 4.156 als Polen erwiesen. (16) Ähnliche Verhältnisse herrschten in anderen schlesischen Lagern, darunter auch in Lamsdorf.

Im Falle Auschwitz 1 haben wir es eindeutig mit einem Kriegsgefangenenlager zu tun, über das Grausamkeiten nicht belegt sind. Anders ist das bei den Lagern Potulitz, Lamsdorf und Schwientochlowitz. Besonders in Schwientochlowitz scheint der anfängliche Sinn des Lagers in einer Art Bestrafung oder Rache der polnischen Behörden für den nationalen Verrat der Volkslistenzugehörigen bestanden zu haben. (17) Ähnlich wie in den anderen drei Lagern erreichten die Grausamkeiten eine gewisse Systematik, die den Schluß zuläßt, daß ihr Ziel der Tod der Häftlinge war, möglicherweise, wie manche Häftlinge später äußerten, auch der Tod von möglichst vielen Häftlingen. Daraus wird häufig der Schluß gezogen, es habe sich bei den drei Lagern um ähnliche Todeslager bzw. Vernichtungslager wie etwa Majdanek oder Treblinka gehandelt. Dieser These liegt allerdings die Annahme zugrunde, die Bezeichnung Vernichtungslager leite sich aus der Erfahrung der Opfer her. Tatsächlich ergibt sie sich aber aus der Bestimmung, die den Lagern von ihren Betreibern zugedacht war. Anders ausgedrückt: Treblinka ist nicht deshalb ein Vernichtungslager, weil darin Häftlinge tatsächlich vernichtet wurden, sondern weil ihm von den Betreibern das Ziel zugedacht war, Häftlinge möglichst schnell und mit möglichst geringem Aufwand in möglichst großer Zahl zu vernichten. Quälereien und Zwangsarbeit, waren diesem Ziel untergeordnet. In diesem Sinn war keines der erwähnten Vertreibungslager ein Vernichtungslager, ein reiner Vernichtungszweck läßt sich nicht nachweisen, umso mehr, als die Schätzungen der Opferzahl sehr weit auseinanderliegen. Für das Lager Lamsdorf kursierte jahrzehntelang die Zahl von 8.064 Häftlingen, von denen nur 1.576 überlebt hätten. (18) Ähnlich wie in Schwientochlowitz ist die genaue Zahl der Toten nicht mehr feststellbar, da nur ein Bruchteil der Opfer namentlich bekannt ist. Edmund Nowak schätzt die Zahl der Toten auf maximal 1.000, er hält auch die Zahl von über 8.000 Inhaftierten für übertrieben. (19) Ähnliche Differenzen finden wir in Schwientochlowitz: 1.580 Totenscheine sind bekannt, doch die Angaben über die Zahl der Inhaftierten schwanken zwischen 1.500 und 6.000. Sack berichtet von Schätzungen der Häftlinge, 90% der Inhaftierten seien gestorben. (20) In Potulitz starben nach dem Krieg 3.500 Menschen. (21) Insgesamt sollen nach dem Krieg 200.000 Deutsche in polnischen Lagern inhaftiert gewesen sein, von denen, so schätzte das Bundesarchiv Koblenz in einer Studie für den Bundestag "20 bis 50% umgekommen" seien. (22) Allein schon diese Spannweite zeigt das Ausmaß der Unsicherheit, auf dessen Grundlage selbst unter Berücksichtigung subjektiver Kriterien keine gesicherten Aussagen über den tatsächlichen Charakter dieser Lager mehr möglich sind.

Wer trägt die Verantwortung für Flucht, Vertreibung und Umsiedlung?

Nachdem am 22. Juli dieses Jahres ein Artikel von mir zum Thema in der Tageszeitung Rzeczpospolita erschienen war, entwickelte sich eine heftige Debatte in der polnischen Presse. (23) Bogumila Berdychowska vom 5. Programm des Polnischen Radios kommentierte so: Der Autor bemüht sich objektiv die Schuld und Verantwortung für den Nachkriegsexodus der Deutschen zwischen allen möglichen Tätern abzuwägen: den nationalsozialistischen Behörden, der Roten Armee und schließlich auch den Polen. Nur fehlt in seinen Ausführungen jede Information, die den Kontext der Aussiedlungen der Deutschen aufzeigen würden. Nämlich die Aussiedlungen von Polen in Pommern, in Großpolen (Wielkopolska) und in Schlesien, die die Deutschen in den ersten Kriegsjahren durchführten. Ebenso wie die spätere Aussiedlung aus Zamosc, die Vertreibung der Zivilbevölkerung aus der Hauptstadt Polens nach dem Warschauer Aufstand. Von den Umsiedlungen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten nach dem Krieg gar nicht zu reden. Ich bin überzeugt, daß Klaus Bachmann sich dieses Kontextes bewußt ist. Schade, daß er das in seinem Artikel nicht berücksichtigt hat, besonders weil diese Beschränkung nur auf die Aussiedlungen Deutscher aus Polen in der polnischen Öffentlichkeit immer noch den Verdacht erregt, hier sollten die polnischen Leiden aus der Besatzungszeit und der Nachkriegszeit bagatellisiert werden. (24) Nahezu alle Leserbriefe, die danach in der Redaktion eingingen, beschäftigten sich zum Ausgleich erst einmal mit den Vertreibungen und Umsiedlungen der Polen durch deutsche Besatzungsbehörden.

