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TRANSODRA 18, Oktober
1998, S. 49 - 94
30 Jahre März 1968 - Polen und Juden, ein nicht
abgeschlossenes Kapitel
Reinhold Vetter, März 1968 im Jahre
1998
Andrzej Szczypiorski, Der März 1968
und die Polen
Stanislaw Krajewski, Auschwitz als
Herausforderung
Stanislaw Musial, Die Wahrheit über das
Kreuz in Auschwitz
Dariusz Szamel, Die jüdische
Gemeinschaft
Polen und Juden - das ist ein schwieriges Thema.
Insbesondere wenn sich Deutsche dazu äußern. Wir
wollten polnische und jüdische Stimmen zu diesem
Problem zu Wort kommen lassen und auch die jüdische
Gemeinschaft in Polen mit ihren zunehmenden
Aktivitäten, Organisationen und Zeitschriften
vorstellen. Denn hierzulande ist vielleicht
allzuschnell und allzu stereotyp vom polnischen
Antisemitismus die Rede - den es unbestreitbar gibt und
der ganz offensichtlich keine Randerscheinung ist.
Andererseits werden die Anstrengungen derjenigen Polen,
die den Antisemitismus benennen, analysieren,
verurteilen und bekämpfen nicht mit gleicher Intensität
in Deutschland vorgestellt.
In den Beiträgen von Andrzej Szczypiorski, Stanislaw
Krajewski und Stanislaw Musial zeigen sich mögliche
Wege zur Gewinnung von mehr Verständnis zwischen
polnischen Katholiken und der jüdischen Gemeinschaft.
Stanislaw Krajewski versucht sowohl den polnischen
Katholiken den Kern des Nicht-Verstehens der jüdischen
Position zu erklären als auch den Nicht-Polen, den
Kritikern des polnischen Antisemitismus im Westen, die
Haltungen in Polen verständlicher zu machen. Denn es
stimmt, daß man hier nicht weiß, daß im
Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu Beginn vor
allem Polen inhaftiert waren und gequält wurden.
Leider hat die Wirklichkeit unsere gute Absicht
überholt. Als es so schien, daß eine Übereinkunft
erzielt werden könnte, die zu einem Kompromiß in der
Frage des Kreuzes auf dem Gelände der ehemaligen
Kiesgrube geführt hätte, bildeten selbsternannte
Verteidiger des Kreuzes und des christlichen Glaubens
(Ka-zimierz Switon u.a. unterstützt vom katholischen
Sender Radio Maria) ein "Komitee zur Verteidigung des
Kreuzes". 130 Sejm-Abgeordnete und Senatoren (109 aus
der Wahlaktion Solidarnosc [AWS] und der Rest aus der
Bauernpartei und der Bewegung zur Wiedergeburt Polens
[ROP]) unterschrieben eine Erklärung zur Verteidigung
des Kreuzes. Eine eben solche Erklärung gab der
ehemalige Staatspräsident Lech Walesa ab. Die
Verteidiger des Kreuzes am Ort des Geländes der
ehemaligen Kiesgrube nahmen die Auseinandersetzung um
das "päpstliche" Kreuz in Auschwitz-Birkenau zum Anlaß,
um dort weitere (über 100) Kreuze aufzustellen. Das
Ganze wirkt wie eine primitive Farce, aber nicht darin
besteht das Problem, sondern darin, daß sich weder das
polnische Episkopat noch die polnische Regierung,
gebildet aus der Wahlaktion Solidar-nosc und der
Freiheitsunion, souverän gezeigt haben, dieses Problem
gemeinsam oder jeder für sich, entschieden und schnell
zu lösen.
Den "Kreuz-Krieg" (Wojna krzyzowa) wollen wir hier
nicht dokumentieren. Man kann ihn in der
Nachrichtenchronik nachlesen. Er ist bis heute nicht
beendet. Inzwischen haben sich auch Skinheads der
Kreuzverteidigung a ngeschlossen. Zwar hat die
Bischofskonferenz nach unendlich langem Zögern dazu
aufgerufen, die "neuen" Kreuze zu entfernen, aber
niemand entfernt sie. Die Regierung, die ebenfalls erst
nach langem Zögern den gerichtlichen Weg beschritten
hat, wartet erst einmal das Ende dieser Prozedur ab.
Einige Intellektuelle haben an die Regierung
appelliert, endlich einen Schlußstrich unter diese
beschämende Angelegenheit zu ziehen. Bisher ist das
nicht geschehen.
[nach oben]
Als Einleitung in das Thema "März 1968 im Jahre 1998"
erinnert Reinhold Vetter an die Ereignisse vor 30
Jahren und daran, daß es sich dabei noch immer nicht um
ein abgeschlossenes Kapitel handelt.
Reinhold Vetter, Warschau
Ein Gespräch zwischen Daniel Cohn-Bendit und Adam
Michnik, das 1987 im Rahmen eines Sammelbandes über die
studentischen Revolten veröffentlicht wurde, zeigt
eindrucksvoll, wie wenig die Protagonisten der
damaligen Bewegungen diesseits und jenseits des
Eisernen Vorhangs voneinander wußten. War Cohn-Bendit
vor allem während des Pariser Mai aktiv, gehörte
Michnik zu den Rädelsführern, als Warschauer Studenten
am 30. Januar 1968 gegen die behördlich verfügte
Absetzung der "Totenfeier" ("Dziady") des
litauisch-polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz
vom Spielplan des Nationaltheaters protestierten.
Bei den Aufführungen waren die antizaristischen
Passagen des Stücks immer wieder heftig beklatscht
worden, was die kommunistische Obrigkeit zu Recht als
antikommunistische und antisowjetische
Meinungsäußerungen interpretierte. In der Folgezeit kam
es landesweit zu studentischen Protesten gegen Zensur,
Unfreiheit und Moskauer Vormundschaft, die insbesondere
am 8. März 1968 auf dem Warschauer Universitätsgelände
brutal niedergeschlagen wurden.
Jacek Kuron und Karol Modzelewski gehörten als
ehemalige Hochschulassistenten zwar zu den geistigen
Vätern der Revolte, konnten aber am 8. März nicht mehr
teilnehmen, weil sie frühmorgens festgenommen worden
waren.
Ihr Schicksal teilten später tausende Studenten im
ganzen Land. Bei den Verhaftungsaktionen wurden die
Spezialeinheiten der Polizei durch knüppelschwingende
"Arbeiterbrigaden" unterstützt, die der protestierenden
Intelligenz drastisch klar machten, was die
kommunistische Partei unter "Diktatur des Proletariats"
verstand.
Trotz unterschiedlicher politischer Zielrichtungen
waren sich die Studentenbewegungen in West und Ost in
vielerlei Hinsicht ähnlich. Gemeinsam war der
antiautoritäre Impetus, ein plebiszitäres Verständnis
von Demokratie, Protestformen wie Demonstrationen,
"Umfunktionieren" von Veranstaltungen, Sit-Ins und
Happenings. Michnik und seine unmittelbaren Gefährten
wurden "Kommandosi" (Fallschirmjäger) genannt, weil sie
bei offiziellen Veranstaltungen wie Kommandos "vom
Himmel fielen".
Wesentlicher Motor der Repression im Frühjahr 1968 war
die innerparteiliche Fraktion der "Partisanen" um
Innenminister Moczar, die auf diesem Wege der
kommunistischen Führungsclique mit Parteichef Wladyslaw
Gomulka an der Spitze das Wasser abgraben wollte.
Moczar und seine Gesinnungsgenossen gaben ihrer
Kampagne den Anstrich eines nationalen
Befreiungskampfes gegen angeblich moskauhörige Juden in
der Parteiführung, der dann aber vor allem auf dem
Rücken der Intelligenz jüdischer Herkunft außerhalb der
Partei ausgetragen wurde.
Annähernd 15.000 polnische Bürger fielen den
Säuberungen in Wissenschaft, Kultur und Kunst zum
Opfer, wurden ihrer Staatsbürgerschaft beraubt und
mußten das Land verlassen. Ihnen nutzte es wenig, daß
Moczar sein machtpolitisches Ziel weitgehend
verfehlte.
Es war bereits der dritte jüdische Exodus aus Polen
nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon bald nach Kriegsende
hatten viele Juden, die kurz zuvor aus der Sowjetunion
zurückgekehrt waren, das Land verlassen, weil ihnen
antisemitischer Haß entgegenschlug. Eine zweite Welle
folgte Mitte der 50er Jahre, als die "Natolin"-Fraktion
innerhalb der kommunistischen Partei gegen
"stalinistische Juden" mobil machte.
Die meisten derjenigen 68er, die im Land bleiben
konnten oder denen die Ausreise mit allen Mitteln
verweigert wurde, wurden Ende der 70er Jahre zu
Protagonisten der demokratischen Opposition, halfen mit
beim Aufbau der Gewerkschaft "Solidarität", und
übernahmen Regierungs- oder parlamentarische
Verantwortung, als 1989/90 das Ende des realen
Sozialismus eingeläutet wurde.
Michnik ist seit 1989 Chefredakteur der "Gazeta
Wyborcza", Polens größter Tageszeitung, und war
zeitweilig Abgeordneter des Sejm. Kuron fungierte als
Sozialminister und übernahm später die Leitung des
Parlamentsausschusses für nationale und ethnische
Minderheiten. Modzelewski, 1980/81 Pressesprecher der
"Solidarität", war zeitweilig Mitglied des Senats, also
der zweiten Kammer des polnischen Parlaments und
Ehrenvorsitzender der sozialdemokratischen Union der
Arbeit.
Kuron und Modzelewski hatten 1964 in einem "Offenen
Brief an die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei" die
Herrschaft der kommunistischen Nomenklatura über die
Arbeiterklasse angeprangert. Wohl nicht zu Unrecht
wurde dieses Dokument im Westen mit dem Etikett
"trotzkistisch" versehen.
Als Polens Staatspräsident Aleksander Kwasniewski am
6. März dieses Jahres Kuron und Modzelewski für ihre
damaligen Verdienste den Orden des Weißen Adlers als
höchste staatliche Auszeichnung verlieh, war es Kuron,
der sich zu seinen damaligen sozialistischen Idealen
bekannte, aber ebenso die spätere Entwicklung seiner
politischen Auffassungen verteidigte. Der politische,
ökonomische und moralische Bankrott des Kommunismus, so
Kuron, habe Umdenken notwendig gemacht.
Polens Staatspräsident Aleksander Kwasniewski, der
schon in sozialistischen Zeiten Karriere gemacht hatte
und später jahrelang Chef der postkommunistischen
Sozialdemokratie war, hatte den Mut, im Rahmen der
Ordensverleihung am 6.3. die Beweggründe des
studentischen Protestes von damals positiv zu würdigen
und die Verantwortung der Kommunisten für die
antijüdische Kampagne zuzugeben. Als Präsident des
heute unabhängigen und demokratischen Polen, so
Kwasniewski, verneige er sich vor der Klugheit, dem
Patriotismus und dem Verantwortungsbewußtsein
derjenigen, die 1968 die Freiheit Polens und die
Menschenrechte verteidigt hätten.
Kwasniewski kündigte an, die Juden, die damals in die
Emigration getrieben worden waren, auf Antrag wieder in
ihre Rechte als Staatsbürger einzusetzen. Allerdings
stießen die damit verbundenen Modalitäten zum Teil auf
öffentliche Kritik. Nach Auffassung der Experten in der
Präsidialkanzlei lasse die gegenwärtige Rechtslage nur
eine Verleihung des Bürgerrechts, nicht aber eine
Außerkraftsetzung der damaligen Aberkennung zu.
Betroffene Juden meinten, dies sei eine verdeckte
Anerkennung des damaligen Unrechts.
Überhaupt stieß die Initiative Kwasniewskis in
konservativen und nationalistischen politischen Kreisen
auf Kritik. Die kommunistischen Herrscher von damals,
so hieß es, trügen allein die Schuld für das Schicksal
der polnischen Juden.
Die Kritiker ignorieren allerdings die berechtigte
Frage, ob nicht der latente Antisemitismus in der
Bevölkerung das Vorgehen der "Partisanen" um Moczar
erleichtert habe. In privaten Gesprächen betonen sie
sogar, eigentlich sei den Juden damals ganz recht
geschehen, da sie gerade im stalinistischen
Sicherheitsapparat wichtige Positionen besetzt gehalten
hätten. Letzteres entspricht zwar den Tatsachen, gilt
aber nur für eine kleine Minderheit der Juden im
Nachkriegspolen. Es waren auch viele nichtjüdische
Polen an den Verbrechen des Sicherheitsapparates
beteiligt.
Die dem einflußreichen katholischen Sender "Radio
Maria" nahestehende Tageszeitung "Nasz Dziennik"
verstieg sich sogar zu der verleumderischen Behauptung,
die Verleihung der Staatsbürgerschaft an die 1968
emigrierten Juden diene nur dazu, ihnen Vorteile im
Rahmen des geplanten Reprivatisierungsgesetzes zu
verschaffen.
So zeigt sich, daß die öffentliche Aufarbeitung der
damaligen Ereignisse beileibe nicht abgeschlossen ist.
[nach oben]
Der März 1968 und die Polen
Andrzej Szczypiorski, Gazeta Wyborcza, 28./29. März
1998
Aus dem Polnischen: Katrin Steffen
I
Meine Erinnerungen an das Jahr 1968 und seine Folgen
sind noch sehr wach. Nicht nur, weil dieses Jahr eine
entscheidende Zäsur in meiner politischen Erziehung
bildete. Nach Jahren törichter Bewunderung für die
Person Gomulkas und die Reformen im Oktober 1956 machte
es mich zum Dissidenten. Vor allem deswegen, weil ich
erst damals verstand, was in Polen radikal rechtes
Denken und Handeln im öffentlichen Leben bedeutet.
Form, Phraseologie und das falsche Pathos unserer
Nationalisten kannte ich bis dahin nur vom Hörensagen.
Mein Gedächtnis als Gedächtnis eines Vorkriegskindes
bewahrte keine politischen Erinnerungen.
Im März 1968 konnte ich auch nicht vermuten, daß sich
dieses neue Wissen über die radikale Rechte nach 30
Jahren als so zeitgemäß erweisen würde. Das Leben birgt
immer wieder erstaunliche Rätsel in sich, wie man
sieht.
Heute kann man hier und dort wieder das Märzgestammel
hören, und das Dröhnen beschlagener Schuhe kahl
rasierter Schläger, die ab und zu auf den Straßen
unserer Städte herumziehen, das täuschend echt an jene
unheilvollen Schritte der "aufgebrachten
Arbeiterklasse" erinnert, die damals loszog, um mit den
Studenten abzurechnen, aber auch mit jedem anderen
denkenden Menschen, der ihnen unter die Knüppel kam.
II
Lange Jahre glaubte ich, daß die Märzereignisse von den
Moczaristen aus dem Sicherheitsdienst und ihnen
verbundenen Parteikreisen vorbereitet und kunstvoll
umgesetzt wurden. Das war eine bequeme Ansicht,
benannte die Schuldigen und sprach die Unschuldigen
frei, was sich immer segensreich auf unseren
Seelenfrieden auswirkt. Nach einem gewissen Nachdenken,
das allerdings reichlich lange gedauert hat, nämlich
mehrere Jahre, bin ich zu der traurigen Schlußfolgerung
gekommen, daß ich ziemlich naiv war.
Indem ich General Moczar zum einzigen Verantwortlichen
für diese ganze Schande erklärte, die bis heute auf dem
Namen Polens lastet, erwies ich den anderen Beteiligten
gegenüber eine zweideutige Toleranz. Ich erschuf eine
meisterhafte Konstruktion von Rechtfertigungen, und
wiederholte immer wieder beschwörend, damals habe nicht
Polen, sondern Moczar und seine Anhänger, die
kommunistische Gomulka-Diktatur, die polnischen Juden
vertrieben.
Heute bin ich etwas anderer Ansicht, und es läßt sich
nicht verheimlichen, daß sie schmerzt.
III
Die Nachkriegsgeschichte Polens war ganz und gar nicht
einheitlich, wie uns das heute einige Wortführer der
"Entkommunisierung" einreden wollen, denen es diese Art
von Vereinfachung erlaubt, bedenkenloser mit der ganzen
Vergangenheit umzugehen. Auch mit der eigenen.
Nachkriegspolen hatte unterschiedliche historische
Kapitel. In jenem Staat kamen sowohl doktrinäre als
auch pragmatische politische Einstellungen zu Wort, und
die Regierungsmethoden unterschieden sich. Nur naive
oder heuchlerische Personen können glauben, daß das
Polen des Jahres 1945 das gleiche war wie 1955, und
Polen im Jahr 1968 dasselbe wie 20 Jahre später.
Selbstverständlich war Polen in der gesamten
Nachkriegszeit bis 1989 kein souveräner Staat. Alle
Regierungen der kommunistischen Diktatur unterlagen dem
Moskauer Kuratel ohne Rücksicht auf die jeweilige
Phraseologie bzw. Handlungsmethoden. Aber das Schicksal
des Volkes war ein anderes in den Zeiten von Bierut,
Gomulka, unter den Regierungen von Gierek oder
Jaruzelski. In den verschiedenen Zeiten der
Nachkriegsgeschichte gab es auch Abstufungen in der Art
der Abhängigkeit von der Moskauer Zentrale, bei den
Kampfmethoden gegen die Opposition, in bezug auf den
Umfang bürgerlicher Freiheiten, die Bedeutung der
öffentlichen Meinung und die Rolle der Kirche.
Es ist schon viel über diese Zeiten geschrieben worden
und die Historiker haben bereits umfassende
Forschungsarbeit geleistet. Aber wir haben immer noch
keine vollständige und gründliche Analyse dieses doch
langen Zeitraums der nationalen Geschichte, als die
Polen sich unter den schwierigen, manchmal mörderischen
Bedingungen der kommunistischen Diktatur entwickelten.
Und sie entwickelten sich, sie veränderten sich, wurden
immer selbständiger, kritischer und entschiedener, um
am Ende dieses System nicht nur mühsam zu schwächen und
zu verändern, sondern es ein für alle Mal umzustürzen.
Und das ist auch eine wichtige Voraussetzung meiner
Bewertung der Märzereignisse. Für das Jahr 1968 ist
nicht nur die Partei verantwortlich. Nichts
rechtfertigt den Ausbruch der antisemitischen Phobie,
ohne die Moczar das Spiel um die Macht nicht hätte
führen können. Die Verantwortung nur einer bestimmten
Gruppe in der Polnischen Arbeiterpartei zuzuschreiben,
was ich lange Zeit selbst getan habe, ist unredlich,
weil es erlaubt, so zu tun, als wenn die Gesellschaft
damals überhaupt nichts zu sagen gehabt hätte.
In historischer Perspektive können wir uns mit
Sicherheit von der Verantwortung für die Geschehnisse
unmittelbar nach Kriegsende in Polen freisprechen.
Damals hatte die Gesellschaft tatsächlich keinen
Einfluß auf den Verlauf der Ereignisse. Die
Entscheidungen über das Schicksal Polens trafen andere.
Im ersten Nachkriegsjahrzehnt herrschte im Land eine
furchtbare Unterdrückung, und diejenigen, die damals
entschieden, fühlten sich in nur geringem Maße mit
Polen verbunden, schließlich waren sie Funktionäre des
internationalen Kommunismus und Marionetten von
Stalin.
Aber nach 1956 änderte sich die Situation sehr stark.
An der Spitze der polnischen Armee und des polnischen
Sicherheitsdienstes standen nicht mehr sowjetische
Offiziere, es gab keine sowjetischen Berater in den
Ministerien und den zentralen Institutionen mehr, auch
kein tagtägliches sowjetisches Diktat in Politik,
Wirtschaft und Kultur. Damals regierten in Polen schon
Polen, und die Leute um Gomulka, vor allem aber er
selbst, hatten alles Recht zu glauben, daß ihre
Regierung von einer Mehrheit in der Gesellschaft
anerkannt und akzeptiert wurde. Kaum jemand in unserer
gesamten Geschichte konnte sich schließlich auf eine so
starke Unterstützung des Volkes berufen wie Gomulka
während seiner Regierungen nach der Wende vom Oktober
1956.
In diesem Sinn gehörte der März 1968 schon zu einer
völlig anderen Epoche. Die Polen fühlten sich
weitgehend als Herren im eigenen Land, auch wenn heute
hier und dort etwas anderes erzählt wird. Die Partei
setzte sich damals in überwältigender Mehrheit aus
Menschen zusammen, die erst nach dem Krieg eingetreten
waren. Sie traten einer Partei bei, die die Macht
ausübte. Die Partei bot ihren Mitgliedern bedeutende
Vorteile, nicht nur die Beteiligung an der
Herrschaftsausübung, sondern auch bessere berufliche
Möglichkeiten und den Zugang zu verschiedenen
Privilegien.
Das erklärt einiges, soweit es die Revolte der Basis
der Arbeiterpartei gegen die damalige Parteispitze
betrifft, die angeblich zionistisch war. Es erlaubt
auch, die antisemitische Hysterie eines Teils der
Partei zu verstehen, angetrieben vom Appetit auf Posten
oder Wohnungen, die den vertriebenen Juden abgenommen
wurden.
Aber keine Parteigliederung, kein Apparat und kein
Moczar wären in der Lage gewesen, so etwas ohne
Zustimmung eines gewissen Teils der Gesellschaft
durchzusetzen, ohne die Beteiligung von Menschen, die
bei der Hetze mitmachten, obwohl sie selbst davon nicht
profitierten. Ganz im Gegenteil, stärkte doch der März
den totalitären Flügel der kommunistischen Macht, was
schon damals klar auf der Hand lag. Viele Menschen
waren bereit, sich dennoch Moczar und seiner wilden
Hetze anzuschließen, nicht nur gegen Polen jüdischer
Herkunft, sondern gegen die ganze aufgeklärte Schicht
unserer Gesellschaft.
Das Jahr 1968 wurde deshalb zu einem Jahr der Schande,
weil nur wenige damals die Würde des Landes retteten,
viele hingegen diese Würde mit Füßen traten.
IV
Im Maße wie die Jahre verstreichen bin ich immer
stärker davon überzeugt, daß unsere Gesellschaft im
Unterschied zu anderen Europäern, darunter auch den
Deutschen, bis heute die Tragödie der Juden nicht
vollständig erfaßt hat. Das heißt auch, daß sie den
Holocaust und die Bedeutung dieses Verbrechens für uns
alle nicht wirklich verstanden hat.
Jahrelang hat mich die Frage gequält, woher diese
Oberflächlichkeit kommt, die Banalität, Seichtheit und
Flachheit unserer Erlebnisse im Angesicht jenes Dramas.
Warum führte der Holocaust bei den Polen nicht zur
großen geistigen Erschütterung wie in fast ganz Europa
und Amerika?
Vielleicht muß man die Antwort auf diese Frage in der
sehr, sehr fernen, aber auch in der ganz nahen
Vergangenheit suchen?
Lange Jahrhunderte hindurch lebten Polen mit Juden
unter demselben Himmel und das verhältnismäßig
ordentlich. Wie überall in Europa gab es auch im alten
Polen Antisemitismus, ausgehend von den christlichen
Kirchen, Luther war schließlich ebenso ein Judenfeind
wie die damaligen Päpste in Rom. Aber der
Antisemitismus in der Adelsrepublik Polen war reichlich
apathisch und launisch, eher großmäulig als aktiv gegen
bestimmte Juden. Ich glaube nicht, daß die Tatsache,
daß es ihnen bei uns damals besser ging als in
Frankreich oder Deutschland, von einer besonderen Milde
oder besonderem Verständnis des polnischen Charakters
zeugt, dafür gibt es keinerlei Beweise. Die Ausdehnung
des Landes war einfach gewaltig, niemand beschwerte
sich über Enge und niemand mischte sich wie in
Westeuropa in fremde Angelegenheiten ein. Die Regierung
des damaligen Polen war schwach, die Magnaten machten,
was sie wollten und die In-teressen des polnischen
Adels widersprachen denen der Juden nicht.
Das änderte sich Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals
wurde Polen stark antisemitisch, vielleicht
antise-mitischer als andere Länder in Europa. Nun, ohne
eigenen Staat, wollten die Polen solidarisch und für
sich sein, jegliche Fremdartigkeit erschien ihnen als
schreckliche Bedrohung für das umzingelte Polentum. Das
Land war damals schon sehr arm, und in den ethnisch
polnischen Gebieten gab es sehr viele Juden. Ihre
ökonomische Aktivität wurde für die lebenswichtigen
Interessen der polnischen Bevölkerung von Jahr zu Jahr
bedrohlicher.
