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Extremismus bedeutet nach der Enzyklopädie des
Polnischen Wissenschaftsverlages (PWN) das Vertreten radikaler Ansichten
sowie die Anwendung extremer Mittel wie zum Beispiel Terrorismus
zur Erreichung politischer Ziele. Wir kennen rechten und linken
Extremismus. Diese Definition erweist sich jedoch beim Kontakt mit
der Wirklichkeit als unpräzise. Zum einen bezieht sie sich nur
auf aktives Handeln. Indessen kann auch die Verbreitung von Propaganda
extremistisch und nicht weniger negativ in ihren Auswirkungen sein.
Zum anderen verbinden sich rechter und linker Extremismus unter
bestimmten Umständen, so daß sich nicht sagen läßt, ob es sich
um linken oder rechten Extremismus handelt. Die Sprache der Wochenzeitung
"Rzeczywistosc;" (Die Wirklichkeit), die den nationalistischen Flügel
der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei um sich gruppierte und
in Warschau in den Jahren 1981-1989 erschien, unterschied sich in
vielen Fällen nicht von der Sprache der nationalistischen Rechten.
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Die für meinen Vortrag vorgesehene Zeit sowie
die Anzahl der Fragen, auf die sich die Veranstalter Antworten erwarten,
läßt nur eine sehr allgemeine Skizze zu. Das hat zur Folge, daßeinige
Dinge vereinfacht dargestellt bzw. nur stichwortartig erwähnt werden.
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Einige Bemerkungen zur "Geschichte des nationalen
Lagers" in Polen
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Da nicht alle mit den Einzelheiten der polnischen
Geschichte und besonders der nationalistischen Bewegung vertraut
sind, erlaube ich mir zu erwähnen, daßdie Geschichte dieser Bewegung
schon über 100 Jahre alt ist. Da sie verschiedene Organisationsformen
angenommen hat, wird sie gemeinhin als nationales Lager beschrieben.
Seit 1926 war diese Bewegung geteilt in die Nationale Partei (Stronnictwo
Narodowe) und in das Lager Großpolen (Obóz Wielkiej Polski/ OWP).
Der Stoßtrupp des nationalen Lagers war die Bewegung der Jungen
des OWP (Ruch Mlodych OWP), die organisatorisch dem italienischen
Faschismus nachgebildet war. Nachdem diese Vereinigung 1932/33 verboten
worden war, wurde sie der Nationalen Partei eingegliedert. 1934
kam es zur Spaltung im nationalen Lager, in deren Folge das Nationalradikale
Lager (Obóz Narodowo Radykalny/ ONR) entstand, das im Folgejahr
in zwei Gruppierungen zerfiel: in das ONR sowie in die Nationalradikale
Bewegung (Ruch Narodowo Radykalny/ RNR). An der Spitze der letzteren
stand Boleslaw Piasecki. Als sich diese Gruppierung konstituierte,
bestand kein Zweifel darüber, daßes sich um die polnische Version
des Nationalsozialismus handelte. Erst die Erfahrungen des Krieges
sowie später das Bedürfnis zu beweisen, daß in Polen eine solche
Bewegung nicht hätte entstehen können, veränderten die Einschätzung
dieses Phänomens. Daran waren sowohl die Leute interessiert, die
sich nach dem Krieg um Piasecki sammelten, als auch die Anhänger
des ONR der neunziger Jahre.
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Wie im ONR der Radikalismus verstanden wurde geht
aus den Aussagen von Wlodzimierz Sznarbachowski hervor. Er unterschied
zwischen dem Radikalismus des Programms und dem der Tat. "Der
Radikalismus des Programms" schrieb er "bedeutet
die Verkündung neuer Wertmaßstäbe, neuer Wahrheiten, die sich
von den derzeit geltenden unterscheiden. Der Radikalismus der Tat
ist die Anwendung bedingungsloser Mittel, die mit Sicherheit direkt
und in kürzester Zeit zum Ziel führen. Programmatischer Radikalismus
ist gleichbedeutend mit dem Kampf gegen Parlamentarismus und das
internationale Judentum. Er bedeutet, dem internationalen Interesse
das nationale Interesse entgegenzustellen."
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Ein im Vergleich zur Nationalen Partei neues Merkmal
war der gesellschaftliche Radikalismus, der Angriff auf den Kapitalismus.
Tatsächlich war dies ein Angriff mit spezifisch eingeschränktem
Charakter, so wie Boleslaw Swiderski es beschrieb: "Positiv
gesagt bedeutet unser gesellschaftliches und ökonomisches Programm
par excellence die Lösung der jüdischen Frage, die unserer Meinung
nach eben die Hauptursache aller Probleme des Wirtschaftslebens
ist." Auch der Kommunismus und der Sozialismus sollten das
Werk der Juden sein.
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Die Teile der jungen Generation, die in der Nationalen
Partei blieben, unterschieden sich in ihren Ansichten nicht grundsätzlich
von denen des ONR. Wir wissen nicht, ob in der Nationalen Partei
nicht mehr Anhänger des Totalitarismus verblieben als zum Nationalradikalen
Lager überwechselten. Das Nationalradikale Lager war mit dem Nationalen
Lager durch gemeinsame programmatische Elemente verbunden - durch
den extremen Nationalismus, die feindliche Einstellung gegenüber
der Demokratie und ihren Institutionen, die deklarierte Treue gegenüber
katholischen Prinzipien, die Einstellung gegenüber Deutschland
und den Deutschen sowie schließ;lich durch den Antisemitismus.
Ein verbindendes Element war auch die überzeugung, die noch vor
dem Bruch in der Zeitung Szczerbiec (Schwert)
formuliert wurde, nämlich daß"der Ehrgeiz der
jungen polnischen Generation, die heute aktiv ist, in der Lösung
der jüdischen Frage besteht." Die Gemeinsamkeiten betrafen
nicht nur das Programm, sondern auch das Handeln. Nicht selten hatte
die Polizei Probleme festzustellen, welche Organisation für welche
Aktion verantwortlich war. Die Liste der terroristischen Aktionen
der Nationalradikalen Bewegung (RNR) ist lang. Doch die drei Studenten
der Lemberger Universität wurden 1939 nicht von Mitgliedern des
RNR, sondern der Nationalen Partei ermordet. Im März des Jahres
1939 schrieb Alfred Laszkowski in der führenden Zeitung der RNR
Falanga: "Die Juden
denken, die Niederlage Hitlers bedeute die sichere Liquidierung
des Antisemitismus. Das sind vergebliche und dumme Hoffnungen. [...]
Dieser Krieg rettet Euch nicht."
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Der Krieg änderte die Einstellung gegenüber
den Juden nicht. Die Gründe für den Antisemitismus in Polen ähneln
denen in anderen Ländern, aber sie sind durchaus auch spezifisch.
