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TRANSODRA 8/9, Herbst 1994. S. 19 - 23

50 Jahre Warschauer Aufstand - 1. August 1994

Ansprache des polnischen Staatspräsidenten Lech Walesa

Soldaten des Kämpfenden Polen! Sehr geehrte Damen und Herren!

Vor fünfzig Jahren, nach fünf Jahren der Unfreiheit und Erniedrigung, des Terrors und der Verbrechen, des Elends und Leidens trat Warschau zum Kampf an. Es erhob sich auf Befehl, aber ohne Zwang. Vereint in der Sehnsucht nach Freiheit.

Um siebzehn Uhr schlug die Stunde "W" [für "wolnosc", d.h. Freiheit]. Es begann eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Eine der grausamsten. Eine Schlacht, die kein gewöhnlicher Kampf zwischen feindlichen Armeen war. Kein nach militärischen Regeln geführtes Gefecht. Denn gegen die Aufständischen wurden nicht nur Frontverbände eingesetzt, sondern auch Polizei- und SS-Einheiten. Das Verbrechen wurde zu einer natürlichen Fortsetzung des Kriegsrechts. Der Völkermord zu einer Fortsetzung des Kampfes. Die Kampfzone war nicht die einzige Zone, in der getötet wurde.

Nach Meinung der Strategen waren die Streitkräfte des Aufstandes fähig, drei Tage intensiv zu kämpfen. So lange reichten die spärliche Bewaffnung und die Munitionsreserven, Der Aufstand dauerte 63 Tage und Nächte.

In einem Verteidigungskampf ist die Dauer des Widerstandes das Maß des Erfolgs. Nach diesem Kriterium könnte man den Aufstand als großen militärischen Sieg ansehen. Doch als solcher ist er nicht in die Geschichte eingegangen.

Der Aufstand erreichte das gesetzte Ziel nicht. Er endete mit einer entsetzlichen Tragödie Warschaus. Die Leiden der Einwohner lassen sich nicht beschreiben. 200 000 von ihnen fielen oder wurden ermordet. Die Stadt teilte das Schicksal der Menschen. Sie wurde vorsätzlich ermordet. Nach der Kapitulation versetzte man ihr den Todesstoß. Sie wurde in dieser Erde begraben wie die Gebeine ihrer Verteidiger. Erhalten blieb sie allein auf alten Stichen. Wie auf einem Grabbildnis.

Der Warschauer Aufstand war ein großes Drama Polens. Bis heute ist er kein gewöhnliches Blatt in der Geschichte. Immer noch bewegt er die Herzen, beunruhigt die Gemüter, kehrt mit einer fundamentalen Frage wieder. Der Frage nach dem Sinn, nach der Triftigkeit, nach der politischen Rationalität der damals gefällten Entscheidungen.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Der Warschauer Aufstand ist ein Blatt im Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Er ist auch ein Blatt des nächsten Kapitels. Schon damals begann die Geschichte, es zu schreiben. Zutage trat die Vision der Nachkriegsordnung. Eine für Polen bedrohliche Vision, die ihm den Platz eines Vasallen zuwies. Eines Staates mit beschränkter Souveränität. Ungewiß war allein der Grad dieser Beschränkung. Die in den Jahren 1939-1941 geprüften Polen hatten Grund, das Schlimmste zu befürchten.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Am 1. August trat Warschau zum Kampf an. Es wollte die mit Gewalt geraubte Freiheit mit Gewalt zurückerobern. Es trat an, um ein weiteres Mal zu bekräftigen, daß wir eine Partei in diesem Krieg sind, ein aktives Mitglied der Koalition. Um zu beweisen, daß Polen nicht nur im Sinne des Rechts die staatliche Kontinuität bewahrt hatte, sondern auf eigenem Grund und Boden real existierte. Als organisierter Untergrundstaat. Fähig, die tatsächliche Macht auszuüben. Im Besitz staatlicher Grundstrukturen und eigener Streitkräfte, und daher souveräner Herr auf diesem Boden.

