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TRANSODRA 18, Oktober 1998, S. 159 - 172

Man nannte sie Slovinzen

Wojciech Lysiak, Das Drama der Slowinzen
Violetta Tkacz, Kluki (Klucken) als Heimat

 

Das Drama der Slowinzen und der Geschichtsprozeß

Wojciech Lysiak
Aus dem Polnischen: Maria Gierlak

Als der russische Forscher Alexander Hilferding 1856 die südliche Ostseeküste bereiste, wo er die vermutlich letzten Slawen traf, konnte er nicht voraussehen, daß sich hier hundert Jahre später das Drama der wohl kleinsten slawischen Ethnie, die sich am längsten ihrer Wurzeln bewußt war, abspielte. Will man die Folgen des Geschichtsprozesses genauer betrachten, sollte man überlegen, wann und unter welchen Bedingungen man von einem "Drama" der Slowinzen sprechen kann und ob in diesem Zusammenhang das Wort Drama überhaupt berechtigt ist. Diese Fragen können nur vor dem Hintergrund der tragischen Ereignisse beantwortet werden, die dazu führten, daß die am Garder- und Lebasee wohnenden Slowinzen ihre angestammte Heimat verlassen haben, die Gegend, wo sie als Slawen entdeckt wurden und wo sie letztendlich von der historischen Bühne verdrängt wurden.

Über das Drama der Slowinzen ist vor allem in individuellen Kategorien zu sprechen, weil es einzelne Menschen waren, die ihre privaten Tragödien hier erlebten. Im Hinblick auf die ganze Gruppe ist dieses Wort insofern unangebracht, als der natürliche Prozeß, der zum Verlust ihrer ethnischen Identität führte, bereits viel früher angefangen hatte. Es ist anzunehmen, daß die Geschichte der Slowinzen ähnlich wie die vieler anderer westslawischer Ethnien (wie z.B. auf Rügen, Wollin etc.) verlaufen wäre.

Die Dramaturgie des Schicksals der Slowinzen wurde kurz nach der Besetzung dieser Gebiete durch die Rote Armee zum Thema in der Publizistik und Wissenschaft. Die Titel lauteten: Hilfe für das untergehende Volk, Die Slowinzen leben, Die Überlebenden. Slowinzen in Pommern, Der tragische Kampf der Slowinzen, Am Lebasee leben und arbeiten Slowinzen, Slowinzische Fischer arbeiten für das Wohl der Volksrepublik Polen, Ein Brief aus "dem Land des großen Schweigens", Die Tragödie des slowinzischen Volkes, Trotz alledem sind sie nicht untergegangen, Heimatlos, Warum verläßt Ruta Koetsch Polen?, Der letzte Akt der Tragödie, Wir werden das Unrecht, das die Slowinzen erlitten haben, wiedergutmachen, Die Slowinzen am Garder- und Lebasee haben endlich lang ersehnte Hilfe und Schutz gefunden, Den Slowinzen wurde Gerechtigkeit verschafft. Energisches Eingreifen der Sejmkommission für die Westgebiete, Der letzte Akt, Jahrelanges Unrecht und Fehler sind zu Ende. Diese Schlagzeilen aus den Jahren 1947-1957 veranschaulichen Tragödien einzelner Menschen und das Drama einer ganzen Gruppe, deren Überleben durch eine wohl einzigartige kulturelle und gesellschaftliche Isolierung bedingt war. Ihr Leiden fand spontanes Echo vor allem in der Presse. [...]

Das grundlegende Problem [...] ist die Frage, ob die Slowinzen in der zweiten Hälfte der 40er Jahre eine so abgesonderte Gruppe bildeten, wie sie einst Alexander Hilferding wahrgenommen hat? Es ist allgemein bekannt, daß der Verlust der ethnischen Identität bei den Slawen in Pommern vor Jahrhunderten begonnen hat. In bezug auf die kaschubische Bevölkerung am Garder- und Lebasee war er um die Mitte des 19. Jahrhunderts bereits weit vorangeschritten. Als Indiz dafür können die letzten in der einheimischen Sprache abgehaltenen Gottesdienste angeführt werden: 1850 in Gardna Wielka (Groß Garde), 1856 in Smoldzino (Schmolsin), 1876 in Cecenów (Zezenow), 1886 in Glówczyce (Glowitz). Im 19. Jh. lebten nur noch in wenigen Ortschaften des östlichen Hinterpommern Slawen, und sie wurden zusätzlich durch starke Auswanderungsbewegungen nach Amerika und ins Rheinland dezimiert. Die Schule deutschte die Kinder ein, der preußische Militärdienst brachte den Eindeutschungsprozeß der einheimischen Slawen zum Abschluß. Es kam schließlich zu einer paradoxen Situation. Die Deutschen, die 1945 auf diesem Gebiet lebten und die größtenteils slawischer Herkunft waren, mußten aufgrund der Beschlüsse der Konferenzen in Jalta und in Potsdam ihre Heimat verlassen, weil sie nicht bereit waren, sich repolonisieren oder polonisieren zu lassen.

Nach dem Ersten Weltkrieg schrieb Friedrich Lorentz: "die kaschubische Sprachinsel, die noch um 1900 am Garder- und Lebasee existierte, und einige isolierte Gruppen, die im nördlichen Teil des Lebakreises lebten, haben ihre nationale Identität vermutlich bereits verloren". Der in Karzcino geborene berühmte Kenner der Volkskultur der ehemaligen Pommern, Otto Knoop, stellte 1925 fest, daß es ein Mißverständnis sei, Slowinzen als Ethnie abzusondern. Weder sie selbst noch ihre Nachbarn hätten diese Bezeichnung gebraucht, sie sei infolge einer panslawistischen Lüge entstanden, der leider auch deutsche Wissenschaftler zum Opfer gefallen seien. Hinzuzufügen ist, daß Knoops Mutter Slowinzin aus Cecenowo (Zezenow) war und daß er seine Vorliebe für die Folklore von ihr geerbt hat. Knoop schlug vor, die angeblichen Slowinzen Leba-Kaschuben zu nennen, weil auch sie diese Bezeichnung bevorzugt hätten.