Damals begann die katholische Kirche bei der
Verbreitung antisemitischer Vorurteile und
Einstellungen eine immer größere Rolle zu spielen. Die
Kirche in Polen war viel bäuerlicher als in Westeuropa
und unterlag daher leicht der Versuchung der
Xenophobie. Dies erschien um so selbstverständlicher,
vielleicht sogar unvermeidlich, weil die katholische
Kirche die Rolle einer Festung des Polentums spielte,
belagert vom lutherischen Preußen und dem orthodoxen
Rußland. Daher galt nur als polnisch, was auch
katholisch war. Also konnte ein Jude naturgemäß nicht
polnisch sein. Er wurde immer fremder und immer mehr
zum Feind. Zu allem Unglück verkündete die gesamte
damalige Kirche auch noch hartnäckig und haßerfüllt,
daß "der Jude" sich von Gott losgesagt und Jesus
Christus ermordet hätte.
Ins 20. Jahrhundert, in die Epoche des Holocaust,
traten die Polen mit der Last der verzweifelten und
kranken Vergangenheit ein, die eine Folge von
Unfreiheit, Rückständigkeit des Volkes und doktrinärer
Fehler des damaligen Katholizismus war.
V
Fünf Jahre lang wurden die Polen unaufhörlich verfolgt,
gedemütigt, erniedrigt, geschlagen und gequält. Sie
lebten in einer Atmosphäre großer Angst. Die
Auffassung, Polen wären von den Nationalsozialisten
genauso behandelt worden wie Juden, ist natürlich
absurd. Die Juden waren aufgrund ihres Judentums zum
Tode verurteilt und nichts konnte dies noch verhindern.
Gegenüber Juden erhoben die Deutschen keinerlei
Forderungen, und wenn doch, verfolgten sie ein
heuchlerisches Ziel, sie versuchten gegenüber den Juden
die bevorstehende, unvermeidbare Vernichtung zu
verschleiern. So gesehen war die Situation der Polen
völlig anders. Wir wurden verfolgt, weil die Deutschen
uns Unterwerfung und Gehorsam aufzwingen wollten.
Sobald ein Pole diese Rolle annahm, hatte er eine
erhebliche Chance zu überleben. Planvoll ermordet
wurden Polen aus der Führungsschicht der Nation, also
gebildete Menschen, oder die, die gegen die Okkupanten
kämpften. Die Einschätzung dieser Frage lag natürlich
bei den Deutschen, so daß es ziemlich häufig vorkam,
daß Menschen verfolgt wurden, die gar nicht gegen die
Okkupanten vorgegangen waren.
Der Terror gegen uns hatte einen selektiven Charakter.
Die Deutschen zielten nicht darauf ab, alle Polen zu
ermorden, das lag nicht im deutschen Interesse. Darin
genau bestand der fundamentale Unterschied zwischen dem
jüdischen und dem polnischen Schicksal während des
Krieges: Juden sollten ohne jegliche Aus-nahme
vernichtet, Polen aber versklavt werden. Diese
Konzeption hielten die Deutschen während des ganzen
Krieges aufrecht.
Und genau deshalb starben Juden und Polen
getrennt.
Für die Polen, die den Krieg überlebten, ihn im
Gedächtnis behielten und ihn bis heute in den Knochen
tragen, dauerte er fünf Jahre. Fünf Jahre unter
Bedingungen von Terror, Furcht und Kampf, in einem
Klima der nationalen Niederlage und ständig neuer
Trauer um diejenigen, die jeden Tag verschwanden. Das
Polen jener Jahre war voller Verzweiflung, Zorn,
Demütigung und eines Gefühls immer schmerzlicher
empfundener Verlassenheit.
Und so blieb es in der Legende bis heute.
Der Mensch ist vor allem für sein eigenes Schicksal
sensibel. Wenn man um die Toten trauert, trauert man um
die Nächsten. Die Polen hatten sehr viele der ihren, um
die sie trauern wollten und sollten. Vielleicht
reichten auch aus diesem Grund die polnischen Tränen
nicht aus, auch die Opfer des Holocaust zu
beweinen?
Mehr noch, in jenen Zeiten entstand ein emotionales
Phänomen, das heute als etwas Krankes und schwer
verständlich erscheinen mag, sich aber nach tieferem
Nachdenken als gespenstisch natürlich herausstellt. Ein
Zustand großer Erleichterung stellte sich ein, daß man
selbst wenigstens kein Jude war, und daher auch nicht
fürchten mußte, wegen der Vorhaut, der Nasenform, der
Haarfarbe, des Blicks, des Akzents, einer Geste und der
ganzen Staffage, aus dem sich das jüdische Schicksal
damals zusammensetzte, ermordet zu werden. Ein Pole war
ein Pole, bei dem in der Hose alles seine Ordnung
hatte. Er konnte ruhig schlafen, solange er den
Deutschen nicht gefährlich wurde, weil er Latein
beherrschte oder eine Differentialrechnung lösen
konnte, solange er keine Waffe bei sich trug, zu Hause
keine geheimen Zeitungen las, solange er nicht allzu
laut das Londoner Radio hörte und kein Mitgefühl mit
den Juden zeigte. Das war ein schreckliches,
erstaunliches Phänomen der Absonderung und Entfremdung,
selbst am Rande des Abgrunds. Aus polnischer Sicht trug
jeder Jude eine tödliche Seuche in sich, er zog den Tod
nach sich, der sein Schatten war, seine unvermeidliche
Vorbestimmung. Der Pole aber konnte sich erleichtert
fühlen, weil er vom Äußersten verschont blieb und der
Todesengel an seiner Tür vorbeiging, wenn er die Tür
seines jüdischen Nachbarn mit dem Todeszeichen
kennzeichnete.
Das erlebte kein Franzose und kein Holländer. Später,
nach Jahren, waren sie sich der Tragödie des Holocaust
bewußter geworden als dieser verletzte, geschundene
Pole. Als einziger in ganz Europa lernte dieser während
des Krieges das furchtbare, menschlich aber
verständliche Gefühl kennen, daß auf ihm der Fluch
jüdischer Fremdheit nicht lastete.
Und vielleicht hat auch das eine Rolle in späterer
Zeit gespielt?
Als alles vorbei war, konnten die Menschen in
Westeuropa in einer Welt der Freiheit leben, einer Welt
von Demokratie und freiem Meinungsaustausch, während
die Polen in einer Welt von Unfreiheit weiterlebten.
Fast unmittelbar nach Kriegsende wurden die ganzen
komplizierten Kriegserfahrungen zum Gegenstand
politischer Manipulation seitens des sowjetischen
Imperiums und der Kommunisten, die die Macht in Polen
ausübten. Ganze Jahrzehnte lang dauerten die
Propaganda-Scharaden. Zu einem Teil wurde über den
Krieg Wahres gesagt, zu einem anderen Teil wurde die
Wahrheit verschwiegen, und zu einem dritten Teil
verbreitete man Lügen und zynische Fälschungen. Von
freiem Meinungsaustausch konnte keine Rede sein, weil
die Kriegserlebnisse Propagandamaterial im Dienste der
Partei waren. Jegliche Auseinandersetzung mit dem
offiziellen Standpunkt war ausgeschlossen.
Jahrzehntelang ging es den Kommunisten nicht einmal für
einen winzigen Moment um die historische Wahrheit zum
Thema Krieg, sondern immer um Vorteile in der globalen
Politik der UdSSR. In dieser Betrachtungsweise war die
Ermordung der Juden niemals das, was es dem Wesen nach
war: ein grundlegendes moralisches Problem der Epoche.
Die Ermordung der Juden diente immer nur als Element
der Manipulation in der antideutschen und auch der
antikapitalistischen Kampagne. Der Holocaust wurde
gewissermaßen in die polnische Kriegslandschaft
eingebettet, war nur Teil des großen Freskos, auf dem
das polnische Leiden und der polnische Kampf gegen die
Deutschen dargestellt wurde.
In diesem Sinne hatten wir es mit einer durch und
durch zynischen Fälschung des wichtigsten Ereignisses
im 20. Jahrhundert zu tun. Aber sie hatte Jahrzehnte
lang Bestand und heilte die Komplexe unserer verletzten
und schmerzenden Seele.
VI
Und plötzlich, fast von einem Tag auf den anderen,
zeigte sich im Jahr 1968, daß unser Antisemitismus noch
immer gegenwärtig ist, lebendig und aggressiv. Diesen
Antisemitismus demonstrierten auch Angehörige der
Heimatarmee. Viele unter ihnen standen fest hinter
Moczar, "unserem geliebten Partisanen - Kollegen", wie
General Radoslaw schrieb, einer der legendären Anführer
der Heimatarmee und Held des Warschauer Aufstandes. Es
war tatsächlich schwierig damals, diese Menschen zu
verstehen, die bewußt gegen die polnische
intellektuelle Elite auftraten, gegen die einzigen, die
die Würde des Landes verteidigten. Sie sprachen sich
lärmend für die Parteidiktatur aus. Sie wandten sich
gegen Schriftsteller, Künstler, Gelehrte und Studenten,
gegen die gesamte demokratische
Unabhängigkeitstradition der polnischen Intelligenz und
verbrüderten sich bereitwillig mit Leuten aus dem
Sicherheitsdienst, nur um ihre Phobien und
Ressentiments auszuleben, manchmal auch nur aus simpler
geistiger Borniertheit. Ich glaube, daß die banalste
Erklärung dieses Phänomens der Wahrheit am nächsten
kommt. Es besteht kein Zweifel, daß die Menschen aus
der Heimatarmee mit Radoslaw an der Spitze Opfer des
Stalinismus waren. In dem Klima, das nach den Reformen
vom Oktober geherrscht hatte, suchten sie irgendeine
Wiedergutmachung, die ihnen doch zustand. Moczar nutzte
das geschickt aus. Menschen vom Schlag eines Radoslaw
ließen sich durch das Gerede des damaligen
Sicherheitsdienstes, man sei antistalinistisch,
antisowjetisch und patriotisch, blenden. Im Lichte
dieser scheinbar erstaunlichen Fakten gewinnt der März
eine neue Bedeutung. Er wird zu einem ungewöhnlich
interessanten psychologischen Fall von Versöhnung
zwischen Opfer und Henker auf der Basis komplett
falscher Voraussetzungen, wobei alle oder fast alle
Akteure dieses Dramas wissen, daß sie an einem
Lügengebilde partizipieren. Aber diese Lüge ist für sie
eine Art Katharsis. Der März ist auch ein krönender
Beweis, daß sich sogar einige im Kampf um
Unabhängigkeit sehr erfahrene Menschen, Soldaten der
Heimatarmee, Funktionäre des Untergrunds, Gefangene des
Stalinismus und kämpferische Antikommunisten dennoch in
verschiedenen Nachkriegsperioden an die kommunistische
Macht banden. Zeitweilig sogar leidenschaftlich, weil
es ihnen die Chance eröffnete, eine wie auch immer
geartete Aussöhnung mit dem eigenen Schicksal, mit der
eigenen Niederlage zu erreichen oder wenigstens den
Augenblick eines süßen, Flügel verleihenden Betrugs zu
erleben.
In diesem Sinne ist die Zeit der kommunistischen
Herrschaft in Polen nicht nur politische Geschichte,
sondern auch Geschichte einer bestimmten
Geisteshaltung, allerdings einer ganz anderen, als
derjenigen, die heute so leichthin verurteilt wird.
Man muß auch feststellen, übrigens ohne besonderes
Erstaunen, daß unsere Geistlichkeit weder im März noch
während vieler Jahre danach die Ereignisse verurteilt
hat. Das damalige Schweigen der Bischöfe war für die
Gesellschaft sehr beredt, denn es bedeutete, daß die
Kirche die antisemitische Praxis der Partei
akzeptierte. Kardinal Wyszynski verteidigte zwar die
zusammengeschlagenen und verfolgten Studenten, aber die
Antisemiten verurteilte er nicht. Heute, 30 Jahre
später und nach den großen Veränderungen innerhalb der
Kirche, besonders unter dem Einfluß des Pontifikates
von Johannes Paul II., sollte unsere Geistlichkeit wohl
in Bezug auf das damalige Schweigen nicht länger stumm
bleiben.
Der März 1968 war für Polen eine Schande. Auf Schritt
und Tritt konnte man damals in weiß-rotes Pathos
gekleidete, angebliche Verteidiger der nationalen Ehre
treffen. Eben damals begannen sie dieselben Lügen,
Dummheiten und Fälschungen zu verbreiten, die sie bis
heute hartnäckig wiederholen.
Es ist sehr bezeichnend, daß die Menschen von PAX
(Verein der Katholiken und Laienchristen in der
Volksrepublik Polen) mit Piasecki an der Spitze, aber
auch ehemalige Anhänger der Nationaldemokratie wie
Teofil Syga oder Klaudiusz Hrabyk eindeutig das
Vorgehen von Moczar unterstützten, während Kazimierz
Moczarski, der zu Stalins Zeiten in der Todeszelle saß
und im Jahr 1968 ein aktiver und allgemein anerkannter
Journalist war, sich mit seiner ganzen persönlichen
Autorität dem antisemitischen Krawall entgegenstellte.
VII
Antisemitismus war in der Geschichte immer ein Zeugnis
von Dummheit und menschlicher Ignoranz, eine Folge
sozialer Frustration und Erniedrigung. Aber in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist er mehr: ein
Beweis moralischen Verfalls.
Vor dem Krieg, also vor der Ermordung der Juden, war
das Geschrei unserer radikalen, nationalen Rechten, daß
man die Juden nach Madagaskar schicken sollte, ein
Beweis politischer Verdummung und Unfug. Nach der
Ermordung der europäischen Juden sollte der geringste
Akt von Antisemitismus, jegliche Feindlichkeit
gegenüber Juden als strafbare Handlung verfolgt
werden.
Die Märzereignisse waren auch deshalb so eine Schande,
weil uns die Welt seit jener Zeit viel strenger
beurteilt und uns gegenüber rigorosere moralische und
politische Anforderungen stellt. In Polen wundert man
sich oder reagiert mit Empörung auf diese scheinbare
Einseitigkeit und Ungerechtigkeit. Viele Polen spüren
eine Abneigung gegen den Westen und sind von der
Tatsache irritiert, daß man dort von uns so eine
schlechte Meinung hat, daß man uns ständig als
unverbesserliche Antisemiten hinstellt, daß wir immerzu
irgendwelche Vorwürfe, Befürchtungen und Zweifel zu
hören bekommen, während anderen ganz und gar nicht so
wachsam und kritisch auf die Finger geschaut wird. Wo
doch andere, vor allem die Deutschen, sich gegenüber
den Juden viel mehr haben zuschulden kommen lassen.
Das ist ein scheinbar berechtigter Gedankengang und
klingt ganz vernünftig. Aber er geht von falschen
Voraussetzungen aus.
Wenn die öffentliche Meinung im Westen ständig Groll
gegen uns hegt und verschiedene Beschuldigungen
vorbringt, dann geht es ihr keineswegs darum, den Juden
irgendeinen besonderen Schutz zukommen zu lassen. In
der zeitgenössischen Welt geht es um viel tiefere und
grundsätzlichere Fragen, um das moralische Antlitz der
modernen Zivilisation. Das ist ein fundamentales
Problem für Europa und Amerika.
Die Kirche spricht in letzter Zeit immer öfter Worte,
die bei uns für viele wie Häresie und Provokation
klingen: "Wer Jesus begegnet, begegnet dem Judaismus".
Die Kirche sagt das jedoch reichlich spät und noch sehr
leise. Aber genau das muß man in Polen unaufhörlich
herausschreien, weil hier schließlich der größte
jüdische Friedhof der Welt liegt, hier lebte die größte
jüdische Diaspora-Gemeinde, hier wurden durch deutsche
Hände die europäischen Juden ermordet.
Nach den Jahren, die seit Kriegsende verstrichen sind,
wird es immer offensichtlicher, daß die Vernichtung der
Juden eine moralische und psychologische Zäsur für das
zeitgenössische Christentum darstellt. Es waren
Christen, die demonstrativ ihrem Gott abschworen und
versuchten, planmäßig das von Gott auserwählte Volk zu
ermorden.
Christus spricht im Evangelium: "Ich wurde nach Israel
gesandt". Im 20. Jahrhundert schickten Europäer mit
christlicher Zivilisation das Volk Israel ins Gas.
Für Buddhisten mag die Erfahrung der Vernichtung, vom
Standpunkt des religiösen Erlebnisses aus betrachtet,
gleichgültig sein. Für einen Christen wird sie seit
gewisser Zeit zum schmerzlichsten Glaubensdilemma und
zu einer Bürde, die seitdem die ganze europäische
Zivilisation tragen muß, die selbst auf dem Fundament
dieses Glaubens aufgebaut wurde. In diesem Sinn
bestimmt das Verhältnis zum Holocaust in hohem Maße die
moderne geistige Sphäre in Europa und Amerika. Und
darum geht es hauptsächlich, wenn Europa und Amerika
uns heute Antisemitismus vorwerfen.
Die Ereignisse vom März 1968, aber auch die
antisemitischen Tendenzen, die bei uns immer noch zum
Ausdruck kommen, muß man leider als Beweis dafür
anerkennen, daß wir - anders als Amerikaner, Deutsche
und Holländer - die Bedeutung der Vernichtung der Juden
nicht bis zu Ende verstanden haben. Wir verstehen
nicht, welche Bedeutung sie im Gedächtnis Europas
erlangt hat. Nicht nur für die Juden, für alle
Europäer.
Es ist etwas daran, daß die Juden das Recht haben,
sich mit der Vergangenheit zu versöhnen, aber Christen
nicht. Juden dürfen sich sogar erlauben, die Ermordung
der Juden zu vergessen. Christen nicht.
VIII
Vor einigen Jahren hat mir ein österreichischer Kaplan
gesagt, dies sei wohl die Strafe, die der Gott Israels
über diejenigen seiner Anhänger verhängte, die als
erste an Seinen Sohn glaubten, Ihm aber später
abschworen, weil er Jude war. Denn es läßt sich nicht
verheimlichen und verschweigen, daß Jesus direkt aus
dem Ghetto mit einem Transport nach Auschwitz gefahren
ist. Und dort ging er gemeinsam mit Tennenbaum, der ein
Eisenwarengeschäft auf der Chlodna-Straße hatte, in die
Gaskammer.
Wer das heute nicht begreift, der hat Gott nicht im
Herzen.
[nach oben]
Auschwitz als Herausforderung
Stanislaw Krajewski, Midrasz, April 1997
Aus dem Polnischen: Claudia Kraft
[Fassung eines Kapitels aus dem Buch von S. Krajewski
"Zydzi, Judaizm, Polska" ("Juden, Judaismus, Polen"), das
im Verlag Vocatio erschienen ist.]
Wie soll das Gelände des ehemaligen
Konzentrationslagers Auschwitz aussehen? Wie soll man
gedenken? Um diese Fragen beantworten zu können, muß
man die wesentliche Bedeutung des Ortes
berücksichtigen. Das ist ohne Berücksichtigung der
theologischen Dimension nicht möglich.
1. Ein Symbol oder mehrere Symbole?
Was bedeutet für uns das Lager Oswiecim-Brzezinka
beziehungsweise eher das Lager Auschwitz-Birkenau?
(Schon lange meine ich, daß es besser ist, den
deutschen Namen zu benutzen, um einstmals gewöhnliche
polnische Ortschaften von den entsetzlichen Orten zu
unterscheiden, die die Deutschen dort schufen.)
Unabhängig davon, ob wir uns an jene Zeit noch erinnern
oder ob wir etliche Jahre später geboren wurden, ist
Auschwitz ein Friedhof, ein Ort des Geden-kens, ein
Museum und zuallererst ein Symbol. Ein Symbol wessen?
Das hängt vom Betrachter ab. Überall außerhalb Polens
ist es ein Symbol für die Vernichtung, für die Shoah,
für den Massenmord der nationalsozialistischen
Deutschen an den Juden im Rahmen der "Säuberung" der
Welt von den Juden. In Polen ist diese Symbolik nur
teilweise bekannt. Auschwitz ist hier vor allem ein
Symbol für das Leiden der Polen unter der deutschen
Besatzung. Und gerade weil Au-schwitz so ein wichtiges
Symbol, ja sogar ein doppeltes Symbol darstellt, ist
die Art seiner Erhaltung, des Gedenkens und der
Erklärung eine so große Herausforderung.
Man könnte fragen, ob Auschwitz das angemessene Symbol
für die Vernichtung ist. Es gibt etliche Argumente, die
dafür sprechen. Erstens das Ausmaß: Über eine Million
Menschen wurden in einem regelrechten
Vernichtungskombinat umgebracht. Zweitens die perfekte
Organisation, die Transporte großen Umfangs (die
Priorität genossen, sogar wenn darunter andere Kriegs-
und zivile Ziele litten) und die berüchtigten
Verschleierungsmittel ("Duschen" in den Gaskammern).
Drittens die modernen, wissenschaftlichen Methoden der
Arbeitsorganisation und der technischen Innovation
(darunter das Töten mittels Zyklon B, das zu einem
Symbol für Auschwitz wurde). All dies bringt es mit
sich, daß man diese Todesfabrik kaum mit früheren
Massenmorden - auch größeren Umfangs - vergleichen
kann.
Man kann jedoch die Rolle von Auschwitz als dem
Hauptsymbol für die Vernichtung in Frage stellen: das
Lager war zugleich ein Zwangsarbeitslager, sein
"Produkt" war nicht nur der Tod, sondern auch Arbeit,
vor allem in den Chemiebetrieben in Monowitz und
anderswo, die zusammen das Lager Auschwitz III
bildeten. Zusammen mit dem Stammlager Auschwitz I sowie
mit Birkenau also Auschwitz II war dies ein riesiger,
uneinheitlicher Lagerkomplex. Kann man diesen als eine
Einheit betrachten? Manche haben vorgeschlagen,
Birkenau als Symbol für die Ermordung der Juden,
Auschwitz I hingegen für die Leiden der Polen zu
behandeln. In der Tat waren in den ersten beiden Jahren
in Auschwitz I hauptsächlich Polen, während sich das
umgehende Töten vor allem in Birkenau abspielte. Dort
standen die größten Gaskammern . und Krematorien. Doch
die Juden waren überall, und während des Krieges wurden
die Lager zu einer Einheit und unterlagen dem gleichen
Kommando. Der Name "Auschwitz" bezieht sich auf die
Gesamtheit, und die Schärfe der Konflikte rührt her aus
dem unterschiedlichen Verständnis der Symbolik, die in
diesem Namen enthalten ist. Keinerlei Hinweise auf
Fakten kann daran etwas ändern.
Außerdem überlebten in Auschwitz verhältnismäßig viele
Personen. Vielleicht wäre daher Treblinka das
angemessenere Symbol für die Ermordung der Juden, da es
ausschließlich ein Todeslager war, das fast genauso
viele Opfer wie Auschwitz forderte und das fast niemand
überlebte. Es hat keinen Sinn, solche Frage zu stellen.
Symbole dieser Art entstehen nicht mit Bedacht, sondern
aus sich selbst heraus. Ein Hauptgrund scheint darin zu
liegen, daß verhältnismäßig viele Menschen das Lager
überlebten, in dem in den letzten Monaten vor der
Befreiung im Januar 1945 der Massenmord eingestellt
wurde. Am Tag der Befreiung gab es dort 7.000
Häftlinge. Einige überlebten sogar den Todesmarsch nach
Deutschland. Bedeutend früher, als Auschwitz noch als
Straflager diente, wurden einige Häftlinge entlassen
und kehrten nach Hause zurück. Nicht ohne Bedeutung ist
auch die Tatsache, daß Auschwitz herausragende
Schriftsteller überlebten, wie zum Beispiel Tadeusz
Borowski, Primo Levi, Elie Wiesel und andere.
Vielleicht ist die Tatsache, daß es unter den Berichten
aus Auschwitz so viel gute Literatur gibt, der Grund
dafür, daß Auschwitz zum Symbol wurde?