So war die Argumentation der polnischen Regierung. So waren die politischen Motive der Aktion "Burza" ["Sturm"]. So war der politische Hintergrund für die Entscheidung über den Ausbruch des Warschauer Aufstandes. Eine Entscheidung, die in einer Zeit gefällt wurde, als Polen eine Wahl treffen mußte, obwohl es - wie wir heute wissen - keine Wahl hatte. Eine risikoreiche, aber keine selbstmörderische Entscheidung.

Als selbstmörderisch erwies sie sich später. Als Stalin auf die Argumentation der Aufständischen mit der Zustimmung zur Vernichtung der Stadt reagierte, die Sprache eines Imperators sprach und den Alliierten zynisch antwortete: In Warschau gibt es nur Unruhen. Als er den amerikanischen fliegenden Festungen konsequent die Landerechte verweigerte. Als sich der Ton der sowjetischen Frontsender änderte, die noch kurz zuvor zum Kampf ermutigt hatten. Da wurde Warschau in der Tat zu einer Schanze der Todgeweihten.

Die Situation vom September 1939 wiederholte sich, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied. Jenem einsamen Kampf verliehen die späteren Ereignisse einen tieferen Sinn. Das Opfer des September war nicht vergebens gewesen. Nach dem Warschauer Aufstand aber gemahnte keiner der Großen dieser Welt an die Sache, für die Warschau gestorben war. Keiner rief " Ich bin ein Warschauer". Keiner rang sich zu einem Augenblick der Reflexion durch. Keiner stellte laut die Frage: Quo vadis, Europa? Tatsächlich der Freiheit entgegen?

In völliger Harmonie wurde der Souveränität Polens Gewalt angetan. Jener Souveränität, um deren Verteidigung willen der Zweite Weltkrieg begonnen hatte. Im Namen des Friedens, im Namen einer besseren Zukunft, im Namen falsch verstandener Eintracht - steckte man Einflußzonen ab.

Zwei Jahre später erschien in Europa das Gespenst des Eisernen Vorhangs. Sechs Jahre später - das Gespenst des Krieges.

Sehr geehrte Damen und Herren! Repräsentanten der Großen Koalition!

Das Jahr 1944 verstellt uns nicht den Blick auf frühere Jahre. Wir bewahren in Erinnerung, wieviel Sie für uns getan haben. Wieviel Sie damals für Europa und die Welt getan haben. Warschau bewahrt auch die übermenschliche Anstrengung der alliierten Flieger in Erinnerung. Ihr großzügiges Blutopfer.

Für all dies danke ich heute herzlich. Den Briten, die damals bewiesen, daß Britannien wahrhaft groß ist. Den edlen und großherzigen Amerikanern. Den Franzosen, die uns immer nahestanden. Ich danke den Fliegern aus dem fernen Kanada, aus Australien, Neuseeland und der Republik Südafrika für das Opfer, das sie Warschau gebracht haben, für ihre tiefe menschliche Solidarität.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Nicht unter uns ist der Präsident der Russischen Föderation. Schade. Ich möchte jedoch einige Worte an den Vertreter dieses Landes und über ihn an das russische Volk richten. Ich bin mir bewußt, daß die Geschichte Rußland die Last der Schuld, des Unrechts und der Verbrechen des sowjetischen Imperiums aufgeladen hat. Darunter auch das dem aufständischen Warschau zugefügte Unrecht. Diese Last drückt und stößt uns voneinander ab. Dessen sind sich unsere beiden Völker bewußt. Daher graben wir uns durch die Trümmerberge der Geschichte hindurch. Zur Wahrheit. Zueinander. In diesen Trümmern gibt es reichlich gutes Baumaterial. Es gibt etwas, woraus man Brücken bauen kann.