Obwohl in der Sekundärliteratur häufig von Slowinzen die Rede ist, gebrauchten sie nur ungern diese Selbstbezeichnung und nach dem Zweiten Weltkrieg lehnten sie sie grundsätzlich ab. Ungeachtet dessen verwendeten die Journalisten diesen Begriff weiterhin, als sie über die Tragödie dieser Volksgruppe schrieben. Heutzutage fällt es schwer festzustellen, wer sie eigentlich waren und wofür sie sich damals hielten, als sie sich plötzlich in einem anderen Staat und System wieder fanden. Sie wurden mit Werten konfrontiert, die für sie ganz fremd waren und die mit ihren bisherigen Vorstellungen über Rechtsstaatlichkeit, Arbeitsdisziplin, Gesellschafts- und Staatsordnung sowie Rechts- und Wirtschaftssystem nichts zu tun hatten. Anhand einiger weniger Daten können wir aber versuchen, das mutmaßliche Bild des Gruppenbewußtseins der Slowinzen zu rekonstruieren.

Ludwik Zabrocki, der in den Jahren 1945-47 die Dörfer am Garder- und Lebasee besuchte, schrieb über Kluki (Klucken): "Hier hatte die kaschubische Seele einen ziemlich frischen deutschen Anstrich, (...) die historische Wahrheit verlangt, zuzugeben, daß ich selbst auf diesem Gebiet keinen einzigen Slowinzen oder Kaschuben getroffen habe, der diese Sprache gesprochen hätte". Bekanntlich lebten damals aber noch Personen, die Einzelwörter wie Segeltermini, Seenamen, lokale Toponomastik oder Bezeichnungen von verschiedenen Gebrauchsgegenständen kannten. Es waren aber lediglich Wortfetzen. Auch Kazimierz Slaski fand hier nur spärliche Überreste einer alten Mundart. Man kann also annehmen, daß die Slowinzen in dem ethnischen Hintergrund der germanisierten oder germanischen Bevölkerung der Region aufgingen. Obwohl sie zweifelsohne eigene kulturelle und sprachliche Merkmale besaßen, war der Verlustprozeß der ethnischen Identität bei diesem Volk sehr weit vorangeschritten. In Zukunft sollte sich herausstellen, daß er nicht mehr rückgängig zu machen war.

Die Slowinzen bildeten ähnlich wie Masuren, Kaschuben und Schlesier gesellschaftliche Gruppen von Einheimischen, die man nach dem Krieg als Autochthone bezeichnete. Sie waren slawischer Abstammung, aber der jahrhundertelang andauernde direkte Kontakt mit der germanischen Kultur sowie den Kulturen anderer in ihrer Nähe lebenden Nationalitäten führte dazu, daß ihr Nationalbewußtsein unterschiedlich stark ausgeprägt war. Der Großteil dieser Bevölkerung hielt sich für Deutsche oder für germanisierte Masuren oder Slowinzen. Die falsche Diskriminierungspolitik der polnischen Behörden und der weit vorangeschrittene Germanisierungsprozeß führten zur Desintegration dieser Volksgruppen, was man besonders bei den Slowinzen beobachten kann.

Es ist zu betonen, daß Slowinzen nie Polen waren. Als in einem deutschen Staat geborene Slawen, besaßen sie die deutsche Staatsbürgerschaft, obwohl sie sich in den ersten Nachkriegsjahren ihrer slawischen Abstammung wahrscheinlich noch bewußt gewesen waren. Die in den 40er Jahren durchgeführte Verifizierungsaktion konnte das angestrebte Ziel nicht erreichen. Die Dorfbevölkerung, die am Garder- und Lebasee wohnte, äußerte mehrmals den Wunsch, nach Deutschland auszureisen, wo ihre ausgesiedelten Familienmitglieder bereits lebten. Die Verifizierung stieß auf starken Widerstand. Sie zeugte von einer unglaublichen Arroganz der Behörden, die die damals geltenden Rechtsvorschriften mißachteten und die Betroffenen einem unzulässigen moralischen Druck aussetzten. Das schien "von oben" verordnet zu sein, und so wurde es auch von der Bevölkerung wahrgenommen, sowohl im Hinblick auf die undemokratischen Voraussetzungen als auch auf die Durchführungspraxis. Sogar die Appelle vieler Autoritäten in den 50er und 60er Jahren, die Slowinzen in "ihrer Heimat" weiter in Ruhe leben zu lassen, kann man als antidemokratisch und arrogant bezeichnen, weil sie an der historisch-kulturellen Wirklichkeit vorbeigingen. Derartige Aufrufe widersprachen schließlich dem Willen dieses aussterbenden Volkes. Auf den Druck der Wissenschaftler aus Thorn oder Posen und der Vertreter der Intelligenz aus Slupsk (Stolp) reagierten die Behörden zumindest offiziell mit der Bereitschaft, die sog. Slowinzen in Polen bleiben zu lassen. Die Germanisierungsprozesse waren aber schon zu weit vorangekommen. Die Slowinzen kannten ihre Muttersprache schon fast nicht mehr, hielten sich für Deutsche und wollten ihr Schicksal mit den bereits Ausgesiedelten teilen. Charakteristisch dafür ist die Aussage August Kirks aus dem Jahre 1946. Er sagte, er verstehe sich zwar als Pole, sei aber nicht bereit, sich verifizieren zu lassen, weil er nicht von seiner Familie getrennt werden wolle, die, von ihrer deutschen Abstammung überzeugt, nach Deutschland übersiedeln wolle. In den 50er Jahren hoffte man noch, daß Mischehen zur Integration der einheimischen Bevölkerung mit den Neuansiedlern beitragen könnten. In der Praxis erwiesen sich diese Pläne aber als völlig unrealistisch. Es ist unmöglich, aus zwei oder mehreren Nationalitäten zwangsweise eine neue zu schaffen, obwohl es Versuche dieser Art noch im 20. Jahrhundert gab, die aber immer mit einem Fiasko endeten. Manche einheimischen Frauen zeigten demonstrativ ihr Deutschtum. Elzbieta Janczys (geborene Kaitschik, Mutter von drei Kindern) beteuerte öffentlich, daß ihre Kinder Deutsche seien, und verbot, sie Slowinzen zu nennen. Angesichts der vollkommenen Germanisierung dieser Gruppe war es schwer, Personen zu finden, die den Verifizierungsvorschriften entsprochen hätten. Niemand erfüllte die aufgestellten Kriterien, man umging deshalb die Formalitäten, was weitere Probleme schuf.

