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TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 5 - 9

Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Rudolf Jaworski, Universität Kiel

Deutsche und Polen im Gedächtnisjahr 1995

Schon Mitte des ablaufenden Jahres stöhnte der schwäbische Kabarettist Mathias Richling über die anstrengend dichte Folge von Gedenktagen, Festakten und anderen Formen öffentlich inszenierten Erinnerns und klagte über erste Anzeichen eines Gedenkrheumatismus - ein Leiden, das sich bis zum Jahresende mit Sicherheit noch verstärkt haben dürfte, denn 1995 war durchgängig von historisch relevanten Daten gespickt, nicht nur für die wiedervereinigten Deutschen, sondern auch für ihre europäischen Nachbarn, insbesondere auch für Polen. Das Jahr 1995 bot vor allem reichlich Gelegenheit, sich an das Kriegsende zu erinnern und über die darauffolgenden fünfzig Jahre Rechenschaft abzulegen bzw. diese Zeitspanne historisch zu resümieren. Unzählige Reden, Debatten, Fernsehsendungen, Ausstellungen, Bücher und Zeitschriftenserien sind in diesem Jahr zeitgeschichtlichen Themen gewidmet worden. Dabei wurden willkürliche Aneignungen und Ausgrenzungen ebenso deutlich wie die enge Wechselwirkung von kollektivem Erinnern und kollektivem Vergessen - perspektivische Verzerrungen also, die zu höchst widersprüchlichen Interpretationen der jüngsten Geschichte geführt haben.

Diese divergierenden Wahrnehmungs- und Deutungsmuster noch einmal rückblickend einer bilanzierenden Betrachtung zu unterziehen, konzentriert auf die deutsch-polnische Beziehungsproblematik, ist eine ebenso spannende wie lohnende Aufgabe, auch wenn sie hier nicht systematisch, sondern eher impressionistisch angegangen werden kann. Dabei ist von vornherein einzukalkulieren, daß die - 1989 zweigeteilte - deutsche und die polnische Gedächtniskultur seit Ende des Zweiten Weltkrieges sehr unterschiedliche und z.T. ausgeprochen gegensätzliche Entwicklungen durchlaufen haben. Und das betraf nicht nur die Auswahl der öffentlich erinnerten historischen Epochen und Ereignisse, sondern genauso die Intensität der Beschäftigung mit der eigenen und die Wahrnehmung der jeweils anderen Nationalgeschichte. Die dabei zu Tage getretenen Unterschiede haben im Verlauf der zurückliegenden fünfzig Jahre nicht unwesentlich zu Disproportionen, Asymmetrien und regelrechten Dissonanzen im deutsch-polnischen Dialog beigetragen und einen unvoreingenommenen "historischen Lastenausgleich" (Richard von Weizsäcker) mit unseren östlichen Nachbarn erheblich beeinträchtigt. Bei diesen Meinungsverschiedenheiten spielten wiederum insbesondere jene historischen Ereignisse eine hervorragende Rolle, die auch im Gedächtnisjahr 1995 im Zentrum des öffentlichen Interesses gestanden haben: Krieg und Kriegsende, Jalta, Potsdam und die Folgen.

Sicher haben die wechselseitigen Vorbehalte im historisch-politischen Dialog zwischen Deutschen und Polen mittlerweile an Schärfe verloren, sicher wird das aktuelle Verhältnis beider Länder nicht mehr im selben Ausmaß durch historische Argumente definiert, wie dies noch vor der vertraglichen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze üblich gewesen ist und sicher ist auch, daß mittlerweile in großer Offenheit selbst über die heikelsten Themen der jüngsten deutsch-polnischen Geschichte miteinander gesprochen werden kann. Man wird sich der erreichten Fortschritte erst richtig bewußt, wenn man den stockenden russisch-polnischen Geschichtsdiskurs oder die zur Zeit völlig festgefahrene deutsch-tschechische Diskussion zeitgeschichtlicher Fragen zum Vergleich heranzieht. Dennoch sollten wir uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch im wiedervereinigten Deutschland und im postkommunistischen Polen die Geschichte teilweise immer noch zwischen Deutschen und Polen steht und nach wie vor ein problematisches Terrain für einen deutsch-polnischen Brückenschlag geblieben ist. So genügte beispielsweise im Juni vergangenen Jahres eine Massenfestnahme von arbeitssuchenden Polen durch den Bundesgrenzschutz in Fankfurt/Oder, um in der polnischen Presse sofort eine Schlagzeile Auschwitz an der Oder aufkommen zu lassen. Und daß es auf deutscher Seite nach wie vor große Empfindlichkeiten zum Thema Heimatverlust, Flucht und Vertreibung gibt, ist im vergangenen Jahr ebenso deutlich zur Sprache gekommen.