Welches auch immer die Gründe sind, Auschwitz ist und
wird das Symbol der Vernichtung und der gesamten
"Epoche der Öfen" bleiben. In solchen Ausdrücken wie
"Theologie nach Auschwitz" oder in Sätzen wie "Nach
Auschwitz bedeutet das Schreiben von Gedichten
Barbarei" zeigt sich die Symbolik, die sich mit diesem
Namen verbindet. Man muß sich damit abfinden, denn
ändern läßt es sich nicht. Aus dem gleichen Grund kann
man die Tatsache nicht leugnen, daß Auschwitz auch
diese zweite, polnische Symbolik beinhaltet. Und dafür
gibt es Gründe, denn Auschwitz spielte eine besondere
Rolle in der nationalsozialistischen Politik der
Unterjochung des polnischen Volkes. Schon zu
Kriegszeiten bedeutete der Begriff "Auschwitz" in der
Umgangssprache einen Ort des Schreckens, an den man
aufgrund tatsächlicher oder angeblicher Vergehen gegen
die Besatzer gelangen konnte.
Guten Willen zu demonstrieren, bedeutet, beide Symbole
zu akzeptieren. Meiner Meinung nach können sie
nebeneinander existieren, anstatt sich gegenseitig zu
bekämpfen. Das ist eine Herausforderung, die man im
Ausland eher nicht annimmt, denn dort ist das Wissen um
die polnische Dimension von Auschwitz minimal. Auch in
Polen wird diese Herausforderung erst in geringem Maße
angenommen, da sich dort erst seit kürzerem ein
Bewußtsein über die Bedeutung dieses Ortes für die
Juden verbreitet.
2. War das Schicksal der Häftlinge gleich?
War der Komplex Auschwitz-Birkenau ein
Konzentrationslager, in dem es zur Ermordung von
Häftlingen kam oder war es ein direktes
Vernichtungslager? Eine solche Frage sollte man nicht
stellen. Natürlich war es sowohl das eine wie das
andere. Leider resultieren viele der in Polen
geäußerten Kommentare und Streitigkeiten darüber, wer
ein "Recht" auf das Lager habe, aus dieser Frage sowie
aus den unterschiedlichen Antworten darauf.
Oft wird konstatiert, daß das Lager "nur" ein sehr
brutales, mörderisches Gefängnis war. Dann zum
Beispiel, wenn eine "Begrüßungsansprache" des
Lagerkommandanten zitiert wird, in der es hieß: "Juden
haben das Recht, zwei Wochen zu leben, Geistliche einen
Monat und die restlichen Häftlinge drei Monate." Dies
soll belegen, daß Priester fast genauso verfolgt wurden
wie die Juden. Und tatsächlich war das so. Den
Geistlichen, die zu Märtyrern wurden, gebührt Gedenken
und Ehre. Aber das bedeutet nicht, daß das Schicksal
der Geistlichen während des Krieges mit dem der Juden
vergleichbar war. Die Tatsache, daß man in einem
polnischen oder einem anderen von den Deutschen
besetzten Städtchen Priester war, bedeutete für diesen
noch kein Todesurteil, für einen Juden hingegen
unwiderruflich. Am wichtigsten ist die Tatsache, daß es
sich bei den jüdischen Lagerhäftlingen während der
längsten Zeit des Bestehens des Lagers um die wenigen
Mitglieder der jüdischen Transporte handelte, die die
Selektion nach der Ankunft überlebt hatten. Die
Mehrzahl der Juden wurde Opfer der sofortigen
Vernichtung und nicht des alptraumhaften Arbeitslagers.
Dies läßt sich über die Geistlichen nicht sagen und
daher führt ein solcher Vergleich in die Irre.
Ähnlich reagiert man in Polen auf die Behauptung, daß
es Opfer im Kindesalter nur unter den jüdischen Kindern
und im Sonderlager für Zigeuner gab. Wurden doch nach
dem Ausbruch des Warschauer Aufstandes Tausende
Warschauer - darunter auch Kinder - nach Auschwitz
deportiert. Man erinnert an sie und zeigt damit ihr
"Recht" auf Auschwitz. Noch einmal: Die Geschichte
ihres Leidens, darf nicht vergessen werden und gehört
zu Auschwitz als Gefängnislager, zu dem Ort der
Absonderung, des Hungers und der vernichtenden
Zwangsarbeit. Aber das kann man nicht mit dem Schicksal
der jüdischen Kinder in Auschwitz vergleichen. Diese
stellten nicht nur die überwältigende Mehrheit der
Kinder, sondern sie wurden in der Regel an ihrem
Ankunftstag im Lager in den Gaskammern ermordet. Sie
waren keine Häftlinge, sondern Opfer von Auschwitz als
Todesfabrik.
Die häufigste und schärfste Kontroverse betrifft die
polnischen Häftlinge, die keine Juden waren. Viele von
ihnen leben weiterhin in Polen. In ihren Erinnerungen
blicken sie auf schreckliche Ereignisse zurück, auf den
Tod von Kollegen, die Selektionen, in folge derer die
Schwächeren und Kranken in die Krematorien gebracht
wurden. Der Tod drohte zu jeder Zeit, die Häftlinge
wurden unabhängig von Herkunft und Bekenntnis bedroht
und ausgebeutet. Warum die Juden hervorheben? fragen
sie. Wir haben das gleiche durchgemacht, wir hungerten,
wir starben. Es gab keinen Unterschied zwischen uns,
warum also jetzt einen solchen schaffen?
Diese Erinnerung der Häftlinge, der polnischen
Christen, diese Überzeugung vom identischen Schicksal
formte weitgehend die polnische Sichtweise. Eine solche
Einstellung ist das Ergebnis tragischer Erlebnisse und
unvergeßlicher Erfahrungen. Um nichts will ich hier den
Wahrheitsgehalt dieser Erlebnisse anzweifeln. Das
bedeutet jedoch nicht, daß die These von der Identität
des Schicksals im Lager zutreffend ist.
Wesentlich ist dabei der unterschiedliche Hintergrund.
Bei den jüdischen Häftlingen handelte es sich um die,
die dem Tod am ersten Tag entgingen. In der Regel
verloren sie an diesem Tage viele Angehörige, nicht
selten ihre gesamte engere Familie. Das war der Beginn
der Lagerhölle, nicht vergleichbar mit dem Schicksal
der nichtjüdischen Häftlinge. Für "Arier" war Auschwitz
"lediglich" ein zerstörerisches Arbeitslager, in dem
der Tod drohte. Ihre Familien waren gewöhnlich irgendwo
in Freiheit. Für die Juden war Auschwitz ein
Todeslager, sehr häufig für ihre gesamte Familie.
Außerhalb des Lager, in Freiheit, wartete niemand auf
sie, niemand betete für sie. Selbst wenn ihre späteren
Erlebnisse mit denen anderer Häftlinge vergleichbar
waren, so hatten sie doch nicht das gleiche
Schicksal.
Für einen Juden bedeutete die auf dem Unterarm
eintätowierte Lagernummer ein glückliches Schicksal, er
war dem sofortigen Tod durch Vergasen entronnen. Für
einen Polen hingegen war es eine der schlimmeren
Varianten des Lebens im besetzten Polen. Nur mit Mühe
vergegenwärtigen sich die Polen, daß es ein Zeichen von
Glück sein konnte, "eine Nummer zu werden".
Die Konsequenzen, die sich aus diesen Unterschieden
ergeben, zeigten sich in all ihrer Schärfe während der
Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum
fünfzigjährigen Jahrestag der Befreiung des Lagers im
Januar 1995. Die in Polen lebenden ehemaligen Häftlinge
glaubten, daß dies ihre Feier würde. Viele von ihnen
brachten (im Stillen) ihre Unzufriedenheit darüber zum
Ausdruck, daß zu viel über die Juden und zu wenig über
ihr Schicksal geredet wurde. "Wir haben doch alle
gleichermaßen gelitten", führten sie als Begründung an.
Für sie ist Auschwitz das Symbol eines unmenschlichen
Lebens, aber dennoch des Lebens. Die größten
Differenzen gab es bei der Bewertung des Besuchs der
ungewöhnlich großen Anzahl von Staatsoberhäuptern. Die
polnischen Häftlinge machten unmißverständlich
deutlich, daß die führenden Politiker dieser Welt zu
ihnen kämen, um ihrem Leiden Achtung zu erweisen.
Für die restliche Welt hingegen ist Auschwitz das
Symbol für die Vernichtung der Juden. Wichtig ist, daß
niemand darin bösen Willen oder das Herabsetzen von
irgendjemandes Leiden erblickt. Es ist eine elementare
Wahrheit, daß Konzentrationslager, Orte unmenschlicher
Zwangsarbeit, die Ermordung durch Hunger und übermäßige
Anstrengungen keine Ausnahme sind, sondern eine recht
häufige Erscheinung an etlichen Orten der Erde und in
vielen Epochen. Einige solcher Lager existierten noch
vor nicht allzu langer Zeit vor unseren Augen, und wer
weiß, ob sie nicht immer noch existieren. Wenn
Auschwitz "nur" ein solches Lager war, wäre es nicht zu
einem Symbol geworden und der Jahrestag seiner
Befreiung hätte nicht etliche Staatsoberhäupter
zusammengebracht. Ich möchte mich gegen niemanden
wenden noch das Leiden und das Martyrium irgendeines
der Opfer des Lagers schmälern. Es geht darum zu
verstehen, daß die Außergewöhnlichkeit von Auschwitz,
die Quelle für die Symbolik dieses Namens auf der
gesamten Welt aus der Identifizierung mit der Shoah
resultiert, weil das Lager eine Todesfabrik war, der
Ort des massenhaften, fabrikmäßigen Mordes an den Juden
- Frauen, Kindern, Männern, Alten, Jungen, Säuglingen.
3. Kontroversen
1) Das Kloster
Unter den bekannten Konflikten der letzten Jahre, die
leider die Gestalt häßlicher Szenen annahmen, muß man
mit dem Streit um das Kloster der Karmeliterinnen
beginnen. Diese Kontroverse war unnötig, auch wenn man
bezweifeln kann, ob ein realer Interessenkonflikt, wenn
auch auf symbolischer Ebene, unnötig genannt werden
kann; auf jeden Fall verlief er unglücklich, da durch
ihn etwas in der Art eines Religionskrieges
hervorgerufen wurde. Doch hatte dieser Konflikt
zumindest eine positive Konsequenz: er rief sowohl in
Polen als auch in der Welt ein Interesse für die
Bedeutung und die Zukunft dieses Ortes hervor. Der
Wirbel um das Kloster förderte wichtigere Probleme
zutage als die bloße Frage nach der Anwesenheit der
Kar-meliterinnen.
1984 hatte ich zunächst nichts gegen die Errichtung
eines kontemplativen Klosters der Karmeliterinnen im
Gebäude des sogenannten alten Theaters, das an die
Umfriedung des Lagers Auschwitz I angrenzt. Man hatte
die Juden nicht vor diesem Schritt konsultiert, eine
solche Gewohnheit gab es nicht. Bei den polnischen
Juden rief die Gegenwart des Klosters im übrigen keine
Entrüstung hervor, man empfand es auch nicht als Teil
irgendeiner allgemeineren Kampagne, in der die jüdische
Bedeutung des Lagers herabgesetzt werden sollte.
Bekräftigt wurde diese Einstellung sowie das Gefühl der
Unschuld auf Seiten der polnischen Kirche durch die
Tatsache, daß der Appell für den Bau einer
Kapuzinerkapelle auf dem Gelände eines anderen
Vernichtungslagers, nämlich in Sobibor, 1984 in der
jüdischen Zeitung "Folks Sztyme" in Warschau
veröffentlicht wurde. Doch unerwartet für die Kirche
war die Reaktion der Juden im Ausland deutlich: man
betrachtete das Kloster als einen Affront und als eine
Bedrohung. Als einen Affront deswegen, weil die Kirche
über Jahrhunderte hinweg den Antisemitismus propagiert
hatte; weil sie damals den Juden nicht gehol-fen hatte,
sollte sie sich nun nicht dort niederlassen. Als eine
Bedrohung, weil damit die Geschichte und die Aussage
des Lagers - nämlich die Vernichtung als Vernichtung
der Juden - gefälscht würden und eine
"Verchristlichung" der Vernichtung drohe. Außerhalb
Polens verstand man solche Fakten wie die Verfolgung
der polnischen Kirche während des Krieges (darunter
auch Geistliche als Opfer des Lagers), die Repressionen
im Nachkriegspolen und die polnische Symbolik von
Auschwitz nicht.
Zu Beginn hatte ich drei Argumente, die für die
Errichtung des Klosters sprachen. Erstens: Auschwitz
war kein rein jüdisches Lager. Zweitens: Das Lager
wurde zu einem Ort des Massentourismus und daher mußten
dort höhere Werte präsent sein. Und schließlich: Das
von dem Kloster beanspruchte Gebäude befindet sich
außerhalb des Stacheldrahtzaunes (ich ging, vielleicht
naiv, davon aus, daß die Gegenwart des Klosters und der
katholischen Symbolik nicht auf das Gelände innerhalb
des Stacheldrahtzaunes ausgeweitet würden, was auch für
mich nicht annehmbar gewesen wäre). Ich kenne viele
Juden, die ebenfalls nicht gegen das Kloster waren, vor
allem wenn sie die Topographie des Lagers genau
kannten. Ich dachte, daß man gerade bei den
aufgeklärten Katholiken, die Interesse an der Gegenwart
der Kirche im Lager hatten, Verbündete finden könnte im
Kampf mit den wirklich wichtigen Problemen, wie der
"Entjudaisierung" bzw. der Fälschung der Wahrheit
bezüglich der zahlenmäßigen Dominanz der jüdischen
Opfer.
Die Vehemenz des sich entwickelnden Konfliktes
verbannte all diese Argumente in das Reich der
Abstraktion. Auf beiden Seiten wurden viel schlechter
Wille und ein Mangel an Sensibilität sichtbar. Die
Intention der Proteste zielte auf den Schutz der
Heiligkeit des größten jüdischen Friedhofes und das
Gedenken der jüdischen Märtyrer, man wollte nicht die
christlichen Opfer und das Leiden der Polen
bagatellisieren oder herabsetzen. In den Augen der
Polen beinhalteten diese Proteste jedoch eine andere
Aussage. Die Intention derjenigen, die das Kloster
verteidigten, zielte auf den Schutz der Heiligkeit und
der Rechte der Kirche sowie das Gedenken der polnischen
Märtyrer, man wollte nicht die Vernichtung
bagatellisieren. Doch von den Juden wurde dies genau so
verstanden.
Zum Glück fand man eine Kompromißlösung: Am 22.
Februar 1987 unterschrieben hohe Vertreter der Kirche
und der Juden in Genf ein Abkommen. Die Einmaligkeit
der jüdischen Tragödie (nur die Juden starben lediglich
aus dem Grund, daß sie Juden waren) wurde anerkannt und
zugleich das Martyrium der Polen betont. Gerade um
daran angemessen zu erinnern, wurde festgelegt, im
Laufe der kommenden zwei Jahre ein Zentrum für
Information, Bildung, Begegnung und Gebet in der Nähe
des Lagers zu errichten, in dem auch die
Karmeliterinnen beherbergt werden sollten. Während
dieser zwei Jahre dauerte die Kontroverse im
Verborgenen fort. Leider kam es bis zum 22. Februar
1989 in Auschwitz zu keinerlei Veränderungen. Erneut
kamen Proteste auf. Verbitterung darüber machte sich
breit, daß die polnische Kirche Vereinbarungen, die sie
unterschrieben hatte, nicht einhielt. In der Folge kam
es zu Protesten und zu einer spektakulären, aber
friedlichen Demonstration des Rabbi Avi Weiss aus New
York, die Kardinal Glemp einen die Ordensschwestern
bedrohenden "Überfall" nannte. Daraufhin wurde er der
üblen Nachrede beschuldigt. All dies verschärfte die
Situation, ohne daß ein Fortschritt beim Bau des neuen
Klostergebäudes erzielt wurde. Obwohl sich die
polnischen Bischöfe zunächst diesem Projekt
entgegengestellt hatten, gaben sie schließlich doch
ihre Zustimmung, zunächst nur formal - denn der
ursprüngliche Baubeginn des Zentrums wurde mehrfach
verschoben - später jedoch, schon zu Zeiten der
Regierung Mazowiecki, wurde ihr Wille zur Beendigung
des Konfliktes deutlich und mit dem Geld westlicher
Kirchen gelang es, den Bau zu realisieren. Allerdings
war der Widerstand gegen die Verlegung des Klosters in
polnischen Kirchenkreisen so stark, daß er nur durch
eine direkte Intervention des Papstes überwunden werden
konnte. Deutlich wurde ebenfalls, daß die Oberin der
Karmeliterinnen keineswegs eine Verbündete war im Kampf
um das "Entlügen" der Geschichte des Lagers: in einem
Interview für eine auslandspolnische Zeitschrift
äußerte sie offen antisemitische Einstellungen sowie
die Überzeugung, daß die Gespräche auf Seiten der
Kirche in Genf von Juden geführt worden wären.
Schließlich übergab sie am Umzugstag (30.06.1993) das
alte Gebäude einer zweifelhaften nationalistischen
Vereinigung: die Stadtverwaltung ging auf dem
Rechtswege dagegen vor, davon ausgehend, daß die
Karmeliterinnen laut Pachtvertrag kein Recht hatten,
einen neuen Mieter zu bestimmen. Noch im Jahr 1996 war
dieser Streitfall nicht abgeschlossen, was Zweifel an
dem vorhandenen guten Willen weckt. Ich bin froh
darüber, daß diejenigen Karmeliterinnen, die einige
Meter weiter in ihr neues Gebäude eingezogen sind, dort
ihre Gebete in reiner Atmosphäre verrichten können. Ich
möchte betonen, daß auch wenn zunächst die Einrichtung
des Klosters bei mir keinen Widerspruch hervorrief, ich
doch immer die Ängste und Sorgen teilte, die den
jüdischen Protesten zugrunde lagen und von denen noch
die Rede sein wird.
2) Das Kreuz neben dem ehemaligen Kloster
Die Kontroverse um das Karmeliterinnen-Kloster war die
lautstärkste, aber nicht die einzige, die das Lager und
seine Umgebung betrifft. Auch drei Jahre nach dem Umzug
hatte man noch immer nicht das riesige, sieben Meter
hohe Kreuz im Garten des Klosters entfernt. Laut
Beschluß der Kirchenoberen sollte es zusammen mit dem
Kloster umziehen. Das Fortbestehen des unklaren
Rechtsstatus des Gebäudes und sicher auch die
Zurückhaltung vor einer Kränkung der "Verteidiger des
Kreuzes" behinderten alle weiteren Schritte. Die
"Verteidiger" sagen, das Kreuz auf dem Gelände der
ehemaligen Kiesgrube erinnere an die getöteten Polen.
Doch normalerweise stellt man nicht so hohe Symbole
auf. Dieses wurde dort 1989 errichtet, in einer Zeit
als sich der Konflikt um das Kloster verschärfte. Unter
diesem Kreuz hielt Johannes Paul II. 1979 einen
Gottesdienst in Auschwitz ab. Mir ist klar, daß das
Kreuz absichtlich als ein weiterer Akt des
"Religionskrieges" aufgestellt wurde. Kritiker meinen,
es habe den Charakter des Lagers verändert, das 1979 in
die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen
wurde. Aufgrund der für solche Objekte geltenden Regeln
müsse das Lager unverändert bleiben.
Für mich persönlich stellte das Kreuz immer ein
größeres Problem dar als das Kloster. Die Anwesenheit
des Klosters konnte diskret bleiben und von den
Besuchern des Lagers nicht wahrgenommen werden. Das war
zunächst so, und ich rechnete damit, daß dies auch so
bleiben würde. Das riesige Kreuz hingegen fällt
unweigerlich ins Auge. Es herrscht über diesen Teil des
Lagers, bemächtigt sich des Raumes und läßt die
Besucher nicht in Ruhe, die dadurch verletzt werden;
und genau aus diesem Grund wurde es dort aufgestellt.
3) Die Kirche in Birkenau
Eine ähnliche Bedeutung besitzt das Kreuz auf der
Kirche in Birkenau. Diese befindet sich seit 1983 in
einem ehemaligen Gebäude der SS, gegenüber dem Lager
Birkenau, also Auschwitz II. Das Kreuz ist vom großen
Lagergelände gut zu sehen. Allein die Anwesenheit einer
Kirche ist für viele Juden unerhört und führte zu
etlichen Protesten. Obwohl sich das Gebäude formal
außerhalb des Lagers befindet, ist es doch Teil des
gesamten Lagerkomplexes. Über Jahre hinweg befand sich
hier kein Hinweis auf seine frühere Funktion. Das
Verschweigen dieser Information ist Teil der von den
Anwohnern unternommenen Bemühungen, zu einem normalen
Leben zurückzukehren, das nicht mit dem Erbe der
Kriegszeit belastet ist. Obwohl ich ohne weiteres
verstehe, daß sie all die Einschränkungen, die daraus
resultieren, daß die Deutschen in ihrer Nachbarschaft
eine Todesfabrik errichteten, herzlich satt haben, kann
ich nur schwer ihre Empörung teilen. Für Außenstehende
ist allein der Anblick der exotischen und zugleich
beunruhigend vertrauten Landschaft aus Stacheldraht und
der Überreste etlicher Baracken - direkt neben der
Kirche - so überaus aussagekräftig, daß die Annahme der
Existenz eines normalen Alltagslebens an diesem Ort
nichts anderes als Er-staunen hervorrufen kann. Weil
dies ein ausschließlich polnisches und katholisches
Leben ist (vor dem Krieg wohnten sehr viele Juden in
Oswiecim), vertieft dieser Wille, das an das Lager
angrenzende Gebiet für die Normalität wiederzugewinnen
die Kränkung der Juden. Wie schon in all den
vorangegangenen Jahren wird damit nämlich die jüdische
Spezifik des Lagers verborgen. Obwohl ich weiß, daß es
heute in Polen bei den Behörden und den Mitarbeitern
des Museums von Auschwitz-Birkenau unvergleichlich viel
mehr Verständnis und Achtung für diese Spezifik gibt,
bin ich dennoch nicht davon überzeugt, daß die Anwohner
und die dortigen Selbstverwaltungsbehörden dieses
Problem tatsächlich verstehen.
4) Die Kreuze in Birkenau
Die Frage weiterer Kreuze auf dem Gelände des Lagers
wurde von Elie Wiesel vom 7. Juli 1996 angesprochen,
als der 50. Jahrestag des Pogroms in Kielce begangen
wurde. Der Zeitpunkt war ausgesprochen unglücklich
gewählt, da der Streit um die Kreuze die Tatsache des
Pogroms und die damit verbundene moralische
Herausforderung verdeckte. Wie dem auch sei, Wiesel
protestierte gegen die Anwesenheit "religiöser Symbole"
auf dem Gräberfeld von Birkenau. Die dort errichteten
Kreuze nannte er eine "Beleidigung", obwohl er nicht in
Abrede stellte, daß sie sich dort als Ergebnis einer
gutgemeinten Handlung befinden könnten. Die Mehrzahl
der Zuhörer hatte nicht verstanden, daß er nicht nur
die Entfernung der Kreuze, sondern auch der ähnlich
großen hölzernen Davidsterne forderte. Diese Symbole
befanden sich dort schon seit 10 Jahren (!), nachdem
das Lagergelände von einer Gruppe Jugendlicher aus
Warschau in Ordnung gebracht worden war. Die Leitung
des Museums hatte den ca. ein Dutzend provisorisch
errichteten Kreuzen und Davidsternen de facto
zugestimmt, was insoweit verwunderlich ist, als man
zuvor immer konsequent das Aufstellen privater
Erinnerungssymbole verboten hatte. Eine Zeitlang gab es
dort auch Kreuze mit einem "gekreuzigten" Davidstern.
Unabhängig von der Absicht, mit der dieses unklare
Symbol errichtet wurde, ruft es ungewollte
Assoziationen hervor: Die Juden als Erlösungsopfer, das
Kreuz als Marterpfahl der Juden. Diese miteinander
verknüpften Symbole wurden ziemlich rasch wieder
entfernt.
