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TRANSODRA 21 Seite 70-76

Umgang mit Rechtsextremismus und rechtsradikaler Gewalt in Deutschland (Brandenburg) und Polen

Jugend, Rechtsextremismus und Antisemitismus in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen

Konferenz

Dietmar Sturzbecher

IKF an der Universität Potsdam

   
   

Ich möchte Ihnen die Ergebnisse unserer jugendpsychologischen Studien vorstellen. Als Grundlage dieses Referats wären zwei Studien zu nennen: Zum einen führen wir im Abstand von zwei, drei Jahren in Brandenburg landesrepräsentative Studien zur Jugendgewalt, zum Rechstradikalismus, aber auch zur Lebenssituation von Jugendlichen durch. Dabei muß ich zur Zeit auf zwei Jahre alte Daten zurückgreifen. Andererseits stütze ich mich auf die Ergebnisse einer vergleichenden Studie über Antisemitismus in Nordrhein-Westfalen und in Brandenburg, die in Kürze publiziert wird. Die Ergebnisse sind aber zumindest in wissenschaftlichen Kreisen bereits bekannt. Das Ziel bestand u.a. darin, Unterrichtsbausteine für die politische Bildung zu erstellen.

   
   

Sie müssen davon ausgehen, daß es den Brandenburger, den ich Ihnen hier präsentiere, in persona nicht geben muß. Ich rede vom statistischen Brandenburger, deshalb wirkt vielleicht manches überzeichnet, aber ich denke als Gedankenspiel muß das auch erlaubt sein. Ich werde nacheinander verschiedene Fragen aufwerfen. Erstens: Ist es in Brandenburg wirklich schlimmer als in anderen Bundesländern Deutschlands? Zweitens: Worin unterscheiden sich Persönlichkeitsstrukturen, Entwicklungs- und Schulkontexte in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen? Drittens beschäftige ich mich mit den Ursachen von Rechtsradikalismus. Viertens gehe ich auf Entwicklungstendenzen und Trends ein. Ich bin durchaus dankbar, für den kritischen Einwurf bezüglich der Frage der Definition des Rechtsradikalismus. Wenn ich davon rede, verstehe ich darunter Nationalismus, Führerprinzip und Rassismus im engeren Sinne. Wenn ich von Antisemitismus spreche, meine ich damit zum einen die uralten Stereotype gegenüber Juden und zum anderen die Abwehr von Verantwortung.

   
   

Nun die erste Frage: Ist es in Brandenburg schlimmer als z.B. in Nordrhein-Westfalen? Lassen Sie mich dazu sagen, daß der Nordrhein-Westfale für mich nicht das Endziel der menschlichen Entwicklung darstellt, genausowenig wie der Brandenburger das Schmuddelkind Deutschlands ist. Ich tue mit meinen folgenden Bemerkungen sicherlich vielen brandenburgischen Jugendlichen weh, genauso wie ich manche Nordrhein-Westfalen überhöhe. Ist es also in Brandenburg oder in Ostdeutschland generell schlimmer als anderswo? Wenn wir als erstes den Aspekt der Jugendgewalt, der für mich grundlegend ist, betrachten, müssen wir feststellen, daß unter den Vierzehn- bis Achtzehnjährigen das Delikt gefährliche und schwere Körperverletzung wesentlich häufiger vorkommt. 1997 hatten wir in Ostdeutschland eine um 43% höhere Rate in diesem Deliktbereich. Der brandenburgische Jugendliche ist also mit ziemlicher Sicherheit gewaltbereiter als der nordrhein-westfälische. Es kommt hinzu, daß es sich bei den Opferzahlen genau umgekehrt verhält. Obwohl es in Brandenburg mehr Täter gibt, gibt es weniger Opfer. Und das heißt, daß die Jugendgewalt, die dort ausgeübt wird, eine feige Gewalt ist, bei der viele Täter auf einige wenige Opfer einschlagen.