Ich möchte dabei darauf aufmerksam machen, daßsich zu den alten
Beschuldigungen neue gesellten - so etwa der Vorwurf der Zusammenarbeit
mit den sowjetischen Besatzern in den Jahren 1939 bis 1941 oder
nach dem Krieg der Vorwurf, im Rahmen des kommunistischen Machtapparates
repressive Aktionen geleitet zu haben. Krystyna Kersten schrieb
dazu: "Schon damals in den ersten Jahren der kommunistischen
Herrschaft war nicht so sehr der Jude ein Feind, sondern jeder Feind
war ein Jude. Diese Auffassung war im kollektiven Bewußtsein verwurzelt,
so daßein paradoxer Antisemitismus ohne Juden entstehen konnte,
über den sich Personen aus dem Ausland heute wundern." Darüber
hinaus ist eine offen antisemitische Einstellung nach dem Holocaust
schlecht angesehen. Kaum jemand bekennt sich offen dazu. Daher sucht
man nach unterschiedlichen Surrogaten. So war zum Beispiel im März
1968 die Rede von Zionisten. In der Regel wird die Formel "ich bin
kein Antisemit, aber..." angewendet. Daher stimme ich Kinga Dunin-Horkawicz
zu, wenn sie feststellt, daß "das Problem des
polnischen Antisemitismus nicht in der Beziehung zu den Juden besteht,
sondern in der Art, wie dieser Antisemitismus funktioniert, und
in der Beziehung zu ihm. Es gibt keine jüdische, sondern lediglich
eine polnische Frage."
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Die Kommunisten haben sehr viele nationalistische
Argumente übernommen, auch wenn sie internationalistische Parolen
verbreiteten. In Polen wurde zum Beispiel verkündet, welch eine
große Errungenschaft die Schaffung des Nationalstaates sei. In
Phasen gesellschaftlicher Spannungen bediente man sich gern antideutscher
Parolen, wobei vor allem die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg
mobilisiert wurden, der das polnische Volk wie kaum ein anderes
betroffen hat. Hilfreich dabei war auch die in Deutschland aktive
revisionistische Bewegung. Der Antisemitismus trat vor allem als
Reflex auf den Machtkampf in der Kommunistischen Partei auf, zum
ersten Mal während des Tauwetters im Oktober 1956. Ihren Höhepunkt
erreichten diese Stimmungen im März 1968. Die Märzereignisse sind
in der Literatur schon umfassend dargestellt worden, so daß ich
auf deren Verlauf und Folgen hier nicht eingehen muß. Ich wende
mich daher gleich unseren "Helden" zu. An den Ereignissen im März
1968 war nämlich die Gruppe um Boleslaw Piasecki aktiv beteiligt.
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Diese Doktrin war notwendig, um sein eigenes Vorgehen
zu rechtfertigen und neue Anhänger zu finden. Eine solche Strategie
war für ihn nicht neu. Schon vor dem Krieg hatte er versucht, die
Bauernbewegung und die Sanacja (Regierungslager um Pilsudski seit
dessen Putsch von 1926, Anm. d. ü.) zu beeinflussen. Grundlage
seiner Handlungen war die schon von mir erwähnte überzeugung,
daßdie Kommunisten viele Jahre regieren würden und daßdenen,
die sie bekämpften, eine Niederlage sicher sei. Also ging er sprichwörtlich
vor: Wen man nicht besiegen kann, mußman mögen. 1948 schrieb er
in Dzis i Jutro, der Kommunismus als System
werde auf Dauer einen Beitrag zu den Errungenschaften des menschlichen
Geistes leisten, und er halte es für möglich, daßder Katholizismus
auch auf die Marxisten ausgeweitet werden könnte.
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Später entwickelte er die Theorie von der Vielfältigkeit
der Weltanschauungen im sozialistischen Staat. Diese Theorie findet
sich zum Beispiel im Vorwort zu einer 1954 erschienenen Sammlung
seiner Artikel unter dem Titel Zagadnienia istotne (Wesentliches). Dort analysierte
er auch die von ihm spezifisch verstandene Beziehung zwischen Katholizismus
und Marxismus. Daraufhin verurteilte die Glaubenskongregation am
29. Juni 1955 diese Broschüre und verbot ihre Verbreitung. Dies
war nicht die letzte Broschüre Piaseckis, die eine bedeutende Rolle
spielte. Während des politischen Umsturzes im Oktober 1956 veröffentlichte
er den Artikel Instynkt panstwowy (Staatsinstinkt), in dem er
sich für die konservativen Kräfte in der PVAP aussprach, die für
eine starke Staatsgewalt eintraten. Die Aussage mußim Kontext der
damaligen Auseinandersetzung um die Demokratisierung des Staatswesens
gesehen werden. Piasecki glaubte, die kommunistischen Machthaber
überlisten oder zumindest ausnutzen zu können. Statt dessen wurde
er ausgenutzt und als er in den 70er Jahren nicht mehr gebraucht
wurde, machte man ihn zu einer bedeutungslosen Randfigur.
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Leider fehlt die Zeit, die politischen Aktivitäten
der Gruppe PAX näher zu beschreiben. Es soll daher genügen, den
Beschluß des Vorstandes dieser Vereinigung vom 12. Dezember 1989
anzuführen, in dem folgendes negativ beurteilt wurde:
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- Das Vorgehen von PAX gegenüber dem Klerus, Beispiele
für die unbefugte Einmischung in die der kirchlichen Hierarchie vorbehaltenen
Bereiche, indem im innerkatholischen Bereich eine ideologisch und politisch
unberechtigte Sprache verwendet wurde,
- der Versuch, unberechtigterweise ein Monopol zur politischen
Repräsentanz des gesamten katholischen Milieus zu erlangen,
- die Anwendung jeweils politischer Kriterien bei der Beurteilung
der kirchlichen Hierarchie in Polen [...]. Weitere Beurteilung anderer
wesentlicher Aktivitäten dieser Gruppierung sind uns noch nicht zu
Ohren gekommen.
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Nach etlichen Metamorphosen nahm der Rest der
Organisation den Namen Civitas Christiana
an und schloßsich Radio Maryja und der
Vereinigung Rodzina Polska (Polnische
Familie) an. Ihr wurde auch die Herausgabe der einzigen katholischen
Tageszeitung Polens Nasz Dziennik (Unsere
Tageszeitung) anvertraut. Bei den Wahlen trat sie im Rahmen des
AWS (Wahlbündnis Solidarnosc) an. Alles in allem handelt es sich
hier aber um eine marginale Gruppierung.
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Auch die PVAP entwickelte sich weiter. Für den
uns interessierenden Zeitraum kann man sagen, daßerst die politische
Führung, die den Kriegszustand verfügte, völlig auf antisemitische
Parolen verzichtete. Doch dies geschah nicht ohne Widerstand seitens
des Parteiapparates. Den Gegnern der Revision der Parteilinie gelang
es, die Wochenzeitung Rzeczywistosc (Die
Wirklichkeit) sowie die patriotische Vereinigung Grunwald ins Leben zu rufen, deren Funktionäre
später in anderen nationalistischen Parteien auftauchten.
