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TRANSODRA 20

TRANSODRA 20, 1999/2000, Sonderausgabe: 10 Jahre Transformation in Polen, S. 5 - 15


Die auferstandene Unabhängigkeit und die Dämonen der samtenen Revolution

Adam Michnik, Artikel aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Gazeta Wyborcza , vom 8. Mai 1999

Die Geschichte Polens zu verstehen, bedeutet an Wunder zu glauben. Denn bedenken wir: um im Jahr 1984 daran zu glauben, daß Polen in fünf Jahren Freiheit und Unabhängigkeit erlangen würde, hätte man schon an ein Wunder glauben müssen. Doch das polnische Volk, katholisch und gottesfürchtig, glaubte nicht allzu sehr an solche Wunder. Übrigens: Wer von uns, den Leuten der Gazeta Wyborcza war damals in der Lage vorauszusehen, daß er in nicht allzu ferner Zeit bei einer großen und wichtigen Tageszeitung arbeiten würde, die in Polen und in der ganzen Welt geschätzt wird?

[...] Aber das Wunder geschah tatsächlich: Polen erlangte die Freiheit und jeder Pole hatte das Recht, sich eine Weile über den "wiedergewonnenen Müllhaufen" (Pilsudski) zu freuen. Wir, die Leute von der Gazeta Wyborcza , waren und sind keine objektiven Beobachter der polnischen Auseinandersetzungen. Wir waren und bleiben aktive Teilnehmer im Streit um Polen. Wir erinnern uns an eine Zeit, als wir die Worte Sokolnickis benutzten und die aktive, wenn auch bedauerlich kleine Zahl derer lobten, die seit dem März des Jahres 1968 bis zur Entstehung des KOR [Komitet Obrony Robotników] den kämpferischen Funken der Ablehnung der Diktatur übertrugen. Wir erinnern uns, als wir in der schwierigen Zeit des Kriegszustandes mit der Zunge Zygmunt Wasilewskis sprachen und eine aktive Politik propagierten, die jedoch mit geopolitischem Realismus gesättigt sein sollte und den Gedanken an einen bewaffneten Aufstand abzulehnen hatte. Schließlich erinnern wir uns der Zeit, als wir es mit Michal Bobrzynski hielten und die Notwendigkeit eines "gemeinsamen Polen" betonten, in dem jeder der ehemaligen Gegner das Recht hat, auf die patriotischen Aktivitäten des eigenen Lagers stolz zu sein.

Den polnischen Weg zur Demokratie mittels Verhandlungen und Übereinkommen ermöglichte der Runde Tisch. Ich halte diesen für den vernünftigsten politischen Akt in der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Fast niemand glaubte an eine Verständigung zwischen den regierenden Kommunisten und der antikommunistischen Opposition. Und dennoch kam es zu dieser Verständigung - ohne Blockaden, ohne Exekutionskommandos, ohne eine einzige zerbrochene Scheibe - Polen konnte allein mit sich selbst den Weg zu Freiheit und Unabhängigkeit aushandeln. Wenn 1984 ein polnischer Patriot das sprichwörtliche goldene Fischlein geangelt hätte, um was hätte er es gebeten? Als erstes darum, daß Polen aufhören sollte, eine Diktatur zu sein, daß es zu einer Demokratie würde, ohne das Diktat der Polizeikräfte, ohne Zensur, ohne geschlossene Grenzen. Als zweites darum, daß die polnische Ökonomie nach rationalen Gesichtspunkten umgestaltet würde, daß die Logik des Marktes die Kommando-, Verteilungs- und Mangelwirtschaft ablösen und sich die wachsende Verschuldung in ein stetes Wirtschaftswachstum verwandeln möchte. Als drittes darum, daß Polen ein souveränes Land werden sollte, die sowjetischen Truppen abzögen, die Sowjetunion zusammenbräche und unser Land zu einem festen Bestandteil des demokratischen Europa würde. Das Wort wurde Fleisch und lebte mitten unter uns.

Warum brach der Kommunismus in Polen zusammen? Bewirkte dies etwa die Papstwahl Johannes Paul II. und dessen denkwürdigen Pilgerfahrten nach Polen? Oder die Politik der amerikanischen Präsidenten Carter und Reagan, die aus den Menschenrechten eine Waffe im Kampf gegen den totalitären Kommunismus machten? War Michail Gorbatschow der Grund, als er, indem er die Modernisierung des sowjetischen Imperiums anstrebte, zu dessen endgültigem Zusammenbruch beitrug? Jeder dieser Faktoren besaß wesentliche Bedeutung. Entscheidend wurde jedoch ein anderer: die Polen demontierten selbst das System der Diktatur, jene, die der Diktatur gedient hatten, zusammen mit jenen, die gegen die Diktatur rebelliert hatten, und sie waren fähig, sich zu diesem Zwecke zu verständigen.

Das war der Kern der großen polnischen samtenen Revolution. Wie jede Revolution rief auch die unsrige große Hoffnungen hervor und brachte große Enttäuschungen mit sich. Enttäuscht war die Welt der Machthaber - sie hatten mit der Rationalisierung und Modernisierung des Systems gerechnet und nicht mit seiner Abschaffung. Enttäuscht war auch Solidarnosc, die auf eine Zeit des "Ruhmes und des Lobes" hoffte, und stattdessen mit einer Zeit bitterer Entsagungen, Arbeitslosigkeit, dem "Krieg an der Spitze", mit einer Zeit der Bereicherung der alten Nomenklatura und der Korruption der neuen Machtelite konfrontiert wurde. Einfach ausgedrückt: enttäuscht war die ganze Gesellschaft, die geglaubt hatte, die Abschaffung des Kommunismus würde Polen in ein Land verwandeln, in dem es amerikanische Löhne, ein skandinavisches Sozialversicherungssystem und eine Arbeitsdisziplin wie bei Gierek gäbe. Doch dieses Manna fiel nicht vom Himmel, denn so einfach war die Sache nicht.