Die Tragödie dieses kleinen Volkes ist aber nicht nur auf mangelndes Gruppenbewußtsein, fehlende Verbindung zum Slawentum oder Ablehnung der eigenen Vergangenheit durch die Betroffenen selbst zurückzuführen.

Im polnischen Denken über das Schicksal der Slowinzen lassen sich nach 1945 drei Hauptströmungen unterscheiden. Intellektuelle, Wissenschaftler und lokale Aktivisten forderten, daß die Slowinzen in ihrer Heimat bleiben dürfen sollten, wobei gewichtige politische, gesellschaftliche, propagandistische und wissenschaftliche Argumente vorgebracht wurden. Eine besondere Rolle spielten dabei der Polnische Westverband (Polski Zwiazek Zachodni), die Gesellschaft für die Entwicklung der Westgebiete (Towarzystwo Rozwoju Ziem Zachodnich), der Kaschubisch-Pommersche Verband (Zrzeszenie Kaszubsko-Pomorskie) und der örtliche Verband der Polnischen Historischen Gesellschaft (Polskie Towarzystwo Historyczne) in Slupsk (Stolp). Ludwik Zabrocki richtete am 5. Oktober 1946 einen dramatischen Aufruf an das "Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete": "Ich bin fest davon überzeugt, daß man um jeden Preis verhindern muß, daß die brennenden Fackeln des ins Grab gelegten Polentums auf die andere Seite der Oder ausgesiedelt werden. (...) Das verlangen von uns die polnische Staatsräson, das Ansehen unseres Staates und die Geschichte!" Anläßlich der triumphalen Rückkehr Polens auf die alten piastischen Gebiete eigneten sich die Slowinzen als lebendiges Zeugnis für den polnischen und slawischen Charakter dieser Region, was in dem propagandistischen Slogan: "Wir waren da, wir sind da, wir bleiben da" seinen Ausdruck fand. Zu hören waren aber auch Meinungen, die diese slawischen "Denkmäler" in ganz anderen Kategorien wahrnahmen.

Eine andere Position vertraten die Kreis- und Woiwodschaftsbehörden. Bei ihnen war eine gewisse Abneigung der einheimischen Bevölkerung gegenüber spürbar. Das Schicksal der Einwohner von Kluki (Klucken) und der umliegenden Dörfer stand in der zweiten Hälfte der 40er Jahre während der Sitzungen der Woiwodschafts- und Kreisräte mehrmals zur Debatte, entsprechende Beschlüsse wurden gefaßt, in der Praxis änderte sich aber kaum etwas. Die Slowinzen mißtrauten der lokalen Verwaltung und hegten gegen sie den Verdacht, die Einheimischen und die damit verbundenen Probleme möglichst schnell loswerden zu wollen. Hieronim Rybicki stellt indes fest, daß die Lokalpolitiker bemüht waren, "den Bevölkerungsstand in Kluki (Klucken) zu bewahren, die Auswanderung nach Deutschland zu verhindern, die einheimische Bevölkerung und die Umsiedler zu integrieren. Erwogen wurde auch eine eventuelle Vergrößerung der Einwohnerzahl durch die Ansiedlung von Kaschuben aus dem östlichen Hinterpommern, vor allem aus der Gegend um Bytów (Bütow) oder aus Pommerellen. Diese Ziele wollte man durch Verbesserung der materiellen Lage der Betroffenen, Wiedergutmachung des geschehenen moralischen Unrechts und die Bestrafung der Schuldigen erreichen". All diese Pläne haben aber eher groteske Resultate gebracht. Es ist schwer zu sagen, ob die Ursachen der Ohnmacht in den Gesetzmäßigkeiten des Geschichtsprozesses oder in der spezifischen Situation der nationalen Minderheiten zu suchen sind.

Die Zentralbehörden, vor allem das "Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete" (Ministerstwo Ziem Odzyskanych), schlugen einen dritten Kurs ein, sie verhielten sich unentschlossen und abwartend. Auf Proteste des Polnischen Westverbandes reagierte das Ministerium mit dem Vorschlag, nicht verifizierte Einheimische polnischer Abstammung dableiben zu lassen, obwohl diese nach Deutschland ausreisen wollten. Man beabsichtigte, nach amerikanischem Vorbild, experimentelle Reservate für die Slowinzen zu gründen und sie mit Gewalt dazu zu zwingen, sich repolonisieren zu lassen. Am 22. Oktober 1957 stellte der Sejmabgeordnete Florian Wichlacz, zugleich Vorsitzender des gesellschaftlichen Komitees zum Schutz der slowinzischen Bevölkerung und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für die Entwicklung der Westgebiete fest: "Wir haben nicht vor, die Slowinzen zu polonisieren, wir wollen sie reslawisieren. In dieser Gegend soll ein kulturelles Reservat entstehen". Interessant ist, daß die jetzigen Einwohner von Kluki (Klucken) davon überzeugt sind, daß dieses Dorf bis 1947 von der Welt abgeschnitten war. In Lokc (Lochzen) wurde nämlich eine Schranke errichtet, die zunächst von russischen und später von polnischen Soldaten bewacht wurde.