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Interessanterweise gab es in der Opposition, die
sich nach den Ereignissen 1976 in Radom zu organisieren begann,
bis zur Zeit des Kriegszustandes keine Gruppierungen, die sich auf
die Traditionen des nationalen Lagers beriefen. Auf jeden Fall tauchen
sie in dem "Lexikon der politischen Opposition in Polen 1976-1989"
nicht auf. Dort wird lediglich die Bewegung Junges Polen (Ruch Mlodej
Polski) erwähnt, die am 18. August 1979 gegründet wurde. Der Chef
dieser Bewegung, Aleksander Hall, analysierte die Elemente der nationaldemokratischen
Tradition, auf die er und seine Mitstreiter sich beriefen. Als grundlegende
Bestandteile des nationaldemokratischen Denkens bezeichnete er:
das Verständnis vom Volk als einer Gemeinschaft, die überzeugung
von der Unabdingbarkeit eines eigenen Staates, der die Verkörperung
der Nation sein sollte, eine am Realismus angelehnte politische
Vorgehensweise sowie ein bestimmter Denkstil. Hall verschwieg seine
Kritik an der politischen Praxis dieses Lagers in den dreißiger
Jahren nicht. Er lehnte die antidemokratische Einstellung sowie
die Haltung gegenüber anderen Völkern, darunter auch den Antisemitismus,
ab. Er schrieb: "Die Wiederbelebung des Antisemitismus liegt mit
Sicherheit nicht im polnischen Interesse." Stefan Niesiolowski,
einer der führenden Politiker der Christlich-Nationalen Vereinigung
(Zjednoczenie Chrzesciansko-Narodowe/ZChN), sieht die Verdienste
Roman Dmowskis in der Herausbildung einer neuen Form des Patriotismus
(ich weise darauf hin, daßNiesiolowski den Begriff Nationalismus
vermeidet), in der Tatsache, daßer der polnischen Politik realistischere
Züge verlieh, im Wechsel des Standpunktes von einer antirussischen
hin zu einer antideutschen Politik sowie in der Formulierung der
These, daßdas Polentum untrennbar mit dem Katholizismus verbunden
sei. Er schloßseinen Artikel mit der Bemerkung, daß
"sich viele Ideen und Einstellungen, die von dem aus den nationaldemokratischen
Traditionen hervorgegangenen politischen Lager formuliert werden,
als sehr lebendig und weiterhin nützlich erwiesen haben, um mit
ihnen auf die gegenwärtigen Herausforderungen zu antworten".
Der Chefredakteur der Zeitung Szczerbiec hingegen vermied den Begriff Nationalismus
nicht, sondern schrieb, die Nationaldemokratie hätte als erste
eine Doktrin des polnischen Nationalismus ausgearbeitet.
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Ein ähnlicher Diskurs wurde und wird auch in
Kreisen geführt, die der Nationaldemokratie nicht nahestehen. Einige
positive Elemente im politischen Denken zur Entstehungszeit dieses
Lagers konstatierte auch Adam Michnik. Er wies jedoch daraufhin,
daßdamals "die subtile geopolitische Analyse durch eine brutale
Rhetorik des nationalen Hasses verdrängt wurde." Es ist interessant,
daßdiese Analyse nicht von Historikern, sondern von Politikwissenschaftlern,
betrieben wird. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Erörterungen
Andrzej Walickis, der sowohl die positiven als auch die negativen
Aspekte dieser politischen Richtung aufzuzeigen versucht, sehr aufschlußreich.
Nur Marcin Król erklärte das von allen angeführte Buch Dmowskis
"Gedanken eines modernen Polen" für wertlos. Es war das Lehrbuch
ganzer Generationen polnischer Nationalisten, und selbst die Kritiker
des nationalen Lagers (unter ihnen auch Michnik oder Walicki) beurteilen
viele der dort enthaltenen Gedanken positiv. Król jedoch wagte
zu schreiben: "Das Buch 'Die Gedanken eines modernen Polen' enthält
die erste und bedeutendste Verherrlichung der Barbarei im polnischen
politischen Denken, den ersten Versuch, mit den Traditionen der
europäischen Kultur - also der jüdisch-griechisch-christlichen
Kultur - zu brechen."
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Zur Neugründung nationalistischer Gruppierungen
während der Wende 1989-1991
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In den Jahren 1989 bis 1991 entstanden sechs Gruppierungen,
die direkt an die nationaldemokratischen Traditionen aus der Zeit
vor dem Zweiten Weltkrieg anknüpften. Sie unterscheiden sich in
unterschiedlichen programmatischen Akzentsetzungen und unter ihnen
herrschen Animositäten. Alle übernehmen direkt oder selektiv das
Erbe der nationalen Bewegung der Vorkriegszeit. Sie knüpfen an
unterschiedliche Phasen und Strömungen dieses Lagers an. So erinnern
etwa die Texte der Nationalen Partei im Szczerbiec am stärksten an die ideologischen
Texte der jungen Generation in der Nationaldemokratie Ende der dreißiger
Jahre. Die Stimmung in dieser Bewegung verdeutlicht am besten die
Diskussion, die in der Redaktion der Zeitung Slowo Narodowe (Das nationale Wort), dem von Maciej
Giertych geleiteten Organ dieser Gruppierung, stattfand. Alle Beteiligten
betonten die organisatorische, personelle, intellektuelle sowie
programmatische Schwäche der Bewegung. So sagte einer der Diskutanten:
" heutige Nationaldemokratie steckt zu tief in
der Geschichte und in den alten Streitigkeiten, als daßsie sich
konstruktiv der gegenwärtigen Realität zuwenden könnte."
Alle Versuche, diese politische Strömung zu konsolidieren, blieben
bislang erfolglos.
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Die nationalistischen Gruppierungen sind aus mehreren
Gründen gezwungen, sich auf die Errungenschaften der Vorkriegszeit
zu berufen. Noch leben Funktionäre, die ihr politisches Wirken
in dieser Bewegung begonnen haben und sie weiter als ihre politische
Heimat ansehen. Im Kult dieser Bewegung wurde ein Teil der Jugend
erzogen. Zweitens fehlt den heutigen nationalistischen Parteien
ein Ideologe, der eine eingehende Diagnose der Realität leisten
und ein in die Zukunft weisendes Programm entwickeln könnte. Daher
bleibt ihnen nur, sich auf das Erbe der Vorkriegszeit zu berufen.
Schließlich legitimiert sie das als eine seit Jahrzehnten aktive
Bewegung, die in all der Zeit um das Wohl Polens kämpfte. Dieses
besteht für die Mehrzahl der Aktivisten in der deklarierten Treue
gegenüber der katholischen Ethik, in solchen Werten wie Volk, Staat
- verstanden als eine Familie, in der traditionell antideutschen
Einstellung, im Antisemitismus sowie in den Traditionen der letzten
Vorkriegsjahre sowie der Okkupationszeit. Der Staat wird als Nationalstaat
verstanden. Im Gegensatz zur Vorkriegszeit, als er dem Vielvölkerstaat
entgegengestellt wurde, wird er heute einem staatsbürgerlich definierten
Gemeinwesen entgegengestellt. Doch de facto ist auch heute in der
Publizistik das Motto "Polen den Polen" weiter aktuell. Der Katholizismus
knüpft immer häufiger an traditionalistische Strömungen an, die
in vielen Bereichen die Errungenschaften des II. Vatikanischen Konzils
negieren. Für sie besteht weiterhin die Gleichung Pole = Katholik.
Sehr oft beruft man sich auch auf die Ideen des Bischofs Lefebvre.
Das Recht soll sich auf die nationale Ethik, gleichbedeutend mit
der katholischen Ethik stützen. Im Wirtschaftsleben sind sie formal
Anhänger des freien Marktes und der Dominanz des Privateigentums,
halten jedoch den Liberalismus für ihren ideologischen Feind. Sie
treten dafür ein, den Arbeitern Eigentumsanteile der staatlichen
Industriebetriebe zu übertragen. Uneins ist man in der Beurteilung
der Fürsorgeaktivitäten des Staates gegenüber seinen Bürgern.