Für uns von der Gazeta Wyborcza fiel allerdings tatsächlich Manna vom Himmel; ein gütiges Schicksal verwandelte für uns Wasser in Wein. Wir waren uns bewußt, daß der "Runde Tisch" ein großer Erfolg war: am Verhandlungstisch erreichte die demokratische Opposition alles, was möglich war. Das, was der Preis für die Legalisierung von Solidarnosc - d.h. ihre Teilnahme an den zuvor ausgehandelten Wahlen (35% für ihre Vertreter) - sein sollte, machten die Leute des "Runden Tischs" zu einem Instrument revolutionärer Veränderungen. Nach den Wahlen, die uns einen überwältigenden Sieg brachten, entstand der vertraglich ausgehandelte Sejm und der frei gewählte Senat. Wir erinnern uns noch gut an diese Zeiten. Der Sieg verlangte von uns Phantasie, Mut und Vorsicht. Er war ein Sieg für alle: für die Führungselite der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP), für den Episkopat sowie für uns, die Leute von Solidarnosc. Um vorwärts zu gehen und aus der kommunistischen eine nichtkommunistische Staatsmacht zu machen, mußte man neue Kompromißlösungen suchen, Konfliktherde umgehen, vermintes Gelände freilegen, Konflikte sowohl mit den natürlichen Feinden der Demokratie - den "Gewaltressorts" - als auch mit Moskau vermeiden, denn noch dachte keiner im entferntesten an den Zusammenbruch der UdSSR. Und all dies gelang. Mit dem Einverständnis aller Akteure der polnischen politischen Szene entstand die Regierung Mazowiecki, die erste nichtkommunistische Regierung im Sowjetblock. Diese Regierung vollbrachte das historische Werk der Dekommunisierung Polens. Nach zehn Jahren denken wir mit Dankbarkeit an diese Regierung und die Menschen, die sie unterstützt haben. Es war eine Regierung der Hoffnung. Zu Zeiten eines dramatischen ökonomischen Niedergangs, nach Jahren innerer Konflikte, die zur Auszehrung des Staates geführt hatten, entstand eine Regierung der Einheit und Versöhnung, eine Regierung, die nach Jahren der Diktatur und der Abhängigkeit, die Grundlagen für Freiheit und Souveränität legte. Die Regierung von Mazowiecki, Kuron, Balcerowicz und Skubiszewski konnte sich mit Präsident Jaruzelski, mit Gorbatschow und mit den Politikern der demokratischen Staaten verständigen. Diese Regierung stand am Anfang des denkwürdigen "Völkerfrühlings", des Falls der Berliner Mauer und der "Samtenen Revolution" in der Tschechoslowakei. Und eben diese Regierung und gerade ihr Ministerpräsident wurden nach wenigen Monaten zum Objekt der unversöhnlichen Kritik derer, die den "dicken Strich" verdammten, die eine "Beschleunigung der Lustration und der Demokratisierung" sowie eine "Vollendung der Revolution" forderten. An der Spitze dieser Kritik stand die Symbolfigur des polnischen Widerstands, der Friedensnobelpreisträger und Führer der Gewerkschaft Solidarnosc Lech Walêsa.

Ein Mitglied des "Komitees zur Verteidigung der Arbeiter" [d.i. A.M. selbst, die Red.] schrieb im Frühjahr 1985: "Ich war der Meinung, daß Walesa bewußt danach strebte, eine persönliche Diktatur zu errichten, eine Form der 'Palastherrschaft' im Rahmen der Gewerkschaft, die dazu führt, daß alle grundsätzlichen Entscheidungen von einer engen 'höfischen' Clique gefaßt werden. Ich hielt diesen Prozeß für das langsame Ende der innergewerkschaftlichen Demokratie und bemühte mich entschieden, dies zu verhindern. Gleichzeitig fürchtete ich, daß Walesa zu einer Verständigung mit der Regierung bereit war, um auf diese Weise Solidarnosc von seinen Gegnern zu säubern. Ich sah darin einen Verrat an Solidarnosc. Ich war mir der Bedeutung von Lech bewußt. Durch das Herausstellen seiner Person befriedigte Walesa das allgemeine Bedürfnis nach der Existenz einer charismatischen Führerfigur, die alles weiß, alles versteht und die Gewerkschaft zum Sieg führt. Die Konsequenz davon war der Verzicht vieler Aktivisten auf eigenständige Urteile und eigene politische Verantwortlichkeit. In dieser Situation wäre die Kapitulation des charismatischen Führers identisch gewesen mit der Kapitulation der Gewerkschaft. Selbst in Zeiten als die gemäßigte Politik kritisiert wurde, genoß Walesa bei den Massen Akzeptanz. Geremek, Kuron, Mazowiecki sowie die Aktivisten des KOR wurden des Versöhnlertums bezichtigt - Walesa hingegen blieb von dieser Kritik ausgenommen. Er verstand es, sich als einen von Millionen akzeptierten Führer darzustellen. Manchmal verhielt er sich wie ein großer Volksheld (zum Beispiel bei der Wiederholung des Kosciuszko-Eides in Krakau), manchmal verkörperte er die Rolle des einfachen Arbeiters, des Gleichen unter Gleichen, der die Würde des Amtes zugunsten der Unmittelbarkeit und des Humors zurückstellte. Er besaß eine glänzende, einfache und markige Rhetorik und eine hervorragende Intuition. Er erfaßte zielsicher die Stimmung der ihn umgebenden Menge und konnte so reden, wie es von ihm erwartet wurde. Die Polen fühlten, daß ihr Führer 'einer von ihnen' war, und gleichzeitig verkörperte er den erträumten Erfolg. Es war in ihm Größe. Ich fürchtete Walesa. Ich fürchtete seine Fähigkeit, mit Worten zu jonglieren, und sein Geschick, Gegner auszuschalten. Ich fürchtete seine Kompromisse und seine Art, durch Gespräche mit der Regierung zu bestechen. Ich fürchtete seine Neigung, sich die Welt mit Verschwörungs- und Mafiatheorien zu erklären, sowie die Leute in seiner Umgebung, von denen viele mittelmäßig und zufällig waren. Ich fürchtete seine Angst vor herausragenden Persönlichkeiten und seine ständige Wiederholung: 'Die Solidarität - das bin ich!' Ich muß daher offen zugeben, daß ich mich in meiner globalen Beurteilung Walesas getäuscht habe. Der Vorsitzende der Unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc hat sich als seiner Rolle würdig erwiesen. Von einigen Fehltritten abgesehen hat er durch seine Person und seine Konsequenz den Zusammenhalt von Solidarnosc gerettet. Indem er zu seiner Arbeit in die Werft zurückkehrte, sich mit der TKK [Tymczasowa Komisja Koordynacyjna] traf , Ereignisse des öffentlichen Lebens kommentierte, wurde er zu einem sichtbaren Symbol des polnischen Widerstandes, zu einem Leuchtturm, der aus Danzig ganz Polen neue Signale des Glaubens und der Hoffnung gab. Indem er Widerstand mit Maß verband, erhielt Lech den Nobelpreis und wurde zu einer allseits anerkannten Autorität, was auch die Reaktion der Menschen auf seine Rede am Grab des Paters Popieluszko bewies. Heute ist Walesa ohne Zweifel das Symbol der Solidarnosc, obwohl er keine faktische Macht besitzt, über keinen Exekutivapparat verfügt und keine Posten in der Gewerkschaftsverwaltung seiner Region vergibt. Heute kann Lech keinem die als berechtigt empfundenen Aktivitäten verbieten. Daher haben frontale Angriffe auf ihn heute einen völlig anderen Charakter als vor dem 13. Dezember. Heute geht es nicht um den Kampf um die Demokratie innerhalb der Gewerkschaft, sondern - unabhängig von der Intention - darum, Solidarnosc ihres Symbols und ihrer Autorität zu berauben. Es wäre daher heute bedauerlich, wenn man die Polemiken der Zeit vor dem Kriegsrecht mit ihrem Ballast an Verletzungen und Bitterkeiten fortsetzen würde, anstatt nach Verständigung und Übereinstimmung zu streben (...)."