In der öffentlichen Diskussion taucht dieser Zusammenhang fast unweigerlich auf: Wer das Schicksal der deutschen Bevölkerung in Osteuropa nach dem Krieg auch nur erwähnt, muß zunächst einmal dem Schicksal der Polen während der Besatzung Tribut zollen. Im Bewußtsein der Leserbriefschreiber ist das, was im deutschen Bewußtsein Vertreibung heißt, eine schlichte - und häufig genug als verdient angesehene - Folge der deutschen Grausamkeiten während des Krieges. Wenn die Deutschen Polen nicht überfallen hätten, hätte es keine Vertreibung gegebe" - dieser Satz taucht früher oder später bei nahezu jeder Diskussion zu diesem Thema auf. Manchmal kommt dann auch das "chronologische" Gegenargument: Ohne Versaille hätte es keinen Hitler gegeben. (25) Das kann man, wenn man will, bis zurück zum Deutschorden oder der Schlacht bei Cedynia weitertreiben. In der öffentlichen Debatte und in den Leserbriefspalten, ist allerdings festzustellen, daß dieser zwingende Zusammenhang aus vorherigem und nachfolgendem Unrecht bei anderen historischen Ereignissen meist empört abgelehnt wird: So wäre kaum einer derjenigen, der die Vertreibung der Deutschen mit der deutschen Besatzung rechtfertigt, bereit, die Vertreibung der polnischen Bevölkerung aus Wolhynien durch ukrainische Nationalisten mit der Minderheitenpolitik Zwischenkriegspolens gegenüber den Ukrainern zu rechtfertigen. Das weist auf ein selektives Geschichtsbild hin. So wie in Deutschland der Hinweis auf die Vertreibung tatsächlich zu einer Relativierung der deutschen Verbrechen während des Krieges benutzt wird, kommt es auch in der polnischen Debatte vor, daß der Hinweis auf die deutschen Verbrechen dazu dient, die Vertreibung zu relativieren. Man nennt das gewöhnlich Aufrechnung. Diese Aufrechnungsmentalität ist weder ein Monopol deutschnationaler Publizisten und Historiker noch polnischer Nationaler. Die These, eine Beschäftigung mit Verbrechen an Deutschen stelle per se eine Relativierung der Verbrechen von Deutschen dar, zieht sich auch durch einen großen Teil der westdeutschen linken Publizistik. (26) Aufgerechnet wird da umgekehrt, als es deutschnationale Publizisten tun. Deshalb sei hier um der Klarheit der folgenden Ausführungen willen verdeutlicht: Nicht jede Beschäftigung mit Aussiedlung und Vertreibung kann als Verharmlosung deutscher Verbrechen im Krieg angesehen werden. Ein solcher Standpunkt wäre das Ende jeder seriösen Forschung. Wenn dieser Vorwurf erhoben wird, muß er konkret nachweisbar sein.

Diese Einschränkung scheint in der Debatte zwischen polnischen Historikern nicht umstritten zu sein. Noch eine weitere Differenz zwischen der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion ist hier von Bedeutung: Unter Historikern scheint es selbstverständlich, daß der Kausalzusammenhang aus Besatzung und Vertreibung nur zur Erklärung, nicht aber zur Entschuldigung dient. (27) In der öffentlichen Debatte werden die historische, moralische und juristische Ebene dieser Problematik nur selten getrennt. Anders ausgedrückt: Die deutsche Besatzungspolitik in Polen erklärt zumindest teilweise die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung und die damit einhergehenden Übergriffe, aber sie rechtfertigt sie nicht. Umgekehrt gibt es auch polnische Historiker, die sich mit der These einverstanden erklären, die polnische Minderheitenpolitik der Zwischenkriegszeit erkläre zum Teil die Übergriffe ukrainischer Nationalisten auf die polnische Bevölkerung Wolhyniens, rechtfertige sie aber nicht. Vollends einleuchtend wird diese Unterscheidung von Erklärung und Rechtfertigung, wenn wir sie auf den aktuellen Konflikt in Jugoslawien beziehen. Wer der Ansicht ist, die Vertreibung sei durch die vorhergehenden deutschen Verbrechen gerechtfertigt, müßte dann auch die Vertreibung von Kroaten durch Serben mit der Verfolgung von Serben durch Kroaten während des Zweiten Weltkrieges rechtfertigen. Im übrigen ist nicht zu übersehen (wenn auch empirisch schwer nachzuweisen), daß gerade die Ereignisse in Jugoslawien in Deutschland und Polen das öffentliche Bewußtsein für die moralische Dimension der Vertreibung der Deutschen vor 50 Jahren geschärft haben.

Im folgenden werde ich mich auf die historische Ebene der angeschnittenen Frage beschränken: Inwieweit gibt es einen Kausalzusammenhang zwischen der Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung nach dem Krieg und der deutschen Besatzungspolitik in Polen, insbesondere mit den Umsiedlungen und Aussiedlungen von Polen während der Besatzung? Dabei müssen zwei Themenkomplexe unterschieden werden:

  1. Inwieweit erklärt die Besatzungspolitik die Aussiedlung als solche, d. h. den Bevölkerungstransfer;
  2. Inwieweit erklärt sie die dabei angewandten Methoden?