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Alle in Polen sind sich der geopolitischen Lage
des Landes bewußt. Der Beitritt Polens zur Europäischen Union
ist ein strategisches Ziel der polnischen Außenpolitik. Die Nationalisten
jedoch sind Gegner der europäischen Integration. Wenn diese schon
sein muß, dann optieren sie für ein Europa der Vaterländer. Diese
Haltung resultiert aus der Furcht vor einer existenziellen Bedrohung
der Nation und der Souveränität des Staates. Besonders betonen
sie die deutsche Gefahr. Sie meinen, daß"Polen
das entscheidende Element in der Selbstverteidigung Europas gegen
die deutsche Dominanz sein muß." Häufig werden die regierenden
Eliten angeklagt, sie hätten die biologische Ausrottung des Volkes
sowie die vierte Teilung Polens - diesmal auf dem Wege des Ausverkaufs
des nationalen Besitzes an Deutsche und Juden - zu verantworten.
Zunächst suchte man keine Kontakte mit dem Ausland. Nur die Gruppe
um Maciej Giertych wollte mit Le Pen zusammenarbeiten, über den
Giertych schließlich wie über einen Freund zu schreiben pflegte.
Mit den Jahren änderte sich die Einstellung zu den internationalen
Kontakten, wovon noch die Rede sein wird.
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In der schon erwähnten Diskussion wurde darauf
hingewiesen, daß es, "wenn es um nationale Aktivität
geht, nicht ausreicht, dummes Zeug über Juden und Freimaurer zu
schwatzen. Man kann sich mit ihnen beschäftigen, aber dann auf
ernsthafte Weise. Leider nimmt das Interesse an diesen Fragen zu
oft groteske Formen an, die der Sache nur schaden." Die nationalistischen
Gruppierungen beherzigten diesen Rat jedoch nicht. Es änderte sich
inhaltlich nicht viel gegenüber den Artikeln nationalistischer
Gruppierungen aus der Vorkriegszeit. Die Zeitschrift Ojczyzna
(Vaterland) schrieb weiterhin, daß"in Polen das
jüdische Problem zum Problem Nr. 1" geworden sei. Die Zeitschrift
der Nationalen Polnischen Front mit dem Titel Szaniec
(Die Schanze), die unter der Losung "Polen den
Polen" erschien, behauptete, Solidarnosc würde von Juden
geleitet und die Regierung Mazowiecki sei "keine
echte polnische Regierung", es sei an der Zeit "unser Land aus einem Truppenübungsplatz des internationalen
jüdischen Chauvinismus zu einem Land zu machen, das von Polen für
Polen regiert wird." Diese Vorwürfe wurden auch an die Adresse
der nachfolgenden Regierungen gerichtet sowie in den einzelnen Wahlkämpfen
wiederholt.
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Vor dem Krieg war das nationale Lager dezidiert
antikommunistisch. Auch nach 1989 wurden antikommunistische Parolen
verbreitet, jedoch nicht von allen. An der Spitze der Nationalen
Partei Vaterland steht Boguslaw Rybicki, Mitglied der PVAP in den
Jahren 1963-1971. In seiner Zeitschrift Ojczyzna (Vaterland) erschienen mehrere Artikel
mit dem Tenor, man könne die Polen nicht in "Kommunisten" und "Unbefleckte"
einteilen. In der Partei seien auch Leute gewesen, die soweit es
ihnen möglich war, für Polen gearbeitet hätten. Es gibt noch
mehr Beispiele "gewendeter" Kommunisten, die von nationalistischen
Parteien und Zeitungen unter ihre Fittiche genommen wurden. Noch
einfacher gelang dieser Prozeßim Falle der "parteilosen Bolschewisten".
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In ihrer Propaganda bediente sich diese Partei
mit Vorliebe eines Satzes aus einer Predigt von Primas Glemp vom
26. August 1989. Glemp hatte gesagt, "es gäbe
keinen Antisemitismus, wenn es keinen Antipolonismus gäbe."
Die Kirche hat sich jedoch seit dem II. Vatikanischen Konzil in
sichtbarer Weise verändert. Gegenwärtig kann man im polnischen
Episkopat eine neue Einstellung gegenüber vielen Problemen beobachten,
auch wenn sich die übernahme der Sichtweise des Konzils auf den
Judaismus nur langsam und unter großen Schwierigkeiten vollzieht.
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Eines der Anzeichen für einen Wandel war die
Verlesung eines Briefes des polnischen Episkopats am 20. Januar
1991 in allen Kirchen, in dem auf die gemeinsamen Wurzeln von Judentum
und Christentum hingewiesen wurde. Er knüpfte an die Formulierung
an, die zwanzig Jahre zuvor gegenüber den Deutschen verwendet worden
war - "wir vergeben und bitten um Vergebung".
Das Dokument rief zwar keine unmittelbaren Reaktionen hervor, zeigte
aber die Richtung an, in die die Entwicklung der Kirche gehen sollte.
Zudem wurde es den Nationalisten erschwert, den Antisemitismus als
eine Doktrin darzustellen, die Religion und Kirche verteidigt und
das Christentum dem Judentum entgegenzustellen. Einige nationalistische
Organe verschwiegen den Brief des Episkopats, andere behaupteten,
er ändere nichts an ihrer Einstellung gegenüber den Juden, wieder
andere begannen eine Polemik. Wahrscheinlich gibt ein Kommentar
der Glos Narodu (Stimme des Volkes, Presseorgan der
Stronnictwo Narodowe Ojczyzna ) den Standpunkt
dieser Zeitungen wieder. Dort hießes, das Dokument sei vom nationalistischen
Lager ausgesprochen negativ aufgenommen worden. Auch auf theologischer
Ebene begann man eine Polemik.
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Die Kirche gerät ständig in heikle Situationen,
aus denen sie nicht immer heil herauskommt. Man könnte die Angelegenheit
des Klosters in Auschwitz, der Kreuze auf dem dortigen Kiesplatz
und der Schutzzone ebenso erwähnen wie Auftritte des Priesters
Jankowski oder den Rundfunksender Radio Maryja.
Sie kommt nicht heil heraus, weil sie selbst nicht einheitlicher
Meinung ist und einzelne Bischöfe und Priester eigene Stellungnahmen
abgeben, die nicht selten von den offiziellen Verlautbarungen des
Episkopats abweichen, ganz zu schweigen von den Stellungnahmen Roms.
Der Episkopat reagiert darauf zögernd und inkonsequent und ist
nicht immer in der Lage, seine Entscheidungen durchzusetzen.
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Nationale bzw. nationalistische Parteien heute
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Wie schon erwähnt ist die nationalistische Bewegung
weiterhin in viele Kleinstparteien zersplittert. Die meisten knüpfen
an die Vorkriegstradition der Nationalen Partei (Stronnictwo Narodowe)
an. Lediglich der Christlich-Nationalen Vereinigung (ZChN) gelang
es, eine ernstzunehmende Rolle in der Politik zu spielen. Nicht
unwesentlich trug dazu die Unterstützung der Kirche für diese
Partei bei. Einige ZChN-Funktionäre arbeiten seit Jahren mit unterschiedlichen
nationalistischen Gruppierungen und Zeitungen zusammen. Die Christlich-Nationale
Vereinigung hält sich nicht nur für den Erben der nationalistischen,
sondern auch der konservativen Bewegung. Sie vertritt nationalistische,
antiliberale und katholische Positionen. Sie repräsentiert den
traditionellen Katholizismus und versucht, der Gesellschaft ein
Staatsmodell aufzuzwingen, das sich - wie man es euphemistisch nennt
- auf das "Naturrecht" sowie die "christlichen und nationalistischen Werte" stützt.
Doch eine allzu starke Anknüpfung an nationalistische Werte, führt
- wie Professor Antonina Kloskowska schreibt - zu xenophoben Haltungen.
