TRANSODRA 8/9, Herbst 1994, S. 74 - 78

STETTIN - SZCZECIN 1945 - 1946, Dokumente - Erinnerungen,

Hinstorff Verlag 1994

Auszüge.

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Abschlußbericht des Bürgermeisters Erich Wiesner

an das Zentralkomitee der KPD in Berlin über seine Tätigkeit in Stettin vom 14. Juli 1945

Allgemeine Lage bis zum 25 Juni:

Mitte Juni erfolgte über den Stadtkommandanten die Einreichung einer Petition an die Regierung der Sowjetunion, die gleichfalls auch den Parteiorganen zugeleitet wurde. Der Hauptinhalt der Petition war, daß die Ursache der unnormalen Verhältnisse der Stadt Stettin insbesondere auf die ungeklärte politische Lage zurückzuführen ist, das Kernproblem dabei ist die Polenfrage. Inzwischen verschärfte sich die Lebensmittelkrise. Die Kartoffelvorräte gingen zu Ende und die so gering bemessene Ration von 100gr. Brot täglich konnte nur an 70-80% der Bevölkerung ausgegeben werden. Dabei wuchs die Bevölkerungszahl täglich um 3000-4000 Menschen.

Eine politische Erleichterung trat ein, als mir von seiten des Stadtkommandanten die Erklärung abgegeben wurde, daß der bisherige unhaltbare Zustand des Bestehens von zwei Stadtverwaltungen in Stettin (deutscher Oberbürgermeister und polnischer Stadtpräsident) beseitigt sei. Unter der Leitung des Stadtkommandanten gäbe es in Zukunft nur eine deutsche Bürgermeisterei, für die Polen bestünde lediglich ein Hilfskomitee ohne kommunale Rechte. Im Zusammenhang mit dieser Erklärung besetzte die Stettiner Stadtverwaltung im Einverständnis mit dem Stadtkommandanten eine Reihe Verwaltungsgebäude, und es wurden in den einzelnen Stadtbezirken Bezirksämter geschaffen.

Eingreifen Marschall S[c]hukows am 26. Juni:

Am 25. Juni wurde ich nachts um 2 Uhr zum Kommandanten geholt, ein persönlicher Vertreter Marschall S[c]hukows wollte mich sprechen. Aufgrund der Petition der Stettiner Stadtverwaltung stellte er Erhebungen an, besonders über die Ernährungslage. Am 26. Juni erschien wiederum ein Sonderbeauftragter Marschall S[c]hukows, diesmal ein General, der mir erklärte, daß er den Auftrag habe, sofort die Lebensmittelversorgung Stettins zu organisieren. Er teilte die festgelegten Normen mit, und es wurde ein großes Plakat (Aufruf an die Bevölkerung) und Lebensmittelkarten in Druck gegeben.Weiter wurden alle Maßnahmen getroffen, daß bis zum 1. Juli alle Stettiner in den Besitz der Lebensmittelkarten kommen sollten, damit von diesem Zeitpunkt die normale Versorgung der Bevölkerung durchgeführt werden kann.

Unser Ernährungsamt, durch eine Reihe guter Genossen verstärkt, arbeitete 24 Stunden hintereinander mit Hochdruck. Ebenfalls wurde die Maßnahme getroffen, daß ab 1. Juli 100 neue Geschäfte zur Lebensmittelversorgung geöffnet werden.

Als das große Plakat zum Aushang gelangte, bildeten sich überall in den Straßen große Diskussionsgruppen, die freudig bewegt die Nachricht diskutierten, daß ab 1. Juli eine normale Versorgung mit Lebensmitteln durchgeführt werden soll. Am 27. Juni fand eine Sitzung des antifaschistischen Aktionsausschusses statt. Ich konnte erst kurz vor Schluß der Sitzung erscheinen und es wurde mir sofort das Wort erteilt. Als ich erklärte, daß die Rote Armee jetzt die normale Lebensmittelversorgung übernommen, und wir selbst alle Kräfte anstrengen müssen, applaudierte die ganze Versammlung. Zum Schluß sprach der sozialdem(okratische) Vorsitzende mir als Bürgermeister das volle Vertrauen der Versammlung aus, besonders aber im Namen seiner Partei.