Die mancherorts anzutreffende Behauptung, der Verlust der deutschen Ostgebiete sei aus der Sicht der Siegermächte und Polens eine Art Strafe für die deutschen Verbrechen oder für die Vernichtung der europäischen Juden gewesen, hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Die ersten Forderungen nach einer Westausdehnung (nicht Verschiebung, denn das würde auch den Verlust der polnischen Ostgebiete implizieren) Polens bis Breslau und Stettin datieren bereits vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich sandte die Delegatur der Londoner Exilregierung Polens schon im Jahre 1941 einen Bericht nach London, in dem die Überzeugung zum Ausdruck gebracht wurde, die deutschen Besatzungsmethoden in Polen gäben Polen das Recht zur Annexion des Oppelner Schlesien, Ostpreußens, Danzigs und Westpreußens und zur Aussiedlung der dort wohnenden Deutschen.(28) Die Konzeption einer Westausdehnung Polens - jedoch meist nur bis zur Oder und ohne Stettin - findet sich auch in den Dokumenten verschiedener polnischer Untergrundgruppen und der Londoner Exilregierung.(29) Sie entstanden häufig unter dem Eindruck von Informationen über die Grausamkeiten der Besatzungspolitik in Polen, die den Behörden der Exilregierung und des Untergrunds zugeleitet wurden. Die Idee der Westausdehnung und der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung entstand also nicht erst unter der deutschen Besatzung, aber sie gewann dadurch an Überzeugungskraft. Zu Ende des Krieges befürworteten nicht nur vereinzelte sektiererische nationalistische Parteien, sondern nahezu alle politischen Kräfte Polens eine Aussiedlung der Deutschen - lediglich die PPS/WRN sprach sich für einen Verbleib deutscher Antifaschisten in Polen aus.(30) Es wäre allerdings ein Fehler, die gegen Kriegsende zunehmende Attraktivität des Anschlusses von Niederschlesien, Pommern und anderer Teile des Deutschen Reiches an Polen nur als Reaktion auf die deutsche Besatzung zu interpretieren. Je klarer sich der Verlust der polnischen Ostgebiete an die Sowjetunion abzeichnete, desto mehr wurde die Westausdehnung zu einer Reaktion darauf. Bis heute sind die meisten polnischen Historiker, die sich damit beschäftigen, davon überzeugt, daß Polen als eigener Staat ohne den territorialen Ausgleich im Westen nicht lebensfähig gewesen wäre. Nach wie vor ist auch die Ansicht verbreitet, ein Zusammenleben mit den in diesen Gebieten verbliebenen Deutschen sei nach 1945 unmöglich und deren Aussiedlung damit eine Notwendigkeit gewesen. Unstrittig ist, daß sich aus der Notwendigkeit der Aussiedlung jedoch keineswegs die Methoden ihrer Durchführung ergaben. Mit anderen Worten: Die Aussiedlung sei unvermeidbar gewesen, nicht aber die dabei angewandten Methoden. Ein Leserbriefschreiber an die Rzeczpospolita nannte das die Verantwortung Polens für die Überschreitung der Notwehr. (31) Jan Józef Lipski formulierte das so: Ein Übel (ist) als Übel auch dann zu bezeichnen, wenn es das kleinere Übel oder unvermeidbar war. (32) Lipski unterschied damals nicht zwischen dem in diesem Sinne unvermeidlichen Aussiedlungsübel und dem vermeidbaren Vertreibungsübel der ‘Vertreibungen’ vor dem Potsdamer Abkommen und der Vertreibungslager.

Wir haben gesehen, daß die deutsche Besatzung nur zum Teil Ursache der Aussiedlungen war. Was die wilden Vertreibungen, die Lager und die Übergriffe bei der Aussiedlung angeht - also die dabei angewandten Methoden - so ist der direkte Zusammenhang am deutlichsten gerade in den Lagern Potulitz, Schwientochlowitz und Lamsdorf greifbar, deren Kommandanten selbst Häftlinge deutscher Konzentrations- und Vernichtungslager gewesen waren. Hier schlug Gewalt, die den dortigen Lagerkommandanten und Wachmannschaften unter deutscher Besatzung angetan worden war, direkt auf Deutsche zurück, auch wenn diese Deutschen überwiegend keine direkte Verantwortung für diese Gewalt getragen hatten. Die deutsche Besatzung hatte nicht nur zu einer allgemeinen Relativierung des Wertes menschlichen Lebens und einer umfassenden Demoralisierung sowohl der Täter, als auch der Opfer geführt, sondern auch zahlreiche Nationalitätenkonflikte angeheizt, die es wahrscheinlich erscheinen ließen, daß nach dem Krieg nicht nur das Zusammenleben zwischen Deutschen und Polen, sondern auch zwischen anderen Nationalitäten des besetzten Europa unmöglich sein würde. Ob man das tatsächlich so feststellen kann, bleibt jedoch unklar. In den Quellen finden sich sowohl Beweise für diese These, als auch für ihre Widerlegung: Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen in Polen verbliebenen Deutschen und Neusiedlern sind ebenso überliefert (33) wie monatelanges friedliches Zusammenleben von Neusiedlern und auszusiedelnden Deutschen. (34) In Stettin wechselte dreimal die Stadtverwaltung zwischen polnischen und deutschen Kommunisten, ohne daß es zu tätlichen Auseinandersetzungen kam. (35) Mancherorts gelang es deutschen Kommunalpolitikern, die sowjetischen Behörden gegen polnische Zuwanderer auszuspielen. (36) Davon abgesehen gab es auch Konflikte zwischen eingesessenen Polen und Neusiedlern. (37) Ein großer Teil der später als nationale Konflikte beschriebenen Übergriffe auf deutsche Bevölkerungsteile erweist sich beim näheren Hinsehen als schlichtes Bandenunwesen mit rein kriminellem Hintergrund: Von Banden, denen häufig Polen, Deutsche, sowjetische Deserteure angehörten, wurden nicht nur auszusiedelnde Deutsche, sondern auch polnische Zuwanderer, Milizstationen, Verwaltungsbehörden und Soldaten der Roten Armee überfallen. (38)

Hintergrund der Überzeugung von der Unmöglichkeit eines deutsch-polnischen Zusammenlebens in den Westgebieten bildet meist die These von der "Fünften Kolonne der deutschen Minderheit". Da diese These jedoch die Existenz eines großen Anteils an Deutschen in der polnischen Armee vom September 1939, antifaschistischer Gruppen in der deutschen Minderheit und deutscher Deserteure in den Reihen sämtlicher polnischer Partisaneneinheiten außer acht läßt, erscheint es mir präziser, von einer "Fünften Kolonne in der deutschen Minderheit" zu sprechen. Die These von der "Fünften Kolonne" spielte eine große Rolle bei der Erklärung des schnellen Zusammenbruchs der polnischen Front im September 1939, obwohl bei den unmittelbaren Kriegshandlungen deren militärische Bedeutung sehr gering war. Es wäre allerdings auch ein Fehler, das Bestehen deutscher Diversion und Sabotage in den ersten Septembertagen 1939 völlig zu leugnen, wie das einige deutsche Autoren versuchen. (39)