Interessant ist die Einstellung zum Faschismus. Wir verfügen über
keine offizielle Stellungnahme, sondern nur über eine Aussage von
Konrad Szymanski, Mitglied im Parteivorstand. Dabei handelt es sich
um eine Antwort auf die Kritik an der Einladung von Gianfranco Fini,
dem Chef des italienischen Nationalen Bündnisses durch die Christlich-Nationale
Vereinigung. "Im Falle des Faschismus, der nicht
die Ursache, sondern die Antwort auf die Krise der demokratischen
Institutionen war, können wir von pathologischen und sogar verbrecherischen
Erscheinungen sprechen. Sie werden jedoch immer die entartete Form
der Verteidigung der wahren und unvergänglichen menschlichen Werte
bleiben, wie der Familie, der Religion und des Volkes, ohne die
sich der Mensch in gefährlicher Weise der tierischen Existenz annähert
und Europa seine Zukunft verliert." Die Partei knüpfte nicht
nur zu Fini, sondern auch zu Le Pen Kontakte und unterschrieb mit
dessen Union eine gemeinsame Erklärung zu Europa.
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Doch die Partei erschien einem Teil der Katholiken
als zu liberal. Die mit Radio Maryja verbundenen
Kreise boykottierten die Christlich-Nationale Vereinigung und gründeten
eigene Parteien und Organisationen. Einige Abgeordnete verließen
die Partei und gründeten die Polnische Allianz (Porozumienie Polskie).
Darüber hinaus entstand eine unabhängige Vereinigung mit dem Namen
Polnische Familie (Rodzina Polska). über das Verhältnis des Episkopats
zu diesem Radiosender wurde schon viel geschrieben, so daßes an
dieser Stelle nicht wiederholt werden muß. Trotz Ermahnung des
Primas und vieler kritischer Aussagen von Seiten der Bischöfe hat
sich Radio Maryja nicht geändert und verbreitet weiter
seine der Kirche und der polnischen Gesellschaft gegenüber feindliche
Weltsicht.
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Neben der nationalistischen Strömung, die aus
der Nationaldemokratie hervorgegangen ist, gibt es auch neue Parteien.
Ich möchte hier nicht den Vortrag von Rafal Pankowski vorwegnehmen,
aber ein paar Bemerkungen erlaube ich mir dennoch. Es gibt einige
Gruppierungen, die auf die eine oder andere Art einen eigenen Weg
suchen. Zu diesen gehört die Sozial-Nationale Union (Unia Spoleczno-Narodowa),
die ideologisch an die "Zadruga" anknüpft, die einzige Partei im Vorkriegspolen,
die der Meinung war, die übernahme des Katholizismus stelle ein
Unglück für Polen dar. Zu diesen neuen Parteien gehört auch die
Polnische Nationale Gemeinschaft - Polnische Nationale Partei (Polska
Wspólnota Narodowa - Polskie Stronnictwo Narodowe), die am 14.
Juli 1989 registriert wurde. In ihrem Programm kann man das ganze
Spektrum nationalistischer Parolen finden. Doch ist das eine der
wenigen Parteien, die gegen die katholische Hierarchie auftritt.
Der Grund dafür ist die in ihrer Zeitung vertretene Behauptung,
alle polnischen Kardinäle und die Mehrzahl der Bischöfe seien
Juden. 30% der Priester seien Juden. "Was das
bedeutet", schreibt die Polska Mysl Narodowe,
"sehen wir am beklagenswerten moralischen
Zustand von Nation und Kirche." Der Brief der Bischöfe aus
dem Januar 1991 rief einen Sturm der Entrüstung hervor. In insgesamt
drei Nummern der Zeitschrift wurde gegen ihn polemisiert und den
Bischöfen Verrat am polnischen Volk vorgeworfen. Selbstverständlich
wurden alle, die der Gründer dieser Organisation, Boleslaw Tejkowski,
für Gegner hielt, als Juden bezeichnet. Ziel der Partei war die
Bekämpfung der "gegen Polen gerichteten deutschen
und jüdischen Expansion". Dieses Ziel wollte man mittels
einer übereinkunft mit russischen nationalistischen Parteien wie
Pamjat oder Vaterland
erreichen. Tejkowskis Nationalisten beteiligten sich ebenfalls
an der Formierung des Slawischen Konzils (Sobór Slowianski), ein Zusammenschluß,
der etliche Parteien und Organisationen dieses Spektrums vereinigt.
Die Polnische Nationale Gemeinschaft benutzte im politischen Kampf
als erste rechte Gruppierung Skinheads für ihre Ziele. Bryczkowski
(Polski Front Narodowy) schlug einen ähnlichen Weg ein. Er rief
u.a. die Polnische Legion (Legion Polski) ins Leben, für die er
sogar spezielle Ausbildungslager organisierte. Einige seiner Schüler
waren überaus gelehrig und ermordeten Obdachlose in dem Ort Legionów.
Der inoffizielle Anführer der Legion behauptete, "Polen
wird von nationalen Minderheiten regiert, vielleicht sogar nur von
einer einzigen Minderheit. Das Volk mußdas ändern." Es
ist charakteristisch, daßBryczkowski darüber hinaus Kontakt mit
Schirinowski aufnahm und ihn sogar nach Polen einlud. Seine Organisation
hat sich rasch ausgebreitet.
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Ein Teil der jungen Leute, die sich in den Bewegungen
von Tejkowski und Bryczkowski engagierten, wurden von der Nationalen
Wiedergeburt Polens (Narodowe Odrodzenie Polski - NOP) vereinnahmt,
der größten Organisation dieses Typs, die nach unterschiedlichen
Schätzungen zwischen 1.000 und 1.500 Mitglieder besitzt. Das NOP
ist die einzige Gruppierung, die an die Traditionen des national-radikalen
Lagers (ONR) aus der Vorkriegszeit anknüpft. Wegen der Person Piaseckis
war es für NOP formal unmöglich, sich mit der National-Radikalen
Bewegung (RNR) zu identifizieren. Aber NOP druckt sehr häufig Texte
aus den RNR-Broschüren nach. Auch durch die übernahme einer nur
leicht veränderten Symbolik knüpft man an das RNR an. Die Organisation
ist hierarchisch strukturiert. An der Spitze steht seit Jahren Adam
Gmurczyk. Die zwei wichtigsten Publikationsorgane Szczerbiec
(Das Schwert) und Nowa Sztafeta (Die neue
Stafette) tragen den Untertitel "national-radikale
Schrift". Es werden auch einige regionale Blätter herausgegeben.
Das Motto der Organisation ist "Polen den Polen - die Polen für Polen". "So wie die Aktivisten des ONR in den dreißiger Jahren,
so sind wir heute die kämpfende Elite des polnischen Volkes",
sagte auf einer Versammlung in Warschau das Vorstandsmitglied der
Warschauer Organisation Arkadiusz Zdolski. Er beendete seine Ansprache
mit dem Ausruf "Es lebe das große, katholische
und arische Polen." Immer mehr wird die Sprache des RNR übernommen.
Man spricht z.B. vom "nationalen Umbruch", ein vor dem Krieg gebrauchter
Ausdruck, der an Stelle des ungern gesehenen Revolutionsbegriffs
verwendet wurde. Von Beginn an hieß es in der NOP-Presse, der Weg
der Organisation sei der Nationalismus. Ebenso pries man von Anfang
an eine fanatische Einstellung. Die Partei bezeichnet sich selbst
nicht mehr als extremistisch und erklärt, sie wolle die bestehende
Ordnung radikal ändern, aber nicht auf dem Wege der Gewalt und
gegen die Verfassung, sondern im Rahmen der bestehenden Gesetze.