Es scheint aber, daß man die "slowinzische Frage" trotz der schön klingenden Erklärungen ihrem eigenen Schicksal überlassen hat, was im Klartext hieß, daß die Miliz, die Staatssicherheit oder die Verwaltungsbeamten der Starostei in Slupsk (Stolp) nach eigenem Gutdünken mit Slowinzen verfahren konnten. Die Beamten führten Kontrollen durch und verfaßten viele allgemeine Berichte. Manche traten dafür ein, die Slowinzen zu repolonisieren, andere waren der Auffassung, daß eine solche Aktion scheitern muß. Die Einheimischen, die von polnischen Umsiedlern für Deutsche gehalten wurden, wurden weiterhin ausgesiedelt.

Nicht alle Bemühungen, die sich zum Ziel setzten, die Bildung einer neuen Gesellschaft in den slowinzischen Dörfern zu fördern, sollten von vornherein abgelehnt oder verurteilt werden, obwohl sie völlig erfolglos blieben. Die angestrebte Integration kam nicht zustande, auch vereinzelte Mischehen konnten dazu nicht verhelfen. "Es ist zwar gelungen, das Los der Autochthonen ein wenig erträglicher zu machen und das Bild von Kluki (Klucken) in den Augen der polnischen Siedler zu verbessern, aber die Integration der Einheimischen und der Zuwanderer schlug fehl".

Ans Tageslicht kamen widersprüchliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Interessen der beiden Gruppen. "Die Polen, die nach 1945 in diese Gegend umsiedelten, waren unvorbereitet und dachten nur an ihre eigenen Interessen. Gegenüber den Einheimischen, die für sie Deutsche waren, verhielten sie sich von Anfang an feindlich und ungerecht". Zwei Haltungen ließen sich beobachten: bei den Polen Feindlichkeit und Passivität, bei den Slowinzen Passivität und Resignation. Die stark antideutsch eingestellten Zuwanderer, die sich infolge des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat vertrieben fühlten, waren fest davon überzeugt, daß sie Hab und Gut der Deutschen legitim übernehmen könnten. Von Siegesbewußtsein erfüllt, glaubten sie, die einheimische Bevölkerung besitze keine Eigentumsrechte mehr. Tagtäglich kam es zu Diebstählen und jegliche Verteidigungsversuche seitens der Betroffenen endeten mit Selbstjustiz. Regeln dieser Art waren für die in einem Rechtsstaat erzogenen Slowinzen nicht zu akzeptieren. Die Zeit der Rechtlosigkeit fing bereits mit dem Einmarsch der Roten Armee an, die die Slowinzen zwar auf dem Lebasee fischen ließ, aber gleichzeitig 50% des Ertrags beschlagnahmte, 30% den polnischen Behörden zuteilte, und die Slowinzen durften den Rest verbrauchen, was dazu führte, daß sie einen unbeschreibbaren Hunger litten. "Auf dem Dünen- und Moorgelände" - schrieb Stanislaw Walêga - "führen sie ein dürftiges Leben von slawischen Parias und sterben an Hunger und Unterernährung. Die Behörden und die sie umgebenden Polen, die die Slowinzen für Deutsche halten, verhalten sich demgegenüber völlig gleichgültig...". Man hatte damals den Eindruck, als ob Diebstähle legal seien und nicht gestoppt werden könnten. Die von den Neuansiedlern begangenen Straftaten wurden nicht verfolgt, was die Verbrecher vermutlich an die Legitimität ihres Verhaltens glauben ließ. Noch heutzutage wird in Kluki (Klucken) mit Stolz von Diebstählen und Vergewaltigungen deutscher Frauen "insbesondere während des Sturms" erzählt. Das äußerst seltene Eingreifen des Starosten aus Slupsk (Stolp) konnte die Situation nicht ändern. Die Einheimischen erlitten weiterhin Unrecht und Demütigungen. In den Jahren 1995-97 bekam ich in Rowy (Rowe), Smoldzino (Smolschin) und Glówczyce (Glowitz) Witze über die sog. Deutschen-Slowinzen zu hören in der Art, wie man über "dumme Nachbarn" lacht. Solche Geschichten sind sicherlich auf die Nachkriegszeit zurückzuführen, in der unterschiedliche Kulturen aufeinandertrafen.

Die Integration verschiedener am Lebasee lebenden Nationalitäten konnte in der angespannten Atmosphäre des oben skizzierten Interessenkonflikts nicht gelingen. Täter- und Opferrolle waren fest verteilt.

Kazimierz Kozlowski bemerkt, daß "die Siedlungsprozesse in Pommern in den Jahren 1945-1948 zur Entstehung eines eigentümlichen Bevölkerungsmozaiks geführt haben. Die Siedlergruppen repräsentierten unterschiedliche Lebensstile, Traditionen und Zivilisationsniveaus. 1948 wurde der große Migrationsprozeß auf diesem Gebiet abgeschlossen, die deutsche Bevölkerung wurde ausgesiedelt...". Dieser Ansicht ist beizupflichten, es sollte allerdings angemerkt werden, daß die Zuwanderer alle für Deutsche hielten, die die polnische Sprache nicht beherrschten. Bereits 1926 stellte Friedrich Lorentz fest, daß die Slowinzen in der Vergangenheit keinen Kontakt zu dem polnischen Staat hatten und kein positives Verhältnis zum Polentum als Idee entwickeln konnten. Sie und die Siedler integrierten sich nicht spontan. Und auch wenn Mischehen geschlossen wurden, kam es letztendlich trotzdem zur Ausreise nach Deutschland, manchmal zusammen mit den bisherigen Verfolgern, und dort vollzog sich schließlich die Integration.