Mit den oben genannten Einschränkungen könnte man so Artur Hajnicz zustimmen, der die Verantwortung für den Gesamtkomplex Vertreibung aufteilt in die Verursacher-Verantwortung Hitlers (ohne Krieg keine Aussiedlung) und die Ausführungs-Verantwortung Polens (für die dabei angewandten Methoden). (40) Allerdings ist dann hier eine erneute Abgrenzung der sowjetischen und polnischen Verantwortung fällig. Die Verantwortung der nationalsozialistischen Behörden für verspätete (oder gar nicht) angeordnete Evakuierungen und deren chaotische Organisation lassen wir hier beiseite - sie ist ohnehin unstrittig. (41) Was die sowjetische Verantwortung angeht, so haben wir es hier allerdings sowohl auf deutscher, als auch auf polnischer manchmal mit einer eigenartigen Verzerrung in der moralischen Beurteilung zu tun. Die "Dokumentation" des Bundesarchivs von 1954 listet insgesamt 2 Millionen Vertreibungsopfer aus den Gebieten des heutigen Polen und des Kaliningrader Bezirks auf. Bundeskanzler Helmut Kohl verwandte diese Zahl bei seinem Polenbesuch 1990 auf eine Weise, die den Anschein erweckte, Polen treffe die Ausführungsverantwortung (nach Hajnicz) für diese 2 Millionen. Dieser einseitigen Sichtweise stehen allerdings in der öffentlichen Diskussion in Deutschland auch andere, nicht weniger einseitige Sichtweisen entgegen. So machte der Schriftsteller Arno Surminski in zahlreichen Interviews ausschließlich die Rote Armee für die Übergriffe in Ostpreußen und den Verlust seiner einstigen Heimat verantwortlich. Surminski versuchte sehr subtil, eine Art deutsch-polnischer Opfergemeinschaft mit den Russen als Täter zu konstruieren, bei der durch Schuld der Sowjets sowohl unschuldige Deutsche als auch unschuldige Polen ihrer Heimat beraubt worden seien. Surminski verschweigt sowohl in seinen Interviews als auch beispielsweise in seinem Buch Polninken oder eine deutsche Liebe die Umsiedlungen und Aussiedlungen von Polen und Juden unter der deutschen Besatzung, erwähnt dagegen ausdrücklich die Umsiedlungen von Polen aus den polnischen Ostgebieten nach dem Krieg. (42) In deutschnationalen Publikationen findet sich an dieser Stelle oft der Hinweis auf die brutale antideutsche Propaganda Ilja Ehrenburgs, der die Sowjetsoldaten über Rundfunk dazu aufrief, alle Deutschen, Frauen, Kinder und Greise eingeschlossen, umzubringen, als Rache für die Zerstörung russischer und weißrussischer Dörfer. (43) Auch Maria Podlasek schlägt in ihrem Buch Die Vertreibung der Deutschen, das in diesem Jahr in Warschau erschien, in die gleiche Kerbe. Sie sieht zwar noch einen Zusammenhang zwischen den Grausamkeiten der Rotarmisten und der Tatsache, daß ein großer Prozentsatz der Einheiten, die sich diese Grausamkeiten zuschulden kommen ließen, aus den besetzten Gebieten Weißrußlands und Rußlands kam, (44) doch bleibt sowohl bei ihr als auch in den genannten deutschnationalen Publikationen ein Aspekt völlig unerwähnt: Kaum eine Person eignet sich für den Nachweis eines Kausalzusammenhangs zwischen deutschen Verbrechen und Verbrechen an Deutschen so gut wie Ilja Ehrenburg. Ehrenburg, prominenter sowjetischer Jude und Kommunist, war nicht nur der herausragendste antideutsche Propagandist der UdSSR, er war 1945, als die Rote Armee in Ostpreußen einmarschierte, auch einer der wenigen Menschen auf der Welt, der das ganze Ausmaß der Judenvernichtung kannte. Seit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion hatte er Zeugenaussagen und Beweise für die Vernichtung der europäischen Juden in Babi Jar, Ponary, in den Vernichtungslagern des Generalgouvernements und durch die Einsatzgruppen und die SS gesammelt. (45) Zu einer Zeit, als selbst jüdische Zeitungen in Palästina noch glaubten, Hitler sei nur für "gewöhnliche Pogrome" in der Tradition des europäischen Antisemitismus verantwortlich und britische Zeitungen Meldungen über Auschwitz-Birkenau für übertriebene Greuelpropaganda hielten (46), wußte Ehrenburg sehr gut bescheid, auch wenn die sowjetische Zensur seine Dokumentensammlung bis Anfang der achtziger Jahre (!) unter Verschluß hielt. Wenn es jemanden gab, der 1944 allen Anlaß hatte Deutsche zu hassen, dann wohl er.

Nachdem wir die Verursacherverantwortung von der Ausführungsverantwortung getrennt und diese unter Rote Armee und Polen aufgeteilt haben, müssen wir noch einen Schritt weitergehen und fragen, inwieweit es eine nationale oder staatliche Verantwortung Polens für die Ereignisse unmittelbar nach Kriegsende gibt. Das bedeutet nicht nur die Frage danach, inwieweit z. B. die wilden Vertreibungen tatsächlich spontan und unorganisiert waren, sondern auch, inwieweit die Vertreibungslager staatlich gewollt und organisiert waren und inwieweit sie Ausdruck individueller Rachelust der entsprechenden Wachmannschaften waren. Letztendlich - darauf hat insbesondere Kazimierz Wóycicki hingewiesen - betrifft das auch die Frage nach der Verantwortung der polnischen Nation für Stalinismus und Kommunismus. (47)

Wie bereits angeführt, war infolge der deutschen Besatzung eine Lage entstanden, in der jeder Deutsche fast automatisch mit einem Verbrecher und Unterdrücker gleichgesetzt wurde und nahezu alle politischen Kräfte Polens von der Notwendigkeit der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung überzeugt waren. Insofern herrschte in der polnischen Bevölkerung darüber ein Konsens - auch wenn die Staatsmacht, die die Aussiedlungen dann vornahm, über kein demokratisches Mandat verfügte. Auch die Tatsache, daß viele Neusiedler aus den polnischen Ostgebieten beim Referendum von 1946 gegen den Anschluß der Westgebiete stimmten, kann nicht als Protest gegen deren Anschluß interpretiert werden: Die polnischen Aussiedler waren offenbar davon überzeugt, damit ihren Protest gegen den Verlust der Ostgebiete und nicht gegen den Gewinn der Westgebiete auszudrücken. Auch in der polnischen Exilregierung herrschten darüber geteilte Meinungen - man hatte zwar nichts gegen eine Westausdehnung, aber nicht zum Preis des Verlustes der Ostgebiete.