Am 28. Juni stand der gesamte Apparat der Lebensmittelversorgung. Alles war bis auf das kleinste vorbereitet. Der 1. Juli sollte nun nicht nur die normale Lebensmittelversorgung bringen, sondern war auch in anderer Hinsicht für den Wiederaufbau der Stadt Stettin wichtig

Vorgesehen war ab 1. Juli folgendes: 1. Die Geldwirtschaft sollte in Kraft treten, 2. Licht und Wasser für ganz Stettin, 3. Die erste Straßenbahnlinie, die durch die ganze Stadt führt, sollte eröffnet werden, 4. Eröffnung von 16 Schulen mit ausgesiedelten Lehrkräften, 5. Eröffnung zweier Cafés mit Musik und einiger Bierrestaurants.

Der Rückschlag:

Am 28. Juni wurde mir vom Stadtkommandanten die Eröffnung gemacht, daß ein neuer Befehl aus Berlin gekommen sei, daß alle Maßnahmen der letzten Tage, vor allem in der Ernährungsfrage, anulliert worden seien. Gründe seien ihm, dem Stadtkommandanten, nicht bekannt. Am Tage darauf wurde mir offiziell mitgeteilt, daß Stettin den Polen übergeben würde, und ich sollte eine Liste der wichtigsten antifaschistischen Funktionäre einreichen, die mit ihren Familien Stettin zu verlassen haben. Als ich die Stadtkommandantur verließ, kratzten bereits Rotarmisten in allen Stadtteilen die Plakate über die Lebensmittelversorgung wieder ab.

Ich berief sofort eine Funktionärsversammlung der Partei ein, und darauf eine Sitzung des Stadtrates. Aufgrund meiner Mitteilungen herrschte tiefste Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit, besonders über den allen unverständlichen Beschluß, daß die Stadt Stettin vollständig in polnische Hände übergehen sollte. Von der Partei wie auch vom Stadtrat wurde ich beauftragt, sofort mit allen maßgeblichen Instanzen (Landesleitung und Zentralkomitee) die Stettiner Frage zu besprechen. Besonders schwierig erschien allen Genossen die Frage der Evakuierung der Antifaschisten. Die Stadkommandantur erteilte die Genehmigung zu meiner Reise. Die Besprechungen, die ich in Waren und Berlin durchführte, konnten an der Sachlage selbst nichts ändern und ich bekam den Auftrag, die Herausnahme der antifaschistischen Funktionäre in die Wege zu leiten.

Auf einer erneuten Besprechung mit dem Stadtkommandanten wurde ich verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, daß sämtliche Stadträte und Dezernenten bis zur Übergabe an die Polen auf ihren Posten bleiben sollten.

Die Übergabe an die Polen:

Am 5. Juli fand im Saal der Stadtkommandantur unter der Leitung des Stadtkommandanten eine Versammlung statt, an der die 40 führenden Leute der deutschen Stadtverwaltung teilnahmen und ebensoviele Polen. Der Stadtkommandant verlas den Befehl des Marschall S[c]hukows und übergab die Stadt dem polnischen Stadtpräsidenten. Derselbe dankte dem Stadtkommandanten und erklärte uns, daß am morgigen Tage sämtliche Abteilungen durch seine Leute besetzt würden, bis zu ihrer Einarbeitung müßten die Deutschen jedoch noch bleiben.

Am Morgen des 6. Juli wurde an allen Gebäuden der Stadtverwaltung die polnische Flagge gehißt und in allen Abteilungen erschienen Beauftragte der polnischen Verwaltung. Ich selbst hatte noch eine Unterredung mit dem polnischen Stadtpräsidenten über folgende Fragen:

  1. Aus seiner Rede habe ich entnommen, daß sämtliche leitenden Kräfte, auch in den Unterabteilungen, vollständig durch Polen ersetzt werden sollten, ob dies den Tatsachen entspricht. Die Antwort lautete, dies sei der Fall und im übrigen hätte man ihm mitgeteilt, daß alle leitenden Leute Stettin verlassen.
  2. Gibt es eine Möglichkeit für die Vertretung der deutschen Bevölkerung in der Stadtverwaltung oder außerhalb derselben? Die Antwort lautete, vorläufig nicht, er werde diese Frage in Warschau besprechen.
  3. Auf Grund eines Befehls Marschall S[c}hukows wurde in Stettin die kommunistische und die sozialdemokratische Partei offiziell erlaubt; tritt durch die polnische Besetzung eine Änderung ein? Die Antwort lautete, Stettin gehört in Zukunft zum polnischen Staatsverband und in Polen sind nur einige polnische Parteien zugelassen. Er, der Stadtpräsident, wolle jedoch nicht gleich die beiden bisher erlaubten Parteien gewaltsam auflösen. Evtl. würde er die Führer beider Parteien zu sich rufen, um ihnen die Selbstauflösung nahe zu legen.

Die Übergabe der Geschäfte an die Polen erfolgte in einzelnen Abteilungen nicht ganz reibungslos. Dem Leiter des Arbeitsamtes wurde erklärt, es sei ja alles in Ordnung und er könne sofort nach Hause gehen. Der Stadtrat für Produktion wurde mehrere Stunden in Haft gesetzt, weil er angeblich eine Liste von 50 Faschisten nicht ausliefern wollte. Die Stadtstempel und einige andere Materialien wurden zum Teil gewaltsam in den einzelnen Abteilungen abkassiert. Es zeigte sich, daß die Polen in den unteren Organen der Stadtverwaltung bereits seit einiger Zeit bezahlte Spitzel beschäftigt hatten. Die Polen selbst erklärten vielfach, daß sie mit Politik nichts zu tun hätten und nur Beamte seien. Gleichzeitig machten sie jedoch vielfach versteckte Drohungen gegen die Sowjetunion.

Evakuierung der Genossen und Schlußfolgerung:

Die Tatsache, daß Stettin polnisch werden soll, verbreitete sich sehr schnell und die Erregung darüber war sehr groß. Sie wuchs, als die ersten Fahrzeuge mit der Habe unserer Genossen Stettin verließen. Für die Partei entstand dadurch eine sehr schwierige und unangenehme Situation, da Stimmen laut wurden, zuerst sind die Faschisten weggelaufen und jetzt machen die Kommunisten dasselbe.

Viermal wurde ich beim Stadtkommandanten vorstellig, um die Erlaubnis zu einer öffentlichen Versammlung erhalten zu können, damit die Bevölkerung aufgeklärt werden kann. Ebenfalls wurde uns verweigert, an die Bevölkerung einen Aufruf herauszugeben. Wir hielten darauf eine Mitgliederversammlung der Partei ab und traten dann auf der Straße zu den erregt diskutierenden Menschen, um auf sie beruhigend einzuwirken. Ich selbst sprach dann noch in einer Mitgliederversammlung der SPD.

Etwa 60 antifaschistische Familien brachten wir unter großen Schwierigkeiten in einem leerstehenden Gut, 16 km von der Stadt Stettin entfernt, unter (Lebehn). Die Spitzenfunktionäre , die für anderweitigen Einsatz vorgesehen waren, brachten wir nach Brunn, etwa 6 km von der Stadt entfernt. Am 9. Juli hatten alle dafür vorgesehenen Funktionäre mit ihren Familien die Stadt verlassen. Wir hatten vom Stadtkommandanten besondere Ausreisebescheinigungen erhalten, die von den Polen respektiert wurden. Ich hielt eine letzte Parteisitzung mit den zurückgebliebenen Genossen ab (etwa 60), und wir bildeten eine neue Parteileitung. Am 10. Juli verließ ich als letzter der Stadtverwaltung Stettin. Ich ging an diesem Tage noch zu allen Ämtern und Büros der Stadt, um mich zu verabschieden. Überall machte ich dieselbe Wahrnehmung, daß die Faschisten, die von uns fast restlos ausgemerzt waren, in vielen Fällen leitende Stellungen erhalten hatten und sich in ganz widerlicher Weise den Polen anbiederten. Die übrigen Angestellten jedoch bedauerten ausnahmslos unser Weggehen und stets wurde mir gesagt, daß wir wieder sofort zur Stelle sein müßten, wenn die Polen Stettin wieder verlassen. In der Bevölkerung selbst herrschte über den Gang der Ereignisse tiefste Niedergeschlagenheit, und nur die Tatsache, daß die ganze Umgebung mit Flüchtlingen aus Hinterpommern angefüllt war, verhinderte eine Massenflucht der Stettiner Bevölkerung. Hundertmal lieber eine Besetzung durch die Rote Armee als Polenherrschaft, das war die Stimmung der Bevölkerung in diesen Tagen.