Wir erinnern uns an Katyn. Wir erinnern uns an die Gräber der vom NKWD ermordeten Polen. Wir erinnern uns an die Soldaten des polnischen Untergrunds. Doch wir erinnern uns auch an die Gräber Hunderttausender russischer Soldaten, die auf polnischem Boden fielen. Einfache Frontsoldaten, die im besten Glauben für die Freiheit ohne Beiworte gekämpft haben. Wir bewahren diese Erinnerung als Samen der Freundschaft. Auf dem Boden von Wahrheit und Demokratie wird sie mühelos wachsen. Eine wahrhaftige und daher starke Freundschaft! Daran glaube ich zutiefst.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Unsere Völker hat ein Meer von Blut getrennt. Darunter auch das Blut des aufständischen Warschau. Durch dieses Meer ist der Weg zueinander weit. Ruhm gebührt jenen, die den Mut hatten, als erste die Worte auszusprechen: "Wir vergeben und bitten um Vergebung". Ruhm gebührt jenen, die in Warschau niederknieten. Das war eine wichtige und bedeutende Geste auf dem Wege zur Aussöhnung zwischen unseren Staaten und Völkern.

Haß darf man nicht züchten, nicht auf die nachfolgenden Generationen übertragen. Auf polnischem Boden liegen Auschwitz und Warschau. Auf ihm liegt auch Kreisau. In dieser Erde liegt auch Otto Schimek begraben.

Wir erteilen den Mördern Warschaus keine Absolution. Aber wir übertragen diese Gefühle nicht auf das deutsche Volk. Wir können und wollen mit ihnen in Freundschaft leben. Als gute Nachbarn. So ist es wiederholt in der Geschichte gewesen. Ich glaube daran, daß es so kommen wird, so kommen muß.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Vor fünfzig Jahren griffen die Aufständischen von Warschau zu den Waffen. Hier an der Weichsel trafen politische Argumentationen aufeinander, verschiedene Ideologien, gegensätzliche Visionen von Europa und Wertesysteme. Freiheit trat an gegen Versklavung. Recht gegen Rechtlosigkeit. Die Stärke des Geistes gegen die Stärke der Faust. Damals siegte die Faust.

Heute können wir glücklich sagen, daß dieser Sieg nicht von Dauer war. Die Flamme des Aufstandes blieb in den Seelen und Herzen der Menschen. Sie wurde von Generation zu Generation weitergereicht. Sie überdauerte, um nach Jahren erneut aufzulodern. Um Freiheit ausbrechen zu lassen.

Der Geist erwies sich als unzerstörbar und unsterblich.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Haß ist ein Kind der Versklavung. Die beste Medizin gegen ihn ist Freiheit. Ein Europa freier Völker kann sich von ihm kurieren. Polen möchte sich aktiv daran beteiligen. Es ist unsere Pflicht, die junge Generation von der Bürde zu befreien, die zu tragen uns beschieden war. Blut und Haß sind der Fluch des 20. Jahrhunderts. Möge er gemeinsam mit diesem Vergangenheit werden.

Ich glaube daran, daß sich die Erfahrung Warschaus nicht mehr wiederholen wird. Ich glaube daran, daß es an der Schwelle zum dritten Jahrtausend keinen so abscheulichen Verrat mehr geben wird. Polen, entstanden aus dem Opfer Warschaus, blickt mit Hoffnung in die Zukunft.

Soldaten des Aufstandes!

Ihr habt nicht vergebens gekämpft! Das freie Polen bezeigt Euch seine Verehrung. Der Präsident der Republik verneigt sich vor Euch!

Ehre dem Andenken der gefallenen und gemordeten Einwohner des aufständischen Warschau!

Ehre dem Andenken jener, die ihm zu Hilfe eilten! Ehre den polnischen und alliierten Fliegern!

Warschau! Du hast doch gesiegt!

[inoffizielle Übersetzung]


Ansprache des Bundespräsidenten Roman Herzog

Herr Präsident, sehr verehrte Damen und Herren,

es ist ein bewegender Moment für mich, Ihnen über die Gräber der Toten des Warschauer Aufstandes hinweg heute die Hand zu reichen. Als Staatsoberhaupt meines Landes bin ich Ihnen, Herr Präsident, und dem polnischen Volk für diese Einladung aufrichtig dankbar. Zugleich habe ich Verständnis für die Gefühle jener, die meiner Teilnahme kritisch gegenüberstehen, und ich bekunde ihnen meinen Respekt.