Die Gräberfelder, von denen hier die Rede ist, sind
weit vom Eingang des Lagers Birkenau entfernt, wo
selten Besucher hinkommen. Dort befindet sich die Asche
verbrannter Opfer, vor allem ungarischer Juden, die
1944 ermordet und auf Scheiterhaufen verbrannt wurden,
weil das Leistungsvermögen der Krematorien nicht
ausreichte. Diese technischen Besonderheiten klingen
kühl, doch für Wiesel geht es um einen Ort voller
Emotionen, um die Ruhestätte seiner Angehörigen. Selbst
wenn sich dort nicht ausschließlich die Asche von Juden
befindet, so ist sie doch überall verbreitet und stammt
in der Mehrzahl von jüdischen Opfern. Daher haben
Kreuze dort nichts zu suchen. Sie fälschen die Wahrheit
dieses Ortes, die Toten hätten sie nicht gewollt und
deren Familien wollen sie auch heute nicht. Weil aber
dort die Asche nicht nur von Juden verstreut ist, sind
dort sowohl jüdische als auch alle anderen religiösen
Symbole fehl am Platz, argumentiert Wiesel und mit ihm
wohl die überwältigende Mehrheit der Juden.
5) Der "Grabstein" von Edith Stein
Einer breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt, aber für
mich mindestens genauso empörend, sind die Aufschriften
auf dem übriggebliebenen Fundament des sogenannten
"Weißen Häuschens" auf diesem Gräberfeld, das ebenfalls
als Ort der Folter diente. Diese Aufschriften, die an
Edith Stein erinnern, sind ein weiterer Beitrag zur
Ikonographie des Lagers, aus mir unerfindlichen Gründen
wiederum auf der Grundlage einer Ausnahme zugelassen.
Sie stellen den einzigen Fall dar, in dem in Birkenau
einer konkreten Person gedacht wird. Dies ist nicht nur
im Hinblick auf die Person verletzend, sondern auch
generell wegen der Ausnahme. Entweder gedenkt man aller
Opfer namentlich oder keinem. Andernfalls herrscht
Willkür, die unvermeidlich ein zufälliges oder
zumindest ein einseitiges Geschichtsbild erzeugt.
6) Der Supermarkt
Im Frühjahr 1996 stand die Frage des "Supermarktes in
Auschwitz" im Vordergrund. Nach Artikeln in der
polnischen Lokalpresse kam es in aller Welt zu einem
Aufschrei der Empörung über das Vorhaben einer
deutsch-polnischen Aktiengesellschaft, unweit des
Eingangs zum Lager ein Einkaufszentrum zu errichten. Es
war der Versuch, die Anwesenheit der vielen
Auschwitz-Besucher für geschäftliche Zwecke zu nutzen.
Die Aktiengesellschaft kaufte dort ein Grundstück und
errichtete zudem ihr Büro in dem Gebäude des ehemaligen
Klosters auf der Grundlage des Vertrages mit der
Organisation, die es von den Ordensschwestern gemietet
hatte. Dies alles klingt tatsächlich ziemlich empörend.
Zweifellos wäre es am besten, wenn das Gelände rund um
das Lager leer wäre und keine unpassenden Aktivitäten
den Ernst des Ortes stören würden.
Doch das Museum in Auschwitz stellte sich diesen
Plänen nicht entgegen und hatte seine Gründe dafür.
Erstens ist das Gelände in der Nähe des ehemaligen
Klosters und der strittigen Investitionsfläche nicht
leer, denn dort befinden sich viele Geschäfte,
Großhandlungen und Firmen sowohl in Gebäuden aus der
Vorkriegszeit wie auch in lange nach dem Krieg
errichteten ärmlichen Baracken. Zweitens paßte sich der
neue Bau im Prinzip an das vorhandene Gebäude an und
erweiterte dies, so daß optisch keine Verschlechterung
eingetreten wäre. Drittens gibt es schon seit langem
Kioske und einen Imbißstand direkt am Lagereingang und
sogar im Lager selbst. Das neue Gebäude sollte deren
Funktion übernehmen und somit die Entfernung der Bar
und der Geschäfte sowie eines Teils des Parkplatzes
ermöglichen. All dies sollte die Situation
verbessern.
Die Angelegenheit war meiner Meinung vor allem das
Ergebnis eines Mißverständnisses: alle, die das Gelände
rund um das Lager nicht kannten, stellten sich vor, daß
auf freier Fläche ein Bauwerk entstünde, das den Ernst
des Ortes zerstören würde. Die Affäre war solcher
Emotionen nicht wert. Sie erinnerte jedoch an das
tatsächliche Problem: das das Lager umgebende Gelände
kann man nicht in das normale Leben eingliedern, auch
wenn das die lokalen Behörden anders sehen. Mir
scheint, daß diese nicht wirklich verstehen, mit
welcher Aufmerksamkeit die ganze Welt, und nicht nur
die Juden, diesen Ort betrachtet. Die polnische
Regierung begriff den Ernst der Angelegenheit. Sie
unterbrach den Bau und erklärte, das gesamte Gelände
rund um das Lager unterstehe der direkten Obhut der
Zentralbehörden in Warschau. In diesem Fall führte die
anfänglich diffuse Auseinandersetzung zu einer
konstruktiven Lösung.
4. Nicht nur jüdische Sorgen
Unabhängig von der kritischen Bewertung einiger
jüdischer Proteste und deren Form, habe ich immer die
grundlegenden Sorgen und Einstellungen geteilt, aus
welchen sie entstanden. Protest rufen hervor: die
"Entjudaisierung", die Banalisierung der Verbrechen,
die Anonymität der Opfer und die Tendenz zur
Christianisierung. Das waren und bleiben auch weiterhin
tatsächliche und wichtige Herausforderungen.
1) Die "Entjudaisierung"
Am leichtesten ist die propagandistische
"Entjudaisierung" von Auschwitz zu überwinden. Über
Jahrzehnte hinweg wurde verschwiegen, daß die Mehrheit
der Opfer Juden waren und vor allem, daß sie Opfer
waren, weil sie Juden waren. Im Museum von Auschwitz,
in den gedruckten Führern und in Schulbüchern war die
Rede von Opfern aus 28 Nationen, deren alphabetische
Liste mit Australien begann und ... bei den Juden
endete. In dieser Darstellung wurde völlig außer acht
gelassen, daß die Mehrheit bzw. zeitweise fast alle
Opfer, die aus unterschiedlichen Ländern nach Auschwitz
gebracht wurden, Juden waren. Das ist eine empörende
Fälschung. Hinter ihr stand das gesamte System
kommunistischer Propaganda, und die Kritik an dieser
Fälschung wäre gleichbedeutend mit einem Angriff auf
die Regierenden gewesen. Es ist daher nicht weiter
erstaunlich, obwohl ich mich damit schwer abfinden
kann, daß es keine Proteste aus dem Ausland gab, als
diese Lüge verbreitet wurde. Nach 1989 gab es zum Glück
einen bedeutenden Fortschritt: die Ausstellung wurde
neu gestaltet, so daß in ihr von Anfang an von den
Juden die Rede ist, in den Führern werden sie ebenfalls
erwähnt, der Kommentar zu den Dokumentarfilmen, die den
Besuchern vorgeführt werden, wurde geändert. Auch
trugen die nun in der Freiheit möglich gewordenen
Proteste erheblich zur Verbreitung der Wahrheit
bei.
Die 1989 beim Kulturministerium entstandene
Kommission, die nach 1990 in einen Internationalen Rat
beim Museum Auschwitz-Birkenau umgebildet wurde,
beschäftigte sich von Beginn an auch mit dieser Frage.
Sie bewirkte zum Beispiel die rasche Schließung einiger
der sogenannten nationalen Pavillons, die von
Beraterstäben anderer Länder vor etlichen Jahren
eingerichtet worden waren; darunter waren die Pavillons
von Bulgarien und der DDR, in denen hauptsächlich die
Geschichte der dortigen kommunistischen Parteien
ausgestellt wurde. Die heutigen Mitarbeiter des Museums
haben Kontakte zum Westen und zu Israel. Ihren guten
Willen kennend, glaube ich, daß es kein Verschweigen
mehr geben wird. Doch betrifft dies nicht die tiefere
Ebene des Problems.
Die kommunistischen Machthaber sind für das
Verheimlichen der jüdischen Spezifik von Auschwitz
ebenso verantwortlich wie die einst von Kommunisten
dominierten Verbände der ehemaligen Häftlinge. Die
Kirche, die Gegenstand allgemeiner Kritik im Verlauf
der jüngsten Kontroversen war, trägt daran keine
Schuld. Aber wurde diese kommunistische Fälschung nicht
gerne von allen anderen akzeptiert? Erleichtert sie
nicht die Betonung des polnischen Charakters von
Auschwitz, waren doch nach den Juden die Polen, das
heißt die polnischen Christen, die größte
Opfergruppe?
Die Oberin des Karmeliterinnen-Klosters betonte in
einem Interview für die Presse der Auslandspolen
nachdrücklich, daß die Opfer aus 28 Ländern kamen und
die Juden demnach das Gefühl ihrer besonderen Beziehung
zu diesem Ort übertreiben. Die schon erwähnten
Erlebnisberichte polnischer Christen - ehemaliger
Häftlinge des Lagers - geben ebenfalls die Einstellung
wieder, daß die jüdische Spezifik nicht so ausgeprägt
sei. Als ich als Junge mit einem Schulausflug dort war,
erfuhr ich, daß dies ein Ort des polnischen Martyriums
sei, von den Juden hingegen war nicht die Rede. Der für
die Polen typische Wettbewerb (mit den Juden) im Leiden
könnte dadurch schwieriger werden. In Polen wurde und
wird weiterhin das Gedenken an die Juden in der Regel
unterdrückt. Es ist unbequem. Dabei werden - wie Henryk
Grynberg zutreffend konstatiert hat - die Opfer am
liebsten von denen posthum polonisiert, die ihnen zu
Lebzeiten das Recht auf ihr Polentum abgesprochen
haben.
2) Die Zahl der Opfer
Die Aufstellung der Gesamtzahl der Opfer konnte
redlich erst nach dem Jahr 1989 erfolgen. Davor war die
Zahl von 4 Millionen verpflichtend, die eine
sowjetische Kommission nach der Befreiung des Lagers
auf der Grundlage von Schätzungen aufgestellt hatte.
Niemand wagte bzw. wünschte es, diese Zahl in Frage zu
stellen. Jahrelang wurde sie ohne Kritik in Führern,
Schulbüchern und Artikeln in der ganzen Welt
wiedergegeben. Man fand sie auch auf dem zentralen
Denkmal in Birkenau wieder, wo auf verschiedenen Tafeln
in 19 Sprachen die Rede von "4 Millionen Opfern der
nationalsozialistischen Mörder" war.
Für Fachleute war seit langem klar, daß die Zahl von 4
Millionen bei weitem überhöht war. Im Westen und in
Israel begann man erst seit den siebziger Jahren mit
wissenschaftlichen Untersuchungen, in denen versucht
wurde, aufgrund von Quellenstudien eine genaue Zahl
festzulegen. Ergebnis: die Zahl der Opfer betrug eine
bis anderthalb Millionen. Davon waren 90 % Juden. Diese
neue Erkenntnis war schwer zu akzeptieren. Viele
scheinen zu glauben, daß die niedrigere Zahl von Opfern
die Bedeutung von Auschwitz und das Leiden der
Ermordeten herabsetze. A ber es ist gerade die
fälschliche Erhöhung der Opferzahlen, die der gesamten
Arbeit, mit der versucht wird, das Gedenken an die
Tragödie zu erhalten, die Glaubwürdigkeit raubt. Die
gefälschten Zahlen unterstützen die im Westen marginal
und in den arabischen Ländern offiziell vertretenen
Thesen, in denen die sogenannten Revisionisten die
Existenz der Gaskammern und generell den Massenmord an
den Juden leugnen. Darüber hinaus bedeutet die Rede von
einigen Millionen Opfern, daß außer den - sagen wir -
anderthalb Millionen Juden dort mehrere Millionen
nichtjüdischer Häftlinge starben, vor allem vermutlich
Polen und sowjetische Kriegsgefangene. Wäre dies wahr,
stellten die Polen die Mehrzahl der Opfer. Daher
vielleicht haben sich viele an diese höhere, falsche
Zahl gewöhnt.
3) Die Anonymität der Opfer
Das Denkmal für die Opfer des Faschismus wurde 1967 in
Birkenau enthüllt. Das Denkmal war für mich immer ein
größeres Problem und eine größere Beleidigung als das
Kloster, das die Aufmerksamkeit so vieler Menschen auf
sich zog. Es war auf dem Terrain des Krematoriums in
Birkenau errichtet, aber es erinnerte in nichts an die
Juden und enthielt kein einziges jüdisches Motiv! Das
Denkmal erwähnte die Opfer (4 Millionen), beließ sie
aber in völliger Anonymität. Die Vermeidung des Wortes
"Jude" könnte man vernachlässigen, wenn diese
Auslassung nicht aus bösem Willen geschehen wäre, aber
bei dieser Gelegenheit wird ein tieferes und schwerer
zu vernachlässigendes Problem offenbar. Es ist leicht,
über eine Million Opfer zu sprechen, aber schwer, sich
diese Opfer vorzustellen. Die Überwindung der
Anonymität der Opfer in unserem Gedenken ist aber ein
moralisches Gebot, eine der wichtigsten
Herausforderungen, vor die uns Auschwitz stellt. Die
Opfer stellen eine namenlose Masse dar, wir hingegen
sollten ihnen als Menschen gedenken, die eigene,
unvergleichliche Gesichter besaßen. Beschäftigt man
sich mit der Geschichte des Lagers, ist es einfach,
sich einige aus Strafgründen erhängte Personen
vorzustellen, doch wie stellt man sich viele
hunderttausend vergaste Menschen vor? Paradoxerweise
erinnert man sich sehr viel persönlicher an den
Lagerkommandanten Höss als an seine Opfer.
Das beleidigendste Element des Denkmals war für mich
immer der auf der größten Tafel angebrachte Text. Kaum
jemand auf der Welt beachtete ihn, vielleicht weil er
nur auf polnisch niedergeschrieben ist. Dort ist die
Rede davon, daß der "Staatsrat der Volksrepublik Polen
den Helden von Auschwitz, die hier bei ihrem Kampf um
Freiheit und Menschenwürde, um Frieden und um
Völkerverbrüderung gegen den nationalsozialistischen
Völkermord den Tod fanden, den Orden des Kreuzes
"Grunwald Erster Klasse" verleiht. Erneut bleiben die
Opfer anonym, während die namentliche Nennung und der
Ruhm einer schon nicht mehr existierenden staatlichen
Institution zukommt. Das ist geschmacklos. Ein Orden
paßt in keiner Weise zu der Tragödie der Gaskammern.
Sinnvoll ist er nur, wenn man davon ausgeht, daß nicht
von den Vergasten bzw. allen Opfern die Rede ist,
sondern ausschließlich von den Mitgliedern der
Widerstandsbewegung im Lager. Nur dann erhalten auch
die Worte vom "Kampf um Würde und Freiheit" einen
gewissen Sinn. In Bezug auf die Gesamtheit des
Phänomens Auschwitz klingen sie peinlich: die Häftlinge
kämpften um ihre Würde, manchmal auch um die Würde der
anderen, aber häufiger kämpften sie ums bloße
Überleben. Noch wichtiger ist, daß die Opfer der
Gaskammern um nichts kämpften, nicht einmal ums
Überleben, sie hatten in der Regel keine Chance zu
einem Kampf. Die Aufschrift auf dem Denkmal übergeht
sie völlig, und dadurch fällt ihre Tragödie dem
Vergessen anheim. Aber gerade ihrer, dieser ungezählten
Menge von Juden sollte auf den Ruinen der Krematorien
gedacht werden. Natürlich meine ich, daß die Teilnehmer
an der Widerstandsbewegung im Lager, an den Fluchten
und an den Aufstandsversuchen geehrt und an sie
erinnert werden sollte. Der Opfer, die aufgrund dieser
Taten den Tod fanden, sollte gesondert gedacht werden.
Doch die überwältigende Mehrheit der Opfer waren
unschuldige, wehrlose Menschen, keine Kämpfer. Das
größte Denkmal muß sich auf sie beziehen.
4) Die Banalisierung
Wie sollte man das Lager darstellen? Ich erinnere
mich, daß ich nach dem Besuch des Lagers mit meiner
Schulklasse ein Gefühl des Grauens, aber zugleich auch
der Unwirklichkeit hatte. Es war wie nach dem Besuch
eines Museums für Folterinstrumente. Unterscheidet sich
Auschwitz nur durch das Ausmaß und die zeitliche Nähe
von den Ausstellungen der Folterwerkzeuge in
mittelalterlichen Schlössern? Wenn wir glauben, daß es
so nicht ist, stehen wir vor der Aufgabe, dies der
Jugend klar zu machen. Dieser Ort und seine Botschaft
darf nicht banalisiert werden. Zur Banalisierung kann
es durch unser Verhalten kommen, durch Gespräche,
touristische Dienstleistungen und sogar durch unsere
Ausstellungen. Das vermittelte Bild kann aussagen, daß
die Ermordung von Millionen von Menschen leicht ist;
daß dazu die entsprechende Organisation und Technik
genügt. Was bleibt, ist das Gefühl der Schwäche
moralischer Grundsätze, der Ratlosigkeit und der Wut.
Aber muß das so sein?
Ich weiß, daß bei Besuchen israelischer Jugendlicher
Gefühle wie Wut und Haß gegenüber den Tätern keine
Ausdrucksmöglichkeit finden. Wenn die Führer solcher
Gruppen unsensibel sind, resultiert aus dem Besuch von
Auschwitz ein Groll gegenüber der Welt, Europa und der
Kirche. Dieser Groll kann sich leicht von jenen
Abstrakta auf deren konkrete, nächste Vertreter richten
- auf die Polen.
5. Die "Christianisierung"
Die Leiden der Polen während der Okkupationszeit waren
so schwer, daß sie für die, die sie durchmachten, und
für deren Familien in den Vordergrund treten. Zwei
Jahre lang war Auschwitz ein Lager für "politische"
Häftlinge, vor allem für Polen. Wenn darunter auch
Juden waren, dann nicht aus dem Grund, daß sie Juden
waren. Dazu kam es erst später. Die polnische Symbolik
von Auschwitz, von der schon die Rede war, ist das
Ergebnis realer, tragischer Erfahrungen. Die Unkenntnis
dieser Fakten im Ausland erzeugt in Polen Verbitterung.
All diese Umstände bewirken, daß die Probleme, die
Auschwitz aufwirft und symbolisiert, von den Polen nur
schwer auf dem Hintergrund der christlich-jüdischen
Beziehungen betrachtet werden können. In Polen - und
das betrifft in gewissem Maße auch die polnischen Juden
- sieht man Auschwitz auf dem Hintergrund der
polnisch-deutschen Beziehungen.
Im Grunde sehen die polnischen Christen, die über den
Krieg nachdenken, eher das ihnen mit den Juden
gemeinsame Leiden als die ihnen mit den Deutschen
gemeinsame Kirche. Obwohl diese Gemeinsamkeit des
Leidens oft in der guten Absicht angesprochen wird, das
Leiden der Juden zu würdigen, existierte in den
Erfahrungen der Juden diese Gemeinsamkeit nicht. Obwohl
es eine solche Gemeinsamkeit zu Beginn der Okkupation
gab, nahm die Verfolgung der Juden rasch
unvergleichliche Ausmaße an. Ohne die Tragödie
herabzumindern, die alle Polen traf, kann man daran
erinnern, daß ihre Möglichkeiten zu überleben
unvergleichlich viel größer waren.
Ein jüdisches Kind hatte praktisch keine
Überlebenschance, ein nichtjüdisches besaß hingegen
trotz realer Bedrohung eine große Chance, sogar in
Warschau. In Polen wird die Vernichtung der Juden als
ein Teil des Leidens des polnischen Volkes
wahrgenommen. Deshalb ist es in Polen schwer, die
Herausforderung zu erkennen, die die Shoah für das
Christentum darstellt. Das resultiert nicht nur aus den
polnischen Erfahrungen, sondern auch aus der besonderen
polnischen Tradition des Messianismus nach der
polnische Volk als "Christus der Völker" in besonderer
Weise leidet. Das Leiden anderer kann daher nicht
größer bzw. beachtenswerter sein. Da der jüdische
Archetyp solchen Denkens auch sehr lebendig ist, kann
die Hartnäckigkeit des "Wettbewerbs im Leiden" nicht
verwundern.
Dieser breitere historische Kontext erschwert uns die
Betrachtung von Auschwitz als Herausforderung für das
Christentum beträchtlich. Worin besteht diese
Herausforderung tatsächlich? In der plakativsten Form
könnte man sie beschreiben als Notwendigkeit, das Lager
als einen Ort wahrzunehmen, an dem Christen Juden
ermordeten. Dieser Auffassung liegt aber ein
Mißverständnis zugrunde. Die Mörder waren doch
lediglich nominell Christen, und Geistliche gehörten zu
den Opfern und nicht zu den Aufsehern. Es starben viele
Christen und sogar Antisemiten. Ich denke daher, daß
eine direkte Belastung des Christentums verfehlt ist.
Auch wenn diese durch Verzweiflung und Wut begründet
wird, ist sie unzulässig.
Man kann jedoch danach fragen, welche Rolle der
Antisemitismus von Christen bzw. allgemeiner der
christliche Antisemitismus bei der Formung der
Mentalität der Lagerwärter und bei der Bereitung des
Bodens für die Vernichtung spielte. Man kann weiterhin
fragen, wie das auch viele Juden tun, warum die
Kirchen, denen die Täter in den Vernichtungslagern
nominell angehörten, diesen niemals mit der
Exkommunikation drohten. Solche Fragen sind berechtigt
als Auslegungen der Herausforderung, die Auschwitz für
das Christentum darstellt. Sie sollten im Museum des
Lagers ihren Ausdruck finden.
Es gibt einige jüdische Bedenken, die sich im
Widerspruch zur christlichen Herangehensweise befinden
können. Wenn ich von speziellen jüdischen Bedenken
spreche, möchte ich keineswegs damit sagen, daß
Nicht-Juden diese nicht teilen können. Ganz im
Gegenteil, es gibt Christen, die sie hervorragend
verstehen und genauso empfinden, genau wie es Juden
gibt, die die Bedürfnisse der Christen verstehen. Ich
verstehe den Wunsch, daß die Kirche in Auschwitz
gegenwärtig sein soll. Ich glaube, daß die Suche nach
einer Ausdrucksform der Wahrheit über Auschwitz eine
gemeinsame Aufgabe ist. Die Juden können Verbündete
unter den Christen haben und sie haben sie tatsächlich.
Für die Verschleierung der jüdischen Spezifik von
Auschwitz war nicht die Kirche, sondern der Kommunismus
verantwortlich. Trotz alledem denke ich, daß die
"Christianisierung" eine Bedrohung darstellt.
Die Perspektive der "Christianisierung" des
Erscheinungsbildes von Auschwitz und des Gedenkens an
diesen Ort resultiert nicht aus dem bösen Willen der
Kirche. Manche Juden behaupten dies, doch das Problem
liegt woanders. Selbst wenn kein böser Wille vorhanden
ist, bleibt diese Schwierigkeit bestehen, denn die Art
und Weise des christlichen Gedenkens der Tragödie ruft
den Widerspruch der Juden hervor.
Eine traditionelle Reaktion der Christen besteht
darin, am Ort der Tragödie ein Kreuz oder Kreuze und
eventuell Heiligenbilder aufzustellen. Die Intention
kann sowohl die Ehrung der ermordeten Christen sein,
aber auch Ausdruck der Achtung für die sterblichen
Überreste der anderen Opfer. Ich achte dies um so mehr,
da ich weiß, daß diese Intentionen ganz rein sein
können. Wenn dies jedoch an einem Ort geschieht, der
die Asche unzähliger Juden birgt, ruft dies Widerspruch
hervor. Jeder kann beten. Auch christliche Gebete
stellen an einem solchen Ort kein Problem dar (jüdische
Gäste waren während vieler unterschiedlicher
Gelegenheiten bei solchen Gebeten zugegen). Bei einem
entsprechenden Maß an gutem Willen kann man während
einer solchen christlichen Zeremonie Verständnis für
die Empfindlichkeit der Juden ausdrücken und dem
Judentum der jüdischen Opfer seine Ehrerbietung
ausdrücken, was gewiß auf Dankbarkeit stoßen wird. Das
Aufstellen von Kreuzen oder anderen religiösen Symbolen
empfinde ich jedoch als eine Annexion des Ortes. Darin
wird der Expansionsdrang des Christentums offenbar.