Die Stettiner Parteiorganisation trägt für alle Ereignisse in diesen Tagen die volle Verantwortung. Sie brauchte nicht erst neu gegründet zu werden, sondern sie war während der ganzen faschistischen Periode da, und stellte mit dem Einzug der Roten Armee ihre Arbeit nur um.

Durch die politische Stärke und Initiative unserer Partei war die SPD vollkommen in den Hintergrund gedrängt und in sich gespalten und zersplittert, obwohl sie früher in Stettin der ausschlaggebene Faktor war. Führende Mitglieder der SPD kamen zu mir und frugen, ob es überhaupt noch Zweck hätte, daß sie ihren eigenen "Laden" aufmachen sollten.

Die grundlegendsten Mängel in unserer Arbeit waren folgende:

  1. Die Partei trat zu stark als führender Faktor in der Stadtverwaltung hervor. Obwohl die SPD und auch die Demokraten teilweise wichtige Funktionen innehatten, traten sie einfach nicht in Erscheinung. Wäre Stettin nicht polnisch geworden, dann hätte unsere Partei an Ansehen und Einfluß ungeheuer gewonnen, aber bei dem Gang der Ereignisse war es für uns ein Minus, daß wir die Verantwortung zu stark nach außen trugen.
  2. Bei der starken Beanspruchung unserer besten Genossen durch die städtische Verwaltung wurde der Parteiarbeit, vor allem der Schulung der Genossen, zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. In der letzten Zeit hatten wir jedoch damit begonnen, aus der Stadtverwaltung einzelne der besten Genossen herauszunehmen, um sie für Partei- und Gewerkschaftsarbeit einzusetzen.
  3. Es war eine politische Kurzsichtigkeit des sowjet-russischen Stadtkommandanten, daß er uns keine Möglichkeit gab, auf die Bevölkerung aufklärend einzuwirken, als der Beschluß herauskam, daß Stettin polnisch werden sollte. Wir taten trotzdem, was wir konnten, aber das genügte bei weitem nicht.

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Die Übernahme der Verwaltung durch Polen am 5.Juli 1945

Auszüge aus den Erinnerungen des Stadtpräsidenten Stettins

Piotr Zaremba

(Zaremba, Piotr: Wspomnienia prezydenta Szczecina, S.210-213)

Über den gesamten Vormittag des 5.Juli hinweg wurde in allen unseren Abteilungen, die sich aufgrund des von mir am vorangegangenen Tag in Berlin ausgearbeiteten Aktionsplanes auf die Übernahme der Stadt vorbereiteten, fieberhaft gearbeitet. Am frühen Morgen machten wir eine Rundfahrt durch die Innenstadt und einige Vororte, ohne jedoch eine der zahlreichen deutschen Behörden aufzusuchen. Die Nachricht von unserem Erfolg mußte die Stadt erreicht haben, da sich an vielen Häusern die polnische Flagge befand. Es gab an diesem Tag keine Boote mehr, die Deutsche über die Oder nach Stettin gebracht hätten. Später stellte sich heraus, daß sie wegen der vorgesehenen Möglichkeit der Übernahme Stettins durch die Polen von den deutschen Kreisbehörden in Pölitz, das sich damals noch nicht im Bereich des von uns umfaßten Gebietes befand, entladen wurden.

Um 9.00 Uhr berief ich eine Versammlung aller Mitarbeiter in denselben Saal ein, in dem wir am 30. April einen weißen Adler über das Bismarckportrait gehängt hatten. In meinem Tagebuch notierte ich: " Zum dritten Male (aller guten Dinge sind drei) wird in diesem Saal die polnische Verwaltung der Stadt Stettin einberufen".