Was die ab und zu in der polnischen öffentlichen Debatte auftauchende Argumentation angeht, die versucht, aus Vertreibung und Aussiedlung eine kommunistische Angelegenheit zu machen, die Polen als Nation nicht betreffe, da das kommunistische System Polen von Stalin aufgezwungen worden sei, so ist auch hier eine Differenzierung angebracht: Nicht nur der Konsens über die Aussiedlung der Deutschen war parteiübergreifend, auch die Ausführung war es. Die wilden Vertreibungen vor dem Potsdamer Abkommen wurden im Grenzgebiet von kommunistischen Aktivisten, Bürgermeistern, polnischen Armeeeinheiten und Mitgliedern des Sicherheitsdienstes organisiert. Doch waren die Behörden zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs rein kommunistisch. Die Untergrundorganisationen hatten bereits bei Kriegsende versucht, Milizen und Sicherheitsdienst zu unterwandern, mancher Bürgermeister und Polizist war noch Sympathisant einer bürgerlichen Partei oder parteilos. Erst im Laufe der Zeit gelang es der PPR (Polnische Arbeiterpartei, Vorläufer der PVAP/Polnische Vereinigte Arbeiterpartei), die Sicherheitsorgane völlig unter ihre Kontrolle zu bringen. So entstand das Lager Lamsdorf als Vertreibungslager offenbar ohne die Zustimmung der zentralen Behörden in Warschau durch Zusammenlegung von Miliz- und UB-Häftlingen (UB = Urzad Bezpieczenstwa, Sicherheitsdienst). Später allerdings seien, so Nowak, höchste Regierungs- und Parteistellen von den Zuständen im Lager unterrichtet gewesen. (48)

Zusammenfassung

Kann es eine polnische Schuld für die Vertreibung geben, obwohl die Polen selbst Opfer von Vertreibungen waren, und darüberhinaus noch Opfer des ihnen aufgezwungenen stalinistischen Systems? Oder ergibt sich aus der Unterstützung der politischen Parteien und der Bevölkerung bei der Vertreibung der Deutschen gerade eine polnische Mitschuld für die Einführung des Stalinismus, weil der antideutsche Konsens die gewaltsame Einführung des Stalinismus erleichterte? Die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus hat in Polen bisher nur sehr bruchstückhaft stattgefunden, schreibt Wóycicki. Um sie in einem tieferen Sinn durchführen zu können, müßte man zuerst einmal die verbreitete polnische Überzeugung von der historischen polnischen Unschuld revidieren. Opfer gewesen zu sein, schließe nicht aus, auch Täter geworden sein zu können. (49)

In der öffentlichen Diskussion in Polen scheint diese Erkenntnis noch nicht sehr verbreitet zu sein, wie insbesondere die Leserbriefreaktionen nach dem Artikel von Maria Podlasek zeigen. In einzelnen Stellungnahmen wurde nicht nur deutlich, daß die Autoren nicht bereit sind, eine kommunistische Verantwortung für die Aussiedlung der Deutschen (von der Vertreibung ganz abgesehen) zu akzeptieren, sondern den antideutschen Konsens der Nachkriegszeit in diesem Bereich bis in die Gegenwart hinüberretten wollen. Bei dieser Gelegenheit taucht dann häufig auch das Argument von den ewig polnischen, piastischen Westgebieten auf. (50)

In der deutschen öffentlichen Debatte werden sehr oft die Grabenkämpfe aus der Zeit der Entspannungspolitik weitergeführt: Deutschnationale Autoren und Vertriebenenfunktionäre konzentrieren sich auf das Beschreiben von Vertreibungsverbrechen und verweigern eine Debatte über Ursachen und vorausgegangene deutsche Verbrechen, linke Autoren benutzen dagegen den Hinweis auf die deutschen Verbrechen zur Bagatellisierung der Vertreibung und erklären jede Beschäftigung damit zum Versuch, den Nationalsozialismus zu relativieren. Beide Seiten schlagen sich dann - wie bei der Debatte um den Aufruf "Wider das Vergessen" - jeweils das um die Ohren, was die andere Seite gerade ausgelassen hat. Neu ist das wachsende Bewußtsein in den Medien für die Tragödie der polnischen Vertriebenen aus den Ostgebieten. (51) Allerdings haben wir es hier mit einer ähnlichen Verzerrung des Bildes zu tun wie bei der polnischen Vertreibungsdebatte: Während Polen bei diesem Stichwort zumeist an die relativ geordneten, organisierten und von der Potsdamer Konferenz abgesegneten Aussiedlungen denken, assoziieren deutsche Autoren beim Stichwort "polnische Ostgebiete" die ebenfalls organisierten, von bilateralen Abkommen abgesegneten Aussiedlungen der Polen aus dem Osten nach 1945. Und so wie im Bewußtsein der deutschen Vertriebenen die "wilden Vertreibungen" und die Vertreibungslager dominieren, so ist dies bei den polnischen Vertriebenen in Bezug auf die polnisch-ukrainischen Auseinandersetzungen in Wolhynien und Galizien der Fall. Doch davon, daß die ostpolnischen Vertriebenen ebenfalls unorganisiert, "wild" und äußerst blutig 1943 vertrieben wurden, wissen die meisten Deutschen ebenso wenig, wie die wenigsten Polen die "wilden Vertreibungen" vom April und Mai 1945 zur Kenntnis genommen haben.(52)

