[Zurück] [www.dpg-brandenburg.de] [www.transodra-online.net]

            TRANSODRA 12/13, September 1996, S. 10 - 13

Dokumentation der Konferenz: Gedächtnis - Deutsche und Polen im Gedenkjahr 1995 - Bilanz und Vergleich. Dezember 1995, Werder/Havel.

Bohdan Osadczuk, Berlin

Modell der Versöhnung
Polnisch-ukrainischer und deutsch-polnischer Dialog im Vergleich

Polen war jahrhundertelang der stärkere und dominierende Partner (der Ukraine). Mit Ausnahme kurzer Zeitabschnitte - wie der Hadiacz-Vereinbarung (1658) und der Allianz von Piłsudski mit Petlura - gab es keine gleichberechtigte polnisch-ukrainische Partnerschaft. Als die Ukraine geteilt wurde, kümmerte sich Polen, als eine der beteiligten Seiten, nicht um die Einhaltung der internationalen Verträge, die die Einhaltung der Grundsätze politischer, religiöser und kultureller Autonomie vorschrieben. Eine besondere Last für die Entwicklung der gegenseitigen Beziehungen war die Nichteinhaltung der Verpflichtungen, die der polnische Staat gegenüber der ukrainischen Bevölkerung in Ostgalizien auf der Botschafterkonferenz in Paris im Jahre 1923 übernommen hatte. Die polnischen Staatsmänner, die diese Bestimmungen mit Füßen traten, hatten die Zeichen einer Zeit, in der sich das nationale Bewußtsein gegen jedwede Form von Kolonialisierung und Zwangsassimilierung formte, nicht verstanden. Die aus dem Geiste der Freiheit geborene Zweite Polnische Republik versagte den auf ihrem neuen Gebiet lebenden nationalen Minderheiten die Freiheit. Damit waren die polnischen Träume von einer Großmachtstellung ein für alle Mal ausgeträumt; sie wären einzig im Rahmen einer Konföderation, nicht aber im Rahmen eines karikaturhaften provinziellen Zentralismus realisierbar gewesen. Indem Polen die von Piłsudski skizzierte Zukunftsvision verwarf und das Konzept von Dmowski annahm, legte es seinen Weg zum nationalen Kleinstaat fest. Piłsudski hatte den Krieg gegen die Besatzer gewonnen, doch gegenüber dem eigenen Volk verloren. Das war eine Tragödie für die Polen, vor allem aber für die nationalen Minderheiten, und darunter besonders für die größte unter ihnen - die Ukrainer. Eine Fortsetzung dieser Tragödie war das Festhalten an alten Mustern und Grundsätzen durch das Londoner Lager und seine Vertreter im unterjochten Polen während der Jahre des Zweiten Weltkrieges. Der sture Dogmatismus, der nicht einmal die primitivsten Schlußfolgerungen aus der Niederlage des polnischen Staates der Zwischenkriegszeit zu ziehen imstande war, sollte heute als ein lehrbuchhaftes Beispiel für den Mangel an politischem Instinkt der damaligen polnischen Führungsschichten dienen. Für die ukrainischen Politiker, vor allem für die jüngere Generation, war diese Lähmung der polnischen Eliten unverständlich. Für alle diejenigen, die über eine gewisse politische Orientierung verfügten, war damals klar, daß der Zweite Weltkrieg die Epoche des Kolonialismus beendet hatte.

Angesichts des konservativen Konzepts von der Wiederherstellung des polnischen Staates hatten die Ukrainer keinerlei Aussicht auf eine Systemreform, die ihre Autonomieforderungen berücksichtigen würde. Der Zusammenstoß kontroverser Visionen vom Nachkriegseuropa drängte unvermeidlich zu einem bewaffneten Konflikt zwischen Polen und Ukrainern, ähnlich dem auf dem Balkan zwischen Kroaten und Serben. Der Verfall aller moralischen Grundsätze, besonders auf den bolschewistisch-nationalsozialistischen Schlachtfeldern und das völlige Fehlen von Schlichtungssystemen verstärkte die Schonungslosigkeit der Auseinandersetzung. Zudem gab es auf keiner der beiden Seiten Persönlichkeiten, die über genügend politische und moralische Autorität verfügten, um dem Bruderkampf entgegentreten zu können. Die Worte des Metropoliten der griechisch-katholischen (unierten) Kirche in Lemberg, Andrzej Szeptycki, "Du sollst nicht töten", war im russisch-orthodoxen Wolhynien fast nicht zu hören. Aufgrund der Einsicht in deutsche und sowjetische Archive können wir heute beweisen, daß die planmäßige Provokation und Verschärfung des polnisch-ukrainischen Konflikts sowohl im Interesse der Deutschen als auch der Sowjets lag. Die einen wollten den Partisanenwiderstand schwächen, die anderen wollten der Sowjetisierung den Boden bereiten durch den Prozeß der sich selbst zerstörenden antikommunistischen Elemente.[...]