Obwohl diesem Drang der Kirche in der gegenwärtigen
Epoche Einhalt geboten wurde, ist dennoch das
historische Erbe deutlich: über Jahrhunderte hinweg
bedeutete die Gegenwart des Kreuzes die Macht der
Kirche. Und damit auch die Diskriminierung der
Juden.
Wir Juden haben kein besonderes Bedürfnis, Davidsterne
oder andere Symbole zu errichten. Wiesel hat dies in
seiner Rede 1996 in Kielce ausgedrückt, indem er sich
gegen jegliche religiösen Symbole auf den Gräberfeldern
von Birkenau aussprach. Der Ort allein sei ein genügend
aussagekräftiges Symbol. Das Fehlen jeglicher Symbole
ist für die Juden sehr viel annehmbarer als der Anblick
von einem Gemisch aus christlichen und jüdischen
Symbolen. Wenn man konsequent wäre, müßte man
schließlich auch rote Sterne für die überzeugten
Kommunisten aufstellen sowie eine Reihe anderer
Symbole. Wenn dies der angemessene Weg des Gedenkens
sein soll, würde dies sorgfältige, weitgehende
Beratungen mit allen Interessierten erfordern, in denen
festzulegen wäre, welche Symbole, in welcher Anzahl und
an welchem Ort aufzustellen sind. Dabei wäre das
Verhältnis der jeweiligen Opferzahlen zu
berücksichtigen, man müßte sich darüber einigen, ob das
Modell eines Militärfriedhofes angemessen ist, auf dem
Gräber und Symbole nebeneinanderstehen; oder ob es vor
allem ein jüdischer Friedhof ist (wie es die Mehrheit
der Juden zu sehen scheint) oder ob man generell in
Auschwitz keine friedhofsähnlichen Anlagen errichten
soll. So oder so bleibt es ein schwieriges Problem, und
vielleicht ist es am einfachsten, sich auf einen
Kompromiß zu einigen und überhaupt keine Symbole,
sondern ausschließlich religiös neutrale Informationen
anzubringen.
Das eigenmächtige Aufstellen von Kreuzen in der
Überzeugung, das Kreuz sei ein universelles Symbol, das
die Gefühle und Hoffnungen aller Opfer ausdrücke, ist
verfehlt. Denn es ist das Symbol des christlichen
Triumphalismus. Ich kann den Wunsch der Christen
verstehen, daß das Kreuz für alle das Symbol der
höchsten Werte sein möge. Aber das ist nicht der Fall.
Für die Juden ist es ein kränkendes Symbol, das für sie
traditionell ein Zeichen der Bedrohung darstellt.
Verständnis für diese Haltung zeigt ein bemerkenswerter
Teil der Erklärung des Komitees für den Dialog mit dem
Judaismus beim Rat des Polnischen Episkopats vom Juli
1996, die von Bischof Stanislaw Gadecki unterzeichnet
ist. Ein anderes Mitglied dieses Komitees, Priester
Ryszard Rubinkiewicz, erinnerte sogar an alte jüdische
Überlieferungen, die den Tod am Kreuz als besonders
schändlich und als ein Zeichen der Zurückweisung durch
Gott empfanden. Zwar gibt es in der heutigen jüdischen
Tradition keine derartige Vorstellung, doch kann man
langanhaltende Nachwirkungen früherer religiöser
Einstellungen nicht ausschließen. Es scheint jedoch,
daß für die heutigen Juden die Erinnerung an ihre
Verfolger, die sich des Symbols des Kreuzes bedienten,
viel bedeutender ist. Natürlich haben viele Juden heute
keine besonders eindeutigen Emotionen gegenüber dem
Kreuz und erkennen dessen Bedeutung für die Christen
an. Doch solange ein Symbol nicht als Symbol der
Versöhnung gesehen wird, kann diese Bedeutung der
anderen Seite nicht eingeredet werden.
Das Problem der Christianisierung reicht tiefer als
die Gefahr der Dominanz christlicher Symbole. Es tritt
auch in der Möglichkeit der Dominanz christlicher, d.h.
eigentlich katholischer Heiliger zu Tage.
Die Kirche hat das schon erwähnte Problem der
Anonymität der Opfer zum Thema gemacht. Sie tat das in
der ihr eigenen Weise, indem sie zwei Personen, Opfer
des Lagers, heilig sprach: Pater Maximilian Kolbe und
Schwester Theresa bzw. Edith Stein. Ich stelle
keineswegs das Recht der Kirche zu diesem Schritt in
Frage. Natürlich teile ich nicht den katholischen
Heiligenkult, doch verspüre ich Bewunderung, daß damit
der einzig gelungene Versuch zur Überwindung der
Anonymität der Opfer unternommen wurde. Ich habe nichts
dagegen, daß die katholische Kirche diese beiden Opfer
ehrt. Beides waren herausragende Menschen, der
heldenhafte Tod Maximilian Kolbes wie auch die
imponierende Persönlichkeit Edith Steins verdienen
tiefe Achtung. Doch das Ergebnis des kirchlichen
Vorgehens ist ausgesprochen beunruhigend: gerade diese
Personen werden zu Stellvertretern aller Opfer des
Lagers. Aber gerade sie sind keine typischen Opfer!
Katholische Heilige sind keine Vertreter von Opfern,
die überwiegend Juden waren. Der Priester und die
getaufte Jüdin leihen ihre Gesichter Menschen, die eine
andere Identität hatten. Dies wäre sogar dann
verletzend, wenn man nicht einen der beiden Namen mit
antisemitischen Publikationen assoziierte bzw. den
anderen nicht mit dem Abfall vom jüdischen Glauben.
Edith Stein war eine große Frau, die Ordensschwester
wurde, aber als Jüdin starb. Man könnte meinen, daß sie
alle Opfer symbolisiert. Für uns ist das aber nicht so:
sie erinnert an die Konversion von Juden zum
Katholizismus, das aber ist eine schmerzhafte
Erscheinung, besonders bedrückend im Kontext von
Auschwitz.
Gibt es einen Ausweg? Es ist unmöglich, entsprechende
jüdische Personen zu benennen, deren Bilder man an
Kiosken verkaufen und auf Altären aufstellen könnte.
Denn es gibt keine solche Tradition. Die informelle
Erinnerung an einzelne jüdische Opfer ist zwar möglich,
aber das ändert nichts wesentliches an der Dominanz
dieser beiden Heiligen. Ich kann mir nur wünschen, daß
diejenigen, die den Kult um den heiligen Maximilian
mittragen, sich selbst und ihre Zuhörer immer auch an
die anderen, ihm unähnlichen Opfer von Ausch-witz
erinnern.
Neben der Dominanz christlicher Heiliger existiert
noch eine subtilere Gefahr der "Christianisierung", die
Dominanz tieferer christlicher Symbolik. Dabei geht es
mir um die Auffassung vom Sinn des Leidens und damit
vom Sinn des Lagers. Sinn oder Sinnlosigkeit? In
christlicher Perspektive drängt sich sofort die
Erlösung als Sinn des Leidens auf. In der jüdischen
Tradition ist dieser Zusammenhang nicht
selbstverständlich und sicher. In den Augen
wohlwollender Christen wird die Shoah leicht mit dem
Leiden Jesu vergleichbar und damit als eine Art von
Opfer verstanden, das man auf dem Altar darbringt. Dies
aber nobilitiert die Täter dieser Opferung. Man kommt
nicht umhin zu fragen: Von wem wurden diese Opfer denn
dargebracht? Darauf kann es keine befriedigende Antwort
geben. Fast jede Antwort beleidigt. Die christliche
Interpretation gibt somit dem Martyrium in den
Gaskammern mehr Sinn, als das der Mehrheit der Juden
möglich ist.
Ähnliche Einwände werden sogar bei indirekten
Interpretationen deutlich. Einige französische Juden
warfen Andrzej Wajda vor, in dem Film "Korczak"
konstruiere er ein Ende, das den Sieg über den Tod
suggeriere. Sie empfanden dies als eine Mißachtung der
in Treblinka getöteten Kinder und sogar als Ausdruck
eines versteckten Antisemitismus. Ich denke, diese
Vorwürfe waren nicht redlich, da sie den Film eher als
einen Anlaß nahmen, statt ihn als einen Gegenstand der
Kritik zu behandeln. Doch tatsächlich empfinden viele
Juden den "christlichen" Optimismus als
ungerechtfertigt, wie auch manche den "zionistischen"
Optimismus in Frage stellen. Sogar Johannes Paul II.,
dessen Sensibilität für das Schicksal der Juden keinem
Zweifel unterliegt, sprach im Zusammenhang mit der
Vernichtung davon, daß ein so großes Leiden auch große
Früchte tragen müsse. Diese Aussage ist nicht an und
für sich schlecht, aber in Bezug auf die Shoah
erschließt sie für meinen Geschmack allzu leicht den
erlösenden Sinn. Auschwitz besitzt nicht dieses
erlösende Element der Buße, das wir gemeinhin mit der
Vorstellung vom Märtyrertod für den Glauben verbinden.
Auschwitz ist der endgültige, ausweglose Schrecken,
denn die Juden wurden verurteilt, unabhängig von ihrer
Bereitschaft zur Verteidigung des Glaubens und
unabhängig von jedwedem Verhalten.
Eine subtile Form der "Christianisierung" ist der
Versuch, die Vernichtung zu instrumentalisieren. Daran
sind auch einige Juden beteiligt, die verschiedene
andere, nichtchristliche Versionen der Opferungsidee
vorbringen. Demnach mußten die Juden sterben, um
Erlösung von der Sünde des Zionismus zu erlangen oder
um für die Unvollkommenheit des Zionismus oder anderer
"ungebührlicher" Ideologien zu büßen. Ich habe jedoch
den Eindruck, daß für die Mehrheit der Juden das
Postulieren irgendeines Sinns des Leidens und des
Martyriums anderer nicht akzeptabel ist. Daraus
resultiert nämlich unmerklich eine Rechtfertigung der
Täter und eine Herabwürdigung der Opfer.
6. Theologie wider Willen
In den ersten Jahren nach der Befreiung war das Lager
zunächst ein Krankenhaus und später eine Haftanstalt
für politische Gefangene, Deutsche und Schlesier. 1947
entstand hier ein von ehemaligen Häftlingen geleitetes
Museum. Alles war bekannt und erweckte eher
Erinnerungen an einen Alptraum als metaphysische
Furcht. Die Verbrechen waren offenbar. Die Sicherung
von Beweisen für die Verbrechen sowie die Erhaltung von
Einzelheiten hatten keine Priorität. Einen Teil der
Lagerbaracken hatten Armee und Anwohner schon zu
Brennholz verarbeitet. Den Gründern des Museums ging es
um die Darstellung des Ortes, der Leiden und Erlebnisse
der Häftlinge. Für eine theologische Analyse war noch
keine Zeit, sogar im Westen nicht. Auch eine politische
Instrumentalisierung fand statt. Für die Kommunisten,
die einen großen Teil der Widerstandsbewegung im Lager
ausgemacht hatten, war Auschwitz das Symbol für die
Verbrechen des Faschismus und sollte nun die Vorteile
des "fortschrittlichen Lagers" demonstrieren. Die
heutigen Mitarbeiter des Museums kennen in ihrer
Mehrheit Auschwitz ebenso wie die Kommentatoren der
Tragödie und die Besucher nur noch aus Erzählungen.
Bald wird es keine Augenzeugen mehr geben. Im Westen
gibt es immer mehr Menschen, die generell die Existenz
der Gaskammern leugnen. Den Besuchern von Auschwitz,
die sich zumeist als Pilger verstehen, muß ein
angemessenes Bild und ein vertieftes Verständnis
nahegebracht werden. Auschwitz muß heute einen Sinn
haben, in fünfzig Jahren und - wie ich meine - auch
noch in 500 Jahren.
Wenn es um das Aussehen von Auschwitz geht, existieren
zwei grundlegende Ansichten über die Zukunft des
Lagers: die Gestaltung einer Informations- und
Erziehungsausstellung unter Einsatz von Computertechnik
usw. oder das Belassen des ganzen Ortes in einem
unberührten Zustand. Ich bin sicher, daß in der
Realität beide Entwürfe berücksichtigt werden müssen.
Informationsvermittlung ist unerläßlich, warum sollte
man daher nicht moderne Methoden einsetzen? Je größer
der zeitliche Abstand wird, um so stärker tritt die
Notwendigkeit zu Tage, den Ort "so wie er war" zu
belassen. Doch dies ist ein Mythos. Auch wenn es
wünschenswert wäre, ist es im wörtlichen Sinne doch
unmöglich. Trotz des Schreckens, den es hervorruft,
sieht das Lager Birkenau nicht aus wie damals. Bäume
und Grasflächen sind gewachsen, die damals von
Tausenden von Füßen niedergetrampelt wurden, das Lager
sieht heute fast idyllisch aus. Ohne Konservierung
wären viele Bauten schon vor langer Zeit verfallen. Den
Stacheldraht mußte man auswechseln, und sogar die
Ruinen der Krematorien wurden durch
Zementeinspritzungen verstärkt, da sie sonst nicht mehr
so wie früher ausgesehen hätten. Es ist auch notwendig,
die verschiedenen Objekte, die sich aus der Lagerzeit
erhalten haben, zu bewahren. Die berühmte Sammlung der
Haare, die man den Ermordeten abgeschnitten hatte und
die nicht in die Fabriken geschickt worden waren, wo
sie als Rohstoffe dienten, erfordern eine komplizierte
Behandlung zu ihrer Konservierung. Kürzlich wurden in
einigen Baracken Zentralheizungen angebracht, was der
Authentizität widerspricht, aber unvermeidlich ist,
will man die überkommenen Objekte erhalten. Die Gelder
für diese zusätzlichen Arbeiten kommen zu einem großen
Teil aus Deutschland - wieder aus Deutschland. Der
Bedarf übersteigt die zur Verfügung stehenden Mittel.
Darüber hinaus bleibt die Frage bestehen, in welcher
Weise das Museum funktionieren soll.
Ist das Beten auf dem Lagergelände angemessen? Alle
Christen und die Mehrheit der Juden zweifeln daran
nicht. Es lohnt jedoch, sich den Standpunkt der
Gegenseite zu vergegenwärtigen. Recht häufig hört man
von Juden das Argument, das Gelände von Auschwitz solle
leer bleiben, dort solle Schweigen bewahrt werden.
Dieses Schweigen solle auch die Gebete ersetzen. Es
soll ein Äquivalent sein zum fehlenden Eingreifen
Gottes, der zuließ, daß der Schrecken Wirklichkeit
wurde - in Form einer banalen Fabrik des
fließbandmäßigen Mordens. Die Rede von der
Unangemessenheit religiöser Zeremonien und vom
Schweigen, das dem Schweigen Gottes entspreche, mögen
als Spitzfindigkeiten jüdischer Atheisten erscheinen,
die sowieso alle Religion ablehnen. Doch die Sache ist
nicht so einfach.
Eine umfassendere religiöse Argumentation stellte der
ehemalige oberste Rabbi Frankreichs, Ren Samuel Sirat,
vor. Er ist ein sehr traditioneller Jude, dabei aber
dialogbereit. Er bezog sich auf ein Zitat des Propheten
Jeremias: "Und sie haben die Höhen des Tofet im Tal
Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter zu
verbrennen, was ich nie geboten habe und mir nie in den
Sinn gekommen ist. Darum siehe, es wird kommen die
Zeit, spricht der Herr, daß man es nicht mehr nennen
wird Tofet und Tal Ben-Hinnom, sondern Würgetal" (Jer.
7, 31-32). Das Würgetal ist heute Auschwitz, mehr noch
als Tofet oder Ben-Hinnom, wo die Kinder dem Moloch
geopfert wurden. Daher, so schlußfolgert Sirat, ist das
Hersagen eines Gebetes in Auschwitz die Anknüpfung an
den "scheußlichsten Götzendienst".
Unabhängig davon aber, welchen Wert der Aufruf zu
"einer absoluten Stille, ohne Gebet und ohne Gespräch"
hat, ist es doch eine Tatsache, daß fast alle Juden,
auch solche, die im Alltag keinen Bezug zur Religion
haben, nach Auschwitz kommen, um dort Gebete zu
sprechen. Das Sprechen des Kaddisch ist es, worauf es
ihnen ankommt. Anfänglich dachte ich, daß der
Widerstand der Juden, die keine generellen Gegner der
Religion sind, gegen jegliche Art von Gebeten vor allem
der rationale Ausdruck eines spontanen Unwillens
gegenüber katholischen Zeremonien war. Doch einige
reagieren spontan mit Unwillen auf die traditionellen
Gebete. Ich traf einen ehemaligen jüdischen Häftling
des Lagers, der zu mir sagte: "Ich habe gesehen, wie
meine Angehörigen dort ermordet wurden, aber wenn ich
dort bin, kann ich den Kaddisch nicht sprechen."
Auf dem Gelände des ehemaligen Lagers kann keine
Stille herrschen, schon allein deswegen nicht, weil
sich dort große Mengen von Touristen aufhalten. Ich bin
der Meinung, daß alle touristischen Dienstleistungen
wie Gastronomie, sanitäre Anlagen und Läden außerhalb
des Lagers eingerichtet werden sollten. Vielleicht
sollte man bestimmte Regeln bezüglich des Verhaltens
auf dem Lagergelände einführen, vielleicht sogar
bezüglich der Kleidung, obwohl das Verhängen solcher
Regeln sehr schwierig ist. Es geht mir jedoch nicht
darum, mich über die Besucher zu beschweren. Im
Gegenteil: Das Interesse für diesen Ort ist keine
lästige Erscheinung, sondern eine Herausforderung.
Immer mehr Menschen aus dem Ausland werden diesen Ort
besuchen. Ob wir wollten oder nicht, er ist zu einer
der größten Touristenattraktionen Polens geworden,
wahrscheinlich zu dem Ort Polens, der im Ausland am
bekanntesten ist. Die Bewohner von Oswiecim profitieren
schon davon, obwohl sie sich gleichzeitig über die
Beeinträchtigung ihres Alltagslebens beschweren.
Oswiecim hat die Möglichkeit zu einem bedeutenden
Zentrum der Besinnung im sich umgestaltenden und
vereinigenden Europa zu werden. Dieser Ort zieht jeden
an. Die ungeschickt organisierten Feierlichkeiten zum
fünfzigsten Jahrestag der Befreiung des Lagers waren
trotzdem gelungen, da eine Vielzahl wichtiger
Staatsmänner, darunter auch gekrönte Häupter, dort
zusammenkam.
Dieser Ort zieht an, weil er uns mit den tiefsten, den
niedrigsten oder höchsten Ausprägungen der menschlichen
Existenz konfrontiert. Diese sind schwer zu fassen,
noch schwerer zu beschreiben, aber eines ist sicher:
auf diese Erscheinungen beziehen sich alle Religionen.
Um ihnen Ausdruck zu verleihen und sich gleichzeitig
der Banalisierung entgegenzustellen, muß man den
religiösen Aspekt berücksichtigen. Ich denke, daß
dieser Wunsch der Grund für das Bemühen der
katholischen Kirche um das Recht auf Anwesenheit an
diesem Ort war. Unabhängig von der Form der
Verwirklichung dieser Pläne ist diese Motivation meiner
Meinung nach berechtigt und verdient Anerkennung und
Unterstützung. Ich empfinde dieser Motivation gegenüber
Sympathie, die aber nicht die Vorbehalte, die aus der
Furcht vor einer "Christianisierung" resultieren,
beseitigt. Im übrigen scheint die Mehrheit der Juden
die individuellen Gebete in Auschwitz zu akzeptieren,
im Gegensatz zu den "institutionalisierten" Gebeten,
wie sie durch das Kloster ihren Ausdruck fanden. Eine
solche Auffassung wurde in den Erklärungen vertreten,
die aus den jüdisch-katholischen Gesprächen über das
Kloster in Genf 1986 und 1987 hervorgingen. Das Problem
herausgehobener religiöser Kultorte bleibt jedoch
weiter bestehen. Im Block Nr. 10 befindet sich in einer
der Todeszellen eine Kapelle für Pater Kolbe.
Der jüdische Pavillon ist ein Ort der Besinnung.
Einige Juden sprachen sich dafür aus, einen Gegenstand
aufzustellen, der sozusagen einen zentralen jüdischen
Ort schaffen würde. Aus Sicht der jüdischen Tradition
wäre eine Tafel mit einem Gebetstext für die
Verstorbenen die natürlichste Lösung. Beide erwähnten
Orte des Gebets befinden sich im Inneren von Gebäuden.
Vielleicht erregten sie daher keinen offenkundigen
Widerspruch. Vielleicht kann man mehr solcher
spezieller Gegenstände in den einzelnen Gebäuden
unterbringen. Es gibt Pläne, private Tafeln und
Erinnerungsobjekte im Gebäude der sogenannten Sauna in
Birkenau auszustellen. Erlaubt man jedoch konsequent
die weitere Einrichtung solcher Orte, entsteht die
Gefahr der Konkurrenz darum, wer die meisten solcher
Orte besitzt.
Ich denke, der beste Weg, den religiösen Aspekt in
einer allgemein anerkannten Art und Weise zu
etablieren, wäre die Verwendung von Zitaten aus der
hebräischen Bibel. Dieser Plan war Gegenstand langer
Auseinandersetzungen im Internationalen Rat für die
Gedenkstätte und das Museum Auschwitz-Birkenau, der vom
Kulturminister als Beratungsorgan berufen wurde.
Nebenbei bemerkt ist jener Name für das ehemalige
Lagergelände von dem Rat anstatt der bislang
verwendeten Bezeichnung "Staatliches Museum
Oswiecim-Brzezinka" eingeführt worden. Der neue Name
stellte niemanden zufrieden, obwohl er nach langen
Diskussionen 1990 im ersten Amtsjahr des Rates
verabschiedet wurde. Die offizielle Verwendung des
Namens wurde aber erst 1996 beschlossen. Dies zeigt
sowohl die Schwierigkeiten, einen gemeinsamen
Standpunkt selbst in einer einfachen Angelegenheit zu
finden, wie auch die Dauer der Umsetzung getroffener
Entscheidungen.
Die kritisierten Aufschriften auf dem Denkmal in
Birkenau wollte der Rat durch passendere ersetzen. Ich
schlug ein Zitat vor, daß schon auf anderen Denkmälern
der Vernichtung zu lesen war, einen Vers aus dem Buch
Hiob (16, 18): "Ach Erde, bedecke mein Blut nicht, und
mein Schreien finde keine Ruhestatt." Die Vorzüge
dieses Textes sind offenbar. Erstens ist er sehr
ausdrucksvoll und paßt genau zur Situation. Die
hebräische Bibel ist für die Juden ebenso wichtig wie
für die Christen. Das Zitat aus der Bibel schafft
automatisch eine höhere Ebene, die für alle
verständlich ist. Gleichzeitig ist es nüchtern genug,
um niemanden zu verletzen. Darüber hinaus enthält
gerade das Buch Hiob Betrachtungen aus atheistischer
Sicht - die Tatsache des Leidens Unschuldiger. Das
Original ist hebräisch, so daß die Anbringung dieses
Textes an exponierter Stelle sogleich den jüdischen
Aspekt in einer natürlichen, keinen Widerspruch
hervorrufenden Art und Weise betont. Dazu kommen
theologische Feinheiten: im Original erscheint das Wort
"Blut" im Plural, was alte rabbinische Kommentare mit
dem Bezug auf das Blut Unschuldiger oder zukünftiger
Generationen erklären, die aufgrund des Tötens nicht
geboren werden konnten. Dies trifft überaus passend auf
Auschwitz zu.
Die überwältigende Mehrheit der Ratsmitglieder, sowohl
Juden als auch Christen, waren für die Anbringung
dieses Zitates. Wir waren erstaunt, als die größte
Vereinigung ehemaliger Lagerhäftlinge Widerspruch
anmeldete. Deren Vorsitzender, Baron Maurice Goldstein
aus Brüssel, widersprach sehr energisch. Er wollte, daß
auf der Tafel eine getreuere Darstellung der Geschichte
des Lagers und des Wesens der Verbrechen gegeben würde.
