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      TRANSODRA 6/7, Frühjahr 1994, S. 46 - 47

Jan Lopuszanski, Jan Miodek (in: Gazeta Zachodnia/Westzeitung Nr. 1/1994)

Warum Breslau und nicht Wroclaw?

Wir wünschen uns, daß dieser Artikel, die gemeinsame Äußerung eines Physikers und eines Sprachwissenschaftlers, als ein Appell an die gesunde Vernunft verstanden wird und als der Versuch einer Reinigung des allgemeinen polnischen Bewußtseins von unbegründeten Sprachkomplexen, die das Namenspaar Wroclaw/Breslau betreffen.

Das Hauptanliegen unseres Artikels ist folgendes: Wenn wir polnisch sprechen, sollten wir den Namen Wroclaw benutzen, auf deutsch aber sollten wir von Breslau sprechen und auf tschechisch vielleicht von Vratislava; in allen anderen Sprachen sollte es Wroclaw heißen und ebenfalls immer in offiziellen Dokumenten, Fahrplänen der Bahn und der Fluglinien sowie in Postanschriften. Diese These wollen wir begründen.

Das Privileg großer, alter und berühmter Städte ist es, daß sie verschiedene Namen in verschiedenen Sprachen haben:

  • Roma, Rzym, Rom, Rome;
  • Wien, Wieden, Vienna, Vindobona;
  • Aachen, Akwizgran, Aix-la-Chapelle usw.

Warum sollten wir auf dieses Privileg im Fall Breslaus verzichten? Wenn wir polnisch sprechen, benutzen wir die Formen Lipsk und Targie Lipskie ("Targie Lajpczyckie" würde für ein polnisches Ohr lustig klingen), Wieden und walc wiedenski (und nicht winski), "gdzie Rzym, gdzie Krym" (und nicht "gdzie Roma, gdzie Krym"). Wir halten das für selbstverständlich und natürlich. Wenn wir auf polnisch Lipsk sagen, Wieden oder Rzym, sagen wir doch nicht, daß wir damit ein historisches Recht auf diese Städte beanspruchen.

Aber auch, wenn wir deutsch sprechen, erscheint eine Benutzung der Form Wroclaw statt Breslau künstlich und unästhetisch; und für das deutsche Ohr ist dieses Wroclaw eine ebensolche Dissonanz in Klang und Stil, wie es Lajpcig oder Miunchen in der polnischen Sprache wäre.

In der ganzen Welt gelten Regeln, die fremde Klänge an das heimische Sprachsystem angleichen. Nach eben diesen Regeln, denen zufolge sich Paris oder Bratislava im Polnischen, das in seinem System keine ri- oder ti-Verbindungen besitzt, in Paryz und Bratyslawa verwandelt haben, hat sich der alte slawische, altpolnische Name Wroclaw, der von dem Personennamen Wrocislaw stammt, im Deutschen in Breslau verwandelt (typische Ersetzungen des W durch B, des -aw durch -au). Die Behauptung, daß 1945 Breslau für die Deutschen gestorben und gleichzeitig eine neue Stadt Wroclaw geboren worden sei, kann Uninformierte in die Irre führen. Betrachtet man die Sache unter weltgeschichtlichem Aspekt, muß man objektiv feststellen, daß viele Städte in der Welt ihre Herren gewechselt haben. Aber die historische Identität blieb bewahrt (ein Beispiel mag Rom sein). Ähnlich ist es mit Breslau. In der Geschichte war es polnisch, tschechisch, österreichisch, preußisch (zum Gnesener Metropolitanbereich gehörte es bis 1821). Aber für Polen war es immer Wroclaw. Die Betonung, daß anstelle Breslaus Wroclaw entstanden sei, die Gegeneinanderstellung der beiden Namen kann den Eindruck hervorrufen, daß hier etwas Neues entstanden sei, das nach dem Muster Lodz-Litzmannstadt oder Zabrze-Hindenburg eingeführt worden wäre. Die Überzeugung vieler Deutscher, daß nach 1945 der Name der Stadt einfach geändert wurde und mit der ihnen bekannten Gestalt Breslau nichts mehr gemein hat, wird leider von vielen, auch gebildeten, Polen geteilt. Das ist das Ergebnis der Gegenüberstellung der beiden Namen, des polnischen und des deutschen, und eines Mangels an philologisch-historischer Bildung.(1)

Wir sind uns dessen bewußt, daß die Fälle Rom, Wien und Leipzig sich vom Fall Breslau durch den emotional-politischen Hintergrund unterscheiden. Aber gerade deswegen sind wir der Meinung, daß man den Namen Breslau verwenden soll, wenn man deutsch spricht. In dieser Überzeugung bestätigt uns die folgende Tatsache. Wir bekommen oft Briefe von Deutschen, in denen sie schreiben: "Erst kommen wir nach Wroclaw, und dann fahren wir nach Krakau und Warschau." So benutzen diese Deutschen spontan deutsche Namen für Städte, deren polnischen Charakter niemand (außer Hitler) je in Frage gestellt hat. Sie tun es aber nicht bei Breslau. Wollen sie uns eine Freude machen?