Das ist mein Bild von Lech Walesa. Ein Mensch von genialer Intuition und unbändiger Eigenliebe, ein geborenes politisches Talent und hochnäsiger Autokrat, der Pate der polnischen Freiheit und ihr unfreiwilliger Zerstörer. Keiner hat soviel für diese polnische Freiheit getan und gleichzeitig so viele unschätzbare polnische Werte mit Füßen getreten. Gleichzeitig verteidigte niemand so entschlossen die Marktwirtschaft und die prowestliche Orientierung in der polnischen Politik. Lech Walesa wollte und konnte nicht warten. Denke ich daher noch immer an ihn mit Freundschaft und Widerwillen, mit Angst und Bewunderung? Er schätzte keine Partner, sondern erkannte nur ihm ergebene Höflinge an. Er brauchte das Präsidentenamt wie ein Abhängiger Kokain. Doch nicht die Charaktereigenschaften des Solidarnosc-Führers entschieden darüber, daß er den "Krieg an der Spitze" ausrief. Ausschlaggebend war vielmehr ein Gefühl der Frustration, das zu dem voreiligen Schluß führte, die Angriffsstrategie auf Mazowiecki würde sich als erfolgreich erweisen.

Die Philosophie der Regierung Mazowiecki beruhte auf einer Politik konsequenter, wenn auch vorsichtiger Reformen, deren wichtigste Balcerowiczs wirtschaftliche Transformationspolitik war, die später mit dem Begriff Schocktherapie bezeichnet wurde. Mazowiecki wollte alle anderen gesellschaftlichen Konflikte neutralisieren. Doch diese Frustrationen und Konflikte waren die natürliche Konsequenz der Transformation. Darin steckte der Sinn des "dicken Strichs" - nämlich jedem die Chance zu geben, für ein demokratisches Polen zu arbeiten, anstatt sich in quälenden Streitigkeiten zu ergehen. Aber das Genie Walesa baute auf das geschickte Herausfinden und Artikulieren von Frustrationen. Frustriert waren die Funktionäre von Solidarnosc, die gehofft hatten, daß ihre Gewerkschaft zur neuen Führungskraft würde, die Rektoren, Direktoren, Vorsitzende, Minister und Wojewoden auswechseln würde. Frustriert waren auch die Arbeiter in den großen Betrieben, die das Gefühl hatten, daß sie die Freiheit erstreikt hatten, ihnen dafür aber jetzt das Gespenst der Arbeitslosigkeit ins Gesicht blickte. Frustriert waren die Leute der katholischen Kirche, die erwartet hatten, daß nach der Niederlage des "kommunistischen Polen" die Zeit des "katholischen Polen" gekommen sei. Frustriert waren die Personen, die zu Zeiten der Diktatur diskriminiert worden waren und nun eine Wiedergutmachung erwarteten, jedoch mit ansehen mußten, wie sich die alte Nomenklatura bereicherte.

Neue Regierungen wollen geliebt werden und verteilen daher Wohltaten. Doch die Regierung Mazowiecki unterstützte hartnäckig den harten Kurs von Balcerowicz. Heute sieht man mit bloßem Auge, daß Polen diesem Entschluß seine gegenwärtigen Erfolge verdankt. Damals wurde jedoch mit dem Slogan "Balcerowicz ist der Mengele der polnischen Wirtschaft" demonstriert. Eine solche Frustration ist die natürliche Folge jeder Revolution: nach der Zeit des heroischen Freiheitskampfes kommt die Zeit des Kampfes um Macht und Vergünstigungen. Dann kommt es nicht selten dazu, daß die Diktatur des alten Regimes durch die des revolutionären Regimes abgelöst wird. Zum Glück kam es in Polen anders.