Alle erkannten die Notwendigkeit einer genauen
historischen Beschreibung an, doch müßte diese erstens
ausreichend lang sein, wozu nicht genügend Platz
vorhanden war, und zweitens wäre es schwierig gewesen,
in einem solchen Text die höhere Ebene zu
verdeutlichen, die bislang so sehr gefehlt hatte. Im
Zuge informeller Diskussionen drückte er seine tiefste
Überzeugung aus: "Damals war Gott nicht anwesend, daher
wollen wir nichts aus der Bibel."
Die Verhandlungen dauerten lange. Den Repräsentanten
der ehemaligen Häftlinge gebührt eine wesentliche
Stimme. Es wurde ein Kompromiß erzielt: auf kleinen
Tafeln wurde in 20 Sprachen eine kurze historische
Beschreibung gegeben, auf einer großen Tafel erschien
das Zitat aus dem Buch Hiob im Original, auf polnisch
und in der Sprache der Sinti und Roma sowie auf
englisch, russisch und französisch. Man berief ein
Redaktionskomitee. Es zeigte sich, wie überaus
schwierig es ist, einen nicht banalen Text zu
entwerfen, der alle zufrieden stellt. Auch deshalb sind
Bibelzitate so wertvoll: niemand ist versucht, sie zu
redigieren.
Schließlich wurde auf den kleinen Tafeln folgender
Text angebracht: "Dieser Ort, an dem die
Nationalsozialisten ungefähr anderthalb Millionen
Menschen ermordeten, Männer, Frauen und Kinder, vor
allem Juden aus allen Ländern Europas, sei für
Jahrhunderte Verzweiflungsschrei und Warnung für die
Menschheit. Auschwitz-Birkenau 1940-1945." Dieser
angemessene, aber einfache Text wurde sechs Jahre
nachdem die Tafeln mit der Information über die 4
Millionen Opfer entfernt worden waren, angebracht. Auch
1996 war die Haupttafel mit der Aufschrift über die
Verleihung des Ordens an die "für Freiheit und Würde
Kämpfenden" unverändert.
Die Bedeutung von Auschwitz kann man ebenso wie die
Bedeutung der Vernichtung ohne ein Quentchen Religion
nicht verstehen. Die Kontroverse um die Tafeltexte
machte deutlich, daß man schwer Fragen wie diese
vermeiden kann: "Wo war Gott?" "Hat die Tatsache, daß
die Juden das erwählte Volk Gottes sind, was sowohl die
jüdische Überlieferung als auch die Lehre der Kirche
verkündet, einen Einfluß auf unser Bild der
Tragödie?"
Die Besucher haben die Neigung, sich mit den Opfern
des Lagers zu identifizieren. Dies ist nicht nur bei
Juden, Polen, Amerikanern oder Hindus der Fall, sondern
in gewissem Grade auch bei den Deutschen. Im
österreichischen Pavillon ist von den Österreichern
ausschließlich als von Opfern des Nationalsozialismus
die Rede. Aber Hitler wurde doch von so vielen
Österreichern unterstützt, und darüber hinaus waren
viele Mitglieder der Wachmannschaften im Lager
Österreicher. Man spricht über die slowakischen Opfer,
doch die damaligen slowakischen Machthaber
organisierten selbst die Deportation ihrer Juden nach
Auschwitz. Wie kann man dieses Problem ohne Demagogie,
aber auch ohne Tabu darstellen? Wie kann man
vereinfachende Antworten auf die Frage nach der Schuld
vermeiden?
Natürlich trägt Hitler die Hauptschuld, seine
Mitarbeiter, die Organisatoren der Lager sowie das
Wachpersonal. Es ist jedoch eine Illusion zu glauben,
daß eine Antwort ohne tiefere Analysen ausreiche. In
gewissem Sinne waren auch manche Deutsche, die man zu
dieser "Arbeit" abkommandierte, Opfer des
National-sozialismus. Daher werden die schwierigsten
Fragen auf der rein menschlichen Ebene offenbar,
jenseits der Unterscheidungen Juden - Christen, Polen -
Deutsche und so weiter. Im Prinzip sind wir die
gleichen Menschen wie die Verbrecher und die Helden von
Auschwitz. Den nächsten Generationen junger Menschen
müssen wir die Frage stellen: was hätte ich getan, wenn
ich damals dort gewesen wäre? Als Häftling? Als
Wachmann? Haben wir das moralische Recht solche Fragen
zu stellen? Oder haben wir das Recht, sie nicht zu
stellen?
[nach oben]
Die Wahrheit über das Kreuz in Auschwitz
Stanislaw Musial, Gazeta Wyborcza, 22.4.1998
Aus dem Polnischen: Katrin Steffen
Das Kreuz im Konzentrationslager Auschwitz wurde 1989
auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube unmittelbar
neben dem Gebäude des sogenannten Alten Theaters
aufgestellt. Noch bevor 1942 im nahen Birkenau die
eigentliche Todesfabrik, die in erster Linie der
Ermordung von Juden diente, errichtet wurde, wurden
hier in einer ersten Phase der Lagergeschichte, der
sogenannten Zeit des polnischen Lagers, sporadisch
Gefangene erschossen. Vor allem Polen, aber auch Juden
polnischer Staatsbürgerschaft. Nach Kriegsende blieb
dieser Platz 44 Jahre lang leer, von Gras
überwuchert.
Wer hatte die Initiative ergriffen, das Kreuz
aufzustellen ? War es vielleicht die Kirche in Gestalt
des Krakauer Metropoliten, Kardinal Franciszek
Macharski, dem Auschwitz damals juristisch unterstand?
Nein. Die Leitung des Museums Auschwitz? Ebenfalls
nicht. Der Verband ehemaliger Auschwitz-Häftlinge? Auch
nicht. Veteranenverbände oder andere gesellschaftliche
Organisationen? Auch sie haben die Initiative nicht
ergriffen.
Wurde der Krakauer Metropolit wenigstens um das
Einverständnis der kirchlichen Seite ersucht, an dieser
Stelle ein Kreuz zu errichten? Er wurde nicht. Wurde
die Aufstellung denn zumindest mit der Museumsleitung
und denjenigen gesellschaftlichen Organisationen
abgestimmt, die hier etwas zu sagen haben? Sie wurden
nicht nach ihrer Meinung gefragt.
Fand nach der Aufstellung des Kreuzes eine
Eröffnungsfeier für das neue "Erinnerungsmahnmal"
statt, bei der die Geistlichkeit, die
Museumsverwaltung, Repräsentanten von interessierten
Organisationen, Vertretern der Stadt- und
Kirchenverwaltung einbezogen worden wären? Es gab
keinerlei Feier oder Zeremonie.
Das Kreuz wurde heimlich, nicht bei Tageslicht, in
großer Eile und der klassischen konspirativen
Sabotagemethode folgend aufgestellt. Die öffentliche
Meinung wurde mit einer vollendeten Tatsache
konfrontiert.
Mit welchem Ziel wurde das Kreuz auf dem Gelände der
ehemaligen Kiesgrube errichtet? Man könnte glauben, vor
allem um das Andenken der dort ermordeten Personen zu
ehren. Wenn sich die Initiatoren des Unternehmens
jedoch diesem Ziel verschrieben hätten, warum
konsultierten sie dann nicht die Organisationen, die
das Andenken an die Opfer pflegen? Warum wurde nur an
Polen gedacht und nicht auch an Juden?
Ebenfalls denkbar ist, das Kreuz sei aufgebaut worden,
um Christus zu ehren, der in unserem christlichen
Glauben in besonderer Weise in jedem leidenden Menschen
gegenwärtig ist. Wenn dies zutrifft, stellt sich die
Frage, warum die Kirchenverwaltung übergangen wurde,
die als einzige verbindlich feststellen kann, ob Gott
an einem solchen Unternehmen Gefallen findet oder auch
nicht.
Die Namen der Personen, die eigenmächtig über die
Aufstellung des Kreuzes auf dem Gelände der ehemaligen
Kiesgrube in Auschwitz entschieden haben, sind bekannt,
vor allem in den kirchlichen Kreisen vor Ort. Es ist
nicht meine Aufgabe, sie hier aufzuführen. Ich will nur
so viel sagen, daß es sich um Menschen aus der Umgebung
der sogenannten Verteidiger des Karmeliterinnenklosters
handelt, die zahlreiche Anstrengungen unternommen
haben, um den Umzug der Schwestern in ein anderes
Kloster zu vereiteln, das nur 500 Meter entfernt von
dem Alten Theater, das die Schwestern bewohnen,
entstehen soll. Katholiken und Juden hatten diesen
Umzug im Frühjahr 1987 gemeinsam während eines Treffens
in Genf beschlossen.
Weil ich an diesem Treffen teilgenommen habe, möchte
ich einige unzutreffende Einschätzungen zu diesem Thema
korrigieren. 1987 in Genf gab es weder Sieger noch
Besiegte. Die jüdische Seite akzeptierte die Präsenz
des Karmeliterinnenklosters in unmittelbarer Nähe des
Lagers (aber außerhalb des Schutzstreifens). Weiter war
sie einverstanden, daß direkt neben dem Kloster ein
Zentrum des Dialogs aufgebaut werden sollte (nach
katholischer Vorstellung sollte das Karmel-Kloster
dessen geistiges Zentrum sein). Die katholische Seite
stimmte dem Umzug der Schwestern aus dem Alten Theater
in ein neues Kloster zu. Diese Entscheidungen fielen
beiden Seiten nicht leicht. Die Genfer Verständigung
war - am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts - ein
seltenes Beispiel dafür, wie Dialog, Vernunft und
Toleranz siegen können in Fragen, die unlösbar scheinen
- wie es ja häufig vorkommt, wenn religiöse und
geistige Symbole und Werte miteinander in Kollision
geraten.
Mit der Aufstellung des Kreuzes auf dem Gelände der
ehemaligen Kiesgrube und im Lager Auschwitz verfolgten
die Initiatoren und Betreiber des Projektes die
Absicht, diesem Stückchen Erde und dem zugehörigen
Kloster einen Status sakraler Unberührbarkeit zu
verleihen. Zu kommunistischen Zeiten wurde diese
Methode viele Jahre lang angewandt, um kirchliche Güter
zu schützen. Im allgemeinen akzeptierten die
Kommunisten solche ausgewiesenen Plätze - manchmal aus
Achtung für die religiösen Überzeugungen der Gläubigen,
zuweilen sogar aus abergläubischer Furcht vor dem
Heiligen, meistens jedoch einfach des "lieben Friedens"
wegen.
Woher stammt nun das Kreuz, das gegenwärtig auf dem
Gelände der ehemaligen Kiesgrube steht? Es ist das
Kreuz, vor dem Johannes Paul II. in Birkenau während
seiner ersten Pilgerreise nach Polen im Jahr 1979 ein
Abendmahl zelebrierte. Die damaligen Anforderungen
rechtfertigten so ein monumentales Kreuz. Denn zu der
Feier in Birkenau kamen riesige Menschenmengen, und das
Kreuz war der einzige Orientierungspunkt, der den
Teilnehmern ermöglichte, Altar und Standort des Papstes
zu lokalisieren. Natürlich vermittelte das Kreuz als
inhaltlicher "Wert" den allerbesten "Kommentar" zu dem
Ort und der liturgischen Zelebrierung. Nach den
Feierlichkeiten wurde es entfernt und in einer der
Pfarrgemeinden von Auschwitz deponiert.
In einigen Publikationen trifft man auf die
Formulierung "päpstliches Kreuz". Dies ist keine
korrekte Bezeichnung. Von einem päpstlichen Kreuz
könnte man nur dann sprechen, wenn es speziell vom
Papst geweiht und für das Gelände der ehemaligen
Kiesgrube vorgesehen worden wäre. So war es jedoch
nicht. Und auch die Information der Presse, der Papst
habe bei dem Kreuz auf dem Gelände der ehemaligen
Kiesgrube eine heilige Messe abgehalten, muß berichtigt
werden. Johannes Paul II. hat niemals eine heilige
Messe auf dem Gelände der ehemaligen Kiesgrube
zelebriert.
Seit vielen Wochen vermehren sich die Initiativen zur
Verteidigung des Kreuzes in Auschwitz. Alle Anzeichen
von Haß, Intoleranz und auch Antisemitismus, die bei
diesen Gelegenheiten zum Vorschein kommen, müssen
kategorisch verurteilt werden. Gleichzeitig muß man die
Protestierenden verstehen, von denen die Mehrheit im
besten Glauben handelt. Sie sind fest davon überzeugt,
daß sie das Kreuz vor Entweihung schützen und das
Andenken an die Ermordeten bewahren. Sie protestieren
nicht aus Fanatismus, sondern aus einem Gefühl der
Bedrohung heraus, einer Bedrohung dessen, was für sie
und für alle Gläubigen das wertvollste sein sollte: die
Liebe zu Christus und die Ehrerbietung für die
Nächsten, denen brutal das Leben genommen wurde.
Den Hintergrund für diese Proteste bilden Unwissenheit
und mangelnde Kenntnis der Realität. Das Problem des
Auschwitzer Kreuzes ist demnach nicht das Problem der
Protestierenden, sondern all derer, die den
Protestierenden Klarheit vermitteln sollten, dies aber
unterlassen. Hier würde ich drei Kategorien von
Personen unterscheiden. Zur ersten Kategorie gehören
diejenigen, die selbst nicht viel über das Kreuz
wissen. Sie sind nicht informiert, äußern sich aber
trotzdem und schlagen dabei hohe
theologisch-vaterländische Töne an: Glauben an
Christus, Patriotismus, Ehre für die Opfer. Sie lösen
in den Seelen der Gläubigen die edelsten Reflexe aus,
rufen aber in ihren Herzen auch Dämonen hervor
(natürlich nicht in allen).
Die aus der zweiten Kategorie kennen die ganze
Wahrheit über das Kreuz - aber sie verdrehen sie. Sie
wissen, aber desinformieren. Es steht mir nicht an zu
beurteilen, ob sie bewußt oder unbewußt vorgehen. Wenn
sie bewußt handeln, sollten sie sich an die Botschaft
von Christus erinnern.
Zur dritten Kategorie schließlich gehören die, die
alles wissen, aber schweigen. Sie reagieren nicht und
geben vor, es sei nicht ihre Angelegenheit. Sie irren
sich, weil die Proteste aus ganz Polen kommen und nicht
nur aus bestimmten Regionen. Die Schuld von Personen
der zweiten und dritten Kategorie besteht darin, daß
sie den Hilfsbedürftigen keine Hilfe zuteil werden
lassen. Helfen könnten sie, indem sie die Wahrheit über
das Kreuz in Auschwitz sagen und durch zutreffende
moralische und theologische Informationen das Gewissen
formen und aufklären.
Die Verlegung des Kreuzes vom ehemaligen Gelände der
Kiesgrube an einen anderen würdigen Platz - auf das
Land bei der Kirche neben dem neuen Karmel-Kloster -
bedeutete keineswegs eine Entweihung dieses religiösen
Symbols oder fehlende Achtung für Christus, den das
Kreuz symbolisiert. Während seiner Pilgerfahrt nach
Polen hat der Papst vor vielen Kreuzen eucharistische
Feiern abgehalten. Keines von ihnen verblieb an seinem
ursprünglichen Ort. Einige wurden verlegt, andere
demontiert. Niemand sprach damals von einer Entweihung
dieser Kreuze.
Es ist verständlich, daß das Kreuz, das neben dem
Kloster aufgestellt wurde, das Kloster an seinen neuen
Ort begleiten sollte. Eine Verlegung des Kreuzes wäre
nicht gleichbedeutend damit, daß das Gelände der
ehemaligen Kiesgrube erneut von einer dicken Schicht
des Vergessens bedeckt werden würde wie in den Jahren
1945 bis 1989.
Alle sind sich darin einig, daß an das Martyrium der
Menschen, die hier ermordet wurden, in angemessener
Form erinnert werden soll. Die konkrete Form des
Gedenkens sollte mit allen Seiten abgesprochen werden -
auch mit jüdischen Vertretern. Wenn auch nur ein
einziger Jude an diesem Ort ermordet wurde, müssen
Juden in diese Konsultation einbezogen werden.
Der grundsätzliche Vorbehalt, den Juden gegen die
heutige Form des Gedenkens an diesem Ort vorbringen,
betrifft nicht so sehr das Kreuz selbst (das wird
akzeptiert), sondern seine Monumentalität. In der
Presse wurde dieses Thema völlig zu Unrecht ironisiert.
Das Kreuz ist vom Inneren des Lagers zu sehen, auch
wenn man vor dem Todesblock steht. Und das kann den
geistigen Frieden von Juden, die das Lager besuchen,
wirklich stören. Um die Empfindungen von anderen zu
verstehen, muß man kein Psychologe sein. Ein bißchen
menschliches Herz reicht aus.
Wird die Eskalation der katholischen Proteste noch
größer werden und soll das Leiden der Juden unendlich
andauern? Die Lösung des gegenwärtigen Problems von
Auschwitz, das einen Teil der polnischen Katholiken und
Juden entzweit, kann derzeit nur ein kleiner Raum auf
dem Lagerterrain bringen: die Todeszelle von Pater
Kolbe (für uns Katholiken der heilige Maximilian).
Brauchen wir Christen und - gemeinsam mit uns, erlaube
ich mir demütig zu sagen - Menschen guten Willens ein
anderes Denkmal im Lager von Auschwitz? Wenn jemand
materielle religiöse Symbole braucht, so findet er sie
in ausreichender Anzahl in der Zelle von Pater Kolbe
(Block 10 im Lager, im sogenannten Todesblock). Die
Zelle von Pater Kolbe zeigt uns allen einen Weg, eine
Welt ohne Todeszellen aufzubauen, ohne Haß, im Geist
von Liebe und Dialog, im Geist von Demut angesichts der
enormen Schwierigkeit, die Welt zu interpretieren (alle
müssen wir hier demütig sein, Gläubige wie
Nichtgläubige), im Angesicht von Leiden, das die
Menschheit peinigt und des Bösen, das so oft zur
Herrschaft drängt. Denkmalstreitereien sollten wir
beiseite legen. Die ersten Christen hatten fast 150
Jahre lang nach Christi Tod keine Kreuze,
Heiligenbilder, Gotteshäuser, Grabsteine und Denkmäler.
Sie wußten eines - daß sie die neuen Geschöpfe in
Christus sind - und das reichte ihnen, um Gott und die
Nächsten zu lieben.
Das Christentum braucht keine Monumente - die sind von
Natur aus heidnisch und dienen dazu, zu verblüffen, zu
erdrücken und andere zu demütigen. Christus fand und
findet keinen Gefallen an "Monumentalitäten" - er wurde
in einem Stall geboren und starb den Tod der römischen
Sklaven an einem Holzkreuz. Wollen wir, Christen,
besser sein als unser Meister ?
Priester Stanislaw Musial (60 Jahre) - Jesuit, in den
Jahren 1986 bis 1995 Sekretär der Kommission des
polnischen Episkopates für den Dialog mit dem Judentum.
1987 in Genf spielte er eine entscheidende Rolle beim
Abschluß der Verständigung mit jüdischen Organisationen
im Streit um den zukünftigen Ort des
Karmeliterinnenklosters in Auschwitz. Bis 1991
redigierte er die Wochenzeitschrift "Tygodnik
Powszechny" mit.
[nach oben]
Die jüdische Gemeinschaft*
Dariusz Szamel
Aus dem Polnischen: Katrin Steffen
In jüdischen Kreisen nimmt man an, daß in Polen etwa
6.000 bis 15.000 Menschen jüdischer Herkunft leben. Sie
wohnen hauptsächlich in Städten in Zentralpolen
(Warschau, Lodz), Kleinpolen (Krakau), Ober - und
Niederschlesien sowie Pommern. Einige charakteristische
Merkmale unterscheiden diese Gemeinschaft von den
anderen Gruppen, die in diesem Band vorgestellt werden.
Hier sind vor allem die Folgen des Holocaust zu nennen.
Während des Zweiten Weltkrieges wurden nicht nur
annähernd 90 Prozent der polnischen Juden ermordet,
gleichzeitig wurde auch eine jahrhundertlange
Kontinuität jüdischen religiösen, sozialen und
kulturellen Lebens ausgelöscht. Nach dem Zweiten
Weltkrieg wurden die Aktivitäten dieser Gemeinschaft,
wie auch die anderer Minderheiten, zunächst künstlich
gestoppt, bevor sie ab 1949/1950 von der Regierung auf
jeweils eine einzige Organisation eingeschränkt wurden
- die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen
(Towarzystwo Spoleczno-Kulturalnego Zydów w Polsce
[TSKZ]). Seit 1945/1946 reiste die Mehrheit derjenigen,
die den Holocaust überlebt hatten, in mehreren
Emigrationswellen aus.
Eine sehr wichtige Zäsur bildete für die jüdischen
Kreisen das Jahr 1968. Die jüdische Frage wurde damals
für die Machtkämpfe an der Regierungsspitze
instrumentalisiert. Die Mehrheit der noch in Polen
verbliebenen, bereits assimilierten Juden wurde in
einer demütigenden Atmosphäre zur Emigration gezwungen.
Diese Ereignisse Ende der sechziger Jahre spalteten das
jüdische Milieu in Polen. Diejenigen, die nicht
ausreisten, erlagen einer tiefgehenden Polonisierung
oder stimmten weiteren, schmerzhaften Kompromissen
gegenüber der Regierung zu.
Gleichzeitig begann in den siebziger Jahren ein Prozeß
der Rückkehr von Personen aus assimilierten Familien zu
den jüdischen Wurzeln. Dieser Prozeß ist bis heute
nicht abgeschlossen und beeinflußt die Gestalt des
jüdischen Milieus in Polen maßgeblich. Neben einigen
wenigen Vertretern der ältesten Generation von
polnischen Juden, denen es gelungen ist, ihre jüdische
Identität während der gesamten Zeit der Volksrepublik
zu bewahren, wird derzeit die mittlere Generation immer
aktiver und zahlreicher. Sie stammt oft aus
assimilierten Familien, in denen eine Entscheidung über
die Identität im Erwachsenenalter getroffen wurde. Über
die Zukunft der Gemeinschaft polnischer Juden wird die
jüngste Generation entscheiden, die jüdische Jugend,
die ihre Identität ebenfalls bewußt wählt.
Nach Meinung vieler aktiver Funktionäre in den
jüdischen Organisationen läßt sich die jüdische
Gemeinschaft nicht als nationale Minderheit definieren.
Stanislaw Krajewski beispielsweise meint, die Juden
"was immer sie auch sind, ganz bestimmt sind sie keine
nationale Minderheit wie zum Beispiel die ukrainische
Minderheit (...). Die jüdische Minderheit ist so
weitgehend etwas ganz eigenes, daß alle Schemata, wie
sie beispielsweise in dem Gesetz über nationale,
ethnische oder religiöse Minderheiten vorkommen, nicht
zutreffen." Jüdische Aktivisten heben gemeinhin ihre
enge Verbindung mit dem polnischen Volk hervor, ihre
Bindung an jüdische Tradition verschmilzt mit
polnischem Patriotismus (So schrieb Konstanty Gebert,
aktives Mitglied der jüdischen Gemeinschaft in Polen,
im Jahre 1996: "Polen ist unser Vaterland (...) in
Polen, bei mir zu Hause fühle ich mich als Hausherr).
Wie einer der führenden jüdischen Jugendlichen
bemerkte, ist "die Mehrheit derjenigen, die Polen nicht
für ihren Staat halten, bereits ausgereist." Seiner
Ansicht nach ist die jüdische Jugend trotz solcher
Ereignisse wie der faschistischen Kundgebung in
Auschwitz im April 1996 "sehr patriotisch und fühlt,
daß das unser Land ist, unser Vaterland, seit
Jahrhunderten waren wir hier und werden wir hier sein".
Viele dieser Jugendlichen kommen aus polnisch-jüdischen
oder polonisierten Familien, in denen jüdische
Traditionen seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegt
wurden. Hier läßt sich von einer, dieses Milieu
kennzeichnenden, doppelten Identität sprechen: einer
jüdischen und einer polnischen Identität.