Es stellt sich also die Frage, wie sie die Rechtsordnung ändern
will, wenn sie grundsätzlich nicht an Wahlen teilnimmt. Auch darauf
finden wir eine Antwort. Auf einem NOP-Kongreßwurde erklärt, NOP
strebe nicht auf dem Wege demokratischer Wahlen an die Macht, sondern
mittels einer nationalen Revolution, "die gewalttätig
sein wird - und bei der man auch mit Blut rechnen muß[...]".
Manchmal bezeichnen sie sich als "arische Kampffront."
Sie bekämpfen nicht nur die Kommunisten, sondern die gesamte herrschende
Elite in Polen. "Die Entkommunisierung",
schrieb Michal Radzikowski, "reicht für eine
Gesundung der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Situation unseres Staates nicht aus. Es ist an der Zeit für eine
Endlösung! Wenn die politischen Ratten unser Schiff - Polen - nicht
verlassen wollen, ist es höchste Zeit für eine Rattenvertilgung".
Der Begriff der Endlösung ist allgemein bekannt. Damit aber kein
Zweifel bestehen konnte, war der Artikel mit einem Bild illustriert,
das einen an einer Laterne aufgehängten Menschen zeigte.
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Die Helden der Vorkriegszeit sind für NOP vor
allem Codreanu (Begründer der faschistischen Organisation "Legion Erzengel Michael" in Rumänien während
der Zwischenkriegszeit, Anm. d. ü.) und seine Organisation sowie
ähnliche Bewegungen in anderen europäischen Ländern. Von den
heutigen Rechtsextremisten druckt die NOP-Presse am häufigsten
Artikel von Roberto Fiore und Derek Holland nach - den Ideologen
und Führern der "International Third Position"
- der Internationalen Dritten Position wie sie den Namen selbst
übersetzen. NOP trat der ITP, die 1989 in Großbritannien auf Initiative
der britischen Nationalen Front entstanden war, zu Beginn der neunziger
Jahre bei. Die ITP sollte eine ideelle Alternative zu Kommunismus
und Materialismus sein, sie lehnt Kommunismus und Kapitalismus ab
und ist eine ausgesprochen rassistische Organisation.
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Grundlegendes programmatisches Dokument von NOP
sind die "Ideellen Grundsätze des Nationalismus".
"Das absolute Ziel kann nur Gott sein."
Diese Formulierung stammt aus den "Grundsätzen des Programms der National-Radikalen"
(RNR) aus dem Jahr 1937. Der nach dem Ebenbild Gottes geschaffene
Mensch hat ein Recht auf Leben, Freiheit, auf die Gründung einer
Familie und auf Eigentum. Der höchste Zweck der Gemeinschaft ist
die Nation, die ein Recht auf die Bewahrung der eigenen Sprache
und Kultur besitzt, auf die Kontrolle der nationalen Erziehung,
des nationalen Territoriums sowie der staatlichen Strukturen. Der
Wille des Volkes realisiert sich durch die territoriale Selbstverwaltung,
ein Zwei-Kammern-Parlament sowie einen durch allgemeine Wahlen bestimmten
Präsidenten. Das Wirtschaftssystem soll korporativistisch sein.
Um gar keine Zweifel aufkommen zu lassen, schrieb Gmurczyk, daß"für
die Demokratie, ein System, das das Wesen der nationalen Existenz
vernichtet, in unserem Land kein Platz ist." Die antidemokratische
Einstellung der Organisation wird immer wieder betont. Da Gott eine
herausgehobene Stellung in ihrem Programm einnimmt, ist es wichtig,
darauf hinzuweisen, daßdie Mitglieder Anhänger der traditionellen
Richtung in der katholischen Kirche sind, die die Beschlüsse des
II. Vatikanischen Konzils ablehnt. NOP ist der Meinung, eine Berücksichtigung
der Beschlüsse des Konzils zur ökumenischen Bewegung hätte katastrophale
Folgen. Der Vorsteher der Bruderschaft des Heiligen Pius X., Erzbischof
Felley, protestierte gegen den Nachdruck von Texten seines Ordens,
da er nicht wünsche, daßseine Bruderschaft mit dem neonazistischen
NOP in Verbindung gebracht werden könnte.
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Die Regierungsgewalt werde in Polen von der "hündischen,
philosemitischen Intelligenz" ausgeübt, heißt es u.a. Gmurczyk
behauptete in seiner Ansprache zum 60. Jahrestag der Entstehung
des National-Radikalen Lagers (ONR), das herrschende System sei
ein System des nationalen Verrats, das danach strebe, die Union
der Sozialistischen Sowjetrepubliken durch eine Union der sozialistischen
Republiken Straßburgs zu ersetzen. EU- und NATO-Beitritt werden
strikt abgelehnt. Den Antisemitismus der Bewegung dokumentiert ein
Text des "Führers" Gmurczyk. Zur Verdeutlichung einige Zitate:
"Europa, das Zentrum der gesamten christlichen
Zivilisation, liegt im Sterben. Es stirbt, denn es wurde seiner
wichtigsten Lebenskraft beraubt, des Antisemitismus." "Ein
Europa ohne den gesunden Geist des Antisemitismus hört auf, ein
christliches Europa zu sein." "Ein Europäer
muß- um seines Namens würdig zu sein - ein Antisemit sein, ansonsten
ist er bloß das erbärmliches Abbild eines Menschen." "Denn der Antisemitismus ist ein unbefleckter Glaube, er
verkörpert Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit; er bedeutet die
Liebe zum Schönen und zum Licht; im Antisemitismus verkörpert
sich die Treue zu den Prinzipien und zur Tradition." Den
Juden wird nachgesagt, sie infiltrierten die christliche Gesellschaft
mit zersetzerischen Ideen. Als zersetzerische Ideen gelten Demokratie,
aber auch Kapitalismus und Kommunismus. Als reinste Verkörperung
des christlichen Geistes hingegen wird der Feudalismus angesehen.
Die Abneigung der Juden gegenüber den Polen wird damit erklärt,
daßsie "in der Vergangenheit zu wenig von den
Polen geprügelt worden seien." Die Deutschen werden als
ein Beispiel für die "richtige Behandlung"
der Juden angeführt, ohne näher darauf einzugehen, worin diese
richtige Behandlung bestand. Seit 1995 werden im Szczerbiec regelmäßig Artikel von Holocaust-Leugnern
abgedruckt. Den Anfang machte ein Artikel von David Irving: "Glaubt
nicht an den Holocaust". Die Sprache der NOP-Presse charakterisiert
das Motto aus der Nowa Sztafeta: "Für die Juden die Abtreibung - für die Kommunisten die
Euthanasie, oder umgekehrt, das ist uns egal."
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1992 veranstaltete NOP zum Jahrestag der Entstehung
des National-Radikalen Lagers (ONR) eine Demonstration unter den
Losungen: "Polen ja, Juden nein, Polen den Polen,
Es lebe der Holocaust, Schlußmit der jüdischen Besatzung".