Balcerowicz - ein Politiker mit eisernem Willen und von großer und revolutionärer Vorstellungskraft hatte von Beginn an heftige Kritiker, die ihn beschuldigten, er vertrete einen herzlosen Monetarismus, eine unmenschliche Logik der reinen Marktgesetze, er sei für die Arbeitslosigkeit verantwortlich, ihm fehle der Sinn für die Gesellschaft, er bevorzuge die Reichen und ruiniere die Armen. Doch Balcerowicz hatte auch mächtige Verbündete: Premierminister Mazowiecki und Jacek Kuron, Minister der polnischen Armut; daneben auch die galoppierende Inflation. Balcerowicz kam auch das Fehlen alternativer Programme zugute sowie die Überzeugung, daß andere Programme keine Erfolge zeitigen würden. Er besaß auch die Unterstützung der Mehrheit des Parlaments und eines Teils der Medien. Wir, die Leute von der Gazeta Wyborcza , haben die Politik Balcerowiczs konsequent unterstützt. Wir hatten damit Probleme. Viele von uns betraten die freiheitliche Ära mit einem tief verwurzelten Ethos für die Arbeitnehmer: für ihre Würde, ihre Rechte und ihre Interessen. Die Idee von der Emanzipation der Arbeitnehmer, die in der sozialistischen Tradition und in den Enzykliken von Papst Johannes Paul II. verankert ist, stand in einem natürlichen Konflikt zu der Politik von Balcerowicz: anstatt der Macht für die Arbeiterselbstverwaltung - die Privatisierung, anstatt Lohnerhöhungen - Preissteigerungen und ein Engerschnallen des Gürtels, anstatt sozialer Sicherheit - das Gespenst der Arbeitslosigkeit. Oft haben wir uns gefragt: Verraten wir nicht unsere Ideen? Aus der Perspektive von zehn Jahren antworten wir: Nein. Wir haben uns nicht unserer Träume, sehr wohl aber unserer Täuschungen entledigt. Wir denken, daß es hier und jetzt für Polen keinen anderen Weg gab als den steinigen Pfad der Schocktherapie. Auf diesem Weg, auch wenn er mit Fehlern, Inkonsequenzen und Skandalen realisiert wurde, erreichte Polen ein vorher nie dagewesenes Wirtschaftswachstum und einen großen zivilisatorischen Entwicklungssprung.

Wir sind uns bewußt, daß noch nichts endgültig entschieden ist. Die harte Logik des Marktes ist oft von kalter Grausamkeit begleitet, einer seelenlosen Geschäftsmentalität, technokratischer Unbarmherzigkeit und Verletzung der menschlichen Würde. In solchen Momenten erinnern wir daran und werden immer daran erinnern, daß für uns die höchsten Werte die Freiheit Polens, die Freiheit der Menschen in Polen und die Zivilgesellschaft sind, in der jeder das Recht hat, in Würde zu leben. Wir denken, daß der freie Markt ein unerläßlicher Bestandteil der Umsetzung "unseres Pakets" ist, aber keinesfalls halten wir die Bereicherung der einen und die Armut der anderen für die Konsequenz göttlicher Gerechtigkeit. Im Gegenteil - wir denken, daß man den Entscheidungsträgern auf die Finger schauen und den Armen helfen muß, damit sie eine Chance erhalten, aus der Armut herauszukommen.

Die Politik der harten Marktgesetze und der schnellen Modernisierung rief einen konservativen Reflex und populistische Reaktionen hervor. In Polen waren das unterschiedliche Arten des Populismus: angefangen vom Wahlerfolg für Stanislaw Tyminski im Jahr 1990 über die scharfe Kritik an der Marktwirtschaft und an der europäischen Integration seitens zahlreicher Mitglieder der katholischen Hierarchie bis hin zur Unterstützung der SLD (Sojusz Lewicy Demokratycznej) und PSL (Polskie Stronnictwo Ludowe) bei den Wahlen im Mai 1993. Zum Glück hielt die SLD-PSL-Koalition ihre Wahlversprechen nicht ein. Das Reformtempo wurde zwar vermindert, doch es gab kein Zurück zur Kommando- und Verteilungswirtschaft. Die populistisch-konservative Reaktion nahm damals eine antikommunistische Form an, die sich des Klerikalismus und eines ethnischen Nationalismus bediente. Die Stimme von Radio Maria war die extremste und wahrscheinlich authentischste Artikulierung dieser Einstellungen: Angst vor dem Unbekannten, vor Europa und vor Ausländern; Abneigung gegen nationale Minderheiten; Angst davor, eigenverantwortlich zu leben, vor Armut, Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, vor Drogen, Pornographie und der sexuellen Revolution. Mit anderen Worten: Radio Maria stellte - häufig auf primitive und unmenschliche Weise - die wesentlichen Fragen der Menschen, die sich benachteiligt und verunsichert fühlten. An diese Leute wandte sich der Solidarnosc-Chef aus den Ursus-Betrieben, Zygmunt Wrzodak, als er gegen die "rosa Hyänen" aus dem KOR wetterte, diese Leute wurden von den Herren Œwiton und Janosz dazu aufgerufen, Kreuze auf dem Kiesplatz in Auschwitz aufzustellen; diese Leute wurden von Andrzej Lepper (Bauernselbstverteidigung/Samoobrona) angeführt, als sie die Straßen in etlichen Gegenden Polens blockierten.

Wir haben in der Gazeta gewöhnlich mit den Mitteln der Reportage gescheiterte und unglückliche Menschen beschrieben, aber gleichzeitig haben wir uns in unseren Kommentaren immer für die Fortsetzung der Reformpolitik ausgesprochen. Wir verstanden, daß die natürliche Konsequenz der Modernisierung ein Verteidigungsreflex ist. Daher sprachen wir uns für eine Politik des gesellschaftlichen Dialogs, des Kompromisses und für den "Pakt für die Staatsunternehmen" aus. Gleichzeitig wußten wir, daß der Dialog dort endet, wo die Zerstörung der Regeln des demokratischen Rechtsstaats beginnt. Wir plädierten nicht für die Verschärfung des Strafgesetzbuchs, aber wir sprachen uns für eine rigorose Praxis der Anwendung bestehenden Rechts gegenüber denjenigen aus, die es demonstrativ brechen. Wir verstanden die schwierige Situation der Gewerkschaften. Sie sind immer ein unverzichtbarer Bestandteil der demokratischen Ordnung. Zu ihren natürlichen Eigenschaften gehört es, soziale Forderungen zu stellen. In Polen war die Gründung von Gewerkschaften grundlegendes Ergebnis des Kampfes um die Freiheit und die Rechte der Arbeitnehmer. Unbewußt wurden sie zu konservativen Elementen im Reformprozeß von der Kommando- und Verteilungswirtschaft hin zum freien Markt. Der Konflikt zwischen der Regierung, die den Reformprozeß umsetzt, und den Gewerkschaften, die die Interessen der Arbeitnehmer verteidigen, ist genauso unvermeidlich wie der Kompromiß zwischen ihnen. Zehn Jahre Systemtransformation haben gezeigt, daß sich Polen ohne gesellschaftliche Zustimmung nicht reformieren läßt, doch diese Zustimmung läßt sich nur auf dem Weg des Dialogs und des Kompromisses erzielen. Wir meinten, die vordringliche Aufgabe bestehe darin, einen Kompromiß in der Wirtschaftspolitik zu finden, da Wirtschaftswachstum eine grundlegende Bedingung des polnischen Erfolges im Land selbst und in der ganzen Welt ist. Die Wirtschaft sollte eine gemeinsam anerkannte Schutzzone sein, jenseits aller politischen Konflikte. Aber wird das unter den Bedingungen des "polnischen kalten Bürgerkrieges" möglich sein?