Selbst bei denjenigen Feierlichkeiten, die als hoffnungsvolle Ansätze gemeinsamer deutsch-polnischer Erinnerungsarbeit gewertet werden dürfen - stellvertretend sei nur an den eindrucksvollen Auftritt des polnischen Außenministers Wladyslaw Bartoszewski im Deutschen Bundestag am 28. April 1995 erinnert - selbst bei solchen Anlässen sind bei grundsätzlicher Versöhnungsbereitschaft immer noch vorhandene Unterschiede der historischen Betrachtungsweisen nicht zu übersehen bzw. nicht zu überhören gewesen. Daß Deutsche und Polen sich unterschiedlich erinnern, auch - oder gerade wenn - sie sich auf dieselben historischen Ereignisse und Sachverhalte beziehen, läßt sich wohl kaum vermeiden, da sich unterschiedlich erlebte Geschichte nicht nachträglich auf einen perspektivischen Nenner bringen läßt. Von Bedeutung ist außerdem die Tatsache, daß die Gedächtniskulturen beider Völker schon seit Generationen gegeneinander konstruiert gewesen sind und so den Blick auf Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen verstellt haben. Daß Deutsche und Polen beispielsweise im und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg subjektiv durchaus vergleichbare Schicksale von Vertreibung und Zwangsumsiedlung durchmachen mußten, ist für beide Seiten vor nicht allzu langer Zeit überhaupt erst als ein möglicher Denkansatz in Erwägung gezogen worden.

Ungeachtet solcher erfreulicher Konvergenzen dürfte es jedoch auch in Zukunft ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen bleiben, eine völlige Harmonisierung des deutschen und des polnischen Erinnerungsvermögens samt der dazugehörenden Inhalte herbeiführen zu wollen. Realistischer und fruchtbarer erweist sich demgegenüber die bescheidene Bereitschaft, auch historische Sehweisen wahrzunehmen und zu respektieren, die vom eigenen Standpunkt abweichen und diesen relativieren. Inzwischen gibt es schon eine Vielzahl solcher Ansätze und Initiativen. Und je kleiner dimensioniert so ein gemeinsames Erinnern ausfällt, desto konkreter und verbindlicher ist es auch, weil auf diesem Wege ein Höchstmaß an Verdichtung von aktueller Beteiligung und historischer Betroffenheit erreicht werden kann. Stellvertretend sei nur an die in deutsch-polnischer Kooperation erstellte, 1995 in Breslau und Berlin gezeigte Ausstellung zu den historischen und aktuellen Verbindungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg erinnert oder an die gemeinsame Beilage der "Märkischen Oder-zeitung" und der polnischen "Gazeta Wyborcza" (Redaktion Zielona Góra) vom 6. Mai 1995, die den übergreifenden Titel trägt: "1945 - Ende und Anfang. Die Region vor fünfzig Jahren."

Generell hat sich im Gedächtnisjahr ein Trend bestätigt, der schon seit dem großen Umbruch in Europa vor sieben Jahren absehbar gewesen ist. Ich meine damit eine merkliche Umkehr der bis dahin vorherrschenden Einstellungsmuster zur eigenen Nationalgeschichte in Deutschland wie in Polen. Denn seit der deutschen Einheit ist eine selbstbestätigende Rückbesinnung auf die nun gleichsam wiedervereinigte deutsche Geschichte ebenso unverkennbar, wie eine zunehmende Geschichtsverdrossenheit im postkommunistischen Polen. Ich persönlich hatte den Eindruck, daß auch die Gedenkfeierlichkeiten 1995 in Polen insgesamt weitaus bescheidener ausgefallen sind als zu ähnlichen Anlässen in den vergangenen Jahrzehnten und vor allem im Vergleich zu den entsprechenden Veranstaltungen in Deutschland. Die neu eröffneten Chancen zu einer aktiven Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung haben im heutigen Polen ganz offensichtlich zu einer Abschwächung der vordem geradezu zwanghaften Fixierung der Polen auf ihre Vergangenheit beigetragen, während umgekehrt die Deutschen sich wieder selbstbewußter ihrer früher eher verdrängten oder sogar verleugneten Geschichte zuwenden.