Erschrocken und gedemütigt, verfolgt und unterdrückt; abgelehnt sowohl von ihren polnischen Nachbarn als auch von der Öffentlichkeit; den staatlichen Behörden und der göttlichen Vorsehung preisgegeben, verließen die Slowinzen langsam aber systematisch ihre Heimat und zerstreuten sich in der deutschen Gesellschaft, obwohl sie sich vorwiegend in einer Gegend ansiedelten.

Abschließend möchte ich mir eine persönliche Bemerkung erlauben. Die Slowinzen haben sich, im Gegensatz zu den Kabatken, mit ihrem Schicksal ausgesöhnt, ihren Status maximal vereinfacht und uns damit allen geholfen. Wir werden nie vergessen, daß in der Gegend am Garder- und Lebasee, die nach 1945 polnisch wurde, Slawen lebten, die ihre eigene jahrhundertelange kulturelle Tradition besaßen. Der Geschichtsprozeß verläuft aber immer nach eigenen Regeln, weder politische Entscheidungen noch Bemühungen engagierter

Menschen vermögen ihn umzukehren. Ausschlaggebend sind die Bestrebungen der Massen, die allein den Gang der Geschichte beeinflussen.

 

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Kluki (Klucken) als Heimat

Violetta Tkacz
Aus dem Polnischen: Maria Gierlak
Die Beziehungen zwischen der autochthonen Bevölkerung und dem Slowinzischen Dorfmuseum.

Zunächst zwei Bemerkungen. Die erste betrifft den Inhalt des Textes. Der folgenden Darstellung der Kontakte zwischen den Einwohnern von Kluki [Klucken] und dem dortigen Freilichtmuseum liegen sowohl Sekundärliteratur und Archivalien als auch Zeugenberichte zugrunde. Meine Arbeit beruhte größtenteils auf der Rekonstruktion eines Gesamtbildes aus vielen kleinen Mozaiksteinen, der Verfolgung winziger Spuren und der Aufdeckung versteckter Prämissen. Ich weiß, daß ich noch nicht alle möglichen Elemente freigelegt habe. Der vorliegende Beitrag ist als Einführung konzipiert, weitere eingehende Studien sollen folgen. Es handelt sich also eher um ein Signal, welche Probleme zu untersuchen sind als um eine erschöpfende Behandlung des in der Überschrift angekündigten Themas. Die zweite Bemerkung bezieht sich auf die formale Frage nach der Verwendung des Begriffs "Slowinzen". Die Diskussion darüber, inwiefern der Gebrauch dieses Ethnonyms berechtigt ist, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Der Name "Slowinzen" wird im folgenden aus rein praktischen Gründen im Hinblick auf die Übersichtlichkeit des Textes als Bezeichnung für die autochthone Bevölkerung von Kluki und seiner Umgebung verwendet.

Über die Slowinzen liegt eine umfangreiche Literatur vor, eher publizistische als wissenschaftliche Texte. Eine ausführliche Bibliographie wäre hier fehl am Platze, einige für meine Erwägungen wichtige Beiträge sollen aber genannt werden. Erwähnenswert sind vor allem: das Gespräch Andrzej Mellins mit Herman Klecz, die Artikel von Tadeusz Bolduan, der sich jahrelang für die "slowinzischen Angelegenheiten" interessierte und das Schicksal dieser Bevölkerungsgruppe in der Nachkriegszeit dokumentierte, sowie die Arbeit Man nannte sie Slowinzen von Hieronim Rybicki. Rybicki beschäftigt sich seit langem mit der neueren Geschichte Hinterpommerns [im polnischen "Westpommern"] und ist Experte für die slowinzische Vergangenheit. Sein Buch behandelt sowohl die historischen Bezüge als auch die Geschichte der Einwohner von Kluki nach 1945.

Das Nachkriegsschicksal der Slowinzen war eng mit der Weltpolitik verbunden. Nicht nur in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der sie wie Deutsche behandelt wurden, die man möglichst schnell loswerden wollte, sondern auch später, als ihre slawische Herkunft "entdeckt" worden war, und man sich bemühte, die Existenz der Slowinzen für die Rechtfertigung der polnischen Ansprüche auf die "wiedergewonnenen" Gebiete auszunutzen. Das änderte sich auch nicht während des Zeitraums der Entspannung der deutsch-polnischen Beziehungen, als Ausreisegenehmigungen für die Slowinzen den guten Willen der polnischen Regierung unter Beweis stellen sollten. Auch heutzutage wird das Schicksal der slowinzischen Bevölkerung oft lediglich im Kontext der Abrechnung mit den Sünden des alten Machtsystems erörtert. Die ganze Zeit beging man unabänderlich die gleiche Sünde der Vereinfachung. Das Schicksal dieses zweifelsohne tragischen Grenzvolkes war aber stets äußerst kompliziert.

"Die slowinzische Frage" explodierte bereits 1946, als die Aussiedlungen aus Hinterpommern begannen. Es ist heute nicht möglich, die genaue Zahl der damals dort lebenden Slowinzen anzugeben. 1947 sprach man von 445 Personen - hauptsächlich aus Kluki, Gardna Wielka [Groß Garde], Gardna Mala [Klein Garde], Izbica [Giesebitz] und Lisia Góra [Fuchsberg], die bleiben sollten. Aus den verschiedenen Gründen lebten aber 1948 in Kluki nur noch 142 Slowinzen. Weitere 33 Personen reisten 1957 aus. Über die Lage in Kluki in den 40er und 50er Jahren ist viel geschrieben worden. Im Rahmen dieses Artikels ist es nicht möglich, die Beispiele von Gewalttaten und Demütigungen anzuführen, die in dieser Gegend unter Zustimmung der Lokalbehörden und im Namen des Rechts stattfanden. Ende der 50er Jahre fühlten sich die Slowinzen zutiefst verletzt und mißtrauten allem, was mit Polen zusammenhing. Während der ersten Aussiedlungen verließen sie das Land unter Zwang und mit Tränen in den Augen. Aber seit Mitte der 50er Jahre forderten sie ihr Recht auf Ausreise ein, bekamen jedoch keine Ausreisegenehmigungen. Dies war zum Teil auch auf die Wirkung vieler engagierter Verteidiger der Slowinzen zurückzuführen, die gutgläubig die Überreste der Nachkommen dieses slawischen Volkes für Polen retten wollten. Der Nachweis der Existenz der Slowinzen war damals auch aus ideologischen Gründen notwendig. Die Tatsache, daß die Slowinzen den jahrhundertelang andauernden Germanisierungsprozessen standgehalten hatten, bildete in den Augen der kommunistischen Machthaber eine zusätzliche Legitimation für die Westverschiebung der polnischen Grenzen.