Von Beginn an, seit 1989, sprachen wir uns in unserer Zeitung für ein Polen aller aus, für eine Republik, die das Vaterland aller ihrer Bürger ist; für einen Staat, der sich auf Kompromisse stützt und nicht auf die Dominanz eines politischen Lagers. Wir waren gegen einen erbarmungslosen Kampf und gegen endlose Abrechnungen. Wir wollten nicht, daß Solidarnosc eine neue "Avantgarde" wird; wir wollten nicht, daß sich der früher verpflichtend gewesene Konformismus gegenüber dem Marxismus-Leninismus bzw. der Sowjetunion in einen Konformismus gegenüber der katholischen Kirche oder den westlichen Hauptstädten verwandelte. Mit Freude verfolgten wir, wie das polnische Volk seine Freiheit und der polnische Staat seine Unabhängigkeit erhielt. Wir unterstützten die vernünftige Politik der einzelnen Regierungen gegenüber den nationalen Minderheiten und all unseren Nachbarn. Es macht uns froh, daß Polen zum ersten Mal in seiner Geschichte frei ist von Konflikten mit seinen nationalen Minderheiten und frei von Streitereien mit seinen Nachbarvölkern. Das ist eine Errungenschaft der polnischen Politik. Aber das ging nicht ohne Probleme vonstatten. Wir beobachteten, wie sich in den postkommunistischen Ländern anstelle der herrschenden kommunistischen Ideologie ein aggressiver Nationalismus einschlich, wie alte Dämonen zurückkehrten. Wir sahen, wie der blutige Konflikt in Jugoslawien entstand, ausbrach und weiter fortdauert, wo sich ehemalige Kommunisten in aggressive Nationalisten verwandelten und ehemalige Demokraten in der Sprache eines ethnischen Faschismus sprechen; wir erlebten auch, wie christliche Geistliche ethnische Massaker segneten. Wir sahen, wie ein aus Kommunismus und Antikommunismus geborener Nationalismus Rußland und die anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion umfaßt; beunruhigt hörten wir von den Demonstrationen des großrussischen Chauvinismus des Schirinowski oder Sjuganow. Wir sahen die blutigen Exzesse in Rumänien, den Zerfall der Tschechoslowakei, die brennenden Asylbewerberheime in Ostdeutschland. Uns war klar, daß wir alles tun mußten, damit sich ähnliche Szenen nicht in Polen wiederholten, denn das wäre das Ende der polnischen Freiheit gewesen. Daher warnten wir und tun dies auch noch heute vor der Sprache des nationalistischen Hasses und vor der Ideologie ethnischer Abgrenzung. Wir verurteilten und verurteilen das Lostreten deutsch-polnischer Konflikte im Oppelner Schlesien, polnisch-ukrainischer Konflikte im Gebiet um Przemysl, polnisch-weißrussischer Konflikte in der Gegend um Bialystok sowie litauisch-polnischer Streitereien in der Region Suwalki. Wir prangerten Ausschreitungen gegen die Zigeuner an. Wir warnten auch vor dem Antisemitismus, der die Polen abstumpft und den Ruf Polens in der Welt beschädigt. Wir stimmten mit Jerzy Turowicz überein, der an den Pater Stanislaw Musial schrieb: "Lieber Stasiek, mit wahrer Begeisterung habe ich Dein hervorragendes - und so wichtiges Interview - für die `Gazeta Wyborcza` gelesen. Du hast zu 100% recht, wenn Du schreibst, daß der Nationalismus und der Antisemitismus die größten Schwächen der polnischen Kirche sind. Aus diesem Grund ist die Kirche nicht in der Lage, den Ereignissen auf dem Kiesplatz in Auschwitz, Priester Jankowski, Pater Rydzyk und Radio Maria entgegenzutreten. Es stimmt zwar, daß immer mehr Menschen in der Kirche beginnen, dies zu begreifen (auch dank Dir!), aber es ist trotzdem noch ein langer Weg." Nur auf einem solchen Wege kann man den guten Namen Polens in der Welt vor ungerechten Verallgemeinerungen schützen.

Wir waren Anhänger der Neuregelung der Beziehungen zwischen den Staaten und Völkern in Mittel- und Osteuropa. Diesem Gedanken folgend haben wir viele russische Stimmen veröffentlicht, Stimmen der Moskauer Freunde, russischer Demokraten, denen die Welt so viel verdankt. Es ist für uns eine Ehre, daß wir so viele herausragende Russen Freunde unserer Zeitung nennen können. Aber es ist auch ein Grund stolz zu sein, daß es uns gelang, auf neue Weise die komplizierte Geschichte der polnisch-ukrainischen Beziehungen zu betrachten. Ein aktives Engagement für die polnisch-ukrainische Aussöhnung sahen wir immer als eine große Errungenschaft der polnischen Politik an, zu der auch die Gazeta ihren bescheidenen Teil beitrug. Wir waren der Auffassung, daß der schnellste Weg nach Westen, in die Strukturen der NATO und der Europäischen Union über die innere Stabilisierung, über gute nachbarschaftliche Beziehungen und eine aktive Regionalpolitik führt. Daher berichteten wir viel über Tschechien, die Slowakei und Ungarn. Aus demselben Grund veröffentlichten wir umfangreiches Material über Litauen, Lettland und Estland sowie über die Ukraine und Weißrußland. Wir waren uns bewußt, daß die prowestliche Option in der polnischen Politik, deren konsequenter Anhänger wir immer waren, auch erbitterte Feinde besitzt. Wir sahen diese Feinde sowohl im Lager der ehemaligen antikommunistischen Opposition als auch bei Vertretern der Kirche und unter den Anhängern des alten kommunistischen Regimes. Daher registrierten wir mit Freude jede prowestliche Äußerung von Politikern der Christlich-Nationalen Vereinigung (ZChN) oder von Anhängern der postkommunistischen SLD. Von geradezu bahnbrechender Bedeutung war jedoch der Besuch der polnischen Bischöfe in Brüssel und ihre proeuropäischen Deklarationen.