Vielleicht. Auf jeden Fall aber - bewußt oder unbewußt - betonen sie im Grunde die Andersartigkeit dieser Stadt. Nun, es freut uns nicht, wenn Deutsche in deutscher Rede den Namen Wroclaw benutzen, obgleich sie wissen, daß die deutsche Form Breslau ist. Wir finden, daß Breslau eine polnische Stadt ist, genau wie Krakau oder Warschau; wir fühlen uns hier sicher und ungefährdet, wie zu Haus. Dies ist die Stadt unserer Söhne. Seien wir uns unserer Sache also auch sicher. Warum denn sollten wir, wenn wir deutsch sprechen, nicht auch den Namen Breslau benutzen? Das kann nur ein Zeugnis für Selbstsicherheit sein und für eine Freiheit der Umgangsformen, die weit entfernt ist vom Eifer eines Neubekehrten.

Für uns absolut gültig ist der Grundsatz, daß man in anderen Sprachen außer dem Deutschen den Namen Wroclaw benutzt (niemals Breslau), es sei denn, daß Breslau in einer Sprache seinen alten historischen Namen hat (Latein, Tschechisch). (2)

Wir betonen noch einmal, daß man in allen Dokumenten, Fahrplänen und Adressen immer den Namen Wroclaw benutzen soll, unabhängig von der Sprache, in der der Text redigiert wird. Das bedarf wohl keines weiteren Kommentars und wird übrigens in aller Welt so praktiziert.

Ein Gedanke des großen Mathematikers David Hilbert möge am Ende unserer Erwägungen stehen: Wenn wir um uns herumblicken, sehen wir einen Kreis, in dessen Mitte wir uns befinden; wir nennen ihn Horizont. Manche sind weitsichtig, manchen versagt die Sehkraft und sie sehen nicht so weit. Es kann uns passieren, daß der Sichtkreis sich auf den Punkt zusammenzieht, auf dem wir stehen. Das eben ist ein Gesichtspunkt.

Anmerkungen:

  1. In diesem Zusammenhang passierte einem von uns eine lustige Geschichte in den USA. Ein Amerikaner, für den die Wörter Wroclaw und Wieslaw praktisch nicht zu unterscheiden sind, dachte, daß die Stadt nach dem Krieg umbenannt worden sei, um die Person Wladyslaw Gomulkas - und zwar nach seinem politischen Spitznamen "Wieslaw" - zu ehren. Es war nötig, diesen unglücklichen Bewohner des Landes Lincolns aus seinem Irrtum zu befreien, indem man ihm beibrachte, daß der Name Wroclaw eine mindestens tausendjährige Tradition hat.
  2. Am Rande lohnt es, darauf hinzuweisen, daß Engländer und Amerikaner viel leichter die Form Wroclaw als Breslau lesen können und daß sie für ihr Ohr nicht fremd klingt. Die Verbindung "wr" kommt im Gegensatz zum Deutschen sehr oft vor (write, wrack, wrap, wrest, wrong u.ä.) und auch der Auslaut -aw ist keine Seltenheit (law, gnaw, thaw). So lesen also Angelsachsen unser Wroclaw wie "Roklo", und es besteht kein Grund, im Englischen einen deutschen Namen für die Bezeichnung einer polnischen Stadt zu benutzen (obwohl Englisch zur germanischen Sprachfamilie gehört).

Seit Januar 1994 erscheint - nach zweijähriger Pause - die zweisprachige Gazeta Zachodnia /Westzeitung wieder in Breslau. Vorläufig in monatlichem Rhythmus.

Chefredakteur Janusz Cymanek: Unser Hauptziel bleibt das gleiche: alte Steretoype und Vorstellungen zu durchbrechen und der für beide Seiten gewinnbringenden deutsch-polnischen Zusammenarbeit in allen Bereichen zu dienen.

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