Solche Parolen wiederholten sich in weiteren Kundgebungen dieser
Organisation. über die Teilnahme von NOP an unterschiedlichen öffentlichen
Auftritten wird in der Presse informiert. über andere NOP-Aktivitäten
wird seltener berichtet. Hier stellt die Organisation Nigdy
wiecej (Nie wieder!) eine rühmliche Ausnahme dar. Die Abgeordneten
Jacek Kuro? und Cezary Malewski forderten die Delegalisierung von
NOP, nachdem sie einen Bericht vorgestellt hatten, aus dem hervorging,
daßdie Schlägertrupps von Tejkowski, Bryczkowski und NOP zwischen
12 und 15 Menschen ermordet hatten.
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Es ist schwer einzuschätzen, welchen Einflußdie
nationaldemokratischen Traditionen auf die Einstellungen in der
Gesellschaft haben, obwohl sich einige Parteien auf diese Traditionen
berufen, darunter auch die Christlich-Nationale Vereinigung, die
sogar eine Beschlußvorlage im Sejm einbrachte, mit der Roman Dmowski
"die Anerkennung für seinen Kampf und für die
Arbeit dieses großen Staatsmannes" ausgesprochen wurde.
Interessanterweise stimmte keineswegs nur die Rechte für diesen
Antrag. Die Werke von Dmowski werden herausgegeben und die Buchhandlungen
sind überschwemmt mit den Schriften von Doboszynski und Koneczny.
In Reprintausgaben erscheint die antisemitische Literatur aus der
Vorkriegszeit, und in den von der Kette Ruch
betriebenen Zeitungskiosken konnte man kürzlich die "Protokolle
der Weisen von Zion", herausgegeben im Verlag von Leszek
Bubel, finden. Bubel gibt auch die Zeitschrift Teraz
Polska (Jetzt Polen) heraus, deren Titel nun in Tylko Polska (Nur Polen) geändert wurde. Diese
Schriften sind voll von Artikeln antisemitischen Inhalts. Vom Stürmer
unterscheidet sie nur, daß es in ihnen noch keine Anschuldigungen
sexueller Natur gegen die Juden gibt. Für Bubel besteht die gesamte
politische Klasse Polens aus Juden. ähnliche Artikel findet man
auch in Nasza Polska (Unser Polen), aber
es gibt daneben noch viele weitere Publikationen mit antisemitischen,
antiukrainischen oder antideutschen Artikeln. Radio
Maryja, das in der Gunst der Hörer an fünfter Stelle liegt,
verkündet seine Ablehnung gegenüber allen liberalen Strömungen
und Politikern. In gewisser Weise wird die Haltung dieses Senders
durch ein Zitat des ihm nahestehenden Abgeordneten der AWS, Jan
Maria Jackowski, wiedergegeben: "Kaum haben wir den Kommunismus hinter uns gelassen, wird
uns der Demoliberalismus übergestülpt, als eine neue Art des Totalitarismus,
eine laizistische Weltanschauung als Ausdruck der westlichen Konzeption
der Moderne, die Freiheit von Christus als Zeichen einer neoheidnischen
Religion in einem weltanschaulich neutralen Staat." Der Sender
läßt auch antisemitische Akzente nicht aus. Es verwundert nicht,
daßsich im Umfeld von Radio Maryja die EU-Gegner zusammenfinden und
eine politische Bewegung bilden, die die Christlich-Nationale Vereinigung
in die Mitte des politischen Spektrums rutschen läßt. Bischof
Pieronek hat nicht ohne Grund wiederholt betont, daßder Ständige
Rat des Episkopats ein ernstes Problem mit diesem Sender hat. Die
Stellungnahmen des Episkopats und ein Brief von Primas Glemp zeitigten
keine Wirkung.
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Die gesamte Rechte tritt einträchtig gegen die
Reformen und die ökonomische Transformation Polens auf, da sie
darin einen Sieg des Liberalismus erblickt. Janusz Majcherek beantwortete
in einem Artikel die Frage, welche politische Rechte Polen braucht,
folgendermaßen: "In der jetzigen Phase der wirtschaftlichen
Entwicklung wird eine Rechte, die sich dieser tiefgreifenden ökonomischen
Transformation im Namen irgendeines kollektivistischen Gruppeninteresses
widersetzt, in Polen nicht gebraucht, sie ist sogar gefährlich.
"
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Sowohl die Parteien, die aus der nationalistischen
Bewegung hervorgegangen sind, als auch die, die ihren Ursprung in
anderen politischen Richtungen haben, sind zur Zeit keine reale
Bedrohung für die Demokratie in Polen. Sie sind in etliche Strömungen
zersplittert und können sich nicht vereinigen. Doch die zahlreichen
nationalistischen Schriften unterschiedlicher Provenienz, die in
nicht allzu großen Auflagen erscheinen, verbreiten Fremdenfeindlichkeit
und antidemokratische Einstellungen in einem beträchtlichen Ausmaß.
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Nicht nur die Partei NOP, mit der die Vereinigung
Mlodziez Wszechpolska (Allpolnische Jugend)
bereit ist, zusammenzuarbeiten, bringt extremistische Tendenzen
in das politische Leben, sondern auch Politiker vom Schlage eines
Antoni Macierewicz. Sie beziehen die Skinheads in ihre Aktionen
ein. Damit werden Gruppen, die bislang nur als Hooligans wahrgenommen
wurden, aufgewertet und erhalten den Eindruck, daßdie gewaltsamen
Auftritte, in denen sie sich ausleben, auch einer höheren Idee
dienen - dem Schutz Polens vor den Deutschen, Juden, Farbigen und
allen anderen Gruppen nationaler Minderheiten. Die Partei Nationale
Wiedergeburt Polens (NOP), die sich darum bemüht, ihre Propaganda
und ihre Aktionen nach dem Muster der National-Radikalen Bewegung
(RNR) aus der Vorkriegszeit auszurichten, taucht sowohl bei Kundgebungen
von Solidarnosc als auch bei einigen anderen politischen Parteien
auf. Beispiel hierfür waren die Demonstrationen auf dem Annaberg
am 3. Mai letzten Jahres, bei denen einige nationalistische Gruppierungen
gemeinsam demonstrierten. Dieser Auftritt richtete sich nicht nur
gegen den deutschen Staat, sondern auch gegen die deutsche Minderheit
in Polen.
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Gesellschaftliche und staatliche Reaktionen auf
die Aktivitäten der nationalistischen Parteien
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Die Zustimmung der politischen Rechten zum Nationalismus
reicht sehr weit. Piotr Wierzbicki schrieb in einem Artikel in der
Zeitschrift, deren Chefredakteur er ist, wörtlich, daßfür Polen
"die belebende Injektion des Nationalismus heute
unverzichtbar ist". Diesem Satz ging ein anderer voraus:
"Polen braucht Organisationen, die in der Lage
wären, die hier im Verborgenen tätige jüdische Lobby dazu zu
zwingen, mit offenem Visier zu agieren, und Regeln im öffentlichen
Leben, die verhindern, daßPolitiker, die eine Minderheit repräsentieren,
vorgeben können, sie verträten die Mehrheit." Zur Zeit
wird Wierzbicki jedoch selbst von der nationalistischen Rechten
attackiert. Der Antisemitismus ist nur ein Element der in weiten
gesellschaftlichen Kreisen verbreiteten Fremdenfeindlichkeit. Gerade
solche fremdenfeindlichen Stimmungen schaffen den Nährboden, auf
dem sich nationalistische Parteien entwickeln können. Die Polizei
ist weit davon entfernt, angemessen auf diese Ausschreitungen zu
reagieren. Einige Publizisten weisen darauf hin, daßdiese Phänomene
unterschätzt werden. Schweigen oder ausbleibende Verurteilungen
werden von den Nationalisten als Zustimmung interpretiert.