Von der ersten Nummer an besaßen wir große Hochachtung vor der katholischen Kirche. Wir waren uns der wichtigen Rolle der Kirche in der gesamten polnischen Geschichte bewußt, ihrer großen Verdienste während der kommunistischen Diktatur und zur Zeit des "Runden Tisches". Wir hegten Bewunderung für das große Werk Johannes Pauls II. Trotzdem - trotz der großen Vorsicht, mit der wir kritische Bemerkungen an die Adresse einiger bischöflicher Deklarationen richteten - wurden wir oft der Feindseligkeit gegenüber der Kirche angeklagt. Wir hielten und halten diese Anklagen für ungerecht. Wir waren nie eine katholische Tageszeitung, dennoch hielten wir uns immer für Freunde der Kirche. Wir glaubten, Leszek Kolakowski folgend, daß "die Kirche irgendwie an der Grenze zwischen Himmel und Erde steht, daß sie der Sachverwalter der Gnade und gleichzeitig das Schutzschild des Rechts ist, daß sie unsichtbare Güter in der sichtbaren Welt verteilt. (...) Die Kraft des Christentums zeigt sich weder in der Theokratie noch in dem Monopol auf die Erstellung von Lehrschriften, die für alle Bereiche der Zivilisation gelten. Die Kraft des Christentums zeigt sich darin, daß es vermag, im Bewußtsein des Einzelnen Widerstände gegen den Haß zu errichten. In der Tat wäre der Glaube allein an Christus, den Erlöser, vergebens und tot, wenn er nicht den Verzicht auf den Haß unabhängig von allen äußeren Umständen nach sich zöge; wenn die Christen nach den Worten 'und vergib uns unsere Schuld' nicht auch die Worte 'wie auch wir vergeben unseren Schuldigern' wiederholen würden. Die Forderung nach einem Ende des Hasses war eine Herausforderung des Christentums für die menschliche Natur und ist es bis heute geblieben. Wenn Christen nur unter denen sind, die diese Forderung tatsächlich erfüllen können, die also in diesem Sinne Schüler von Jesus sind, daß sie nicht vor dem Kampf fliehen, aber frei von Haß sind, wie viele gab und gibt es dann von ihnen auf der Welt? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es ihrer im Mittelalter mehr waren als heute. Wie viele es jedoch auch immer sind, so sind sie das Salz der Erde, und die europäische Zivilisation wäre ohne sie eine Wüste." Aus solchen Texten lernten wir die Kirche zu begreifen. Daher vernahmen wir beunruhigt Stimmen des Hasses und der Verachtung, die erfüllt waren vom Geist der Rache und dem Kreuzzugsgedanken gegenüber Andersdenkenden - alles im Namen des Evangeliums und im Zeichen des Kreuzes. Wir beschlossen, ein anderes Bild des Christentums zu zeigen, einer Kirche des ökumenischen Glaubens, der Hoffnung, der Barmherzigkeit und des Dialogs, der Vergebung und der Versöhnung. Wir waren und sind Menschen des Dialogs, aber nicht des blinden Gehorsams; Menschen der Kritik, aber nicht der Feindschaft. Wir waren die erste Tageszeitung, die regelmäßig in einer gesonderten Kolumne Artikel über Kirche und Religion veröffentlichte. Es gab eine Zeit, als eine Zusammenarbeit mit der Gazeta in der Kirche nicht wohlgelitten war. Um so mehr möchten wir heute allen Vertretern der Kirche danken, die uns mutig und verständnisvoll ihre Gedanken, Artikel und Essays zu Verfügung stellten. Die Zeit ungerechter Bewertungen ist naturgemäß eine schwierige Zeit für die Treue. Dank jener Menschen, die uns ihre Freundschaft in jenen bitteren Zeiten anboten, verloren wir nie die Hochachtung und Bewunderung für die Kirche. Ein Polen ohne Katholizismus ist schwer vorstellbar. Die katholische Kirche ist in Polen tief in der Gesellschaft verwurzelt. Daher findet sich in der Kirche all das, was in Polen am besten, aber auch all das, was am schlechtesten ist. Zu unserem Glück war es so, daß wir mit dem zu tun hatten, was am besten ist.