Ich besuchte einige wenige polnische Institutionen, die in Stettin ausgeharrt hatten: die Feuerwehr in der ulica Grodzka [Mönchenstr.] und den Etappenpunkt der Staatlichen Repatriierungsbehörde in der ulica Malopolska [Augustastraße]. Eine Zunahme des Stroms von Ansiedlern nach Stettin wird einen radikalen Ausbau der Essenausgaben, der Übernachtungshäuser sowie der Sanitätsstellen erfordern, die wir von Anfang an aus eigenen Kräften schaffen müssen. Ich stellte fest, daß unsere zwei Essenausgaben gut funktionierten: in den Notizen dieses Tages lese ich eine charakteristische Eintragung: "Ich esse an diesem Tag zwei Mittagessen in Stettin". Vor 12.00 Uhr erhalten wir aus der Militärkommandantur die gestern angekündigten Organisationspläne der deutschen Stadtverwaltung, die bis zu achtzehn Abteilungen umfassen. [...]

Pünktlich um 6.00 Uhr nachmittags fuhren wir an dem Gebäude an der Jasne Blonia [Quistorp Aue] vor, wo uns General Fedotow mit seinem Stab erwartete. Im ehemaligen Bibliothekssaal im zweiten Stock des Hauptflügels des Gebäudes war ein langer Tisch vorbereitet. An seiner einen Seite erwartete uns die Leitung der deutschen Stadtverwaltung mit dem Bürgermeister an der Spitze. Wir nahmen an der anderen Seite Platz, während General Fedotow sich mit dem Dolmetscher an das Ende des Tisches stellte. Wir waren sechzehn Personen, darunter zwei Vizepräsidenten, Franciszek Jamrozy und Alfons Karczmarek, der 1. Sekretär des Stadtkomitees der PPR [Polnische Arbeiterpartei] Edmund Czyz sowie zwölf von mir benannte Leiter der städtischen Abteilungen. Stehend teilte General Fedotow den Anwesenden die Entscheidung mit, die Stettin den Polen zuerkennt, sowie den Befehl zur Auflösung der deutschen Abteilung der Stadtverwaltung. Er stellte fest, daß in diesem Augenblick die Verwaltungsmacht in der Stadt völlig in polnische Hände übergeht.

Nach der Übersetzung eines Teils der Entscheidung ins Deutsche ergriff ich in russischer Sprache das Wort und bat General Fedotow, der russischen Regierung unseren Dank für die Entscheidung sowie der Roten Armee für die Polen und dem polnischen Stettin erteilte Hilfe zu übermitteln. Unmittelbar danach wandte ich mich in Deutsch an die uns gegenüber sitzenden Deutschen und gab ihnen als Termin für die Übergabe der Abteilungen den morgigen Tag, 8.00 Uhr, an. Gleichzeitig las ich die Namen der polnischen Abteilungsleiter vor, die die einzelnen Abteilungen der Stadtverwaltung von ihnen übernehmen würden. Ich kündigte an, daß ein bestimmter Teil von deutschen Fachkräften weiter arbeiten könnte, wenn sie guten Willen zeigen und daß nach der Anordnung von Marschall Shukow die Personen, die die ehemalige deutsche Stadtverwaltung leiteten, Stettin verlassen müssen. Zum Schluß dankte ich meinen Mitarbeitern auf Polnisch für ihre Mühe und Ausdauer und verlas den Inhalt des Berichtes, den ich in ihrem und meinem Namen an die Regierung der Nationalen Einheit schicken würde.

Wir standen schweigend auf und verließen den Saal, um noch ein letztes freundschaftliches Gespräch mit Fedotow zu führen, der am nächsten Tag aus Stettin abreisen wollte, um das Amt des Kommandanten des Besatzungsbezirks in Potsdam zu übernehmen.