Es haben sich eine ganze Reihe von Legenden, Fälschungen und Verdrehungen angehäuft. Und es wäre gut, wenn es gelänge, unsere nähere Vergangenheit, wie sie sich in den Köpfen der Mehrheit der Normalbürger verwirrt hat, bis zu einem gewissen Grad zu entwirren. Man muß daran erinnern, daß die Ostukrainer z.B. aus Charkow oder sogar aus Kiew (mit wenigen Ausnahmen) sich für die Konflikte des Grenzgebietes nicht interessieren. Sie verstehen nicht, daß für einen Teil der ukrainischen Gesellschaft die Frage der Wiedergutmachung der Verbrechen der "Aktion Weichsel" ein noch eiterndes Geschwür der nationalen Politik des heutigen Polen ist. Ähnlich wie für einen Teil der polnischen Gesellschaft die ukrainische Verurteilung der Verbrechen der Nationalisten in Wolhynien in gleichem Maße ein aktuelles, wenn nicht materielles, dann moralisches, Problem ist. Ein ganzes Feld von weißen (oder eher blutigen), nicht mit dem richtigen Inhalt gefüllten, Flecken unserer gemeinsamen Geschichte ist zum Vorschein gekommen. Im allgemeinen Bewußtsein unserer Völker stellt sie sich als ein ununterbrochener Pfad der Verlogenheit dar. Unsere Geschichte von diesen Verlogenheiten zu befreien, dauert länger als es die sich ändernden politischen Bedingungen nahelegen. Das Leben zeigt, daß es über eine lange Zeit hinweg nicht einmal den klügsten Köpfen und den renommiertesten Historikern gelingt, die errichteten Mythen, Legenden und aufgeschichteten Verfälschungen einzureißen.[...]

Während des Kriegsrechts kam es in Polen zu einer Lawine proukrainischer Sympathien und Deklarationen, die die Aktivitäten antiukrainischer Propagandisten im Stile eines Edward Prus an den Rand drängten. Auf ukrainischer Seite konnte sich nur die Emigration daran beteiligen, die Felsblöcke der Vergangenheit wegzuräumen. Ihr Einfluß war viel schwächer als der der polnischen Publizisten und Wissenschaftler. [...] Viele von uns, die wir den Fall des Sowjetimperiums und die Herstellung der Unabhängigkeit unserer Länder erlebt haben, glaubten, wir hätten ein historisches Werk vollendet und einer weiteren Zusammenarbeit und Freundschaft unserer beiden Nationen stünde nichts mehr im Wege. Nach fünf Jahren wiedererlangter Freiheit müssen wir feststellen, daß wir uns geirrt haben. Wir haben den Beitrag der Gelehrten und Schriftsteller über-, die tief in unseren Völkern steckenden Traumata dagegen unterschätzt. [...]

Das Wissen unserer beiden Völker über unsere gemeinsame Geschichte ist zu gering. Das folgt sowohl - ich benutze hier die Formulierung von Jerzy Giedroyc - aus der "Verlogenheit der Geschichte" als auch aus der Unfähigkeit, die wahre Geschichte zu vermitteln. Bis heute ist es beispielsweise nicht gelungen, eine breitere Diskussion über die - gegen die von dem damaligen Wojewoden Henryk Józewski lancierte Idee der Verständigung gerichtete - polnische Vorkriegspolitik in Wolhynien zu führen, ebensowenig über die Militarisierungspolitik in Form der Ansiedlung von ehemaligen Soldaten in diesen Gebieten, oder über die Politik der Zerstörung der Orthodoxie, der hauptsächlichen Religion des ukrainischen Volkes. Den Historikern ist es bisher auch nicht gelungen, festzulegen, wann der Bruderkampf begonnen hat. Zwar bin ich kein Befürworter gegenseitiger Vorhaltungen, wer, wann, was getan hat. Aber um der historischen Wahrheit willen stelle ich fest, daß am Anfang, im Februar 1941, der Mord an dem ukrainischen Lehrer Mychail Ostapiak im Dorf Wereszca bei Chełm stand. Die Mörder waren nach unvollständigen Informationen Mitglieder der ultrarechten Organisation "Schwert und Pflug" unter dem Zeichen von Bolesław Piasecki. Es hat bisher auch keine gemeinsamen und tiefergehenden Diskussionen über die Verbrechen in Wolhynien und die verbrecherische "Aktion Weichsel" gegeben. [...]