   
   

Zweitens: Rechtsradikalismus - hier ein Vergleich zwischen Nordrhein-Westfalen und Brandenburg bei den Zwölf- bis Achtzehnjährigen im Jahre 1996. Wenn wir den Rechtsradikalismus in vier Kategorien einteilen - in der ersten die strikten Befürworter harter rechtsradikaler Statements, in der zweiten diejenigen, die das immer noch tendenziell befürworten, in der dritten diejenigen, die tendenziell ablehnen, und in der vierten Kategorie diejenigen, die strikt ablehnen -, dann hätten wir in der Kategorie der Hardliner in Brandenburg 7% Jugendliche landesrepräsentativ und in Nordrhein-Westfalen nur 3%. Zählen wir die tendenzielle Kategorie hinzu, dann hätten wir in Nordrhein-Westfalen 12% und in Brandenburg 25%. Wenn Sie die schlichte Verallgemeinerung gestatten, war zumindest 1996 der Rechtsradikalismus in Brandenburg dreimal soweit verbreitet wie in Nordrhein-Westfalen. Das Gleiche können wir für den Antisemitismus, im Sinne von Verantwortungsabwehr, wie auch im Sinne von Akzeptanz antisemitischer Stereotype feststellen. Es ist eine Bilanz, die zunächst wenig hoffnungsfroh stimmt: zumindest zum untersuchten Zeitraum war es in Brandenburg schlimmer als anderswo, in diesem Fall schlimmer als in Nordrhein-Westfalen.

   
   

Das wirft die Frage nach den unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg auf. Lassen Sie mich das in drei Abschnitten betrachten. Zunächst Persönlichkeitsstrukturen als Voraussetzung von politischem Extremismus, zweitens Familie, drittens Schule. Wenn wir die Wertestrukturen von Jugendlichen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen vergleichen, dann ergeben sich drei Unterschiede. Ich habe sie ziemlich stark pauschalisiert und zusammengefaßt. Den ersten Unterschied bezeichne ich als ein Defizit an Selbstsicherheit. Jugendliche in Brandenburg haben weniger Selbstvertrauen, weniger Zukunftsoptimismus und sie fühlen sich häufiger fremdbestimmt. Sie glauben also - Psychologen nennen das externale Kontrollüberzeugung -, weniger als nordrhein-westfälische Jugendliche ihres eigenen Glückes Schmied zu sein. Daneben gibt es Unsicherheitsreaktionen, die man als Abwehr von Fremden - das hat noch nichts mit politischen Einstellungen zu tun - und als Abwehr von Risiko bezeichnen könnte. Brandenburgische Jugendliche fühlen sich unsicherer und sind eher der Meinung, daß sie alle Dinge so wie bisher tun möchten. Das ist das Unsicherheitssyndrom. Zweiter Unterschied: Es gibt eindeutig einen Mangel an sozialer Solidarität in Brandenburg. Das äußert sich nicht nur durch einen höheren Grad an Schadenfreude, wenn andere Opfer struktureller Gewalt werden. Das äußert sich auch in der höheren Ablehnung von Statements, wie: Man muß für andere dasein, auch wenn das Verzicht bedeutet. Dieses Syndrom läßt sich mit dem Stichwort "weniger solidarische Orientierung in Brandenburg" beschreiben. Den dritten Unterschied könnte man mit dem Begriff des widersprüchlichen Lebensentwurfs benennen: Dem brandenburgischen Jugendlichen ist Anerkennung, auch materielle Anerkennung, mehr wert als dem nordrhein-westfälischen. Er setzt aber nicht ein entsprechend höheres Quantum an Anstrengung ein, um diese Anerkennung auch tatsächlich zu erzielen.