Hervorhebenswert ist auch die Vielfalt
polnisch-jüdischer Initiativen für einen Dialog und für
besseres Verständnis. Die ersten Kontakte dieser Art
entstanden bereits Anfang der siebziger Jahre als
Reaktion auf die antisemitische Kampagne der Regierung
(1968). Begegnungsorte von Juden und Polen entstanden
unter anderem in katholischen Institutionen und Kreisen
(das Zweite Vatikanische Konzil bewirkte eine
Veränderung in der Einstellung vieler Christen den
Juden gegenüber). Zu solchen gemein-samen Aktivitäten
gehörte die informelle Woche der Jüdischen Kultur, die
1973 von jungen Mitgliedern des Warschauer Klubs der
katholischen Intelligenz initiiert wurde, in der man
zugleich Aufräumungsarbeiten auf dem jüdischen Friedhof
an der Okopowa-Straße durchführte. Einige katholische
Zeitungen und Verlage veröffentlichten Arbeiten, die
sich der jüdischen Kultur näherten oder sie selbst
mitgestaltet hatten. Auch außerhalb katholischer Kreise
wurden, besonders nach dem Jahr 1980, entsprechende
Werke veröffentlicht.
Nach 1989 nahmen ähnliche Aktivitäten offizielle und
institutionelle Formen an. Es entstanden Initiativen
von staatlicher Seite (so der in den Jahren von 1991
bis 1995 existierende Rat für die Polnisch-Jüdischen
Beziehungen beim Präsidenten der Republik Polen), von
der katholischen Kirche (die Kommision des Episkopates
für den Dialog mit dem Judentum, das Institut für den
Katholisch-Judaistischen Dialog bei der Akademie für
Katholische Theologie in Warschau ) oder auch von
Privatpersonen (der Polnische Rat von Christen und
Juden, die Polnisch-Israelische
Freundschaftsgesellschaft, die
Edith-Stein-Gesellschaft). Unter diesen Initiativen
ragt besonders das Festival Jüdischer Kultur positiv
heraus, das in Krakau von Polen organisiert wurde, die
von dieser Kultur fasziniert waren.1997 fand das
Festival zum siebten Mal statt. Die Organisatoren des
Festivals bemühen sich sowohl um ein hohes
künstlerisches Niveau als auch um eine Wirksamkeit in
die Breite. Wissenschaftliche Institutionen an der
Krakauer und Warschauer Universität erforschen die
Vergangenheit der Juden in Polen und machen sie einer
breiteren Öffentlichkeit zugänglich.
Obwohl viele dieser aufgeführten Unternehmungen
elitären Charakter haben, führen sie doch dazu, daß
sich die polnisch-jüdischen Beziehungen günstiger
entwickeln als beispielsweise die polnisch-litauischen
oder polnisch-ukrainischen Beziehungen.
Die jüdischen Organisationen in Polen und ihre
kulturellen Aktivitäten
In Polen gibt es keine Organisation, die für die ganze
jüdische Gemeinschaft repräsentativ wäre. Etwas
vereinfachend könnte man sagen, daß jede Generation
polnischer Juden innerhalb anderer Strukturen handelt.
Davon unabhängig werden jedoch beispielsweise die
jüdischen Feiertage gemeinsam begangen.
Die älteste jüdische Generation, die Überlebenden des
Holocaust, engagiert sich in der Sozial-Kulturellen
Gesellschaft der Juden in Polen, im Verein Jüdisches
Historisches Institut und im Verband Jüdischer
Veteranen und Opfer der Verfolgungen während des
Zweiten Weltkriegs.
Die 1950 entstandene Sozial-Kulturelle Gesellschaft
der Juden in Polen (TSKZ) ist die größte jüdische
Organisation. Den 16 Regionalgesellschaften
(Bielsko-Biala, Dzierzoniów, Beuthen, Danzig, Gleiwitz,
Kattowitz, Tschenstochau, Krakau, Stettin, Liegnitz,
Lublin, Lódz, Waldenburg, Breslau, Sorau, Warschau)
gehören etwa 3.000 Personen an. In den Räumen der
Zweigstellen treten Schauspieler des jüdischen Theaters
auf, es gibt Vorträge und Lesungen. In einigen
Vertretungen werden Jiddisch-Kurse angeboten wie
derzeit in Danzig. Die jüdischen Feiertage und der
Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstandes werden
feierlich begangen. In einem Zentrum der Gesellschaft
in Sródborów bei Otwock finden Veranstaltungen zur
Bildungs- und Kulturarbeit statt. Im Sommer 1996 nahmen
dort etwa 200 Kinder und Jugendliche an einem
Ferienlager teil. Die Gesellschaft gibt die alle zwei
Wochen erscheinende Zeitung "Dos Jidisze Wort - Slowo
Zydowskie" [Das jüdische Wort] heraus. Die TSKZ ist im
Jüdischen Weltkongreß und im Europäischen Kongreß der
Juden vertreten. Auf der letzten Versammlung der
Organisation im März 1996 wurde erneut Szymon Szurmej
zum Vorsitzenden gewählt.
Das Staatliche Jüdische Esther Rachel Kaminska
-Theater in Warschau und die
Amerikanisch-Polnisch-Israelische Stiftung zur
Förderung der Polnisch-Jüdischen Kultur "Shalom" sind
mit der TSKZ verbunden. Das jüdische Theater, das seit
1970 von Szymon Szurmiej geleitet wird, entstand 1950
aus der Zusammenlegung zweier jiddischsprachiger
Theater in Breslau und Lódz. Die Stiftung "Shalom"
wurde 1991 mit dem Ziel gegründet, die
polnisch-jüdische Kultur in Polen und der Welt zu
fördern. Sie organisierte 1995 einen Wettbewerb zur
Einschickung von Fotos über das jüdische Leben in Polen
und stellte sie anschließend im Warschauer Museum aus.
1996 erschien ein Bildband von dieser Ausstellung mit
dem Titel "I ciagle widze ich twarze" [Immer wieder
sehe ich ihre Gesichter]. Gemeinsam mit der
Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden in Polen und
dem israelischen Bildungsministerium organisierte die
Stiftung auch mehrfach einen Wettbewerb zur "Geschichte
und Kultur der polnischen Juden", an dem sich
Jugendliche der Oberschulen beteiligen konnten und
beteiligten. Geleitet wird die Stiftung von Golda
Tencer.
Für viele Juden bleibt die wichtigste organisatorische
Struktur auch weiterhin die Jüdische Gemeinde. Ihre
Funktion erschöpft sich nicht in religiösen
Aktivitäten, denn traditionell gehört zu den
grundlegenden Aufgaben der Gemeinde eine breite
edukative, karitative und kulturelle Arbeit, wie sie
auch für die hier bereits angeführten Organisationen
typisch ist (mehr zum Verband der Jüdischen
Kultusgemeinden in der Republik Polen im Abschnitt über
Religion).
Der 1947 entstandene Verein Jüdisches Histori-sches
Institut (ZIH) ist die älteste jüdische Organisation in
Polen. Bis 1994 war das Jüdische Historische Institut
als wissenschaftliches Zentrum dem Verein angegliedert.
In diesem Jahr wurde es in das selbständige staatliche
wissenschaftliche Zentrum Jüdisches Historisches
Institut - Wissenschaftliches Forschungsinstitut
(ZIH-INB) umgestaltet. Der Verein ZIH blieb sowohl
Eigentümer des Gebäudes als auch der
Bibliotheksbestände und der Museums- und
Archivsammlungen und arbeitet mit dem ZIH-INB zusammen,
um die Bestände zu konservieren und zugänglich zu
machen. Neben der rein wissenschaftlichen Tätigkeit ist
das Institut auch darum bemüht, die Erkenntnisse aus
der Forschung einer breiteren Öffentlichkeit zu
vermitteln. Die Mitarbeiter organisieren Kurse für
Lehrer über die Geschichte der Juden in Polen und geben
populärwissenschaftliche Ausarbeitungen und
Quellensammlungen in der Editionsserie des Jüdischen
Historischen Instituts heraus. Vierteljährlich
erscheint die wissenschaftliche Zeitschrift "Bulletin
des Jüdischen Historischen Instituts" (Biuletyn ZIH).
Direktor des ZIH-INB ist Prof. Dr. Feliks Tych.
Der Verein ZIH arbeitet derzeit hauptsächlich daran,
ein Museum für die Geschichte der polnischen Juden in
Warschau aufzubauen. Das Museum soll das Andenken an
die tausendjährige Geschichte der Juden in der
polnischen Republik bewahren. Alle Aspekte jüdischen
Lebens - die Religion, die Kultur, die Gebräuche, das
wirtschaftliche und soziale Leben und der jüdische
Beitrag zur Geschichte Polens sollen möglichst
vollständig dokumentiert werden. Das Museum für die
Geschichte der polnischen Juden, konzipiert als ein
modernes, erzählendes Museum, kann eine außergewöhnlich
wichtige erzieherische Funktion sowohl für Polen als
auch für Juden erfüllen. Unterstützt wird das Projekt
von so bekannten Personen wie dem ehemaligen
Staatspräsidenten Israels, Chaim Herzog (er wurde
Vorsitzender des internationalen Ehrenkomitees für den
Museumsbau), dem derzeitigen deutschen
Bundespräsidenten Roman Herzog und Prof. Zbigniew
Brzezinski. Vorsitzender der internationalen
Programmkommission, die die Einzelheiten der
Museumskonzeption ausarbeitet, ist Jeshajahu Weinberg,
der das Holocaust-Museum in Washington und das
Diaspora-Museum in Tel Aviv konzipiert hat. In einigen
Ländern wurden Gesellschaften und Freundschaftskomitees
für das Museum ins Leben gerufen (an der Spitze des
Warschauer Komitees steht der Stadtpräsident von
Warschau Marcin Swiecicki). Das Museum für die
Geschichte der polnischen Juden soll auf dem Platz
neben dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos
gebaut werden. Der Rat der Gemeinde Warschau-Zentrum
hat bereits ein 13.000 qm großes Grundstück auf der
Basis eines kostenlosen Nutzungsrechtes angewiesen.
Vorstandsvorsitzender des Vereins ZIH ist Prof. Michal
Friedman, Direktorin Dr. Grazyna Pawlak.
Nach 1990 entstanden zwei neue Organisationen für
Personen, die den Holocaust überlebt haben: Der
"Verband der Jüdischen Veteranen und Opfer der
Verfolgungen während des Zweiten Weltkrieges" und der
Verein "Kinder des Holocaust". Der Veteranenverband
zählt etwa 1.200 Mitglieder, die sich auf dreizehn
Regionalverbände aufteilen. In dem Regionalverband in
Warschau gründete sich eine historische Kommission, die
unter anderem Berichte und Erinnerungen aus der Zeit
der Vernichtung der Juden sammelte. Diese Erinnerungen
wurden 1996 publiziert. Der Verband kümmert sich auch
um das Andenken an die während des Zweiten Weltkriegs
gefallenen polnischen Soldaten jüdischer Herkunft
(unter anderem in Katyn) und setzt sich dafür ein, ihre
Gräber kenntlich zu machen. Die Funktionäre des
Verbandes nehmen auch an den Feierlichkeiten zur
Erinnerung an die Arbeit des "Rates zur Judenhilfe"
(Zegota) teil und bemühen sich darum, daß denjenigen
Polen, die während des Zweiten Weltkrieges Juden
gerettet haben, Veteranenprivilegien zuerkannt werden.
Der Verband J üdischer Veteranen und Opfer von
Verfolgungen während des Zweiten Weltkrieges ist
Mitglied in der weltweiten Föderation Jüdischer
Veteranen mit Sitz in Israel. Geleitet wird der Verband
von Arnold Mostowicz.
Der Gesellschaft "Kinder des Holocaust" gehören
Personen an, deren Kindheit in die Zeit des Zweiten
Weltkrieges fiel und die wegen ihrer Herkunft von den
Deutschen zur Ausrottung bestimmt waren. Die
Gesellschaft wurde im September 1991 registriert, sie
hat etwa 500 Mitglieder. 1993 wurde im Verlag der
Gesellschaft das Buch "Kinder des Holocaust sprechen"
(Dzieci Holocaustu mówia) veröffentlicht, in dem die
Lebensläufe von 63 Mitgliedern der Gesellschaft
rekonstruiert werden. Das nächste Buch mit Erinnerungen
aus der Zeit der Vernichtung kam 1996 heraus. Darin
sind Berichte von Zeugen des Holocaust veröffentlicht,
Polen wie Juden, die auf einen Aufruf der Gesellschaft
und der Wochenzeitung "Polityka" hin eingeschickt
wurden. Die Gesellschaft gibt unregelmäßig ein Bulletin
heraus und arbeitet sowohl im Bildungssektor als auch
auf dem Gebiet der Selbsthilfe. Vorstandsvorsitzender
ist Prof. Dr. Jakub Gutenbaum.
Die Mehrheit der Mitglieder der jüdischen
Organisationen, bzw. der Personen, die mit ihnen in
Kontakt stehen, befinden sich bereits im
fortgeschrittenen Alter. Vielen von ihnen gelang es,
den Krieg unter dramatischen Umständen zu überleben.
Der karitativen Arbeit für diese Gruppe hat sich die
Zentrale Jüdische Karitative Kommission angenommen, die
im Rahmen des Verbandes der Jüdischen Kultusgemeinden
tätig ist und von Feliks Lipman geleitet wird. Der
Kommission gehören Vertreter verschiedener jüdischer
Organisationen und Gesellschaften an.
Neben den bereits angeführten jüdischen
Organisationen, die in erster Linie die ältesten
Mitglieder dieser Gemeinschaft vereinigen, sollen hier
auch die Initiativen der mittleren Generation
vorgestellt werden. Nach 1990 gründeten sie die
Stiftung "Jüdisches Forum" (Forum Zydowskie). Den
Vorsitz im Vorstand dieser Stiftung hat Dr. Stanislaw
Krajewski inne, der gleichzeitig informeller Kopf
dieses Milieus ist. Grazyna Pawlak gründete und leitet
den Sportverein "Maccabi". Eine interessante und
charakteristische Initiative des "Jüdischen Forums" ist
das 1996 ins Leben gerufene "jüdische
Vertrauen-stelefon".
Integrationszentren für die jüngste Generation
polnischer Juden sind die Polnische Union Jüdischer
Studenten (Polska Unia Studentów Zydowskich [PUSZ]) und
die Redaktion der Zeitschrift "Jidele". Die Polnische
Union Jüdischer Studenten existiert seit etwa fünf
Jahren, wurde offiziell aber erst im Frühjahr 1995
registriert. Die Studentenunion ist eine
Jugendorganisation, die sich weder als religiös noch
politisch versteht und etwa 100 Mitglieder in einigen
großen polnischen Städten zählt (Warschau, Breslau,
Stettin, Lódz, Danzig, Kattowitz). Die Union
organisiert für ihre Mitglieder Seminare, Vorträge und
gesellschaftliche Treffen, insgesamt etwa drei bis vier
Veranstaltungen im Jahr (zum Beispiel ein Feuer am Tag
Israels oder ein Jugendlager in Verbindung mit
Aufräumungsarbeiten auf dem örtlichen jüdischen
Friedhof). Die Studentenunion konzentriert sich zur
Zeit auf die interne Arbeit für ihre Mitglieder, obwohl
sie in Ausnahmesituationen auch Forderungen an die
Regierung erhebt. Vorsitzender von PUSZ ist Jerzy
Filipowicz.
In Krakau arbeiten jüdische Jugendliche an der
Gründung eines Jugendforums der Nationalen Minderheiten
"Für uns und andere" ("Sobie i innym") mit. In Breslau
entstand 1991 die "Hawurah Le Limud Jahadut" -
Gesellschaft zum Kennenlernen des Judaismus. Diese
Gesellschaft leitet Jerzy Kichler. Eines seiner Ziele
ist, die jüdischen Kulturdenkmäler in Niederschlesien
zu erhalten.
Die Mehrheit der jüdischen Organisationen in Polen ist
in der Koordinierungskommission der Jüdischen
Organsiationen in Polen vereinigt. Diese Kommission ist
ein Diskussionsforum und ein Ort, an dem gemeinsame
Standpunkte der einzelnen Vertreter der verschiedenen
jüdischen Kreise in Polen erarbeitet werden. Der
Vorsitzende wird halbjährlich aus den Reihen der
Vorsitzenden jener Organisationen gewählt, die in der
Kommission vertreten sind.
Mit Kindern und Jugendlichen jüdischer Herkunft
arbeitet die in Polen seit Ende der achtziger Jahre
tätige Ronald S. Lauder Foundation. Diese Stiftung
verfolgt das Ziel, das erwachende sozial-kulturelle
jüdische Leben in Ostmitteleuropa zu unterstützen. In
Polen konzentriert sich die Lauder Foundation auf die
Arbeit mit Kindern und Jugendlichen jüdischer Herkunft,
wobei sich die meisten von ihr unterstützten
Initiativen in Warschau befinden. Dort finanziert sie
die seit 1989 existierende jüdische Vorschule sowie die
1994 gegründete private Grundschule
Lauder-Morascha-School, unterstützt die Arbeit der
Polnischen Union Jüdischer Studenten, den Sportverein
Maccabi und die Herausgabe der Zeitschriften "Midrasz"
und "Jidele". In Jugendklubs in Warschau, Breslau,
Lódz, Krakau und Danzig organisiert die Stiftung
Unterricht in jüdischer Religion und Kultur. Demselben
Ziel dienen Kurse in Sommer- und Winterlagern in
Rychwald in den Beskiden. Die Schulungen in den
Jugendklubs und den Ferienkursen beeinhalten unter
anderem Hebräisch-Unterricht, Vorträge über die Bibel
und den Talmud, jüdische Musik und die jüdischen
Feiertage. Etwa 2.000 Personen stehen in Kontakt mit
der Stiftung, deren Arbeit Rabbi Michael Schudrich
koordiniert.
Das seit 1992 in Warschau tätige Bildungs- und
Informationszentrum für Jüdische Kultur nimmt eine
Servicefunktion gegenüber anderen jüdischen
Organisationen wahr, indem es Bildungsmaterialien zur
jüdischen Kultur zur Verfügung stellt und Schulungen
für das Führungspersonal dieser Gemeinschaft
organisiert. An den Seminaren des Zentrums nehmen
Vertreter der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Juden
in Polen, der Lauder Foundation, der Polnischen Union
Jüdischer Studenten, der Gesellschaft "Kinder des
Holocaust" und des Jüdischen Forums teil. Die Arbeiten
des Zentrums leitet Helena Datner.
Kontakte mit Vertretern der Regierung
Parlament
Im Rahmen der Treffen der Sejmkommission für Nationale
und Ethnische Minderheiten mit den
Minderheitenorganisationen kommt es auch zu
Zusammenkünften mit Repräsentanten der jüdischen
Organisationen (eines dieser Treffen fand am 11.10.1994
statt). Die Vertreter des Verbandes der Jüdischen
Kultusgemeinden beteiligten sich auch an der Arbeit der
Sejmkommission, die sich dem Gesetz zur Regelung des
Rechtsstatus der jüdischen Religion widmete.
Organe der Exekutive
Es gibt keine Institution, die sich mit der Gesamtheit
der polnisch-jüdischen Beziehungen beschäftigte und
somit ein entsprechender Partner für die j üdische
Gemeinschaft in Polen wäre. In den Jahren 1991-1995 gab
es einen Rat für Polnisch-Jüdische Beziehungen bei dem
Präsidenten der Republik Polen. Mit dem Ende der
Präsidentschaft von Lech Walesa stellte auch dieser Rat
seine Arbeit ein. In der Kanzlei von Aleksander
Kwasniewski beschäftigt sich die für politische
Strategie zuständige Gruppe mit den polnisch-jüdischen
Beziehungen.
Für diese Beziehungen sind mehrere staatliche Ämter
zuständig: Die Kanzlei des Ministerpräsidenten, das
Ministerium für Inneres und Verwaltung, das
Außenministerium (in diesem Ministerium gibt es einen
Bevollmächtigten für die Kontakte mit der jüdischen
Diaspora, den Botschafter Krzysztof Sliwinski), das
Ministerium für Kultur und Kunst (hier arbeitet ein
Büro für die Kultur der nationalen Minderheiten, das
für die Bezuschussung von kulturellen und
herausgeberischen Initiativen der nationalen
Minderheiten verantwortlich ist) und das
Bildungsministerium.
Die einzelnen Kontakte der Regierung mit
Repräsentanten jüdischer Organisationen drehen sich in
erster Linie um die Regelung von zwei Fragen: den
Status des Konzentrationslagers von Auschwitz-Birkenau
und den Rechtsstatus der jüdischen Kultusgemeinden.
Charakteristisch für die jüdische Gemeinschaft in Polen
ist, daß sich internationale jüdische Organisationen
gleichfalls für die Regelung dieser
Problemeverantwortlich fühlen und sie in Gesprächen mit
der polnischen Regierung aufgreifen. So wurden sie
unter anderem im April 1996 während eines Treffens von
Präsident Aleksander Kwasniewski mit Vertretern der
Koordinierungskommission der Jüdischen Organisationen
in Polen und des Europäischen Kongresses der Juden
diskutiert.
Öffentliche Zuwendungen für die jüdischen
Organisationen
Zuwendungen für die Kulturarbeit der jüdischen
Organisationen kommen hauptsächlich aus dem Haushalt
des Ministeriums für Kultur und Kunst und werden durch
das Büro für die Kultur der Nationalen Minderheiten
zuerkannt (bis 1995 durch das Büro für Nationale
Minderheiten des Ministeriums für Kunst und Kultur).
Von diesem Fonds profitierte fast ausschließlich die
Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen, die
1996 180.000 Zloty erhielt. Zu-sätzlich wurden 9.000
Zloty für die Zeitschrift "Jidele" bereitgestellt.
Insgesamt erhielten jüdische Organisationen 1996 also
189.000 Zloty. Der größte Teil der Zuwendung für die
Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen ist
für die Herausgabe der Zeitschrift "Slowo Zydowskie"
vorgesehen, die verbleibende eher niedrige Summe wird
für die kulturelle Tätigkeit der regionalen
Vertretungen der Gesellschaft eingesetzt.
1995 überwies das Bildungsministerium im Rahmen einer
Zuwendung für verschiedene Bildungsverbände eine Summe
von 20.000 Zloty für den von der TSKZ organisierten
Wettbewerb "Geschichte und Kultur der polnischen
Juden". Aus dem Staatshaushalt wird auch die Tätigkeit
des Staatlichen Jüdischen Theaters in Warschau
finanziert. Finanzielle Unterstützung für die
kulturelle und religiöse Tätigkeit der polnischen Juden
kommt auch von dem American Jewish Joint Distribution
Committee.
Massenmedien
Der Verband der jüdischen Kultusgemeinden bereitet
religiöse Programme für das Polnische Radio vor. Sie
werden am Vortag der wichtigsten jüdischen Feiertage im
Radio BIS gesendet, das zu der Aktiengesellschaft
Polskie Radio S.A. (Polnisches Radio) gehört. 1996
wurden vier solcher Sendungen aufgezeichnet (am
Vorabend der Feiertage Pessach, Schawuot, Rosh Ha
Schana und Jom Kipur). Sporadisch thematisieren auch
andere Radio- und Fernsehprgramme jüdische Fragen.
Die älteste jüdische Zeitung ist "Dos Jidisze Wort -
Slowo Zydowskie". Diese Zeitschrift ist die Fortsetzung
der in den Jahren 1946 bis 1991 erschienenen
"Folks-Sztyme". "Slowo Zydowskie" ist eine zweiwöchig
erscheinende, zweisprachige Zeitung (polnisch und
jiddisch) in einer Auflage von etwa 1.100 Exemplaren
(drei Viertel der Auflage geht an Empfänger im
Ausland!). Die Zeitung wird von der Sozial-Kulturellen
Gesellschaft der Juden in Polen unter der Chefredaktion
von Adam Rok herausgegeben.
Unregelmäßig erscheint seit 1992 die Zeitschrift
"Jidele." Diese von der jüngsten Generation polnischer
Juden hergestellte Zeitung erscheint ausschließlich in
polnischer Sprache. Während "Slowo Zydowskie" nur
strikt jüdische Themen anspricht, erscheinen in
"Jidele" auch Texte allgemeineren Charakters (zum
Beispiel zur Nationalitätenpolitik Polens). Die
Redakteure von "Jidele" wollen die Zeitung zu einem
Begegnungsort von Juden, Polen und anderen
Nationalitäten machen. Seit der ersten Nummer arbeitet
Bogna Pawlisz als Chefredakteur von "Jidele".