Am späten Abend besetzte die Volksmiliz alle Hauptgebäude, in denen sich Abteilungen der deutschen Stadtverwaltung befanden. Das betraf vor allem das Gebäude in der ulica Jednosci Narodowej 37 / Ecke ulica Mazurska [Kaiser-Wilhelm-Straße, Ecke Preußische Straße], wo sich das deutsche Rathaus befand, sowie das Mietshaus am plac Grunwaldzki, Ecke ulica Slaska [Kaiser-Wilhelm-Platz, Ecke König-Albert-Straße], wo sich die deutsche technische Abteilung befand. Vizepräsident Jamrozy übernahm noch an diesem Tag das Kommando über die deutsche Feuerwehr. Das geschah in aller Ruhe. Als wir zu unserem Gebäude an den Waly Chrobrego [Hakenterrasse] zurückgekehrt waren, erwartete uns eine jubelnde Menge Stettiner Polen voller Freude. Bei einbrechender Dunkelheit belebte sich das riesige Gebäude, weil die einzelnen Abteilungsleiter im Licht von Petroleumlampen und Kerzen mit der Zusammenstellung der Freiwilligen für ihre Arbeitsgruppen, die am nächsten Tag die deutschen Behörden zu übernehmen hatten, begannen. Die Militärkommandantur hatte der Leitung der ehemaligen deutschen Verwaltung die Ausreise aus Stettin nach Rostock zu erleichtern. Die übrigen deutschen Beamten konnten dagegen zur Zeit unter der polnischen Verwaltung weiterarbeiten. Es war schon deutlich nach Mitternacht, als ich mit Jamrozy alle Arbeitsgruppen durchgegangen war und ihren Arbeitsplänen zugestimmt hatte. Als ich das in Eile auf der Maschine getippte Protokoll der Übernahme der gesamten Stadt Stettin durch die polnische Stadtverwaltung unterschrieb, wurde mir bewußt, welchen Inhalt dieses Papier besaß. Aus dem Protokoll ergab sich, daß wir die Stadt in dem Zustand übernehmen, in dem sie sich befindet - durch diese Feststellung wurden die Ergebnisse des tausendjährigen deutschen Drangs nach Osten beseitigt.

Im Protokoll wurden die Namen der polnischen Abteilungsleiter, die am nächsten Tag die einzelnen deutschen Behörden übernehmen sollten, erwähnt. . . . Wir waren also bereit, unsere Tätigkeit in Stettin zum dritten Mal zu beginnen. Keine Inventur, wir übernahmen Stettin so wie es war.

Am 5. Juli 1945 endete das am 28. April begonnene, achtundsechzig Tage dauernde Stettiner Provisorium.


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Interview mit Piotr Zaremba anläßlich der 750-Jahr-Feier Stettins.

Das Interview führte Dietrich Schröder für die Märkische Oderzeitung.

Die öffentliche Bekanntmachung über die Ausweisung der deutschen Bevölkerung, die am 14. Juli 1945 in Stettin verbreitet wurde, trägt ihre Unterschrift. Wie sehen Sie heute Ihre damalige Rolle?

Zunächst einmal: daß die Deutschen auszuziehen hatten, war nicht mein Beschluß und war auch kein polnischer Beschluß. Das war ein amerikanischer, englischer und russischer Beschluß im 13. Paragraphen des Potsdamer Abkommens. Die Deutschen hätten für immer in der Stadt Stettin bleiben können, die Preußen für zwei Millionen Taler von den Schweden gekauft hatte. Aber der deutsche Angriff auf Polen im Jahre 1939 war ein historischer Fakt. Hätte es ihn nicht gegeben, dann wären wir nicht hier. Das ist die Konsequenz der deutschen Angriffspolitik. Für viele Leute in Westpolen war es 1945 eine selbstverständliche Sache, daß die deutsche Landverbindung nach Danzig nicht bestehen bleiben konnte. Dann wären wir kein unabhängiger Staat gewesen.

Aber Polen wurde doch auch nach Westen verschoben, die Menschen aus Ostpolen mußten ebenfalls ihre Heimat verlassen?

Im Prinzip haben die Polen so etwas Ähnliches gemacht wie die Preußen, die Städte wie Posen und Bromberg germanisieren wollten. Die Städte wurden deutsch, aber die Umgebung war polnisch. In Ostpolen, wo jetzt die Ukraine, Weißrußland oder Litauen sind, da gab es auch Städte wie Wilna oder Lemberg, die wirklich polnisch waren - von der Kultur und den Einwohnern her. Die Umgebung aber nicht. Man kann also fast sagen, der deutsche und der polnische Drang nach Osten wurde durch die Geschichte korrigiert. (Um dies zu unterstreichen, zeigt Zaremba eine Karte, auf der Polen im Jahr 1138 und das jetzige Polen dargestellt sind. Die Grenzen sind fast identisch.) Deshalb sollte insbesondere das Schicksal Stettins Polen und Deutsche verbinden.