   
   

Die Persönlichkeitsstrukturen, die ich hier als typisch für viele Brandenburger bezeichne, haben zum Teil etwas mit den Verhaltensmustern aus DDR-Zeiten zu tun. Man konnte den Fremden nicht als Chance oder zumindest als Abwechslung kennenlernen, weil die DDR eine isolierte, eine autoritäre Gesellschaft war, die Aushandlungsprozesse nicht unbedingt förderte. Sie war aber zugleich eine fürsorgliche und lenkende Gesellschaft, die weniger Eigeninitiative verlangte. Diese Verhaltensmuster wirken fort. Um das zu erklären spreche ich von der sogenannten sozialen Vererbung - ein umstrittenes Stichwort. Das hat nichts mit Genen zu tun, sondern damit, daß man - wie mein polnischer Vorredner sagte - Verhaltensstereotype nicht von einem Tag auf den anderen ändern kann. Sie werden tradiert, in Familien weitergegeben. Wir bekommen mit dem Ausknipsen einer Gesellschaftsordnung nicht automatisch ein neues Menschenbild und neue Menschen. Insofern wird nur langsam verändert, was zu DDR-Zeiten funktional war und heute der Persönlichkeitsentwicklung entgegen steht. Ich komme noch dazu, inwieweit diese Persönlichkeitsstrukturen Rechtsradikalismus und Antisemitismus fördern.

   
   

Zur zweiten Frage, dem familiären Zusammenhang. Veränderungen in der Familie, beispielsweise bei der Berufstätigkeit der Eltern, waren in Brandenburg, gemessen am bundesdeutschen Ideal, enorm. Ich möchte dazu nur sagen, daß 85% der zwölf- bis neunzehnjährigen in ihren Familien erleben mußten, daß die Eltern sich eine neue berufliche Tätigkeit, eine neue Stelle oder beides suchen mußten. Diese Prozesse sind noch längst nicht abgeschlossen. In einer repräsentativen Untersuchung in zwei Landkreisen Ende 1997 war festzustellen, daß knapp 40% aller Jugendlichen zwischen zwölf und einundzwanzig Jahren zumindest ein Elternteil haben, das beruflich eine unsichere Perspektive hat, das heißt also, arbeitslos oder nur aufgrund einer Arbeitsbeschäftigungsmaßnahme zeitweilig beschäftigt ist. Darüber hinaus können in vielen Familien die Väter nicht für Erziehungsaufgaben in Anspruch genommen werden, weil sie außerhalb des Kreises oder des Landes arbeiten, jedenfalls in der Woche nicht erreichbar sind. In Brandenburg haben 85% der Jugendlichen berufliche Veränderungen erlebt und in Nordrhein-Westfalen nur 33%. In Brandenburg haben 72% der Jugendlichen belastende Krisen finanzieller Art erlebt, in Nordrhein-Westfalen dagegen nur 50%.

   
   

Ich bin kein Soziologe und gebe auf solche Zahlen nicht viel, wenn sie sich nicht in psychologischen Kategorien messen lassen. Wenn Sie Jugendliche hier und dort fragen, ob ihre Eltern da sind, wenn man sie braucht, und ob sie Unterstützung bei der Bewältigung von Konflikten und Problemen leisten, werden Sie feststellen, daß brandenburgische Jugendliche sich eher von ihren Eltern vernachlässigt fühlen als nordrhein-westfälische. Dieses Defizit an elterlicher Verfügbarkeit und Orientierung läßt sich bei jüngeren Kindern nicht feststellen. Eine Spezialität unseres Hauses ist es, Vier- bis Achtjährige danach zu fragen, wie fürsorglich sie ihre Eltern finden. Auch das haben wir in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg gemacht. Hier kommen brandenburgische Eltern sogar besser weg. Sie werden fragen, warum es bei Jugendlichen anders aussieht. Dabei handelt es sich um ein bekanntes Phänomen aus der Streßforschung. Bei familiärem Streß erklären Eltern ihre halbwüchsigen Kinder schneller für erwachsen. Z.B. müssen Jugendliche in Trennungssituationen früher lernen, für sich selber zu sorgen. Und dieses Phänomen tritt unter dem Eindruck des ökonomischen Wandels in Brandenburg offensichtlich häufiger auf. Das Minus an elterlicher Orientierung und elterlicher Fürsorglichkeit resultiert daraus, daß die Eltern eigene Probleme haben, eigene Veränderungen beruflicher Natur oder auch in der Partnerschaft, die sie bewältigen müssen.