Häufig greift man uns, die Leute von der Gazeta Wyborcza , und vor allem mich persönlich wegen unserer zu milden Einstellung gegenüber den Vertretern des alten Regimes an, wegen unseres Widerwillens gegenüber Abrechnungen, gegenüber der Lustration, der Dekommunisierung und schließlich wegen der Verwischung der Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen wahr und falsch. Einer unserer Kritiker nannte dies eine "Bruderschaft mit Kain". Der zehnte Geburtstag der Gazeta Wyborcza ist eine gute Gelegenheit, auf diese Vorwürfe zu antworten. Viele Jahre lang waren wir Mitglieder der antikommunistischen Opposition. Viele von uns verbrachten lange Zeit im Untergrund oder im Gefängnis, am Rand des öffentlichen Lebens, diskriminiert und gedemütigt. Unseren Gedanken und unseren Freunden wurde das Recht verweigert, an den Debatten über Polen und die Gestaltung seiner Zukunft teilzunehmen - über viele Jahre hinweg. In den Spalten der Untergrundzeitschriften stellten wir dem kommunistischen Regime ein bitteres Zeugnis aus. Erst 1989, während der Beratungen am "Runden Tisch", erkannten wir an, daß es für Polen Hoffnung gab. Damals sahen wir, daß die Chance für die polnische Demokratie der "spanische Weg" ist, der Weg einer evolutionären Entwicklung von der Diktatur zur Demokratie, auf dem Weg des Kompromisses und der nationalen Versöhnung. Eine solche Philosophie beinhaltet, daß es keine Rache geben wird, keine Sieger und Besiegte, sondern daß der Wahlzettel über die neuen Regierungen entscheiden wird. Aber wir wußten, daß gerade wir, die Leute der demokratischen Opposition von KOR und Solidarnosc, die Sieger waren. Aber weil wir die Sieger waren, lehnten wir kleinherzige Rache an unseren ehemaligen Feinden ab. Wir sagten: Amnestie - ja, Amnesie - nein. Dies war eine Deklaration, die Revanche ablehnte, aber zugleich festlegte, daß die ganze Wahrheit enthüllt werden muß. Das Urteil über unsere elende Vergangenheit mögen Historiker, Publizisten oder Künstler fällen, nicht aber Staatsanwälte oder Untersuchungsbeamte. Wir glaubten an den Sinn einer solchen Amnestie: sowohl für diejenigen des "National-Radikalen Lagers" (ONR) und der "Nationalen Streitkräfte" (NSZ), obwohl sie nicht selten Schweinereien auf dem Gewissen hatten, als auch für die Leute der PVAP, die der Diktatur gedient hatten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Resultaten. Wir glaubten, daß es für alle einen Platz unter dem polnischen Himmel geben müsse, da man nur so ein breites Einvernehmen aller Bürger über die vordringlichsten Angelegenheiten herstellen kann. Deshalb wollten wir Leute guten Willens auf allen Seiten der komplizierten polnischen Barrikaden sehen; wir wollten zu der verwickelten Wahrheit der einzelnen menschlichen Schicksale vordringen, die im Zuge der vielen Wendungen und Umbrüche dramatisch zugerichtet wurden, sei es durch fremde Gewalt oder innere Streitereien. Wir waren dagegen, eine neue historische Mythologie zu schaffen, die dann in den alltäglichen politischen Polemiken instrumentalisiert würde. Den Bau eines demokratischen und souveränen Staates betrachteten wir als einen Prozeß der Aussöhnung und Verständigung des verfeindeten Volkspolen mit dem Polen der Solidarnosc. Daher waren wir gegen jegliche Überlegungen in Richtung Dekommunisierung und Lustration. Die gesetzliche Dekommunisierung, d.h. die Diskriminierung ehemaliger PVAP-Funktionäre, hielten wir für eine zutiefst antidemokratische Idee. Die Analogie zur Entnazifizierung im postnationalsozialistischen Deutschland schien uns verfehlt - weder Gomulka noch Gierek oder Jaruzelski waren mit Hitler, Himmler oder Goebbels gleichzusetzen. Sie waren Diktatoren, aber keine Völkermörder - das Verwischen dieses Unterschiedes hielten wir für verlogen. Uns faszinierte der spanische Weg zur Demokratie, wir schauten auf die Philippinen, auf Südafrika oder Chile, wo die Feinde von gestern gemeinsam in einem demokratisch gewählten Parlament saßen. Wir glaubten, daß es besser sei, aus den Leuten des "alten Regimes" - und es gab viele von ihnen - Anhänger anstatt verbissene Gegner von Demokratie, Unabhängigkeit und Marktwirtschaft zu machen. Natürlich schrieben wir oft über die volkspolnische Epoche, ohne unsere offene Antipathie zu verbergen. Doch während wir das System und seine Praktiken verdammten - diese besondere Mischung aus Lüge und Gewaltanwendung, versuchten wir, die in dieses System verstrickten Menschen zu verstehen. Anders bzw. eher christlich ausgedrückt: wir unterschieden zwischen der Sünde und dem Sünder. Ein Kommunist war für uns nicht die Verkörperung des Bösen, kein leibhaftiger Teufel, kein Kain oder Verbrecher mit vom Blut Unschuldiger befleckten Händen. Wir wollten die Leute des alten Regimes nicht dämonisieren, obwohl wir häufig über die teuflische Natur totalitärer Diktaturen schrieben; wir wollten die Anhänger der antikommunistischen Opposition nicht idealisieren, obwohl es sich dabei oft um unsere Freunde aus Solidarnosc, aus dem Untergrund und aus dem Gefängnis handelte. Immer wieder haben wir bekräftigt, daß die Zweite Polnische Republik zwischen den beiden Weltkriegen von Menschen aufgebaut wurde, die über Jahre hinweg in Konflikten miteinander gelebt, ja sogar in unterschiedlichen Armeen gekämpft hatten. Und dennoch konnte sie die Freiheit Polens versöhnen. Wir wollten es diesen Menschen gleichtun. Wir wollten bei allen augenscheinlichen Unterschieden - biographischen, politischen und ideellen - das suchen, was uns verbindet. Auch daraus resultierte unser Widerstand gegen die Lustration. Natürlich war es uns nicht gleichgültig, ob ehemalige Konfidenten zu Ministern, Botschaftern etc. wurden. Wir glaubten jedoch, daß über die Befähigung eines Bürgers zur Arbeit in der Verwaltung nicht die von Funktionären des kommunistischen Sicherheitsdienstes gesammelten Informationen entscheiden können. Wir glaubten nicht an die Archive des Staatssicherheitsdienstes als einer Quelle zur Beurteilung von Menschen. Diese Papiere waren als ein Instrument der polizeilichen Erpressung gesammelt worden; es waren Materialien, die zu dem Zweck zusammengestellt wurden, Leute zu kompromittieren, die den Herrschenden im Weg waren. Diese Materialien kann der Ministerpräsident sichten, um auch in diesem Bereich über seine eventuellen Mitarbeiter Bescheid zu wissen, aber aus diesen Materialien darf kein politisches Spektakel gemacht werden. Mit Bestürzung beobachteten und beschrieben wir in der Gazeta Wyborcza die "Nacht der langen Akten", die der Innenminister der Regierung von Jan Olszewski, Antoni Macierewicz, inszenierte, in der ein niederträchtiger Schatten auf den guten Namen so vieler Leute fiel, die sich um Polen verdient gemacht hatten.