"Midrasz", eine neue jüdische Monatsschrift, die seit
April 1997 in einer Auflage von 3.200 erscheint, und
deren Chefredakteur Konstanty Gebert ist, könnte bald
zur wichtigsten Zeitschrift der polnischen Juden
werden. Sie richtet sich auch an polnische Leser.
Schulwesen
Seit dem Zusammenbruch des gesellschaftlichen Lebens
der polnischen Juden nach 1968 gab es keine offizielle
Bildungsarbeit mit jüdischen Kindern mehr. In kleinerem
Maß nahmen sich einige regionale Verbände der TSKZ
dieser Aufgabe an (in den achtziger Jahre
beispielsweise in Warschau). Ende der achtziger Jahre
wurde diese Arbeit von der Lauder Foundation finanziell
unterstützt und erheblich ausgeweitet. Seit 1989
finanziert die Stiftung in Warschau eine jüdische
Vorschule, die die einzige Vorschule dieser Art in
Polen ist und im Schuljahr 1995/1996 von dreißig
Kindern besucht wurde.
Im September 1994 entstand in Warschau die erste
jüdische Grundschule nach über einem
Vierteljahrhundert, die Lauder - Morasha-School. Diese
private Schule wird ebenfalls von der Lauder Foundation
finanziert. Das Lehrprogramm umfaßt Unterricht in
Hebräisch und Einführung in die jüdische Kultur. Im
Schuljahr 1996/1997 gingen etwa 60 Kinder in die fünf
ersten Klassen der Schule. Sowohl die Vorschule als
auch die Schule stehen allen Interessenten offen,
unabhängig von ihrer Nationalität oder dem religiösen
Bekenntnis. Ein wachsender Bedarf für Schulen ähnlichen
Charakters ist auch in Breslau und Krakau vorhanden.
Religionsausübung
Die religiösen polnischen Juden werden von dem Verband
der Jüdischen Kultusgemeinden in der Republik Polen
(Zwiazek Gmin Wyznaniowych Zydowskich w RP)
repräsentiert (bis 1992 nannte sich diese Organisation
Religiöser Verband Mosaischen Glaubens (Zwiazek
Religijny Wyznania Mojzeszowego). Der Verband der
Jüdischen Kultusgemeinden ist der Nachfolgeverband der
Jüdischen Gemeinden aus der Vorkriegszeit (die jüdische
Gemeinschaft war damals die größte nicht-christliche
religiöse Gemeinschaft in Polen). Zu dem Verband
gehören neun Kultusgemeinden in den folgenden Städten:
Kattowitz (mit Filialen in Beuthen, Tschenstochau,
Gleiwitz und Posen), Krakau, Liegnitz, Lódz, Stettin
(mit einer Filiale in Kolberg), Warschau (mit Filialen
in Lublin und Bialystok), Breslau (mit Filialen in
Dzierzoniów, Waldenburg und in Sorau bei Zagan), Danzig
und Bielsko-Biala. In jeder dieser Gemeinden werden
Gottesdienste in Synagogen, Bethäusern oder in dafür
hergerichteten Räumen abgehalten. Die Häufigkeit der
Gottesdienste hängt unter anderem von der Anzahl der
Gläubigen in den einzelnen Gemeinden ab. Neben der
Religionsausübung bemühen sich einzelne Gemeinden um
karitative (die überwiegende Mehrheit ihrer Mitglieder
sind Menschen in sehr fortgeschrittenem Alter) und
Bildungsarbeit. Gebrechliche und schwerkranke
Gemeindemitglieder werden von den Gemeinden gepflegt.
Acht koschere Kantinen gaben 1995 mehr als 70.000 Essen
aus. Am Sitz des Verbandes in Warschau gibt es auch
eine Apotheke, die Bestellungen aus ganz Polen
entgegennimmt. In den Synagogen finden Vorträge und
Konzerte jüdischer Musik statt. Jedes Jahr gibt der
Verband der Jüdischen Kultusgemeinden einen
illustrierten Kalender heraus, den "Jüdischen
Almanach", und beteiligt sich an der Herausgabe eines
polnisch-hebräischen Gebetbuches. Seit Mai 1997 ist
Jerzy Kichler Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen
Kultusgemeinden. Zu den jüdischen Gemeinden in Polen
gehören etwa 2.000 Personen.
Rabbi Pinchas Menachem Joskowicz erfüllt seit 1989 die
Aufgaben eines Obberrabiners von Polen und Rabbiners
von Warschau. Neben ihm und dem bereits erwähnten Rabbi
Michael Schudrich von der Lauder Foundation arbeiten in
Polen noch Rabbi Morejno in Lódz und Rabbi Sa'sa
Pecaric in Krakau.
Probleme
Zu den am häufigsten von jüdischer Seite
angesprochenen Problemen in Polen gehören der
Rechtsstatus der Jüdischen Gemeinden und die Lösung der
materiellen Fragen, die mit dem Erbe der früheren
Gemeinden zusammenhängt. Ähnlich wie im Fall anderer
Kultusgemeinschaften in Polen wird der rechtliche
Status der jüdischen Religion durch ein Gesetz über die
Beziehung des Staates zu den Jüdischen Kultusgemeinden
geregelt, das den Sejm am 20. Februar 1997 passierte.
An diesem Gesetz wurde zwei Jahre lang gearbeitet und
es ist ein Kompromiß zwischen den Vertretern des
Verbandes der Jüdischen Kultusgemeinden und der
Abteilung für Religion im damaligen Amt des
Ministerrates. Der Gesetzestext wurde darüberhinaus auf
den Sitzungen des Koordinierungskomitees der Jüdischen
Organisationen mit weiteren jüdischen Institutionen
beraten.
Das Gesetz regelt die Ausübung der Religion, den
Religionsunterricht, die Arbeit der karitativen,
Bildungs- und Fürsorgeinstitutionen, die
Gesundheitspflege sowie den Zugang zu den Massenmedien.
Weiter ist das Recht auf Befreiung von der Arbeit oder
dem Schulunterricht an jüdischen religiösen Feiertagen
festgeschrieben. Auch die Vermögensangelegenheiten der
jüdischen Gemeinden werden in dem Gesetz geregelt,
indem ein Eigentumsrecht an allen Immobilien garantiert
wird, die derzeit im Besitz der jüdischen Gemeinden
sind. Geht es um das Eigentum der Gemeinden vor dem
Zweiten Weltkrieg, so gibt das Gesetz den
Verwaltungsweg vor, auf dem die Gemeinden die Rückgabe
konkreter Immobilien beantragen können. Diese Anträge
werden von einer speziellen Kommission behandelt, die
sich aus Vertretern der Jüdischen Gemeinden und der
staatlichen Verwaltung zusammensetzt. Analog ist die
Situation anderer Religionsgemeinschaften in Gesetzen
geregelt.
Die Forderung nach Rückgabe einiger
Vorkriegsimmobilien, die im Besitz der jüdischen
Gemeinden waren, wurde - ganz unabhängig von ihrem
Verhältnis zur Religion - von verschiedenen jüdischen
Kreisen in der Überzeugung erhoben, daß die jüdischen
Gemeinden genauso behandelt werden sollten wie andere
Bekenntnisse.
Alle jüdischen Organisationen gehen gegen
antisemitische Äußerungen vor. Betont wird die
Tatsache, daß in Polen antisemitische Handlungen nicht
bestraft werden, und Personen, die trotz des
bestehenden Verbotes Haß gegen andere Nationalitäten
verbreiten, straffrei bleiben. Die Zeitung "Slowo
Zydowskie" registriert jegliche Anzeichen von
antisemitischen Vorurteilen. Auch einzelne jüdische
Organisationen reagieren auf Auftritte dieser Art. Zu
Beginn ihres Bestehens protestierte die Polnische Union
Jüdischer Studenten gemeinsam mit einigen polnischen
Organisationen gegen die Verbreitung von faschistischen
und antisemitischen Druckerzeugnissen auf dem Gelände
der Universität Warschau. Diesem Protest wurde Rechnung
getragen und der Verkauf solcher Erzeugnisse auf dem
Gelände der Universität verboten. Widerstand rufen auch
antisemitische Auftritte öffentlicher Personen hervor.
Nach der durch die Medien verbreiteten Predigt von
Priester Henryk Jankowski im Juni 1995, die allgemein
als antisemitisch eingeschätzt und verurteilt wurde,
erstattete ein Mitglied der Polnischen Union Jüdischer
Studenten Anzeige gegen Jankowski beim Breslauer
Staatsanwalt (im März 1997 stellte der Staatsanwalt das
Verfahren ein).
Zu Wahlkampfzeiten häufen sich antisemitische
Auftritte und Publikationen, angefangen mit den Wahlen
im Juni 1989. Auch während des Wahlkampfes für die
Präsidentschaftswahlen in der zweiten Jahreshälfte 1995
kam es zu antisemitischen Äu-ßerungen. Die
Koordinierungskommission der Jüdischen Organisationen
erstattete damals Anzeige gegen die Autoren
antisemitischer Erzeugnisse.
Die jüdischen Organisationen forderten, in die neue
Verfassung einen Paragraphen aufzunehmen, der
antisemitische Auftritte verbietet. Die Polnische Union
Jüdischer Studenten richtete 1995 gemeinsam mit einer
Antifaschistischen Gruppierung einen Appell an die
Verfassungskommission, in den Entwurf der neuen
Verfassung ein "Verbot von rassistischer und
Nazi-Propaganda" aufzunehmen. Allerdings wird auch
gesehen, daß sich die gesellschaftliche Mentalität
allein durch Verbote nicht ändert, sondern daß dazu
auch gut vorbereitete Bildungsprogramme notwendig sind.
Die Regelung des speziellen Status für das Museum
in Auschwitz und dessen Umgebung.
Das Lagergelände, der größte Friedhof des jüdischen
Volkes, hat für die Juden eine besondere Bedeutung. Es
ist das Symbol für den Holocaust während des Zweiten
Weltkriegs. Nach Kriegsende wurde nicht nur die
Tatsache verschwiegen, daß die Mehrheit der Opfer in
Auschwitz Juden waren, sondern es kam auch zu
Vorgängen, die von jüdischen Kreisen als Versuch der
"Christianisierung" und Polonisierung des Lagers
eingeschätzt wurden. In den achtziger Jahren führte das
Karmeliterinnen-Kloster auf dem ehemaligen Lagergelände
zu Konflikten. In den neunziger Jahren führte die
Kundgebung, die von jungen Nationalisten um Boleslaw
Tejkowski im Frühjahr 1996 auf dem Lagergelände
organisiert wurde, ebenso zu Auseinandersetzungen wie
die christlichen Symbole in dem ehemaligen Lager
Auschwitz-Birkenau und der Versuch, in unmittelbarer
Nähe des Lagers, einen Supermarkt zu errichten.
In einem Brief an den damaligen Premierminister
Cimoszewicz vom 9.4.1996 forderten die Polnische Union
Jüdischer Studenten und die Antifaschistische Gruppe im
Zusammenhang mit den Auftritten faschistischer
Organisationen in Auschwitz die sofortige Entlassung
des Bielsker Wojewoden, der diese Demonstrationen
genehmigt hatte.
Die Unterstüztung für die kulturellen, karitativen und
gesellschaftlichen Aktivitäten der jüdischen
Organisationen vonseiten der staatlichen Verwaltung und
der Selbstverwaltung.
Die jüdischen Organisationen in Polen werden in nur
geringem Maß aus dem Staatshaushalt gefördert. Sie
fordern höhere Zuwendungen, zum Beispiel für karitative
und soziale Projekte, die der Verband der Jüdischen
Kultusgemeinden in der Republik Polen durchführt.
Für den geplanten Bau des Museums für die Geschichte
der polnischen Juden in Warschau ist eine weitere Hilfe
von staatlichen Stellen und der Stadtverwaltung
Warschaus notwendig. Auch eine weitere offizielle
Unterstützung seitens des polnischen Staatspräsidenten
und anderer hoher Regierungsstellen für das Projekt ist
für das Ansehen des Projektes von nicht zu
unterschätzender Bedeutung.
Die Bildungsarbeit unter Kindern und Jugendlichen
jüdischer Herkunft erfährt keine staatliche Förderung.
Die Lauder Foundation, die die private jüdische
Grundschule in Warschau in einer angemieteten Wohnung
unterhält, bemüht sich bei der Stadtverwaltung um ein
Baugrundstück. Die jedoch hat ihre anfänglichen
Versprechen, ein Baugrundstück zur Verfügung zu
stellen, bisher nicht wahrgemacht.
Forderungen im Bildungsbereich.
Von vielen jüdischen Gruppen wird die Notwendigkeit
betont, Bildungsprogramme auszuarbeiten, um die
Mentalität der Menschen zu ändern. Dazu gehören
Lehrpläne zur Geschichte Polens, die die
Multikulturalität und Multiethnizität des polnischen
Staates in der Vergangenheit aufzeigen, ebenso wie die
schnelle Umsetzung der Empfehlungen der
polnisch-israelischen historischen Kommission.
Dialog zum Thema der gemeinsamen Geschichte von
Polen und Juden.
Vertreter von jüdischen Gruppen verlangen eine
würdevolle Ehrung derjenigen Polen, die während des
Zweiten Weltkriegs Juden gerettet haben und fordern,
ihnen Veteranenprivilegien zuzuerkennen. Betont wird
auch die Notwendigkeit, die Nachkriegsgeschichte
gerecht zu beurteilen - sowohl die tragischen
Ereignisse nach Kriegsende (Pogrom in Kielce 1946 und
Mordfälle an Juden in anderen Städten, der
Antisemitismus eines Teils des polnischen Untergrunds)
als auch beispielsweise die antisemitische Kampagne in
den Jahren 1967 bis 1968. Gerade zu diesen Themen
meldet sich der Verband Jüdischer Veteranen und Opfer
der Verfolgungen während des Zweiten Weltkriegs häufig
zu Wort. Nach 1990 protestierte diese Organisation
gegen den Versuch, die Nationalen Streitkräfte
(Narodowe Sily Zbrojne - NSZ) und einige andere
Abteilungen des polnischen Untergrunds (zum Beispiel
die Abteilung von Józef Kuras - "Ognia" (Feuer) zu
rehabilitieren.
Die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden in Polen
fordert regelmäßige Sendungen im öffentlichen Fernsehen
und Radio (zum Beispiel 30 Minuten einmal im Monat)
über das Leben der jüdischen Gemeinschaft in Polen.
Die jüdischen Institutionen verlangen weiter, koschere
Lebensmittel, die von den jüdischen Gemeinden oder
jüdischen religiösen Stiftungen aus dem Ausland
eingeführt werden, von Zöllen zu befreien. Das Recht
religiöser Juden auf ein Leben in Einklang mit den
Vorschriften ihrer Religion ist in Polen durch den
schwierigen Zugang zu koscheren Lebensmitteln stark
eingeschränkt. In Polen kann man praktisch keine
koscheren Lebensmittel kaufen, und der Zoll für die
eingeführte Lebensmittel aus dem Ausland ist ebenso
hoch wie für alle anderen Lebensmittel. Trotz der
Bemühungen der jüdischen Seite wurde ein Recht auf
zollfreie Einführung einer bestimmten Menge von
koscheren Lebensmitteln nicht in den Gesetzentwurf
aufgenommen, das die Situation der jüdischen Religion
regelt.
Im Zusammenhang mit der Arbeit der Sejmkommission für
Nationale und Ethnische Minderheiten an dem Gesetz über
nationale Minderheiten halten es einige jüdische
Vertreter für notwendig, einen eigenen Abgeordneten in
den Sejm zu entsenden (im Rahmen der Wahlordnung für
die Minderheiten). Diese Ansicht kann jedoch nicht als
offizieller Standpunkt der jüdischen Seite gelten,
sondern wird von Einzelpersonen vertreten. Daher wurde
sie auch nicht auf den Sitzungen des
Koordinationskomitees der Jüdischen Organisationen in
Polen diskutiert.
Zusammenfassung
Das Museum Auschwitz-Birkenau
Beeinflußt von den Konflikten um das Lager wurde unter
der Leitung des Wojewoden von Bielsko-Biala und des
Präsidenten von Auschwitz ein "Auschwitz-Programm"
erarbeitet, das eine "Umgestaltung der Stadt in ein
internationales Kongreß,- Seminar- und Bildungszentrum"
vorsieht. Dieses Programm wurde mit Repräsentanten
jüdischer Organisationen in den USA besprochen und auch
die Selbstverwaltungsgremien aus der Umgebung von
Auschwitz und die Vereinigung der Roma in Polen konnten
ihre Vorstellungen einbringen. Obwohl die
programmatischen Arbeiten noch nicht ganz beendet sind,
beschloß die Regierung im Oktober 1996, einige der
Vorhaben bereits zu realisieren. Am 8. Oktober 1996
wurde ein sogenanntes Strategisches Regierungsprogramm
für Auschwitz angenommen, das vorsieht, bis zum Jahr
2007 in Auschwitz ein Internationales Kongreß- und
Seminarzentrum aufzubauen. In einer ersten Phase (bis
2001) soll der Schutzstreifen um das Museum bearbeitet
werden, wozu auch die Modernisierung des
Kommunikationssystems gehört. Seit Ende 1997 arbeitet
der Wojewode von Bielsko-Biala, Andrzej Sikora, als
Bevollmächtigter der Regierung für die Realisierung des
Programms. Ein eigenes Gesetz über das Lager
Auschwitz-Birkenau, das das Ministerium für Kunst und
Kultur vorbereitet, soll die Erhaltung des
Lagergeländes und die Grenzen des Schutzstreifens um
das Lager regeln.
Offensichtlich ist es notwendig, daß neben den
rechtlichen Bestimmungen, die den einmaligen Charakter
des Lagers berücksichtigen, auch eine aktivere Haltung
der staatlichen Verwaltung und der
Selbstverwaltungsgremien der Wojewodschaft
Bielsko-Biala und von Auschwitz notwendig ist, um
solche Konflikte wie 1996 (zum Beispiel die Kundgebung
faschistischer Organisationen auf dem Lagergelände) zu
verhindern. Unabdingbar ist eine breite Information
über die Bedeutung von Auschwitz für Polen und für
Juden. Schließlich war Auschwitz in der offiziellen
Geschichtsschreibung der Volksrepublik Polen in erster
Linie ein Ort, an dem Polen gelitten haben, während es
für die jüdische Gemeinschaft eben der größte Friedhof
dieses Volkes ist. Viele Polen haben auch
Schwierigkeiten zu akzeptieren, daß jüdische Gruppen
gegen die religiösen Symbole auf dem Lagergelände
eintreten. Ohne einen breiten Dialog und gegenseitige
Zugeständnisse, an deren Ende die Akzeptanz von
unterschiedlichen Sensibilitäten steht, kommen beide
Seiten nicht weiter. Die Sitzungen des internationalen
und interreligiösen Museumsrates Auschwitz sind bereits
jetzt ein gutes Forum für die Anerkennung und das
Verständnis dieser Sensibilitäten.
Das Problem des Antisemitismus
Ausmaß und Charakter des sog. polnischen
Antisemitismus gehören zu den umstrittensten Problemen
in den polnisch-jüdischen Beziehungen. Im Januar 1997
veröffentlichte Untersuchungen zeigen, daß Unwissen und
stereotype Einschätzungen über die Rolle der Juden in
der polnischen Geschichte weiterhin verbreitet sind.
Der Prozentsatz derjenigen, die nicht einmal über
Grundkenntnisse der Geschichte der polnisch-jüdischen
Beziehungen verfügen, ist sehr hoch. Andererseits
kommen Aktionen offener Feindschaft (wie der Versuch,
im Februar 1997 die Warschauer Synagoge abzubrennen)
eher selten vor. Es wurde versäumt, die aufeinander
folgenden feierlich begangenen historischen Jahrestage
(50. Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstandes, der
Befreiung von Auschwitz-Birkenau, des Pogroms in
Kielce) zu nutzen, um verschiedene Aspekte der
gemeinsamen Geschichte in der Öffentlichkeit bekannter
zu machen: Der Mangel an gut durchdachten
Bildungsprogrammen in diesem Bereich ist weiterhin
offensichtlich.
Zweifellos hat die Haltung der katholischen
Geistlichkeit einen großen, allerdings nur schwer
präzise zu beschreibenden Einfluß auf eine Veränderung
der Einstellung von Polen gegenüber Juden. 1991
veröffentlichte das polnische Episkopat ein
grundlegendes Dokument, den "Brief der polnischen
Bischöfe". Darin betonten die Bischöfe, daß die
Gläubigen beider Religionen viel miteinander verbinde,
und daß jegliche Form von Antisemitismus im Widerspruch
zum Geist des Evangeliums stehe. In dem "Brief" werden
die Juden gebeten, denjenigen Polen zu verzeihen, die
während des Zweiten Weltkrieges Juden die Hilfe
verweigerten, obwohl sie dazu in der Lage gewesen
wären. Hier sollte auch noch angemerkt werden, daß der
erwähnte Auftritt von Priester Henryk Jankowski, der
die öffentliche Meinung aufwühlte, vom polnischen
Episkopat verurteilt wurde (wie auch der Versuch, die
Warschauer Synagoge in Brand zu stecken).
Polnische staatliche und lokale Institutionen haben
ebenso wie Nicht-Regierungsorganisationen zweifellos
die Aufgabe, die Spuren der Vergangenheit und die
Erinnerung an das jüdische Volk und seine Geschichte
auf polnischem Boden zu bewahren. In diesem Kontext
sollte man - sowohl in dokumentarischer wie auch
erzieherischer Hinsicht - die große Bedeutung betonen,
die dem geplanten Museum für die Geschichte der
polnischen Juden in Warschau zukommt. Darüberhinaus
besteht aber auch die Notwendigkeit, die Ausstellungen
zur Stadtgeschichte der meisten regionalen Museen
Polens um die Geschichte der Juden zu ergänzen.
Hilfe für die jüdischen Organisationen
Neben den rechtlichen Regelungen hat die Hilfe, die
den jüdischen Organisationen durch die staatliche
Verwaltung und die Selbstverwaltungsgremien zukommt,
einen wesentlichen Stellenwert. Die öffentlichen
Zuwendungen decken nur einen kleinen Teil des Bedarfs
der jüdischen Gruppen. Aktiv beteiligen sich
internationale jüdische Organisatione daran, die
bestehenden Probleme zu lösen und die polnischen Juden
finanziell zu unterstützen. Diese Tatsache sollte
jedoch den Umfang von staatlichen Hilfen für die
jüdischen Gesellschaften in Polen nicht negativ
beeinflußen.
Die jüdische Gemeinschaft in Polen ist nicht sehr
groß. Noch kleiner ist der Kreis derer, die in
traditionellen jüdischen Familien aufgewachsen sind und
"schon immer" Juden waren. Allmählich verschwindet die
Generation, die den Holocaust unmittelbar erlebt hat.
Die jüngste Veränderung auf dem Posten des Vorsitzenden
des Verbandes der Jüdischen Kultusgemeinden, den nun
Jerzy Kichler innehat, ist ein symbolischer Akt: die
Verantwortung für die Zukunft der jüdischen
Gemeinschaft in Polen wird von einer neuen Generation
übernommen.
Vor den jüdischen Kreisen steht heute das Problem der
eigenen Identitätsfindung. Damit verbindet sich ein
fortschreitender Prozeß, in dessen Verlauf es zu einer
Integration der jüdischen Kreise kommen wird.
Vielleicht führt dieser Prozeß dazu, daß eine
repräsentative Struktur für die gesamte jüdische
Gemeinschaft in Polen entsteht. Jedoch wird dieser
Integrationsprozeß erschwert, weil es an eindeutigen
Führungskräften mangelt und die bestehenden
Organisationen eher schwach sind. Und nicht zuletzt
wird die Integration auch dadurch behindert, daß zur
Identifizierung mit der jüdischen Gemeinschaft in Polen
manchmal noch immer großer Mut aufgebracht werden muß.
[nach oben]
* Dieser Artikel erschien zuerst in polnischer Sprache
in: Mniejszosci narodowe w Polsce. Praktyka po 1989
roku. [Nationale Minderheiten in Polen. Die Praxis nach
1989], Warszawa 1989.
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