In eben diesem historisch-politischen Kontext, der bei der Behandlung dieser Fragen stets im Auge zu behalten ist, kam es zur Gründung des Slowinzischen Freilichtmuseums in Kluki. Man muß untersuchen, wie es mit dem Nationalbewußtsein der einheimischen Bevölkerung aussah. Damals sprach man von ihrer Repolonisierung - ein völliges Mißverständnis. Die Slowinzen waren nie Polen gewesen, ihre lang zurückliegende Herkunft war slawisch, das steht fest, aber ihre Identität war im Jahre 1945 mit Sicherheit deutsch. 50 Jahre früher war das sicher noch nicht der Fall, 20 Jahre früher vielleicht auch noch nicht, aber 1945 verstanden sie sich selbst als Deutsche.

1958 faßte man den Plan, ein Dorfmuseum in Kluki zu gründen, am 22.09.1963 fand die feierliche Eröffnung statt. "Es sollte ein Geschenk für die einheimische Bevölkerung sein" - erzählt Hugona Ostrowska-Wójcik - "wir macht uns nicht klar, daß wir ihnen damit ein Leid antun". Die Slowinzen blieben gleichgültig, sie beobachteten die Feier von weitem und sind auf keinem der erhalten gebliebenen Fotos zu sehen, die an diese Veranstaltung erinnern. Auch im Protokoll einer Dorfversammlung, in der Prof. Maria Prüffer die Ziele und Aufgaben des Museums erläuterte, finden sich keinerlei Reaktionen der Betroffenen. Das Museum entstand auf dem ehemaligen Anwesen der Familie Reimann. Otto Reimann, evangelischer Lektor in Kluki, 1894 geboren, dessen Großvater im Jahre 1850 zusammen mit seinem Bruder das Haus gebaut hatte, war nicht bereit, eine Loyalitätserklärung zu unterzeichnen. 1956 wurde er deswegen als Führer einer antipolnischen Opposition denunziert, verhaftet und zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Am 30. März 1957 verließ er Kluki mit seiner Ehefrau Marta und reiste nach Deutschland aus. Später stellte er fest: "Mein Haus, in dem meine deutschen Vorfahren gelebt haben und gestorben sind, das man jetzt zu einem polnischen Museum umgestaltet hat, ist und bleibt deutsch". Das ist eine der wenigen schriftlich fixierten Reaktionen auf die Eröffnung des Museums. Die Durchsicht der Archivmaterialien erlaubt aber die Schlußfolgerung, daß Otto Reimann nicht als einziger so fühlte.

Im Juni 1959 wurden unter der Leitung von Maria Prüffer ethnographische Feldforschungen in Kluki und Umgebung durchgeführt. Von den 82 damals registrierten ethnographischen Objekten befanden sich lediglich 4 in den Händen der Einheimischen. Das Bestandsverzeichnis des Museums vom 17.08.1963 enthält 318 Einträge, von den Slowinzen erworben wurden jedoch nur 19 Exponate, darunter 7 von Ruta Köetsch. Dies illustriert am besten die Einstellung der einheimischen Bevölkerung zu der Gründung des Museums. Aus den von Maria Prüffer hinterlassenen Ausstellungsplänen geht hervor, daß bei der Eröffnung des ersten Bauernhauses viele Alltagsgegenstände gefehlt hatten. Schwer zu bekommen waren beispielsweise: Futtertröge, Sensen, Karren, Gardinen, Stöcke, Werkzeuge zum Torfstechen oder Spinngeräte. Dagegen ist aus der ethnographischen Praxis sowie aus späterer Erfahrung in Kluki bekannt, daß es sich dabei um Objekte handelt, die in dieser Gegend nicht selten waren und von denen man sich auch verhältnismäßig leicht trennen kann. Bei Prüffer lesen wir: "Die Einrichtung dieses Museums geht äußerst mühsam vor sich, weil es große Schwierigkeiten bei der Beschaffung der notwendigen Exponate und der dazugehörenden Dokumentation gibt." Maria Prüfer war eine erfahrene Ethnographin, deswegen ist dieser Aussage eine besondere Bedeutung beizumessen. Hugona Ostrowska -Wójcik, Ethnographin, die seit 1962 das Freilichtmuseum betreute, charakterisiert die Zeit nach ihrer Eröffnung folgendermaßen: "Die Einheimischen waren freundlich und nett, aber alles andere als offen. Im Gegenteil, es war ein sehr geschlossenes Milieu. Sie verhielten sich uns gegenüber sehr zurückhaltend. Wenn wir eine Führung veranstalteten, standen sie hinter dem Zaun und lächelten höhnisch, ohne etwas zu sagen. Wir lebten irgendwie nebeneinander her, sie ließen uns nicht fühlen, daß wir ihnen ein Leid antun, aber das Museum war aus einer ganz anderen Welt. Manchmal beschwerten sie sich bei uns über ihre Probleme und dabei blieb es auch. Sie wußten, daß wir diskret sind, und sie hatten ständig Angst. Das Museum leistete Hilfe, wo es nur möglich war - besorgte den Arzt, organisierte die Brotversorgung - über politische Themen wurde aber nicht gesprochen. Es ist zu bewundern, daß sie uns gegenüber überhaupt freundlich waren. Die Vertreter der Behörden waren in ihren Augen Trinker, die sich leicht bestechen ließen. Auch wir repräsentierten diese andere Welt, die sie irgendwie störte." Über die Zurückhaltung, den Sarkasmus und die Verspottung des Museums muß man sich nicht wundern. Man kann sich leicht vorstellen, wie verlogen den Slowinzen dieses Unternehmen erscheinen mußte. Schließlich wurden sie fast als Polen dargestellt, jegliche Hinweise auf ihre Verbindungen zum Deutschtum waren unerwünscht. Die Tatsache, daß es in der Ausstellung keine Exponate deutscher Herkunft gab, spricht für sich selbst. Trotzdem waren sie der Institution selbst und den dort Beschäftigten gegenüber nicht feindlich eingestellt. Bestimmt konnten sie sich mit der Existenz eines polnischen Museums in ihrem Dorf nicht abfinden. Angesichts der oben dargestellten Umstände ist das verständlich und heutzutage für uns auch offensichtlich. Damals nicht unbedingt. Die Mitarbeiter des Museums und die engagierten lokalen Aktivisten hatten mit guter Absicht eine Institution ins Leben gerufen, auf die die Einheimischen keineswegs mit Begeisterung reagieren konnten. Man sorgte nicht dafür, daß es sich bei der im Museum vorgestellten Geschichte, tatsächlich um ihre Geschichte handelte. Die Gründung des Museums empfanden sie deswegen als eine Lüge, mit der ein zusätzliches Hindernis bei ihren Bemühungen um eine Ausreisegenehmigung geschaffen wurde. Die Beziehungen zwischen den Slowinzen und dem Freilichtmuseum waren von gegenseitigem Unverständnis gekennzeichnet.