Wie sind Sie zum ersten polnischen Stadtpräsidenten Stettins geworden?

Ich bin studierter Stadtbauingenieur und war vor dem Krieg als Stadtbeamter in Posen tätig. Sowohl meine Familie als auch viele meiner Bekannten hatten unter der deutschen Okkupation zu leiden. Ich wußte also sehr gut, was mit den Polen geschehen wäre, wenn der Krieg verloren gegangen wäre. Als die russische Armee kam, haben wir eine neue Stadtverwaltung in Posen formiert, und ich wurde Direktor aller technischen Betriebe. Ende März fragte man mich dann, ob ich bereit sei, dieselbe technische Organisation in den deutschen Provinzen zu machen, die von Polen übernommen würden. Ich war ein Zivilist, nie zuvor Mitglied einer Partei oder Angehöriger des Militärs.

Sie kamen bereits am 28. April, nur zwei Tage nach der Einnahme Stettins durch die sowjetischen Truppen in die Stadt. Wie waren Ihre ersten Eindrücke?

Ich kam mit nur einem Adjutanten und einem Fahrer. Wir sahen, daß die Stadt leer war. Das war für uns eine Überraschung. Die meisten deutschen Einwohner waren schon durch die deutschen Behörden evakuiert worden. Am 1. Januar 1945 lebten in Stettin ungefähr 230.000 Einwohner. Von ihnen waren nur 6.500 geblieben, vor allem alte Leute, die sich versteckt hielten, weil sie im Winter nicht an der Evakuierung teilnehmen konnten. Die Russen standen sechs Wochen am rechten Oderufer, für die Deutschen gab es also noch Zeit, Behörden und Fabriken zu evakuieren.

Sie lebten also als polnischer Staatspräsident von 6.500 Deutschen?

Wenig später kamen viele Deutsche wieder zurück, weil es noch keine offizielle Grenze gab. Dann waren es 60.000 bis 80.000 Deutsche, aber nicht 355.000 wie 1939. Sie lebten hauptsächlich in einem Stadtbezirk in Weststettin und haben damals einen deutschen Distrikt mit einer deutschen Verwaltung eingerichtet. Das war keine offizielle Autonomie, sondern nur eine mündliche Vereinbarung.

Nach einer Protestnote der Amerikaner an die Sowjets mußten Sie die Stadt vom 19. Mai bis zum 9. Juni und später noch einmal vom 5. Juli an verlassen. Warum?

Wir waren schon vor der Potsdamer Konferenz hier, und es mußte noch darüber verhandelt werden, ob die polnische Grenze an der Oder verläuft oder ganz Stettin einschließt.

Wann zogen Sie endgültig in die Stadt ein?

Am 3. Juli war ich ins sowjetische Hauptquartier nach Berlin zu Marschall Shukow eingeladen. Er übergab mir im Namen der Alliierten offiziell Stettin. Das war immer noch einen Monat vor Abschluß des Potsdamer Abkommens. Daraufhin war ich ab 5. Juli offiziell Stadtpräsident. Die deutsche Verwaltung wurde aufgelöst.

Später habe ich nicht nur das Potsdamer Abkommen, sondern auch die Originalkarte mit den Unterschriften von Stalin, Attlee und Truman gesehen, auf der die Grenze von Greiffenberg bis westlich von Swinemünde eingetragen war. Das erste Vorhaben bestand darin, durch die Grenze Swinemünde zu teilen, aber Attlee war der Meinung, man könne nicht eine Stadt und einen Hafen teilen. Ich war dann auch Mitglied der Kommission, die die Grenzlinie an Ort und Stelle festlegte. Am 23. September unterschrieben wir ein Abkommen in Schwerin und am 4. Oktober haben wir den Kreis westlich von Stettin übernommen. Diese Grenze blieb bis auf eine Kleinigkeit bis heute so. Denn die Potsdamer Konferenz hatte vergessen, daß die Wasserversorgung von Swinemünde noch zwei Kilometer westlich in Deutschland lag.