Wir haben eine gemeinsame Geschichte und sollten eigentlich ein gemeinsames kollektives Gedächtnis haben. Es ist paradox, daß in den polnisch-deutschen Beziehungen eine tiefere und breitere Revision in Fragen des Kollektivgedächtnisses erzielt wurde als in den polnisch-ukrainischen Beziehungen. Im kollektiven Gedächtnis schreiben sich vor allem negative Erlebnisse fest. Die Besetzung Polens und die nationalsozialistischen Verbrechen waren nicht vergleichbar mit dem Bruderkampf der Ukrainer und Polen während des zweiten Weltkrieges. Andererseits ist auch das eine relative Frage. Die tragischen Zusammenstöße in den polnisch-ukrainischen Beziehungen fanden in der Westukraine statt, nicht in der Zentral- oder Ostukraine. Die Leute aus dem Donezbecken, aus Charkow, Odessa oder sogar Kiew wissen über diese Sachen kaum etwas. Alles spielte sich in Galizien und Wolhynien ab. Die deutsche Besetzung betraf ganz Polen, war Bestandteil des gesamten polnischen Kollektivgedächtnisses und trotzdem gab es im polnisch-deutschen Verhältnis schneller weitergehende Veränderungen als im Verhältnis der Polen zu den Ukrainern. Und ein weiteres Paradox. Heute ist die ganze Ukrainie propolnisch, Wolhynien und Galizien eingeschlossen, während sich im Bewußtsein der Mehrheit der Polen die antiukrainischen Ressentiments als tiefersitzend erweisen, als diejenigen gegenüber den Deutschen. Worauf ist das zurückzuführen? Einerseits darauf, daß die Deutschen Feinde waren, Fremde. Sie waren die Aggressoren. Die Ukrainer waren bis zu einem gewissen Grade die eigenen Leute. Es hatte den gemeinsamen Staat gegeben, wenn er sich auch Staat nur zweier Nationen nannte, der von Polen und Litauern, denn in der Terminologie der Jagiellonen gab es das dritte, das ukrainische Element nicht. Aber trotzdem - von den Fremden kann man nur das schlimmste erwarten, aber von den eigenen Leuten, den Brüdern kann man ein solches Verhalten nicht erwarten. Und andererseits gab es im deutsch-polnischen Verhältnis einen langen Prozeß der Entladung der Ressentiments, der schon zu Zeiten des noch existierenden kommunistischen Regimes begann und von den Intellektuellen sowie beiden Kirchen getragen wurde.