Politische Konflikte und Streitereien sind ein natürlicher Bestandteil des ersten Jahrzehnts des demokratischen Polen. Uns ging es darum, daß diese Konflikte die Grenze des Gemeinwohls, des Rechts und der guten Sitten nicht überschritten. Daher registrierten wir erfreut die Einigkeit in bezug auf den Beitritt Polens zur NATO, mit Beunruhigung jedoch die Anzeichen einer "Falandisierung" des Rechts. Ebenfalls beunruhigte uns die Instrumentalisierung des Sicherheitsdienstes in Auseinandersetzungen zwischen den politischen Lagern: die Fälschung von Dokumenten, um bestimmte Politiker zu kompromittieren und gegeneinander aufzubringen, die am Rednerpult des Sejm gegen den Ministerpräsidenten [Oleksy] erhobene Beschuldigung der Spionage auf der Grundlage äußerst bescheidener Beweise seitens des Innenministers [Milczanowski]. Auch beunruhigte uns die Brutalisierung der Sprache in der politischen Polemik: die Beschuldigung des Außenministers [Skubiszewski], auf Schlesien verzichten zu wollen; die Andeutung einer geheimdienstlichen Verstrickung des Präsidenten der Republik [Aleksander Kwasniewski]; die Attacken auf Politiker mit Eiern oder stinkenden Flüssigkeiten. Wir freuten uns über die Erfolge der polnischen Wirtschaft. Kategorisch widersprachen wir der These, sie werde von Verrätern und Dieben beherrscht. Doch beunruhigte uns die Korruption, die in der Grauzone zwischen Politik und Wirtschaft entstand und die wir in sorgfältig recherchierten Reportagen beschrieben. Sorgfältig vermieden wir unbewiesene Anschuldigungen, Unterstellungen und Beleidigungen. Doch keine Regierung, kein Amt und keine politische Partei kann damit rechnen, daß wir ihr ein kritikloses Loblied singen.

[...] Fast zwei Jahrhunderte lang waren die Polen für die Welt ein Symbol der Tapferkeit und des Mutes, doch der polnische Staat wurde der "kranke Mann Europas" genannt; über das ökonomische System wurde mit verächtlicher Geringschätzung als "polnische Wirtschaft" gesprochen. Heute nimmt die Welt nicht nur den polnischen Heroismus, sondern auch die vernünftige Politik und den wirtschaftlichen Aufschwung wahr. Heute ist Polen kein bedauerliches Objekt mehr, das in seiner Unterdrückung zu bemitleiden ist, sondern aufgrund seiner Errungenschaften wird es mit Bewunderung und Neid betrachtet. Das ist ein guter Moment, um an die Verlierer zu erinnern: an die Arbeitslosen, die Obdachlosen, die Armen, die in Apathie versunken sind, ebenso wie an die, die nicht zur Wahl gehen, die streiken und Straßen blockieren, weil sie sich vor den Ungewißheiten des morgigen Tages fürchten. Auch sie gehören unabdingbar zu Polen und zu allem Polnischen: ihr Schicksal sollte Gegenstand unserer gemeinsamen Sorge sein. Wir denken, daß sich gerade in der Beziehung zu diesen Verlierern der gegenwärtige polnische Patriotismus messen lassen muß. Was aber bedeutet für uns, die Leute von der Gazeta Wyborcza , heute Patriotismus? Mit Widerwillen registrierten wir, wie Solidarnosc-Mitglieder für sich materielle Entschädigungen für die im Gefängnis verbrachten Jahre forderten. Wir empfanden es als geschmacklos, als sich andere um Wiedergutmachungen für die Monate bemühten, die sie als Kinder in Konzentrationslagern verbracht hatten. Die einen wie die anderen hatten ein Recht auf diese Leistungen, doch wir meinten, Patriotismus zeige sich darin, daß man nicht auf allen Rechten besteht; darin, daß wir dem freien Polen die Schulden erlassen können, die die kommunistische Diktatur bei uns gemacht hat. So sagt es uns auch unsere Intuition - daß man nämlich die Wahrheit und die Wiedergutmachung von Unrecht fordern kann, aber auf Rache und Privilegien für Kombattanten verzichten sollte. Unser Patriotismus ist kein Stock, mit dem wir Andersdenkende prügeln, er ist nicht eine Art von Erpressung mittels vaterländischer Phrasen, weil viel eher ein gemeinsames Nachdenken über das Wohl aller notwendig ist. Unser Patriotismus ist keine Zustimmung zu einer Politik der Aneignung des Staates durch irgendeine der politischen Parteien - ganz egal ob es sich um postkommunistische oder post-antikommunistische Kräfte handelt. Unser Patriotismus ruht auf der festen Überzeugung, daß Polen das gemeinsame Vaterland all seiner Bürger ist. Nur das Volk - im Sinne der Gesamtheit der Bürger der Republik - ist der Souverän, jeder Versuch bestimmter politischer Gruppierungen, die Macht an sich zu reißen - seien die Verdienste, die sie sich in der Vergangenheit erworben haben, auch noch so wichtig -, führt zur Diktatur. Unser Patriotismus verlangt, der Diktatur entgegenzutreten. Er umfaßt auch die Erinnerung. Wir bemühen uns, daran zu erinnern, daß Polen in der Vergangenheit nicht ausschließlich durch fremde Mächte zugrunde gerichtet wurde; es gab auch unsere eigenen Streitereien, unseren Egoismus, unsere Unfähigkeit zu einem inneren Kompromiß, deren Symbol das liberum veto war, das eben nicht ein "Augapfel der Freiheit", sondern die Ursache von Korruption und Untergang der Adelsrepublik war. Wir sind glücklich, daß die beste Dekade Polens in den letzten drei Jahrhunderten auch die besten zehn Jahre in unserem Leben waren. Die Gazeta Wyborcza ist nicht nur unser Verdienst, sie ist der Verdienst des gesamten demokratischen und unabhängigen Polen.

Aus dem Polnischen von Claudia Kraft