Laut einer Ausstellung zur Stadtgeschichte kamen aber schon am 4. Mai die ersten polnischen Umsiedler nach Stettin?

Ja. Die ersten kamen aber noch nicht aus Ostpolen, sondern aus dem zerstörten Warschau, aus Posen und aus Südpolen. Erst 1946/47 trafen die Transporte aus Ostpolen ein. Das waren ganze Gruppen, zum Beispiel ein Theaterensemble oder eine Kirchengemeinde mit Priester aus Lemberg. Nach Breslau kam die gesamte Universität aus Lemberg. Das waren große Wanderungsbewegungen, aber es ging nicht so zu wie jetzt in Jugoslawien.

Dafür begann jedoch eine breite polnische Kampagne, die die Aussiedlung der Deutschen vorantrieb?

Was für eine Kampagne? Es war hier nicht so wie in Schlesien, wo noch der Großteil der Deutschen in den ehemaligen Wohnorten geblieben war. Es gab eine leere Stadt, in der Menschen leben mußten. Die Ausreise der etwa 80.000 Deutschen dauerte noch rund ein Jahr. Es war eine Ausnahme hier in Stettin, daß sie ohne Genehmigung ausreisen und auch alles mitnehmen konnten, was sie wollten. Wir hatten dann in Weststettin auch eine englische Besatzung und 250 Militärs, die deutsche Land - und Seetransporte von Westpolen nach Deutschland überwachten.

Und wieviele Russen waren da?

Gott weiß es, sie waren in zwei oder drei Kasernen und blieben bis 1992. Sie unterhielten auch eine Kriegsmarinebasis in Swinemünde. Zu Beginn war der Umgang mit den Russen eine schwere Situation für einen polnischen Oberbürgermeister. Denn ich mußte sehr energisch gegen die Fortsetzung der Evakuierung von Betrieben nach dem 3. Juli vorgehen. Dasselbe Problem gab es mit dem Hafen, denn er war ein russischer Militärhafen für die sowjetische Besatzungzone in Deutschland. Wir haben ihn erst Ende 1947 in einem sehr schlechten Zustand übernommen.

Wie lange blieben Sie Stadtpräsident?

Demokratisch gewählte Stadtverwaltungen mit einem Präsidenten an der Spitze existierten in ganz Polen bis 1950, dann wurden sie liquidiert. Aber als ein guter Städtebauer bin ich geblieben. 28 Jahre lang habe ich einen internationalen Kurs für Städtebau mit Studenten aus 45 Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas geleitet. Zwölfmal war ich in China. Heute bin ich Professor und Ehrenmitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

Sie haben Bücher über Ihre Erinnerungen geschrieben. Sollten diese nicht ins Deutsche übersetzt werden?

Das hängt von den Deutschen ab. Ich bin der Meinung, daß sie meine Erinnerungen interessieren sollten. Aber bisher ist noch kein Verlag an mich herangetreten.

Die neue Ausstellung zur Stettiner Stadtgeschichte, die anläßlich der 750-Jahr-Feier im Stadtmuseum eröffnet wurde, erinnert an alle Abschnitte der Stadtgeschichte, auch an die deutschen Jahre. Damit ist ganz offensichtlich die Hoffnung auf eine gute Zusammenarbeit mit den Nachbarn in der Zukunft verbunden. Auch Sie haben zum Auftakt des Jubiläums die Deutschen zur Zusammenarbeit eingeladen. Wie sind Ihre heutigen Empfindungen gegenüber Deutschland?

Die Hauptsache ist, daß es jetzt keinen Streit zwischen Deutschland und Polen gibt. Dadurch gibt es schon viele Kontakte. Wir müssen jetzt in Stettin Profit aus unserer geopolitischen Situation schlagen. So wie zum Beispiel Basel oder Straßburg. Da weiß jeder, daß es sich um eine schweizerische und eine französische Stadt handelt, aber niemand fragt danach. Die Agglomerationen bestehen aus mehreren Ländern, und das lebt. So soll es bei uns auch werden.