Bis jetzt hat noch keiner ein Wundermittel zur spur- und komplikationslosen Beseitigung veralteter Krankheiten gefunden, die so typisch sind für die Beziehungen der von Grenzkonflikten heimgesuchten Nachbarstaaten. Geschichte und Gegenwart haben uns Beispiele für unterschiedliche Lösungen dieses Dilemmas gegeben: der deutsch-französische Übergang zur Zusammenarbeit und Freundschaft ohne ein Aufreißen alter Wunden. Adenauer und de Gaulle setzten einen Punkt unter den alten Streit und überschritten den Rubikon ohne auch nur den geringsten Widerstand vonseiten beider Völker. Die Last der Vergangenheit überließen sie den Historikern und Politologen. Ein anderes Modell ist die deutsch-polnische Prozedur langwährender Diskussionen, Dialoge und gegenseitiger Gesten der Vergebung. Aber es gibt auch das Balkan-Modell a la Sarajevo, oder das russisch-tschetschenische, also das barbarische Modell von Aggression und Abschlachten. Die Regierungen unserer Länder haben nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit das deutsch-französische Modell imitiert, das Modell einer von oben dekretierten Freundschaft und Zusammenarbeit ohne jegliche Unterstützung beider Völker, ohne die Mobilisierung der Massenmedien, einflußreicher meinungsbildender Institutionen und ohne Gründung entsprechender Interessengruppen. Kiew und Warschau reichten sich die Hände über Bug und San hinweg, dem von den Kommunisten ererbten Prinzip folgend, daß die Kader über alles entscheiden. Warum war diese Konzeption nicht erfolgreich? Das Ferment für die Neuordnung der deutsch-französischen Beziehungen war die von de Gaulle und Adenauer entwickelte Vision eines zukünftigen vereinigten Europa. Unsere Staatsmänner sind nicht reif für die Entwicklung einer Zukunftsvision. Es fehlt an der notwendigen Infrastruktur: an einem ständigen Austausch - nicht nur materieller Güter, sondern auch geistiger Werte -, an einem Netz von Kulturinstituten, an einem System des Sprachunterrichts, von Radio- und Fernsehprogrammen, Ausstellungen, Konzerten, Autorenlesungen, von massenhaften Übersetzungen und dem Vertrieb von belletristischen sowie wissenschaftlichen Büchern. Dabei sollte man berücksichtigen, daß die Ukraine zum ersten Mal in ihrer Geschichte propolnisch eingestellt ist. Es gibt keine politische Gruppierung mit antipolnischem Programm. Sogar die Landsmannschaften in der Art der Gruppen der Lemken, von Chełm oder Zasanie scheinen mir gemäßigter als die entsprechenden Vereinigungen ehemaliger Einwohner von Lemberg und der Ostgebiete (Kresy) in Polen. Die Veröffentlichung von antipolnischen Hetzschriften, wie derjenigen von Edward Prus (Liebling von Andrzej Werblan, dem Sohn eines ukrainischen Patrioten, Direktor des ukrainischen Gymnasiums in Tarnopol) in Polen gegen die Ukrainer, wäre in der Ukraine undenkbar. Hier herrscht allgemein die naive Überzeugung vor, Polen sei im gleichen Maße proukrainisch wie die Ukraine propolnisch. Das ist ein Zeichen völligen Informationsrückstands, eines Mangels an Experten und einem unzulänglichen Austausch von Stimmungen, auch wenn sie nur deskriptiv wären.

Viel Verbitterung und Groll sind also geblieben. Die Schuld dafür tragen die Nationalisten auf beiden Seiten; die polnischen, soweit es um eine Beurteilung der "Aktion Weichsel" geht, die ukrainischen, soweit es sich um die in Wolhynien begangenen Verbrechen handelt. [...] Alle drei unserer Kirchen sind daran schuld: die römisch-katholische in Polen, die griechisch-katholische und die russisch-orthodoxe in der Ukraine. Sie haben es nicht geschafft, dem Weg der polnischen und deutschen Bischöfe zu folgen. [...] Im Kontext der heutigen Debatte erinnere ich an die damaligen Folgerungen von Demkowycz: Die Bedingung für Zusammenarbeit ist eine Bereinigung der Atmosphäre auf dem Wege der gegenseitigen Vergebung. Indem ich eine solche Bedingung stelle, erfülle ich meine Pflicht und sage: Ich vergebe. Und bitte um Vergebung uns gegenüber. Der von Demkowycz vorgeschlagene Weg verlangt in unserer Situation die Anwendung des deutsch-polnischen Modells, das heißt, den Aufbau einer Infrastruktur der Vergebung und Zusammenarbeit in mühsamer Kleinarbeit. Vor allem die Politiker müssen diese Anstrengung auf sich nehmen. Und die Kirchen werden bald Gelegenheit haben, die Fehler, die sie während der Gedenkfeiern zum 400. Jahrestag der Union von Brest-Litowsk begangen haben, zu korrigieren. Das deutsch-polnische Modell ist nicht von einem Tag auf den anderen entstanden. Doch es vollbrachte ein großes Werk. Es begann mit der Überprüfung und Abstimmung der Geschichtslehrbücher und endete mit der Zusammenarbeit in allen Bereichen. Sollen denn die polnisch-ukrainischen Beziehungen immer schlechter sein als die deutsch-polnischen? Schließlich hetzen die Deutschen die Ukrainer nicht mehr gegen die Polen auf, und die Ukrainer suchen nicht mehr Schutz bei den Deutschen vor den Polen. Es existiert heute sogar die Möglichkeit, nach Wegen der Verständigung und Zusammenarbeit im Rahmen eines atomwaffenfreien Dreiecks Deutschland - Polen - Ukraine zu suchen.

Aus dem Polnischen von Agnieszka Grzybkowska

Bohdan Osadczuk (geb. 1920 in Kołomyja) ist emeritierter Professor für vergleichende Geschichte Ost- und Mittelosteuropas an der Freien Universität Berlin, stellv. Vorsitzender der Internationalen Assoziation der Ukrainisten in Kiew. Eine ausführlichere Version dieses Textes erschien in der "Gazeta Wyborcza" vom 18.10.1995.