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Es ist schwer zu sagen, wie die sich verschlechternden
Lebensbedingungen und die Orientierungslosigkeit in einer neuen
Welt, die auf Kosten vieler von uns entstanden ist, diese negativen
Erscheinungen beeinflussen werden. Dabei sind die geweckten Erwartungen
und Hoffnungen auf ein schnelles Erreichen eines mit Westeuropa
vergleichbaren Lebensstandards nicht ohne Bedeutung. Einstweilen
kann man feststellen, daßdie wichtigen politischen Parteien fremdenfeindliche
und antisemitische Parolen in einem bedeutend geringeren Ausmaßverwenden
als in den vorangegangenen Jahren, obwohl es durchaus solche äußerungen
gibt, die auch ihre Anhängerschaft haben. Manchmal brechen jedoch
die wahren Gefühle unter der Hülle der Korrektheit hervor.
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Die zuständigen Behörden beschäftigen sich
nicht nur aufgrund der Schwäche der Staatsmacht ungern mit Angelegenheiten,
die die politischen Ränder betreffen. Das Gerichtsverfahren gegen
die Nationale Partei (Stronnictwo Narodowe) wurde im Jahre 1992
niedergeschlagen. ähnlich erging es Tejkowski. In Flugblättern
seiner Partei war zu lesen gewesen: "Zur Verteidigung unserer geschädigten Landsleute haben
wir den Kampf mit unseren größten Feinden aufgenommen - den Deutschen
und Juden - und haben ihre Flaggen verbrannt" sowie "ich
rufe alle Polen dazu auf, gegen die Macht der Juden zu demonstrieren."
Zunächst erklärte die Polizei, sie könnte Tejkowski nicht ausfindig
machen, obwohl er zu dieser Zeit im Fernsehen auftrat. Nachdem er
des Rassismus und der Anstiftung zu nationalistischen Auseinandersetzungen
sowie der öffentlichen Verunglimpfung von Staatsorganen angeklagt
worden war, wurde er vom Gericht zu einer psychiatrischen Behandlung
überwiesen, zu der es aber im Endeffekt nicht kam. Schließlich
stellte der Staatsanwalt das Ermittlungsverfahren aufgrund der "geringfügigen gesellschaftlichen Gefahr" ein.
Auch das Untersuchungsverfahren anläßlich der Predigt von Pater
Jankowski, in der er am 11. Juni gesagt hatte, daß"wir keine Regierung von Leuten tolerieren können, die
nicht offenlegen, ob sie aus Moskau oder aus Israel kommen",
wurde eingestellt. Bereits am 28. Juni 1995 hatte Jankowski in einer
Predigt behauptet, "die Machtübernahme durch
Hitler und ihm ähnliche Verbrecher unter dem Zeichen des Hakenkreuzes
(seien) ein raffinierter Plan von Bankiers und Finanziers gewesen,
die in der Mehrzahl jüdischer Herkunft waren". NOP beschwert
sich zwar über Repressionen, doch ist dies eher ein Propagandatrick,
um den Anhängern zu suggerieren, sie seien wirkliche Kämpfer,
die sich mit den sie verfolgenden Behörden und Organisationen auseinandersetzen.
Es wurde sogar ein Komitee zur Verteidigung politischer Gefangener
einberufen, nachdem vier NOP-Mitglieder von der Polizei in Lódz
im April 1996 unter dem Vorwurf des versuchten Mordes an einem Drogenhändler
festgenommen worden waren. Zwei von ihnen wurden kurz darauf wieder
entlassen.
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Es gibt so gut wie keine Reaktionen auf antisemitische
und gegen andere Nationalitäten gerichtete Ausschreitungen. Oder
wie es der Chefredakteur des Tygodnik Powszechny (Allgemeine Wochenzeitung),
Jerzy Turowicz, formuliert hat: "Das polnische
Problem ist nicht der Antisemitismus, sondern die Toleranz gegenüber
seinen Erscheinungsformen; die Tatsache, daßer als Folklore, als
etwas Natürliches empfunden wird, mit dem man sich nicht auseinandersetzen
muß, da es uns nichts angeht". Man darf solche Situationen,
wie sie Konstanty Gebert beschreibt, nicht tolerieren, daßman nämlich
in manchen Kreisen Antisemit sein darf und trotzdem als anständiger
Mensch gilt. Schlimmer noch ist allerdings, daßauch einige Ausführungen
von Abgeordneten und Senatoren, wie zum Beispiel die des Senators
aus den Reihen der AWS Jerzy Fraczek, keine Kommentare hervorrufen.
Nicht genug damit, daßer in der Debatte über das Gesetz zum Schutz
der ehemaligen Vernichtungslager behauptete, nach dem Krieg hätten
"jüdische Wissenschaftler in bestem Wissen Atombomben
konstruiert, die im August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki, die
Zentren des japanischen Katholizismus, abgeworfen wurden".
Darüber hinaus beendete er seine Rede auch noch mit dem Satz: "Wir werden nicht zulassen, daßdie christliche Religion
durch die Religion des Holocaust ersetzt wird". Solche Idiotismen,
für sich allein genommen, könnten uns amüsieren oder ihren Autor
für den Psychiater qualifizieren, aber ihre ständige Wiederholung
bei verschiedensten Gelegenheiten läßt die schon beschriebene
Atmosphäre entstehen.
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Es gibt keine Patentlösungen, die radikal die
Probleme beseitigen würden, von denen wir hier sprechen. Das heißt
aber nicht, daßman nicht Schritte dagegen unternehmen sollte. Denn
das Problem, wie man mit den Parteien und Personen, die Völkerhaßverkünden
und andere Menschen oder Gruppen von Menschen verunglimpfen, umgehen
soll, stellt sich immer wieder. Einige haben vorgeschlagen, solche
Parteien zu verbieten. Dieser Vorschlag traf jedoch nicht auf breitere
Unterstützung. Die Mehrheit befürchtete in diesem Fall die Rückkehr
von Verhältnissen, die Polen zum Glück hinter sich gelassen hat.
Darüber hinaus wird das Verbot bestimmter Bücher als erster Schritt
auf dem Weg zur Wiedereinführung der Zensur verstanden. Solche
Stimmen waren zuletzt auch in der Diskussion um das Buch von Dariusz
Ratajczak Tematy niebezpieczne (Gefährliche Themen) zu
hören, das viele nationalistische Thesen, aber auch Versuche enthält,
den Holocaust zu leugnen. Bislang jedenfalls sind alle Versuche,
solche Autoren für ihre Veröffentlichungen zur Verantwortung zu
ziehen, an einer Mauer des Unwillens der Staatsanwaltschaften gescheitert.
Zur Zeit haben die Behörden einige Verfahren in vergleichbaren
Angelegenheiten aufgenommen. Wir werden sehen, wie sie ausgehen.
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Die Demokratie kann nur im beständigen Kampf
mit jeglichen Anzeichen von Fremdenfeindlichkeit gestärkt werden.
Es ist notwendig, die Gesellschaft für solche Themen zu sensibilisieren,
gegen die Verbreitung solcher Parolen zu protestieren und ihre Verkünder
auszugrenzen. Eine besonders große Rolle sollte hierbei der Kirche
und der Schule zukommen. Aber die Rolle dieser beiden Institutionen
in Polen ist ein eigenes Thema, das seine Licht- und Schattenseiten
hat.
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