Die Debatte der Experten, Historiker, Soziologen und Politologen ist da wesentlich weiter: Die Fakten scheinen unter deutschen und polnischen Historikern weitgehend unstrittig zu sein, sieht man von solchen "Blüten" wie der aus der Luft gegriffenen Opferzahl von 1.043 Deutschen für die gesamte Vertreibung und Aussiedlung (unter Berufung auf die "Trybuna Ludu" bei Edmund Nowak, [53]) einmal ab. Unter Berufung auf kommunistische Propagandapamphlete läßt sich ebenso viel nachweisen wie unter Berufung auf westdeutsche Kalte-Kriegs-Literatur. Ernstzunehmende Differenzen zwischen Historikern (nicht nur deutschen und polnischen) bestehen noch in der Interpretation dieser Fakten und bei den Opferzahlen der einzelnen Vertreibungs- bzw. Aussiedlungsphasen und Lager. Das Hauptproblem stellen jedenfalls nicht mehr moralische Fragen nach Kollektivschuld, Relativierung etc. dar, sondern Lücken im Quellenmaterial und Forschungsmängel auf beiden Seiten: In Polen, weil das Thema unter die Zensur fiel, in Deutschland, weil das Thema unter die Räder des Ost-West-Konflikts und der innenpolitischen Auseinandersetzung geriet. Betrachtet man, mit welcher politischen Unbekümmertheit polnische Kollegen inzwischen deutsche Quellen und Darstellungen abklopfen und analysieren, kommt man zum Schluß, daß inzwischen mehr Denkblockaden auf deutscher Seite zu beseitigen sind.