In Polen werden diejenigen Stimmen immer lauter, die den Abschied von gängigen Tabus energisch betreiben. Dazu gehören u.a. Aufrufe, sich polnischerseits von unhaltbaren geistigen Besitzansprüchen auf Auschwitz endlich freizumachen, dazu gehören so mutige Artikelserien wie Wolyn: szukanie prawdy der "Gazeta Wyborcza", die sich im letzten Jahr über mehrere Monate hinweg um eine selbstkritische Aufarbeitung der problematischen polnisch-ukrainischen Beziehungen im Zweiten Weltkrieg bemüht hat und auch ukrainische Autoren zu Wort kommen ließ. Diese und andere Beispiele zeigen, daß in der polnischen Öffentlichkeit mittlerweile andere historische Nachbarschaften mehr Aufmerksamkeit hervorrufen als das schon oft behandelte Verhältnis zu Deutschland.

Aufs Ganze gesehen scheint freilich das öffentliche Interesse im heutigen Polen an zeit- und politikgeschichtlichen Themen allmählich nachzulassen. Diese Entwicklung hat zweifellos auch etwas mit einer Abwendung von der penetranten Geschichtspropaganda im kommunistisch regierten Polen zu tun und vor allem bei der Jugend mit einer gewissen Übersättigung an nationalgeschichtlicher Selbstbespiegelung. Um noch einmal Richlings Diagnostik zu bemühen: der Gedenkrheumatismus sitzt den Polen einfach schon etwas länger in den Knochen als ihren deutschen Nachbarn und vieles deutet daraufhin, daß Geschichte und Tradition heute in der politischen Kultur Polens längst nicht mehr der herausragende Stellenwert zukommt wie noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Das liebgewordene Fremd- und Eigenbild von den durch und durch traditionsgeleiteten und geschichtsbewußten Polen wird also künftighin weniger denn je ausreichen, die tatsächliche geistige Situation in diesem Land angemessen zu beschreiben.

Ein selbstgefälliges und öffentlich zelebriertes Sich-Eins-Fühlen mit den historischen Wurzeln der eigenen Nation kennzeichnete im abgelaufenen Jahr doch viel eher die Zustände im wiedervereinigten Deutschland als im postkommunistischen Polen. Von den in der Vergangenheit so häufig beklagten Krisen des historischen Bewußtseins war zumindest bei den großen Gedenkreden in Deutschland kaum noch etwas zu spüren. Die neue internationale Bedeutung und Position des wiedervereinigten Deutschland ist nicht ohne Rückwirkungen auf das historische Selbstverständnis der Deutschen geblieben. Gelassener als jemals zuvor konnte darum die historische Verantwortung für das nationalsozialistische Regime übernommen werden, wie von Roman Herzog am 8. Mai 1995 in Berlin und von Helmut Kohl am 9. Mai 1995 in Moskau überzeugend vor aller Welt dargetan worden ist. Doch so aufgeräumt und widerspruchsfrei, wie uns die Geschichte der Deutschen in letzter Zeit allenthalben präsentiert wird, ist sie keinesfalls. Stellvertretend sei nur an die Auseinandersetzungen um die Rolle der Wehrmacht im Dritten Reich und im besetzten Europa sowie die daraus zu ziehenden Konsequenzen für die Traditionsbildung der Bundeswehr erinnert. Insbesondere die vom Hamburger Institut für Sozialforschung im Frühjahr 1995 ausgerichtete Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944 dürfte für viele aus der Generation der Kriegsteilnehmer die endgültige Entzauberung des entlastenden Wehrmachtsmythos mit sich gebracht haben. Doch die Tatsache, daß noch vor nicht allzu langer Zeit Kasernen auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik nach umstrittenen Wehrmachtsgenerälen benannt gewesen sind, nähren die Zweifel an dem immer wieder behaupteten Traditionsbruch. Es gibt also durchaus noch genügend Ungereimtheiten in der deutschen Gedächtniskultur, auch wenn sie im Gedenkjahr 1995 nicht unbedingt ins Zentrum des öffentlichen Interesses gestellt worden sind. Da gab es ganz andere Akzentsetzungen, die früher in dem Ausmaß gar nicht denkbar gewesen wären.