   
   

Zur Situation in der Schule. Wir finden ein Phänomen in Brandenburg, das im Rahmen amerikanischer Studien über die Folgen ökonomischer Depression für Jugendliche sehr gut bekannt ist, nämlich ein Rückgang der Schulmotivation. C.A. Flanagan und V.C. McLoyd haben Mitte der 80er Jahre in ihren interessanten Studien im Mittelwesten der USA festgestellt, daß es dort eine Gruppe von Eltern mit beruflichen Veränderungen gab. Denen ging es nicht schlecht, aber sie mußten sich kurzfristig einen neuen Job suchen. Diese Gruppe von Eltern war die größte Risikogruppe, denn sie stellte hohe Forderungen an ihre Kinder und war am wenigsten bereit, sie zu unterstützen. Die Kinder dieser Eltern hatten eine extrem geringe Schulmotivation. Am Beispiel ihrer Eltern hatten sie erfahren, daß berufliche und schulische Bildung keine Sicherheit bieten und deshalb suchten sie selbst keine solide Ausbildung. Sie sagten sich, wenn unsere Eltern ihre Ausbildung nicht davor bewahrte, ihren Beruf zu verlieren, was nutzt uns dann eine Ausbildung, wichtiger ist es, an Geld zu kommen. Diese Reduktion der Schulmotivation (in Brandenburg 1993 bis 1996 von 32% auf 18%) wird flankiert durch ein schwindendes Interesse auch der Eltern an der schulischen Ausbildung ihrer Kinder. Es gibt eine zunehmende Anzahl von Eltern, die sich im Falle schulischer Verweigerung ihrer Kinder nicht mehr darum kümmern, warum diese z.B. die Schule schwänzen. Sie intervenieren nicht oder verbringen sogar die frei gewordene Zeit mit ihren Kindern gemeinsam.

   
   

Ich habe Ihnen als Ursachen für hohen Rechtsextremismus oder Rechtsradikalismus ökonomische Deprivation, psychopathologische Persönlichkeitsstrukturen und geringe Schulmotivation erläutert. Nun wollen wir fragen, was diese Erklärungen wert sind. Wenn wir die einzelnen Bereiche durchgehen und zunächst einmal die Persönlichkeitsvariablen danach befragen, inwieweit sie mit Rechtsradikalismus korrespondieren, stellen wir fest, daß es einen typischen Zusammenhang gibt. Hohe externale Kontrollüberzeugungen, verbunden mit einem hohen Grad an Selbstvertrauen, oder besser gesagt an Selbstüberschätzung, korrespondieren hoch mit Rechtsradikalismus. Nicht die Zukunftsunsicheren, diejenigen, die wenig Selbstvertrauen haben, sind rechtsradikal, sondern diejenigen, die ein hohes Selbstbewußtsein mit dem Gefühl verbinden, selbst für sich nichts erreichen zu können, nicht ihres eigenen Glückes Schmied zu sein. Sie finden zugleich eine gewisse Korrespondenz zwischen Rechtsradikalismus und hedonistischer Wertorientierung - es sind die wenig leistungsmotivierten Genießer, die sich zur rechtsradikalen Szene hingezogen fühlen. Das Klischee, daß diejenigen mit geringem Berufs- und Zukunftsoptimismus zur Rechtsradikalität neigen, läßt sich aus unseren Arbeiten nicht bestätigen. Bei den politischen Einstellungen gibt es eine hohe Korrespondenz zwischen fehlendem politischem Engagement und Rechtsradikalismus. Unsere statistischen Rechtsradikalen sind also der Meinung, daß sie sich politisch nicht engagieren wollen, daß sie nicht politisch interessiert sind und sich politisch nicht kompetent fühlen. Das macht sie zu einer schwierigen Klientel für politische Aufklärung und politische Bildung.