Es gab aber auch andere Reaktionen. Als Musterbeispiel für eine gelungene Assimilation der Slowinzen galt jahrelang Ruta Köetsch, die vom Eröffnungstag an im Museum engagiert mitarbeitete. Von der einheimischen Gemeinschaft wurde sie deswegen allerdings schikaniert. Sogar ihr Bruder Hermann, der später selbst im Museum tätig war, mißbilligte zunächst ihre Tätigkeit. Sie wurde allgemein als Verräterin angesehen.

Trotz der Bemühungen vieler Menschen, die Slowinzen davon zu überzeugen, in Polen zu bleiben, forderten alle Einheimischen Anfang der 60er Jahre für sich eine Ausreisegenehmigung. Die Behörden freundeten sich mit dem Gedanken, sie gehen zu lassen zunächst an, weil man "auf diese Weise eine einfache Lösung des schwierigen Problems der Slowinzen" zu finden hoffte, aber schließlich rang man sich doch nicht dazu durch. In den Jahren 1964-1970 reisten lediglich 17 Personen aus. In den 70er Jahren war das, was bisher unmöglich schien, leicht geworden. Bis 1976 reisten nicht nur alle in Kluki wohnenden Einheimischen, sondern auch die ethnisch gemischten Familien aus. In Kluki blieb nur die Familie Köetsch, in den umliegenden Dörfern vereinzelte slowinzische Frauen, die Polen geheiratet hatten: je eine Person in Izbica [Giesebitz], in Smoldziñski Las [Holzkathen] und in Lokciowe [Lochzen], drei Frauen in Gardno [Garden].

Henryk Soja, der Leiter des Museums berichtet: "Als die Slowinzen ausreisten, dachte niemand über eine Vergrößerung des Museums nach. Es waren damals keine Entwicklungsmöglichkeiten gegeben. Wir haben nicht geglaubt, daß Kluki einmal ein verlassenes Dorf werden könnte. Die Slowinzen verrieten nicht, daß sie vorhatten, auszureisen. Wir erfuhren davon unerwartet, von einem Tag auf den anderen. Trotz der relativ guten, manchmal nahezu freundschaftlichen, Kontakte zu den Mitarbeitern des Museums gaben sie nicht zu, daß sie ausreisen wollten. Sie versicherten, daß sie blieben, weil sie sich als Polen fühlten. Die rein slowinzischen Familien aus Kluki blieben abseits, die älteren Familienmitglieder bestritten sogar, die polnische Sprache zu kennen. Es war keine Feindschaft, sie ließen uns in ihre Häuser ein, aber sie fühlten sich entfremdet und wollten wohl möglichst schnell das Dorf verlassen und alles vergessen. Wir haben das als sehr schmerzhaft empfunden, es wurde uns klar, daß eine Epoche zu Ende ist." So fand die "slowinzische Frage" tatsächlich eine einfache Lösung. Um das Problem endgültig abzuschließen, beschloß man Kluki und die umliegenden Dörfer "in Ordnung zu bringen". Planmäßig wurden alte slowinzische Bauernhäuser abgerissen. Die Mitarbeiter des Museums aus Slupsk [Stolp] führten in den Jahren 1974-1976 einen regelrechten Kampf darum, daß wenigstens einige Häuser erhalten bleiben. Schließlich durften sechs Bauernhäuser in das Freilichtmuseum verlegt werden. Die Slowinzen waren nicht mehr da, von ihrem Dorf blieb nicht viel übrig, dafür wurde das Museum immer größer. In den 70er Jahren konnte man nur versuchen, zu retten, was noch zu retten war. Die Ausreisenden waren gern bereit, die meisten Sachen dazulassen. In den Jahren 1970-1974 gewann das Museum ca. 500 Gegenstände hinzu. Ostrowska-Wójcik und Soja erzählen, daß die meisten Gegenstände unentgeltlich überlassen wurden in dem Gedanken, daß sie im Kluckener Museum aufbewahrt werden. Auch andere Museen wollten Gegenstände erwerben, aber die Eigentümer zogen es vor, sie in Kluki zu lassen. Das zeugt von einem gewissen Vertrauen in das Freilichtmuseum und der Auffassung, daß das Museum in Kluki trotz alledem sinnvoll war. "Ich weiß nicht, es hat wohl Sinn, daß wir dieses Museum hier haben, daß ein paar Häuser geblieben sind. Aber darüberhinaus sehe ich keinen Sinn, es ist vorbei. Die letzten Spuren sieht man noch, aber keine lebendige Geschichte mehr" - sagte Herman Kecz.