Anmerkungen

  1. Piotr Goch: Potyczki z Bismarckiem. Zazdroszcze Libussie in: Zielony Sztandar vom 2.7.1995; Leserbrief von Lisaweta von Zitzewitz in Zielony Sztandar vom 24.9.1995; Klaus von Bismarck: Moja ziema rodzinna nalezy dzis do Polski in: Tygodnik Powszechny vom 5.11.1995.
  2. Piotr Madajczyk: Przymusowe wysiedlenia - zaraza XX wieku in: Polska w Europie. Polska-Niemcy - kompleks wypedzenia, nawiazanie dialogu, zeszyt specjalny, Warszawa 1995, S. 98-114.
  3. Katarzyna Kolodziejczyk: Porozmawiajmy bez kompleksów in: Rzeczpospolita vom 29.7.1995.
  4. Piotr Lippoczy, Tadeusz Walichniowski: Przesiedlenie ludnosci niemieckiej z Polski po drugiej wojnie swiatowej w swietle dokumentów, Warszawa 1982, passim.
  5. Z.Romanow: Ludnosc niemiecka na ziemiach zachodnich w latach 1945-1947, Slupsk 1992, S. 35f.
  6. Maria Podlasek: Wypedzenia w swiadomosci Polaków in: Polska w Europie, zeszyt specjalny Warszawa 1995, S. 79-98.
  7. Podlasek, Wypedzenia w swiadomosci, S. 83.
  8. Maria Podlasek: Wypedzenie Niemców z terenów na wschód od Odry i Nysy Luzyckiej, relacje swiadków, Warszawa 1995, passim.
  9. Stanislaw Rosnowski: Naród wybrany, naród spózniony in Polityka vom 26.8.1995.
  10. John Sack: Auge um Auge. Die Geschichte von Juden, die Rache für den Holocaust suchten, Hamburg 1995, S. 319.
  11. Sack, Auge um Auge, S. 171, 321; Horst Wientzek: Polnische Vertreibungspolitik in Oberschlesien, Manuskript eines Vortrags bei der Konferenz "Die Vertreibung in der Perspektive eines halben Jahrhunderts" in Kamien Slaski vom 7. bis 9. September 1995 (wird zur Zeit zum Druck vorbereitet von der Gazeta Górnoslaska in Oppeln).
  12. Andrzej Strzelecki: Podobóz Neu-Dachs in: Zeszyty Oswiecimskie [Hefte von Auschwitz] 2/1974, S. 65.
  13. Dziennik Ernsta Dittmara, Archiwum Panstwowe w Oswiecimiu. Für die Information über die Existenz des Tagebuchs bedanke ich mich herzlich bei Dr. Strzelecki, der nach meinen Informationen auch an einem längeren Artikel in den: Zeszyty Oswiecimskie [Heften von Auschwitz] über das Kriegsgefangenenlager Auschwitz 1 nach 1945 arbeitet.
  14. Bericht des kaufmännischen Direktors a. D. Alfred Hintze aus Mittenwalde, Kreis Habelschwerdt in Niederschlesien in: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße, Band 2, München 1984, S. 407 (Bericht Nr. 230): "Auf diese Weise wurde C., wurde der Mittelwalder Förster, wurde Hausmeister Allger, Treckführer L.. und noch einige andere verhaftet und sind seither noch nicht wiedergekommen. L.. ist inzwischen im polnischen Lager Auschwitz an Herzschwäche gestorben. Ich möchte wissen, wo dieser eiserne Mann die Herzschwäche plötzlich her hat."
  15. Eugeniusz Misilo: Deportacje, obóz w Jaworznie in: Tygodnik Powszechny vom 11.3.1990; Bartlomej Lasniewski: Brudne rece in: Wprost vom 19.4.1992. Die Zahl der Toten schwankt in den Angaben zwischen 140 und 160.
  16. Jan Misztal: Przesuniecie Polski na zachód in: Polska w Europie, zeszyt specjalny, Warszawa 1995, S. 61ff. Thomas Urban: Deutsche in Polen, Vergangenheit und Gegenwart einer Minderheit, München 1993, S. 74ff; Edmund Nowak: Cien Lambinowic, Opole 1990, S.81-92. Nach welchen Kriterien dabei in Polen und Deutsche eingeteilt wurde, bleibt offenbar auch in den Quellen rätselhaft.
  17. Helga Hirsch: Die Rache des Kommandanten in: Die Zeit vom 2.12.1994, insbesondere die Seite 20.
  18. Die Zahl stammt aus den immer wieder in Deutschland verlegten Erinnerungen des Lagerarztes Heinz Esser: Die Hölle von Lamsdorf. Vergl. Urban: Deutsche in Polen, S. 74-77.
  19. Nowak: Cien Lambinowic, S. 137f.
  20. Sack: Auge um Auge, S. 324.
  21. Ergebnisse der meines Wissens nach noch nicht publizierten Forschungen unter der Leitung von Prof. Wlodzimierz Jastrzebski über das Lager Potulice nach 1945. Die Magisterarbeit von Leszek Bronka, der einen Teil der insgesamt 6.000 Personalakten des Lagers ausgewertet hat, ist bereits abgeschlossen. Nach Aussage von Historikern verweigert das Innenministerium nach wie vor Einsicht in die UB-Akten für das Lager.
  22. Zit. nach Sack: Auge um Auge, S. 329.
  23. Klaus Bachmann: Przeprosic za wypedzenie in: Rzeczpospolita vom 10.08.1995, Reaktionen unter anderem in Rzeczpospolita vom 2.8.1995, 1.9.1995.
  24. Radiokommentar des Fünften Programms des Polnischen Rundfunks vom 10.08.1995 (12.20 Uhr) von Bogumila Berdychowska; ähnliche Stimmen auch bei: Marian Turski in der Debatte der Wochenzeitung Polityka "Polak-Niemiec, dwa bratanki" (Polityka vom 10.6.1995); Leserbriefe an die Tageszeitung "Rzeczpospolita" vom 10.08.1995. Noch weiter geht der deutsche Historiker Wolfgang Benz in seinem Buch "Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten - Ursachen, Ereignisse, Folgen; Frankfurt/Main 1985, S. 10-11, der die Kette von Ursachen und Wirkungen bis zur Nationalitätenpolitik der Weimarer Republik zurückzieht. Im Hintergrund dieser Argumentation scheint da eine Interpretation der deutschen Geschichte auf, die ihre Quelle in den bekannten Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer hat, der sich bemühte, nahezu jede Diskriminierung von Juden und Polen im 19. Jahrhundert in den Kontext der nationalsozialistischen Völkermordpolitik zu stellen.
  25. So eine Wortmeldung des Abgeordneten Czernek der deutschen Minderheit in Polen auf der Konferenz in Kamien Slaski, vergl. Anmerkung 11.
  26. Als Beispiel kann hier das bekannte Buch von Erich Kuby dienen: "Als Polen deutsch war." 1939-1945, München 1986, S. 7-10. Schon der Titel verrät, daß das Buch geschrieben wurde, um die Argumentation der politischen Rechten, besonders der Vertriebenenverbände zu diskreditieren. Der Autor leugnet die Vertreibung nicht, sondern will seine Leser nur davon überzeugen, daß man diese angesichts der deutschen Verbrechen in Polen unmöglich zu einem Thema machen dürfe. Man kann also annehmen, der Autor sei der Ansicht, man dürfe auf das Thema Vertreibung gar nicht eingehen, eben weil er vermutet, daß ein solches Eingehen zu einer Relativierung der deutschen Verbrechen führen könnte. Daß das Ausmaß der deutschen Verbrechen tatsächlich das aller anderen Verbrechen übersteigt, läßt sich nur dadurch überzeugend nachweisen, daß man Vergleiche anstellt, was Kuby allerdings gar nicht erst tat. Das versuchte erst Wolfgang Benz. Kubys Buch ist ein typisches Beispiel für die Verzerrung von Geschichte für tagespolitische Ziele, nur daß er die Geschichte aus einer diametral anderen Position als die Vertriebenenorganisationen verzerrte. Bei ihm wird selbst die Pakethilfsaktion für Polen in den achtziger Jahren noch zu einer revanchistischen Angelegenheit (S. 9) und die tapfere Rote Armee führt sogar noch "Abwehrkämpfe", als sie sich schon an den Vorkriegsgrenzen des deutschen Reiches befindet (S. 40).