   
   

Zum Elternhaus. Wir können nicht feststellen, daß eine desolate ökonomische Situation im Elternhaus eine höhere Anfälligkeit für Rechtsradikalität bewirkt. Wenn überhaupt, dann gibt es eher einzelne Indizien dafür, daß der statistische Rechtsradikale aus Familien kommt, denen es finanziell besser geht als ihrem Umfeld. Es gibt also keine Zusammenhänge zwischen der finanziellen Situation in der Familie und Rechtsradikalität. Wir haben, wenn überhaupt, einen gewissen moderaten Zusammenhang zur Vernachlässigung im Elternhaus. Es ist durchaus nicht nur für "Underdogs" typisch, sondern auch für die Kinder der "Karrieristen", daß ihre Eltern nicht verfügbar sind und daß sie vernachlässigt werden. So ließe sich das eventuell interpretieren. Das klassische Erklärungsmuster, daß die von ökonomischem Streß bedrohten "Underdogs" rechtsradikale Kinder produzieren, läßt sich auf Grund unserer statistischen Daten nicht halten.

   
   

Unser typischer Rechtsradikaler hat also eine extrem geringe Schulmotivation und ist zugleich davon überzeugt, daß schulische Bildung ihm bei der Bewältigung seiner Lebensprobleme nicht helfen kann - da gibt es in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg keinerlei Unterschied. Eine wichtige moderate Variable ist hier auch das schulische Gewaltniveau. Unser typischer Rechtsradikaler kommt aus Schulen, wo eine gewisse Ignoranz gegenüber dem Zeigen von rechtsradikalen Symbolen herrscht und Gewalt an der Tagesordnung ist.

   
   

Der Rechtsradikalismus wird also flankiert vom Syndrom der externalen Kontrollüberzeugung und übersteigertem Selbstbewußtsein. Langfristig, das heißt über mehrere Meßzeitpunkte hinweg, prädiziert lediglich Gewaltbereitschaft Rechtsradikalismus. Die Gewaltbereitschaft ist zuerst da und wird häufig im Nachhinein politisch verbrämt, veredelt, legitimiert durch rechtsradikale oder auch linksradikale Orientierungen.

   
   

Lassen Sie mich noch etwas zu den Tendenzen sagen. Sie wissen, meine Daten sind zwei Jahre alt, insofern bin ich nicht geneigt, sie überzuinterpretieren. Wenn wir jedoch den Zeitraum von 1993 bis 1997 für die Interpretation der Tendenz heranziehen, können wir folgendes beobachten. Es gab in Brandenburg unter Jugendgruppen einen moderaten Anstieg der Gewaltbereitschaft im Zeitraum 1993 bis 1996. Von 1996 zu 1997 zeigte sich eher ein Abflauen auf das Ausgangsniveau von 1993. Ob sich das fortsetzt, werden wir in Kürze erfahren. In den ersten beiden Kategorien der Rechtsradikalen (also der tendenziellen Rechtsradikalen und der Hardliner) gab es in diesem Zeitraum einen Rückgang von etwa 6%. 21% rechtsradikalanfälliger Jugendlicher, darunter 6% Hardliner, sind immer noch zu viel. Aber ich freue mich trotzdem, daß es diese Tendenz gibt, eine Tendenz, die vor allem auf die 7. bis 10. Klassen der Gesamtschulen zurückgeht. In den Gymnasien lagen die Zahlen schon immer niedriger.

   
   

Zur Ausländerfeindlichkeit. Wir haben ein sehr starkes Abflauen von Ausländerfeindlichkeit festgestellt. Ich weiß, daß diejenigen, die im polizeilichen Bereich arbeiten, mir hier widersprechen werden, denn an den tatsächlichen Delikten ist das nicht nachzuvollziehen. Das Abflauen, von dem ich spreche, bezieht sich ebenfalls auf die 7. bis 10. Klassen der Gesamtschulen. Dieser Trend wird konterkariert durch die Auszubildenden und durch Ressentiments gegen Ausländer auf dem Arbeitsmarkt.