Was wir brauchen, ist Versöhnung und Verständigung, Vertrauen und gute Nachbarschaft. Das kann nur weiterwachsen und gedeihen, wenn unsere Völker sich dem Grauen ihrer jüngsten Geschichte in aller Offenheit stellen. In aller Offenheit und ohne Vorurteile. Mit dem Mut zur vollen Wahrheit. Nichts hinzufügen, aber auch nichts weglassen, nichts verschweigen und nichts aufrechnen. Im Bewußtsein, der Vergebung bedürftig zu sein, aber auch zur Vergebung bereit.

Der 1. August ruft uns in Erinnerung, welch unermeßliches Leid von Deutschen über Polen gebracht wurde. Wie in einem Vergrößerungsglas treten Terror und Vernichtung, Ausrottung und Erniedrigung vor unsere Augen. In den entfesselten Racheaktionen nach Beginn des Warschauer Aufstandes, in der systematischen Vernichtung der Stadt und ihrer Bewohner überschlug sich die Zerstörungsmaschinerie der Nazis in einem letzten haßerfüllten Aufbäumen. Ihr stand der unabwendbare, der endgültige Bankrott und der ihn begleitende Einzug in Krieg, Leid, Tod und Vertreibung auch in Deutschland schon deutlich vor Augen. So war Zerstörung mit Selbstzerstörung unlösbar verbunden.

Der 1. August 1944 ist zugleich ein unauslöschliches Symbol für den Freiheitswillen des polnischen Volkes, für seinen Kampf um menschliche Würde und nationale Selbstbehauptung. Es ist zum Sinnbild für das kämpfende Polen geworden, das sich nie mit Demütigung, Rechtlosigkeit und drohender Vernichtung abgefunden hat.

Es erfüllt uns Deutsche mit Scham, daß der Name unseres Landes und Volkes auf ewig mit dem Schmerz und dem Leid verknüpft sein wird, die Polen millionenfach zugefügt wurden. Wir trauern um die Toten des Warschauer Aufstandes und um alle Menschen, die durch den Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren.

Wir beklagen das Schicksal des polnischen Volkes, das nach dem Warschauer Aufstand noch einmal die Leiden der Niederlage zu erdulden hatte und dann noch volle vier Jahrzehnte um seine Freiheit und Würde kämpfte.

Aber wir wissen auch: Das Martyrium des polnischen Volkes nahm nicht erst am 1. August 1944, sondern am 1. September 1939 seinen Anfang. Kein Land hatte im Zweiten Weltkrieg vergleichbar hohe Opfer zu beklagen wie Polen. Millionen seiner Bürger kamen ums Leben, in den Schützengräben, im Bombenhagel, in den Gaskammern und hier in den Straßen Warschaus. Wir beziehen sie alle in unser Gedenken ein und nehmen ihren Tod als Mahnung und Verpflichtung für die Zukunft zugleich. Diese Zukunft gilt es nunmehr gemeinsam und verantwortlich zu gestalten.

Im Laufe der letzten 40 Jahre hat die europäische Geschichte eine dramatische Wendung genommen. Die Völker haben begonnen, sich zu einem vereinten Europa zusammenzuschließen. Niemand braucht auf seine nationale Identität zu verzichten, niemand auf seine Kultur und seine Geschichte. Verzichten müssen wir nur auf Feindschaft und Haß und einen kleinen Teil unseres nationalen Egoismus. Westlich des Eisernen Vorhangs hat diese neue Idee Wunder gewirkt.

Heute steht dieser Weg auch dem polnischen Volk offen, das doch stets zu Europa gehört hat und das die Europäer 40 Jahre lang schmerzlich vermißt haben. In diesem Rahmen werden sich Polen und Deutsche die Hand reichen können, so wie es zwischen Franzosen und Deutschen längst Wirklichkeit geworden ist.

Deutschland jedenfalls wird die Bemühungen Polens um die Aufnahme in die Europäische Union und die NATO allezeit unterstützen, nachdrücklich und aus den besten Motiven. Wir können nichts Besseres für unsere Kinder und Enkel tun. Heute aber verneige ich mich vor den Kämpfern des Warschauer Aufstandes wie vor allen polnischen Opfern des Krieges: Ich bitte um Vergebung für das, was ihnen von Deutschen angetan worden ist

(inoffizielle Übersetzung)