  27. Die Tendenz, die Vertreibungen damit zu entschuldigen findet sich zumeist in Büchern, die vor 1990 erschienen sind, u. a. bei Czeslaw Madajczyk: Die Okkupationspolitik Nazideutschlands in Polen 1939-1945, Köln 1988 (dabei handelt es sich um die leicht gekürzte Fassung von "Polityka Trzeciej Rzeszy w okupowanej Warszawie", Warszawa 1970), S. 453. Cz. M. teilt die Ansicht der von ihm zitierten Regierungsdelegatur, wonach die Grausamkeiten der Besatzung Polen das Recht gaben, nach dem Krieg die Deutschen auszusiedeln. Besonders in der unmittelbaren Nachkriegszeit war das eine sehr weit verbreitete Ansicht in Polen. Im Gegensatz dazu: Jan Korbel: Wysiedlenia Niemców z Polski na tle czystek etnicznych pierwszej polowy XX wieku, liczby i oceny, Manuskript eines Vortrags in Kamien Slaski (siehe Anmerkung 11); auch Krzysztof Mazurski, Geographieprofessor aus Wroclaw, der auf dieser Konferenz eine kurze, aber heftige Debatte über seinen Satz "ohne Krieg keine Vertreibung" auslöste, bezog diesen nur auf den Kausalzusammenhang, nicht auf eine mögliche Rechtfertigung.
  28. Wlodzimierz Kalicki: Obrotowe przedmurze in: Gazeta Wyborcza vom 29.6.1994; Czeslaw Madajczyk: Die Okkupationspolitik, S. 453.
  29. Die Exilregierung forderte bereits 1942, lange bevor die sowjetischen Forderungen nach den polnischen Ostgebieten bekannt waren, eine Westausdehnung Polens nach dem Krieg. Auch später bemühte sich die Exilregierung, die Forderung nach Westausdehnung nicht mit den Verhandlungen über den Osten zu verbinden. Eugeniusz Duraczynski: Rzad Polski na uchodzstwie 1939-1945, Warszawa 1993, S. 291ff.
  30. Kazimierz Przybysz: Problem niemiecki w polskiej mysli politycznej w latach 1939-1949 in: Miedzy polityka a historia, ksiega pamiatkowa na szescdziesieciolecie prof. Zygmunta Hemmerlinga (red. Marka Nadolskiego), Warszawa 1995, S. 70. Die Abkürzung PPS/WRN (Polska Partia Socjalistyczna/Wolnosc, Równosc, Niepodleglosc) bedeutet: Polnische Sozialistische Partei/Freiheit, Gleichheit, Unabhängigkeit, d.i. der Flügel der Partei, der sich gegen eine Vereinigung mit der PPR aussprach.
  31. Stanislaw Markowski: Przeprosic za wypedzenie? - trudny problem emocjonalny i moralny in: Rzeczpospolita vom 19.8.1995.
  32. Zit. nach: Maria Podlasek: Wypedzenie Niemców, relacje swiadków, S. 5; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.1981, und Kultura (Paris) 10/1981.
  33. Misztal: Przesuniecie Polski, S. 66f.
  34. Nach Aussagen von Bewohnern der Gegend um Glogówek (südlich von Oppeln, unweit des heutigen Grenzverlaufs mit Tschechien) lebten dort ostpolnische Neusiedler und auszusiedelnde Deutsche noch monatelang in den gleichen Gebäuden zusammen. Vergl. dazu auch: Zbigniew Kowalski: Powrót Slaska Opolskiego do Polski, Opole 1983, S. 326.
  35. Stettin/Szczecin 1945-1946, Dokumente-Erinnerungen/ Dokumenty-Wspomnienia, Rostock 1994, passim.
  36. Kowalski: Powrót Slaska Opolskiego, S. 327, Misztal: przesuniecie Polski, S. 50f. Kowalski schreibt, die häufig positive Haltung der sowjetischen Militärbehörden gegenüber der zurückgebliebenen deutschen Bevölkerung habe sich nach der Potsdamer Konferenz radikal geändert. Von da ab weigerten sich die Kommandanten nicht mehr, die lokale Macht polnischen Aktivisten zu übergeben. Auch die Fälle, in denen die sowjetischen Kommandanten die Gründung deutscher kommunistischer Parteien unterstützt hätten, seien stark zurückgegangen, Kowalski: Powrót Slaska Opolskiego, S. 326f.
  37. Bogdan Twardochleb: Prolegomena do etosu pioniera in: Przeglad zachodniopomorski, zeszyt 1/2 1988, S. 433-460 und zeszyt 4 / 1988, S. 170-183, sowie ders.: Zyciorysy osadników z Pomorza Zachodniego in: Przeglad Zachodniopomorski, zeszyt 1/2 1990, S. 195-222.
  38. Stettin/Szczecin 1945-1946, Dokumente-Erinnerungen/ Dokumenty-Wspomnienia, Rostock 1994, passim.
  39. Zur Problematik der "Fünften Kolonne": Günter Schubert: Das Unternehmen "Bromberger Blutsonntag". Tod einer Legende, Köln 1989; Wlodzimierz Jastrzebski: Der Bromberger Blutsonntag, Legende und Wirklichkeit (zu Jastrzebski siehe auch Anm. 21), Poznan 1990. Der Autor, der - stellvertretend für viele - die Diversion in Bromberg 1939 für eine "Kirchturmslegende" hält, ist Peter Aurich: Der deutsch-polnische September 1939, Berlin/Bonn/Kelkheim 1985, passim.
    Zuletzt stellte ein polnischer Autor fest, die innere Bedrohung Polens durch die polnischen Kommunisten sei größer gewesen als die durch die deutsche Minderheit: Wojciech Materski: Tarcza Europy, Warszawa 1994, S. 1-10.
  40. Artur Hajnicz: Zbrodnia i odpowiedzialnosc, in: Rzeczpospolita vom 26.7.1995.
  41. Vergl. die Dokumentation von Joachim Rogall: Die Räumung des Reichsgaus Wartheland vom 16. bis 26. Januar 1945 im Spiegel amtlicher Berichte, Sigmaringen 1993, passim. Der Bericht des Pfarrers Paul Peikert: Festung Breslau in den Berichten eines Pfarrers, 22. Januar bis 6. Mai 1945 erschien 1993 in Wroclaw, herausgegeben von Karol Jonca und Alfred Konieczny - in deutscher Sprache!
  42. Arno Surminski: Polninken oder eine deutsche Liebe, Hamburg 1984.
  43. Maria Podlasek, wypedzenie Niemców, relacje swiadków, S. 97-104.
  44. ebenda, S. 99.
  45. Wassilij Grossman, Ilja Ehrenburg: Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden, deutscher Herausgeber: Arno Lustiger, Hamburg 1994, passim.
  46. Tom Segev: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung, Hamburg 1995, S. 104-114. Laut Segev berichtete die Presse in Palästina zwar von deutschen Plänen, die europäischen Juden auszurotten, doch scheinen diese Nachrichten keinerlei adäquate Reaktionen ausgelöst zu haben.
  47. Kazimierz Wóycicki: Przesuniecie ku Zachodowi in: Rzeczpospolita vom 3.8.1995. Ders.: Belka i oko in: Polska w Europie, zeszyt specjalny, S. 26-35.
  48. Esser schrieb, das Lager sei ohne Zustimmung der Zentralbehörden errichtet worden, was sich möglicherweise aber nur auf die mangelnde Zustimmung des Innenministeriums in Warschau bezieht, denn Nowak zitiert ein Dokument, das den Beschluß für die Eröffnung eines "Konzentrationslagers in Lambinowice" enthält und u. a. von General Aleksander Zawadzki, dem Woiwoden von Schlesien, unterzeichnet ist. Nowak: Cien Lambinowic, S. 11-13 und S. 63f.
  49. Wóycicki, belka i oko, S. 26-35.
  50. Podlasek: wypedzenie w swiadomosci, S. 85.
  51. Vergl.: Heiko Flottau: Meine Seele ist im Osten in: Süddeutsche Zeitung vom 30.07.1995; auch Thomas Urban erwähnt die Vertreibung der Polen aus dem Osten in: Deutsche in Polen, Vergangenheit und Gegenwart einer Minderheit, München 1993, S. 63ff, Klaus von Bismarck: Moja ziemia rodzinna nalezy dzis do Polski in: Tygodnik Powszechny vom 5.11.1995.
  52. Urban beschränkt seine Darstellung auf die Beschreibung der Umsiedlung der Polen aus dem Osten nach 1945, die für ihn ähnlich der Aussiedlungen der Deutschen aus Polen nach 1946 waren. Weder bei Urban noch Flottau ist die Rede von den Ereignissen in Wolhynien 1943-1945.
  53. Nowak, Cien Lambinowic, S. 7.