In den 80er Jahren entwickelte sich das Freilichtmuseum weiter. Die früher sichergestellten Häuser wurden ins Museum verlegt und eingerichtet. Zu den noch in Polen lebenden Slowinzen wurden Kontakte angeknüpft. Frau Wlodarczyk, geb. Schimanke, Frau Zajaczkowska, geb. Czirr, und Frau Rzeczycka, geb. Pioter, gaben gern Interviews, sprachen über die vergangenen Zeiten und äußerten sich zu der Organisation des Freilichtmuseums. Es ist ihr Verdienst, daß im Museum Brot gebacken wird oder daß man "Schwarze Hochzeit" feiern kann. Sie haben uns oft verschiedene Geräte ausgeliehen und uns mehrere Gegenstände kostenlos überlassen oder an uns verkauft. Die Beziehungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und dem Freilichtmuseum traten in eine neue Phase ein. Zum ersten Mal engagierten sich die Menschen, denen diese Institution gewidmet ist. Die Renovierung des Anwesens von Albert Klück brachte neue Kontakte. 1992, als die Renovierungsarbeiten im Gange waren, meldete sich Günter Klück, der bereit war, bei der Rekonstruktion des Hauses seines Großvaters mitzuwirken. In den Gesprächen mit Klück, seinen Eltern und seiner Tante wurde nicht nur die Inneneinrichtung des Hauses rekonstruiert, sondern es gab auch Annäherungen zwischen den Mitarbeitern des Museums und den Menschen, deren Andenken ihre Bemühungen gelten. Die Kinder und Enkelkinder von Albert Klück wollten über ihre Vorfahren und über ihr Dorf Zeugnis ablegen. Sie stritten miteinander, weil sie daran interessiert waren, sich möglichst wahrheitsgetreu an alle Einzelheiten zu erinnern.

Sichtbar waren sowohl Trauer über das verlorengegangene Kluki, Sehnsucht nach der alten Heimat, Verbitterung darüber, daß man gezwungen worden war, in der Fremde entwurzelt zu leben, aber auch die Hoffnung, daß durch das Museum wenigstens ab und zu die Erinnerungen wiederkehren. Aber das ist leider eher ein Ausnahmefall, unmittelbare freundschaftliche Beziehungen kommen nur selten zustande. Die Slowinzen und ihre Nachkommen besuchen diese Gegend, kommen nach Kluki, stehen lange am Ofen in einem der im Museum erhalten gebliebenen Bauernhäuser, und zeigen ihren Kindern und Bekannten, wo sich einst ihre Häuser befanden. Aber sie bleiben nicht lange hier. Ob wegen der mangelnden touristischen Infrastruktur oder deswegen, weil sie sich als Gast in einem Ort aufhalten müßten, in dem man eigentlich Gastgeber sein sollte. Dem Museum verdanken sie, daß sie hier die Spuren ihrer Vergangenheit überhaupt noch wiedererkennen können. Es kommt vor, daß sie sich bedanken und das Gesehene kommentieren. Wir freuen uns über diese Besuche. Für manche der älteren Menschen erweisen sich aber solche Erinnerungsreisen als zu schwierig. So wollte Frau Helga Aleksandrowicz, geb. Klück, keine persönlichen Kontakte zu den Mitarbeitern des Museums aufnehmen. Sie war damit einverstanden, sich schriftlich zu äußern, weigerte sich aber standhaft, über die Vergangenheit zu reden. Sie erklärte, sie wolle sich nicht mehr erinnern, weil das für sie zu schmerzhaft sei. Kein Wunder, daß sich Menschen, die den Schock der Aussiedlung erlebt haben, so verhalten. Wir hoffen aber darauf, daß die nächsten Generationen schon anders reagieren werden. In der neuen europäischen Wirklichkeit haben wir die Chance, die "slowinzische Frage" von ihrem Fluch zu befreien. Wir hoffen, daß alle begreifen, daß dies kein polnisches, sondern ein slowinzisches Museum ist. Unserer Meinung nach hat das Museum sich während seiner langjährigen Tätigkeit dieses Vertrauen verdient. Nie hat es sich in die Entscheidungen der Einheimischen einzumischen versucht. Oft hat es den Menschen geholfen und war ehrlich darum bemüht, die letzten Spuren der ehemaligen Einwohner des Lebamoores zu bewahren. Ungeachtet dessen, wie sie von Fremden bezeichnet wurden, und als was sie sich selbst verstanden, haben diese Menschen hier gelebt und das darf nicht in Vergessenheit geraten. Kluki soll für viele zu einer neuen Heimat werden, nicht nur für die Nachkommen der Slowinzen. Wir haben nicht vor, eine Idylle vorzutäuschen. Wir wollen ein möglichst wahrheitsgetreues Bild der Vergangenheit sowohl für die früheren als auch für die jetzigen Einwohner von Kluki sowie für die diesen Ort zahlreich besuchenden Touristen rekonstruieren und hoffen auf die Zukunft. Wir möchten vermeiden, daß Kluki zum zweiten Mal verlassen wird. "Am wichtigsten ist es wohl", sagte Herman Kecz in dem schon zitierten Interview, "daß jeder dort leben kann, wo er geboren wurde und wo es ihm gefällt."