Bei einer ganzen Reihe von Gedenkreden und Gedenkartikeln, die im vergangenen Jahr in Deutschland gehalten bzw. geschrieben worden sind, fiel z.B. auf, daß die Leiden des deutschen Volkes am Kriegsausgang mit größerem Nachdruck und mit größerer Selbstverständlichkeit hervorgehoben worden sind als jemals zuvor. Die Versenkung des mit Zivilisten vollgestopften Schiffes "Wilhelm Gustloff" durch sowjetische Torpedos in der Ostsee am 30. Januar 1945, das grausame Bombardement Dresdens durch westalliierte Luftstreitkräfte am 13. Februar desselben Jahres, der sinnlose Tod deutscher Soldaten und Zivilisten im letzten Kriegsjahr, das Elend der Vertreibungen bei den Deutschen aus dem Osten zu Kriegsende - diese und ähnliche in hohem Maße bedauerns- und gedenkenswerten Katastrophen wurden teilweise recht unvermittelt neben die Opfer der Nazi-Diktatur in Europa gestellt. Die Opfer der Konzentrations- und Arbeitslager, die Toten auf den Schlachtfeldern und bei den Vertreibungen aus dem Osten - sie alle wurden bei uns des öfteren in einem Atemzug genannt, so als ob die zeitliche Distanz von fünfzig Jahren die chronologische und kausale Aufeinanderfolge der erinnerten Ereignisse aufgehoben und gleichsam auf eine gemeinsame Ebene entrückt hätte. In ähnlicher Weise hatte auch der Aufruf 8. Mai 1945 - gegen das Vergessen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", das Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft, den Vertreibungsterror und die Teilung unseres Landes in einen Erinnerungszusammenhang gestellt und einen ebenso aufgeregten wie akademischen Streit um die Frage entfacht, ob die Deutschen 1945 befreit oder besiegt worden seien.

Auch in Polen hat es im zurückliegenden Jahr übrigens eine heftige Diskussion darüber gegeben, ob das Ende des Zweiten Weltkrieges als Sieg oder Niederlage anzusehen sei. Im kommunistisch regierten Polen ist das Jahr 1945 noch mit großem Pomp als Sieg über den Faschismus und Befreiung von der deutschen Okkupation gefeiert und als Ausgangspunkt einer friedlichen und gedeihlichen Entwicklung des Landes deklariert worden. Inzwischen tauchen aber andere, bislang tabuisierte und verdrängte historische Traumata auf, die fünfzig Jahre später die damaligen Ereignisse in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. So konnten wir im "Tygodnik Powszechny" vom 5. Februar 1995 lesen: Das Jahr 1945 war für die Polen eine schwarze Stunde. Wir durchlebten den Verrat der Verbündeten, den Verlust von Lemberg und Wilna, bittere Gefühle der Vergeblichkeit, unsagbare Opfer und Entbehrungen sowie die totale Niederlage vorausgegangener Hoffnungen, in absehbarer Zeit eine selbständige Existenz wiederzuerlangen. In diesem Sinne war auch die Äußerung des polnischen Außenministers Bartoszewski im Bundestag zu verstehen, daß von einer "Stunde Null" in Polen erst ab 1989 die Rede sein könne.

Bei aller Verschiedenartigkeit der thematischen und emotionalen Schwerpunkte des kollektiven Erinnerns in Polen und Deutschland kann dennoch als gemeinsames Strukturmerkmal festgehalten werden, daß die zeitliche Spanne von fünfzig Jahren, die uns heute vom Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft in Europa trennt, die historischen Maßstäbe hier wie dort doch in bemerkenswerter Weise verändert hat. Unmittelbar nach Kriegsende waren noch für alle Beteiligten Sieger und Besiegte, Opfer und Täter klar unterscheidbare Größen. Heute scheinen die Konturen längst nicht mehr so scharf gezogen zu sein. Die Einladungs- und Besuchspolitik bei den Gedenkfeierlichenkeiten in den europäischen Hauptstädten hat das unmißverständlich zum Ausdruck gebracht.