   
   

Um zunächst noch einmal die positive Tendenz zu beleuchten. Die Zustimmung zu dem Statement "Wir wollen jeden Ausländer in Brandenburg willkommen heißen" stieg von gut 40 auf knapp 60%. Vor dem Hintergrund solcher Zahlen kann man nicht mehr das pauschalisierende Bild einer ausländerfeindlichen brandenburgischen Jugend entwerfen. Ich will nichts verharmlosen und sage das in voller Verantwortung. Man muß auch den Anstrengungen der politischen Bildung, der Schulen, und der Gesellschaft insgesamt Gerechtigkeit widerfahren lassen, denn sie zeigen Wirkung. Soviel zum positiven Trend. Andererseits haben wir mindestens eine Verdoppelung der Prozentzahlen bei der Forderung, die Limits in Bezug auf die Aufnahme von Ausländern zu senken. Das hat meiner Meinung nach nichts mit Rassismus im engeren Sinne zu tun. Das trifft Italiener oder Portugiesen genauso wie leider auch Polen oder jede andere Nationalität. Es ist eine Forderung, die meistens von leistungsunwilligen Auszubildenden erhoben wird, weil sie diese Konkurrenten - auch aus den EU-Ländern - vom Arbeitsmarkt in Brandenburg fernhalten möchten. Diese Auffassung wird leider in der Bevölkerung oft geteilt.

   
   

Insgesamt gesehen, zeigen die Anstrengungen im Bereich der politischen Bildung in Brandenburg Wirkung, jedoch nicht so schnell, wie wir uns das wünschen. Wir brauchen Zeit, um Stereotype und tradierte, langjährig funktionale Persönlichkeitsstrukturen langsam zu verändern. Der Kern des Problems ist die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen. Diese Gewaltbereitschaft wird sehr häufig in politische Symbolik umgesetzt. Wir müssen eine Tabuisierung von Gewalt erreichen. Hier liegt der Kern von Intervention und Prävention aus meiner Sicht. Bei allen politischen Implikationen dürfen wir auch nicht vergessen, daß der reale Lebenskontext von Jugendlichen ebenfalls Gegenstand von Intervention und Prävention werden muß. Sie haben sich hoffentlich gemerkt, daß der Kernpunkt der Persönlichkeitsstruktur von Jugendlichen die Selbstüberschätzung ist, verbunden mit dem Gefühl, nicht des eigenen Glückes Schmied zu sein. Wir müssen Jugendlichen Möglichkeiten verschaffen, diese überschätzung in ihren Alltagskontexten abzuarbeiten. Wir müssen ihnen akzeptierte Aufgaben stellen, an denen sie beweisen können, daß sie selbst etwas für sich leisten können. Es geht nicht nur um Aufklärung. Ein Ansatzpunkt für vielerlei Interventionsmöglichkeiten ist die Schule. Allerdings ist die Schule kein geeignetes Feld - und war es auch niemals - für die Jugendlichen, um ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu erwerben. Für manche ist die Schule nicht mehr die entscheidende Referenzgruppe, auch nicht die entscheidende Anforderungsstruktur, um zu zeigen, was für ein Kerl man ist.

   
   

Meine drei Thesen möchte ich durch einen Appell ergänzen. Wir sollten uns dem Problem konsequent und zuweilen auch hart, aber trotzdem ohne Hektik und Aufregung stellen. Darin bin ich mit den polnischen Fachkollegen offensichtlich einer Meinung.

   

Tabelle 1: Rechtsextremismus unter Jugendlichen in Brandenburg und NRW

(1996, Studie "Antisemistismus in Brandenburg und NRW", Angaben in %)

  Niedrig Eher niedrig Eher hoch Hoch
Brandenburg 37 31 25 7
NRW 60 25 12 3

Tabelle 2: Rechtsextremismus unter brandenburgischen Jugendlichen 1993 und 1996

(Studie "Jugend in Brandenburg", Angaben in %)

  Niedrig Eher niedrig Eher hoch Hoch
1993 36 37 20 7
1996 43 36 15 6

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