Ob alle diese Neugewichtungen des jüngsten geschichtlichen Erbes in Deutschland wie in Polen in jedem Fall zu einer allgemeinen Objektivierung historischer Betrachtungsweisen in beiden Ländern beigetragen haben, wird sich noch erweisen. Ich bin der Meinung, daß gerade die letztjährigen Gedenkfeiern zumindest Zweifel geweckt haben dürften, ob denn die Dinge nach fünfzig Jahren insgesamt wirklich immer besser verstanden und angemessen dargestellt worden sind als von den Zeitgenossen im Jahre 1945. Sicher hatte damals die unmittelbare Betroffenheit oder Beteiligung zwangsläufig den Blick getrübt. Doch selbst diese Beschränkung war doch authentischer als viele nachträgliche Geschichtskonstruktionen mit ihren ausgeprochenen und unausgesprochenen Beweis- und Legitimationsabsichten, die oftmals nur sehr oberflächlich und instrumentell an die erinnerten Tatbestände angebunden sind.

Es bleibt also Mißtrauen angebracht gegenüber der bekannten Faustregeln, wonach das Urteil über Vergangenes generell und automatisch um so treffsicherer ausfällt, je weiter die zu bewertenden Ereignisse zurückliegen. Eine solche Auffassung überschätzt die objektivierende Wirkung zeitlicher Distanz und unterschätzt den Einfluß von überlagernden, wenn nicht sogar verfälschenden ex post-Perspektiven. Sie unterschätzt ferner die Tatsache, daß die Teilnehmergeneration von Krieg und Verfolgung allmählich abtritt, das haben die gelichteten Reihen befragbarer Zeitzeugen in Deutschland und in Polen in aller Deutlichkeit gezeigt. Für die Erinnerungskultur beider Länder bedeutet das längerfristig eine qualitative Zäsur, nämlich die Umwandlung eines kommunikativen Gedächtnisses zu einem kulturellen Gedächtnis, das fortan nicht mehr aus lebendiger Erfahrung gespeist, sondern ausschließlich von vorgegebenen konventionalisierten Deutungsmustern gelenkt wird.

Literaturhinweis

  • Annäherungen - Zblizenia. Deutsche und Polen 1945 - 1995. Hg. v. Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Düsseldorf 1996
    Augstein, Rudolf: Politik der Erinnerung. In: Der Spiegel Nr. 19 v. 8. Mai 1995, S. 40-57.
  • Dialog. Deutsch-polnisches Magazin 9 (1995) Nr. 1 (Juniheft mit den zentralen Reden zum 50. Jahrestag des Kriegsendes von Wladyslaw Bartoszewski, Roman Herzog, Helmut Kohl u. Lech Walesa sowie einschlägigen Beiträgen von Wlodzimierz Borodziej, Jerzy Holzer, Anna Wolff-Poweska u.a.)
  • Die Stunde Null. Erinnerungen an Kriegsende und Neuanfang. Hg. v. Gustav Trampe, Stuttgart 1995
  • Dyskusja o wypedzeniu/wysiedleniu w polskich gazetach. Materialy na konferencje Pamiec - Polacy i Niemcy w roku rocznic 1995. Szczecin/Potsdam 1995
  • Krzeminski, Adam: Cierpienia i pretensje. In: Polityka Nr. 1 v. 7.1.1995, S. 3
  • Mommsen, Hans: Es war ein beispielloser säkularer Zusammenbruch. In: Das Parlament Nr. 18/19 v. 28. April / 5. Mai 1995, S. 1 (in derselben Ausgabe noch weitere Artikel zum Kriegsende)
  • Mosebach, Bernd: Gedenken ohne Ende oder Ende des Gedenkens? In: Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte 42 (1995) Nr. 3, S. 217-223
  • Pressespiegel Polen. Themenausgabe: Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Berlin 1995.
  • Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944. Hg. v. Hannes Heer. Hamburg 1996.
  • Wach auf mein Herz und denke. Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg von 1740 bis heute. Przebudz sie, serce moje, i pomysl. Przyczynek do historii stosunków miedzy Slaskiem a Berlin-Brandenburgia od 1741 do dzis. Hg. von der Gesellschaft für interregionalen Kulturaustausch Berlin und vom Verein Schlesisches Institut Oppeln. Berlin/Oppeln 1995.
  • Wilkiewicz, Zbigniew: Vertreibung und Aussiedlung als gemeinsame Erfahrung von Deutschen und Polen. In: Aktuelle Ostinformationen 26 (1994) Nr. 2/3, S. 33-42
  • Wolff-Poweska, Anna: Polen - 50 Jahre danach. In: Osteuropa 45 (1995) H. 5, S. 427-443.
  • Zeitdokument 1/1995: 1945 und heute. Hamburg 1995.